Aller Anfang ist schwer

Yay! Endlich gibt es für die Wii das erste onlinefähige Multiplayerspiel! Auf Mario Strikers Charged Football (MSCF) haben unzählige Wii-Besitzer sehnsüchtig gewartet. Genau wie ich. Allerdings sind inzwischen, gut 4 Wochen nach dem Release, auch viele Wii-Besitzer ziemlich angenervt von dem Spiel. Genau wie ich…

Die Entwickler von MSCF, Next Level Games, haben eine sehr weise Entscheidung getroffen, primär auf den Multiplayermodus des Spiels zu setzen. Wäre er nicht vorhanden, würde ich nämlich ohne mit der Wimper zu zucken jedem Interessierten rigoros vom Kauf des Spiels abraten! Aber auch der Onlinemodus hat diverse Macken und wird sich in Zukunft noch am ehesten damit rühmen können, den später folgenden Wii-Onlinespielen gezeigt zu haben, was man nicht machen darf, wenn man ein rundum gelungenes Onlinespiel etablieren will.

Aber alles der Reihe nach. Fangen wir mit dem größten Schwachpunkt des Spiels, dem Singleplayermodus, an: Gäbe es in MSCF nur den Singleplayer, so hätte ich endlich mal wieder die Gelegenheit, ein Spiel so richtig zu verreißen! Sowohl spielerisch als auch in Sachen Präsentation hat sich einfach zu wenig im Vergleich zum GameCube-Vorgänger (Mario Smash Football) getan. Natürlich ist die Präsentation etwas besser und natürlich hat sich auch im Gameplay etwas getan. So sind die Feldspieler in MSCF deutlich wichtiger und haben auch mehr Möglichkeiten auf dem Spielfeld als es noch bei MSF der Fall war, wo sie lediglich die Wasserträger des Kapitäns waren. Und dass man jetzt die Megaschüsse der gegnerischen Kapitäne mittels des eigenen Torwarts aktiv parieren kann, ist wirklich eine Bereicherung dieses sehr schnellen Action-Funsportspiels. Keine Frage.

Der größte Kritikpunkt des Vorgängers, der geringe Einzelspielerumfang, aber bleibt bestehen. Drei lächerliche Pokale und ein paar Challenges sind wirklich zu wenig, um überhaupt von einem vollwertigen Einzelspielervergnügen sprechen zu können, egal wie gut ein Spiel auch sein mag.
Dabei ist die Kritik an sich ja nicht einmal am Entwickler vorbeigegangen. Nein. Er hat darauf reagiert. Wenn auch auf die denkbar schäbigste Art, die einem Spieleentwickler zur Verfügung steht… Haben sie den Umfang im Vergleich zum Vorgänger erweitert? Nein, wo denkt Ihr hin! Mehr Pokale oder ähnliche Dinge, die die Einzelspielerkarriere erweitert bzw. verlängert hätten, bedeuten zusätzliche Arbeit und hätten unter Umständen sogar noch den angepeilten Release-Termin in Gefahr gebracht. Was macht man also als Entwickler, dem durchaus bewusst ist, dass sein Spiel Einzelspieler eigentlich nur maximal 2 bis 3 Stunden beschäftigen kann? Na logisch! Man besinnt sich auf die Videospielsteinzeit. Die gute alte Zeit, als Videospiele noch nicht dazu da waren, durchgespielt zu werden, sondern den Spieler lediglich motivieren sollten, eine weitere Münze in den Automaten zu werfen. Am besten erreicht man dies, indem man das Spiel nach wenigen „Anfütterungs-Levels“ so unschaffbar schwer macht, dass man auch mit einer Schubkarre voller Kleingeld neben sich niemals das Ende des Spiels sieht. Hach, die gute alte Zeit! Da konnte man Videospieler noch ungestraft verarschen…
Gut, über die Jahre ist die ganze Sache mit der Unschaffbarkeit irgendwie außer Mode gekommen, aber was solls? Soll sich doch mal einer über den unfairen Schwierigkeitsgrad beschweren. Dem sagen wir dann einfach: „Üben, üben, üben! Ist es zu stark, bist Du zu schwach!“

