Früher war alles besser! – Oder etwa nicht?

Mitte bis Ende der 90er war ich von der Emulatoren-Szene auf dem PC völlig fasziniert! Ob Mame, UltraHLE, Bleem!, CCS64 oder WinUAE; fast jede Spielkonsole, jeder alten Homecomputer oder Arcade-Automat kann (mehr oder weniger legal) auf den heimischen PC geholt werden.

Ich war schon alleine von der technischen Möglichkeit extrem begeistert. Hinzu kam in meinem Fall außerdem eine fast schon schmerzhafte Portion Nostalgie, denn irgendwie wird mir auch immer etwas warm ums Herz, besonders wenn es um Commodores Klassiker C64 und AMIGA geht, welche ich beide in den 80ern nicht nur besaß, sondern regelrecht liebte.

Die meisten Emulatoren waren zu dieser Zeit aber noch recht kompliziert zu bedienen und liefen auch nicht besonders zuverlässig. Die Kompatibilitäts-Quote war eher durchwachsen. Einzig Bleem!, der kurze Zeit sogar kommerziell vertriebene PS1-Emulator, war in der Lage, sein Hardwaregegenstück nahezu perfekt zu emulieren. – Aus diesem Grunde ließ Sony ihn auch kurz darauf gerichtlich verbieten…

Die Unzulänglichkeiten der damaligen Emulatoren waren für mich aber eigentlich egal, denn die Freude an der Sache selbst zählte! Anders kann ich es mir auch nicht erklären, dass ich immer noch regelmäßig ganze Abende damit verbringe, per WinAmp-PlugIn alte C64-Musik zu hören. Denn sind wir mal ehrlich: Das Gequieke der drei Kanäle (plus „Rauschgenerator), die der SID (so der Kosename des C64-Soundchips) damals von sich gab, klingt wirklich scheiße und kann aufgrund der hochfrequenten Obertöne sogar die Hunde der gesamten Nachbarschaft verrückt machen! Und trotzdem kann ich mich an der Musik von Rob Hubbard, Martin Galway, Chris Hülsbeck oder David Whittaker einfach nicht satt hören…

…der Erinnerungen wegen!

Aber dann beging ich den großen Fehler:
Ich schaute mich nach einigen Jahren Abstinenz kürzlich noch einmal in der Emu-Szene um. Viele der Emulatoren arbeiten inzwischen perfekt und haben zudem eine komfortable Benutzeroberfläche. Außerdem ist die Grauzone der Halbillegalität wesentlich heller geworden, da viele Titel (und teilweise sogar die Geräte) von damals inzwischen frei von Urheberrechten sind und somit völlig legal aus dem Netz besorgt werden können. Also beschloss ich, endlich mal einige meiner Lieblingsspiele auf AMIGA und C64 sowie meine Lieblingsautomaten aus seligen Kindertagen ernsthaft zu spielen, anstatt sie nur kurz anzuschauen! Aber anstatt dass sich der Spaß von damals wieder einstellte, machte ich mir in kürzester Zeit einige meiner besten Kindheits- und Jugenderinnerungen kaputt…

Egal wie cool das Spielprinzip einiger Klassiker auch sein mag, ich bringe es einfach nicht über mich, pixelige und dudelige alte Games länger als eine halbe Stunde zu zocken. Es war für mich nicht nur extrem ernüchternd, heutzutage Spiele in Minimalauflösung mit 16 Farben zu spielen, sondern stürzte mich auch in eine mittelschwere Glaubenskrise:

Bin ich inzwischen auch einer von diesen Rentnern, die auf ihrer Parkbank sitzend jungen Leuten immer erzählen, dass früher alles besser war? Bin ich schon sooooo alt geworden? Oder bin ich nur ein Opfer der allgemeinen Verklärung, die sich meistens bei Erinnerungen einstellt, die einige Jahre zurückliegen? So wie man über die Jahre vergisst, dass der Großteil der NDW-Bands purer Bullshit waren, oder wie schwer man sich mit der gesellschaftlichen Akzeptanz in der 5. und 6. Klasse tat, weil man als einziger Eltern hatte, die Kordhosen mit Schlag cooler als Jeans fanden…?

