Realismus stinkt!

Da es in den letzten Wochen kaum Neuerscheinungen gab, die für mich wirklich interessant waren (World Of Warcraft und City Of Heroes meide ich bewusst, da ich viel zu viel Angst vor dem todsicheren Suchtpotential habe, denn MMORPGs sind in meinen Augen das Heroin des Medien-Junkies…), habe ich mir, zusätzlich inspiriert durch SpielerEins’ BurnOut 3-Begeisterung, kurzerhand FlatOut zugelegt.

Ab und zu sind Rennspiele ganz nett, wenn sie auch nicht zu meinen bevorzugten Genres gehören. Das kann man alleine schon daran erkennen, dass ich beispielsweise kein PC-Lenkrad nebst Pedalen und keine Ferrari-Schirmmütze mein Eigen nenne. Aber ein vibrierendes Analog-Gamepad und ein Ministry-T-Shirt müssen es auch tun, denn: Jesus hat meine Super-Karre gebaut!

Die Idee, ein Crash-Rennen zu fahren, reizt mich persönlich zwar nicht ganz so sehr wie meinen Kollegen SpielerEins, vermutlich weil mein inneres Kind nicht ganz so groß ist, aber es ist dennoch eine nette Abwechslung zu den gängigen Rennspielen. Besonders jene Vertreter des Genres, die für sich in Anspruch nehmen, besonders realistisch zu sein, nerven mich meist völlig an. Ich habe einfach keine Lust, den Sieg in Abhängigkeit vom richtigen Reifendruck und der optimalen Spoilerstellung zu erringen.

Realismus stinkt!

Zudem bekomme ich immer ganz schlimme Nackenstarre vom vielen Kopfschütteln, wenn ich Reviews zu solchen Rennspielen lese, in denen die Redakteure von der realistischen Fahrphysik schwärmen, egal wie unrealistisch sie auch sein mag. Prinzipiell kann ich es einem passionierten Corsa-Fahrer ja nicht einmal übel nehmen, wenn er keine Ahnung vom Autofahren hat und aus purer Unwissenheit denkt, dass beispielsweise das Herumgeschliddere in CMR3 schon seine Richtigkeit haben wird, weil ja der Name eines erfolgreichen Ralleyfahrers auf der Verpackung prangt. Aber er sollte dann wenigstens nicht so tun, als wäre er selber jahrelang Ralleyfahrer gewesen…

In einem Fun-Racer einfach mal ein paar lästige Konkurrenten von der Strecke abzudrängen und dann gemütlich, weil nun alleine auf der Strecke, durchs Ziel zu tuckern, hört sich für mich da schon viel interessanter und auch irgendwie ehrlicher an!

Zunächst wollte sich aber keine wirkliche Begeisterung einstellen. Ich hatte keine Ahnung, woran das lag, denn sowohl die Präsentation als auch das Fahrgefühl und der Umfang des Spiels sind den Jungs von Bugbear wirklich gut gelungen! Die Grafik kann ich nicht anders als „Toll!“ nennen. Von billigen Bitmaps am Wegesrand und aufpoppenden Objekten am Horizont keine Spur. Man hat das Gefühl, dass der gesamte Track ständig da ist und nicht erst vor einem aufgebaut wird. Die Renn-Areale sind voll von liebevollen Details und sogar die Fahrer in den Wagen agieren lustig vor sich hin, wenn sie nicht gerade mal wieder über die halbe Strecke fliegen, weil die Masse, besonders wenn sie nicht angeschnallt ist, eben träge ist.

Das Schadensmodell der Wagen ist sehr spaßig, auch wenn es keine wirkliche Auswirkung auf das Fahrverhalten hat. Selbst mit brennendem Motor, abgefahrenen Türen und eiernden Rädern ist der Wagen noch voll fahrbereit. Allerdings ist dies keinesfalls ein Kritikpunkt, denn Fun-Racer ist Fun-Racer!

Die Soundkulisse ist stimmig und der Soundtrack ist eine gute Zusammenstellung von Indie-Rock/Pop-Songs, wie man sie auf dem PC sonst nur von EA-Spielen gewöhnt ist. Gleich zu Beginn „Beat The Boys“ von LAB zu hören, war für mich schon ein netter Einstieg ins Game!