Genug der Polemik. Reden wir mal Klartext:
In Mario Strikers gibt es als Einzelspielerkarriere drei Pokale. Für jeden Pokal benötigt der Spieler (theoretisch!) etwa 45 bis 60 Minuten. Das ist (wieder theoretisch!) ein bisschen wenig. Da Next Level Games aber der tolle Kniff mit der unverschämten Gegner-KI aus längst vergangenen Videospieltagen eingefallen ist, gestaltet sich das Ganze in der Praxis in etwa so: Den Feuerpokal schafft eigentlich jeder Spieler schon beim ersten Versuch. Juhu! Erfolgserlebnis! Der Kristallpokal ist etwas schwerer. Mit ein wenig Übung schafft man aber die Vorrunden auch recht schnell und ist schwuppsdiwupps in den Finalrunden des zweiten von drei Pokalen angelangt. Doch plötzlich ziehen die selben Gegner, die man noch in den Vorrunden souverän besiegen konnte dermaßen im Schwierigkeitsgrad an, dass man schneller aus dem Finale fliegt als man „Dreckiger Schnurbartträger“ sagen kann. Die Reaktionszeiten der CPU-Spieler sind mit einem Mal so gering und die Präzision ihrer Aktionen so perfekt, dass man sich wirklich regelrecht verarscht vorkommt.
Natürlich wirft man die Flinte nicht so schnell ins Korn und denkt, dass man einfach nur Pech hatte oder noch etwas mehr üben muss. Spätestens nach dem 15. Versuch, wohlgemerkt immer nach einer etwa 45minütigen Vorrunde, kommt einem jedoch langsam aber sicher der Verdacht, dass hier etwas nicht stimmen kann. Inzwischen schafft man die 10 Vorrundenspiele des Kristallpokals ohne Niederlage, ja sogar ohne ein einziges Gegentor, und trotzdem fliegt man mit tödlicher Sicherheit immer wieder sofort aus dem Finale, weil die Gegner-KI unverhältnismäßig anzieht und teilweise sogar regelrecht bescheißt (beispielweise hält der gegnerische Torwart plötzlich verdächtig oft alle Megaschüsse, obwohl diese perfekt getimed waren).

Natürlich werden sich jetzt in den Kommentaren haufenweise Nerds wie SpielerDrei melden, um mir zu erzählen, dass das alles schaffbar und ich lediglich zu schlecht sei. Natürlich gibt es Leute, die die Pokale alle schaffen. Und vielleicht lassen meine eigenen Fähigkeiten im Alter langsam nach (wer weiß…). Das ändert aber nichts daran, dass der Schwierigkeitsgrad für Otto Normalspieler unverhältnismäßig stark ansteigt und dies vor allem durch eine unfair-perfekt agierende CPU erreicht wird. Von Nintendos neuer Hauptzielgruppe, den Nicht- und Gelegenheitsspielern, will ich erst gar nicht anfangen…
Und der Grund für das Ganze ist leider nur zu offensichtlich: Es gibt eben nur 3 Pokale.
Mangelnden Spielumfang durch einen unfairen Schwierigkeitsgrad und/oder unzureichende Speichermöglichkeiten zu kompensieren, halte ich nach wie vor für eine der größten Designsünden, die ein Entwickler überhaupt begehen kann! Dies ist nebenbei auch einer der Hauptgründe, warum ich irgendwann das Interesse an Arcade- und Konsolenspielen verloren und mein Spieleglück lange Jahre ausschließlich auf dem PC gesucht habe. Glücklicherweise haben die meisten Entwickler von Konsolenspielen in dieser Hinsicht inzwischen auch umgedacht, so dass auch ich seit ein paar Jahren wieder Spaß an Konsolen habe. Nur leider hat sich diese Neuigkeit wohl noch nicht bis zu Next Level Games herumgesprochen…

Die Gegner-KI ist aber nicht der einzige Designschnitzer:
Während der Karriere hat man keine Möglichkeit, seine Mannschaft umzustellen. Ich erwarte bei einem Funsportspiel, das man eher mit Smash Brothers oder Mario Kart als mit richtigen Sportspielen vergleichen muss, ja keine wirklichen Traineroptionen á la FIFA oder PES, wo ich jederzeit die komplette Aufstellung und Taktik beeinflussen kann. Ein Umstellen bzw. Auswechseln der Feldspieler zwischen den einzelnen Spielen hätte mir ja vollkommen gereicht, aber MSCF bietet nicht einmal das. Kommt man im zweiten oder dritten Pokal zu dem Schluss, dass man gerne andere Spieler hätte oder zumindest die Positionen variieren möchte, gibt es nur eine Option, dies zu ändern: Völliger Neustart der Karriere, was im Zweifel mehrere Stunden Spielfortschritt zunichte macht. Das motiviert!