Mit der Erkenntnis, dass die Hits von damals meinen heutigen Ansprüchen an das Design von Spielen nicht mehr entsprechen können, kann ich leben. Viel schwerer wiegt da aber die Enttarnung von Spielautomaten, in die ich früher mit Begeisterung X Markstücke meines knappen Taschengeldes geworfen habe. (Notiz an Kiddies: „Mark“ – So hieß das Geld früher…) Wenn man sich nämlich wirklich einmal die Mühe macht, einen Arcade-Klassiker von damals mit unendlichen Continues auf Mame durchzuspielen, so stellt man meist fest, dass diese Teile eigentlich total kurz und ohne jede Substanz sind! Wenn ich mit 12 Jahren schon das Geld gehabt hätte, mit einem Müllsack voller Markstücke in die Spielhalle zu marschieren, hätte ich dies auch damals schon herausfinden können, aber das ist ja genau der Trick: Die Spiele haben oft nur 5 Stages und sind ab der 2. oder 3. Stage schon so unschaffbar schwer, dass man das Spiel unter normalen Umständen niemals durchspielen kann. Und so findet auch niemand, der nicht bereit ist, sein halbes Monatsgehalt in Münzen zu investieren, heraus, dass nach den ersten Leveln eigentlich kaum noch etwas kommt. Und natürlich gibt es außer dem Highscore auch keine richtige Belohnung. Abspann? – Fehlanzeige! Meist fängt man am Ende einfach wieder von Vorne an…

Diese Spiele haben eigentlich nur einen Zweck: Dem Spieler auf unfaire Weise das Geld aus der Tasche zu ziehen (und natürlich zu verschleiern, dass das Hauptgeschäft in Spielotheken ohnehin mit den Geldspielgeräten gemacht wird).

Was lernen wir daraus? – Vermutlich nichts, so wie bei den meisten meiner geistigen Ergüsse. Außer vielleicht, dass früher eben doch nicht alles besser war und man manchmal besser beraten ist, seine schönen Erinnerungen zu pflegen, anstatt ihnen Jahre später noch einmal auf den Grund zu gehen.

Andererseits würde es manchen Leuten auch ganz gut tun, sich einmal genauer mit ihren verklärten Erinnerungen an bessere Zeiten zu beschäftigen. Und ich denke da nicht nur an Opas und Omas, die ihren Enkeln immer erzählen, wie sie damals 50 Km zu Fuß und ohne Schuhe durch 2 Meter hohen Schnee zur Schule gehen mussten.

Vielmehr würde es z.B. einigen unserer ostdeutschen Mitbürger mal ganz gut tun, eine DDR-Emulation zu starten, damit sie nicht mehr ernsthaft behaupten, dass in der DDR alles besser war…

Anyway, was war doch gleich unser Thema…? Ach ja, Emulatoren und wie sie einem die besten Spiele-Erinnerungen zerstören können!

Also, liebe Leser, seid vorsichtig, wenn ihr Euch mit diesen Teufelsdingern einlasst! Wer sich zu intensiv mit alten Klassikern beschäftigt, steht am Ende eventuell mit der Erkenntnis da, dass viele aktuelle Spiele heute tatsächlich besser sind und man damals einfach nur leichter zu beeindrucken war…


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4 Kommentare

  1. Aulbath - 21.12.2008 20:55

    DDR-Kommentar vollkommen unnötig… und auch ansonsten ziemlich gegensätzliche Meinung meinerseits… aber dürfte ja mittlerweile hinlänglich bekannt sein.

  2. SpielerZwei- - 21.12.2008 20:55

    Natürlich war das unnötig. Bleibt aber trotzdem drin, weil ich so total authentisch bin… ;)

  3. ness - 21.12.2008 20:56

    Also ich spiele auch heutzutage noch, knapp 15 Jahre später, gerne mit meinem NES (Anm.: erste Konsole meinerseits) bzw. per Virtual Console alte Klassiker (u.a. eben auch NES), das fasziniert mich immer noch, und Spaß hab ich dabei ebenso =).

  4. Max Power - 21.12.2008 20:56

    Der DDR Kommentar war passend.

    geht mir genauso wenn ich mal wieder die ganzen alten Spiele rauskrame, hab mich erst kuerzlich auch einen tollen Zockerabend am Atari 2600 gefreut. Nach ner halben stunde hatte keiner mehr Bock weiterzuzocken weil wohl oder uebel die meisten Games damals doch n bisschen simpel waren.

    Nie vergess ich wie beeindruckt ich war als ich das erste mal die Grafik von Donkey Kong Country oder Yoshis Island sah. Die erinnerungen an ausgedehnte Zockerrunden die soweit gingen das wir am naechsten Tag Bananen an den Baeumen sahen oder das Gefuehl hatten die Melodie von Super Mario dudelt im Hintergrund.
    So bleib ich lieber bei der Erinnerung an die alte zeit und warte darauf das es ein anderes Spiel schafft mir dieses gefuehl zu vermitteln

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