Aber alles im Spiel hat man irgendwie schon mal in anderen Spielen gesehen. Das Ganze machte zwar Laune und ist in dieser Zusammenstellung und Qualität auf dem PC fast konkurrenzlos, hätte mich aber sicher nicht dazu gebracht, eine allgemeine Empfehlung auszusprechen. Irgendwas fehlte…

Auch einige Spieldetails erschlossen sich mir zunächst nicht sofort: Warum bekomme ich z.B. Geld für das Kaputtfahren von Sachen am Streckenrand, wenn dies unweigerlich dazu führt, dass ich das Rennen so nicht gewinnen kann, weil ich dadurch jedes Mal stark an Geschwindigkeit verliere? Aber ein paar verlorene Rennen später fiel der Groschen (darf man das in Euroland noch sagen?) – auf diese Weise wird auch schwächeren Spielern das Tuning der Fahrzeuge ermöglicht (hierzu braucht man eben jenes Geld), um so wiederum irgendwann auch die weiteren Strecken frei zu schalten, selbst wenn es anfangs am fahrerischen Geschick mangelt und zunächst keine Preisgelder hereinkommen wollen. Gute Idee! Nebenbei lädt man durch die Crashs auch den Nitro-Vorrat auf (fragt lieber nicht…).

Und die absurden Wettbewerbe, die man zusätzlich zum „normalen“ Renn-Modus spielen kann, wie z.B. der Fahrerhoch oder –weitsprung, bei denen man den Fahrer zum richtigen Zeitpunkt durch die Windschutzscheibe segeln lassen muss, kamen mir recht „über“ vor. Einzig das „Destruction-Derby“, bei dem es am Ende nur noch einen Wagen in der Arena gibt, konnte mich gleich überzeugen.

Irgendwie komisch. Eigentlich ein wirklich nettes Spiel, aber der Funke wollte nicht so richtig überspringen. Hatte ich nur einen schlechten Tag?

Dann kam allerdings irgendwann die Erleuchtung in Form meiner Freundin vorbeigedackelt:

Wir spielten das Game zusammen und sahen uns außerdem auch immer fleißig die Replays des jeweils anderen an. Und siehe da! – Spaß! Und nicht zu wenig davon.

Des Rätsels Lösung ist, dass FlatOut eigentlich ein typisches Konsolenspiel ist, welches man besser nicht alleine spielt. Na gut, da hätte man natürlich auch schon früher drauf kommen können, denn das Spiel gibt es ebenfalls für die PS2 und XBox…

Angespornt von dieser Erfahrung habe ich am Tag darauf auch die Multiplayer-Modi angetestet, die nicht per Hot-Seat, sondern nur im LAN bzw. Internet möglich sind. Mein Fazit: Absolutes Pflichtspiel für die nächste LAN!

Seit dem für mich leicht enttäuschenden NFSU2 (weil ich wohl schlicht und einfach nicht zur angepeilten Zielgruppe gehöre, die sich für Belohnungen in Form von immer neuen Unterbodenbeleuchtungen und Heckscheibenaufklebern begeistern kann, was man mir aber sicher nachsehen kann, wenn man weiß, dass ich SAAB-Fahrer bin und „Understatement“ für mich nicht nur ein Wort im Neudeutsch-Lexikon ist…) ist FlatOut mal wieder ein sehr nettes Rennspiel für zwischendurch. Aber auch dieses Spiel – oder vielleicht gerade dieses Spiel, weil es eben ein reiner Fun-Racer ohne jeden Realitätsanspruch ist – hat erneut eine Erkenntnis bestärkt, die ich schon lange mit mir herumtrage und auch dem geneigten Leser an dieser Stelle nicht vorenthalten möchte:

Wenn es um Egoshooter und Amokläufer geht, wird immer wieder der Aufbau von Aggressionen diskutiert. Machen Computerspiele aggressiv oder bauen sie Aggressionen ab? Die Spielergemeinde behauptet natürlich immer, dass brutale Games dem Abbau von Aggressionen und Frust dienen, was wiederum Pädagogen, Politiker, Eltern und alle anderen, die schlichtweg keine Ahnung von Spielen haben, doch stark bezweifeln.

Mich persönlich hat auch noch kein 3D-Shooter dazu gebracht, nach dem herunterfahren des Rechners mit der Schrotflinte durchs Einkaufszentrum zu bummeln. Allerdings gibt es sehr wohl Spiele, die dafür sorgen, dass ich, egal wie entspannt und ausgeglichen ich vorher war, Aggressionen aufbaue. Und zwar sind es gerade jene Spiele, die in den Gewaltdiskussionen niemals auftauchen. Jump’n’Runs zum Beispiel bringen mich mit unfairen Stellen zur Raserei! Auch Spiele, bei denen es einen hohen Glücksfaktor gibt (Minesweeper!) können mir laute Schreie entlocken, denn ich will beim Spielen faire Herausforderungen meistern, nicht Lotto spielen.

Es gibt aber kein Spielgenre, das bei mir derart große Aggressionen aufbaut, wie Rennspiele! Dies habe ich zuletzt wieder bei NFSU2 erfahren müssen. Und auch FlatOut, wenn auch nur im eher durchschnittlichen Solo-Spiel, hat mich wieder fluchen lassen, wie ein Rohrspatz.

Und genau hier liegt für mich der wahre Realismus bei Rennspielen: Das Fahren am Rechner macht ähnlich aggressiv wie das Fahren im richtigen Verkehr. Somit hat sogar ein Rennspiel ohne jeden Realismusanspruch mehr Realismus zu bieten, als mir eigentlich lieb ist, denn ich spiele eigentlich nicht mit dem Vorsatz, mich aufzuregen… Aber damit wir uns richtig verstehen: Ich bin niemand, der andere Verkehrsteilnehmer durch ständige Lichthupe und zu dichtes Auffahren nötigt (es sei denn, die Situation erfordert es zwingend…). Ich bin lediglich ein aufrechter Verfechter des Fluchens am Steuer! Und manchmal fluche ich auch am Gamepad…

Darum sage ich hier zum zweiten Mal: Realismus stinkt!

Wir wissen aber hoffentlich alle, dass das oft aggressive Verhalten der Leute im Straßenverkehr in Wahrheit den gleichen Ursprung hat wie das unverschämte Benehmen vieler Kiddy-Deppen im Internet: Man sieht den Leuten nicht in die Augen! Die anderen sind in diesen bestimmten Situationen nicht real vorhanden…

Die ganzen rotzfrechen Asi-Kids im Netz benehmen sich in der Fußgängerzone überwiegend ebenso normal ihren Mitmenschen gegenüber wie es die Autobahn-Rambos tun, wenn sie aus ihrem 5er oder A6 ausgestiegen sind. Einerseits ist dies zwar beruhigend, andererseits ist es trotzdem keine Entschuldigung für das vorher angeführte Verhalten…!

Aber genug von diesen frei erfundenen Einsichten in die menschliche Psyche und dem damit verbundenen „SpielerZwei-Dummschnack“ …

Zurück zum Spiel:

FlatOut von Bugbear ist ein wirklich nettes Game! Kann man kaufen, muss man aber nicht unbedingt. Solo hat es mich persönlich nicht ganz vom Hocker gehauen, obwohl eigentlich alle Zutaten stimmen und die Motivation immerhin dazu gereicht hat, alle Cups frei zu spielen. Das liegt aber wahrscheinlich an mir, denn wie gesagt: Rennspiele sind eigentlich nicht mein präferiertes Genre. Ich sehe sie eher als willkommene Abwechslung zu meinen übliche Metzelspielen…

Wer aber gerne mit mehreren Leuten biertrinkenderweise am Rechner sitzt oder mal etwas anderes als Ego-Shooter im LAN zocken möchte, der kommt um das Spiel nicht herum! Games, die auch beim Zuschauen richtig Spaß machen, sind sonst überwiegend den Konsoleros vorbehalten. Manchmal zahlt sich eine Cross-Plattform-Veröffentlichung eben doch für die PC-Zocker aus…

Reinschauen lohnt in jedem Fall!


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1 Kommentar

  1. Zap - 21.12.2008 20:52

    Flatout war auf einer LAN-Party vor drei Jahren eigentlich nur mal als Alternative zu UT oder CS gedacht, falls wir nach 6-7 Stunden mal was anderes zocken wollten. Letztendlich war es umgekehrt, wir haben fast das ganze WE Flatout gespielt. Als wir vom Rennen irgendwann genug hatten, sind wir die Crash-Bowls gefahren, um danach wieder zu den Rennen zu gehen.
    Die Schäden am Fahrzeug haben übrigens durchaus Auswirkungen, speziell wenn die Stoßdämpfer streiken oder die Räder schlingern, wird die Steuerung eine echte Herausforderung.

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