In diesem Sinne geht von mir ein dickes „Go F*** Yourselves!“ für den Singleplayermodus bei MSCF an die Entwickler…

Aber genug vom nervigen Einzelspielermodus. Schon Mario Smash Football auf dem Cube war primär als Mehrspielertitel ein Hit und Mario Strikers setzt hier nochmals kräftig einen drauf! Smash Brothers und Mario Kart sind für die Wii noch nicht erhältlich und das in Kürze erscheinende Mario Party 8 ist eine gänzlich andere Kategorie von Multiplayer-Spiel. Wer also mit 2 bis 4 Leuten auf seiner Wii actionreiche Multiplayerpartien bestreiten will, ist hier definitiv richtig. Alternativen gibt es derzeit eigentlich keine einzige. Als reines Mehrspielerspiel rockt MSCF wirklich das Haus! Einzig die spielimmanente Hektik dürfte einigen Leuten den Zugang verwehren.
Und dabei ist es fast egal, ob alle Mitspieler auf der selber Couch sitzen oder man sich in verschiedenen Wohnzimmern befindet. Na ja, zumindest fast, weil der Onlinemodus auch die eine oder andere Macke hat:
Die Tatsache, dass das Spiel einen eigenen Freundescode und nicht die Wii-Codes verwendet, ist zwar umständlich, aber sinnvoll. Nintendo hat schon vor einiger Zeit angekündigt, dass Wii-Onlinespiele jeweils ihren eigenen Code verwenden werden. Auf diese Weise läuft man nicht Gefahr, von Leuten, denen man mal seinen Code für eine Partie des Spiels XY gegeben hat, zugespamt zu werden. Die eigentlichen Wii-Codes sollen nur „echten Freunden“ vorbehalten sein. Obwohl sich viele Leute darüber aufregen, finde ich die Idee persönlich eigentlich OK.
Gravierender ist da schon die bisherige Online-Performance des Spiels. Selbst jetzt, über 4 Wochen nach dem Release, kommt es immer noch sehr häufig zu Lags oder gar Verbindungsabbrüchen. Leider betrifft das nicht nur die Ranglistenspiele mit zufällig ausgelosten Spielern, sondern auch die Freundesspiele, da diese aufgrund des Code-Systems natürlich auch über die offiziellen Server laufen. Die Performance ist nicht mehr ganz so haarsträubend wie innerhalb der ersten Woche, aber immer noch nicht wirklich befriedigend. Bedenkt man, dass MSCF quasi der Einstand der Wii ins Onlinegaming ist, ist die derzeitige Serversituation schon etwas bedenklich und in gewisser Weise sogar leicht peinlich, denn immerhin war der Andrang ja klar zu kalkulieren…
Ein weiteres großes Manko des Onlinespiels ist die fehlende Kommunikationsmöglichkeit innerhalb des Spiels. Nicht einmal zwischen den Partien kann man seinen Mitspielern ein kurzes Statement („Good Game!“ oder „You suck!“) schicken. Was bei Ranglistenspielen gegen Unbekannte noch zu verschmerzen ist, nervt bei den Freundesspielen total, denn von der Verabredung einer Partie bis zur anschließenden Manöverkritik muss für die gesamte Kommunikation ein anderes Medium als die Wii gewählt werden. Die normalen Wii-Mails sind auch keine Alternative, da diese Erfahrungsgemäß auch mit 5 bis 15 Minuten Verspätung über Nintendos Server geleitet werden. Wer nicht gerade seinen PC direkt neben der Wii stehen hat, um z.B. ICQ oder Teamspeak zu benutzen, sollte am besten eine Telefonflatrate sein Eigen nennen, damit bei Onlinepartien vernünftige Stimmung aufkommt und ein reibungsloser Ablauf gewährleistet ist.
Ein weiterer Nervtöter ist das Problem, dass man sich keinen befriedigenden Mechanismus bezüglich der „Quitter“ überlegt hat. Jedes Mal, wenn ich eine Partie gewinne, muss ich die Daumen drücken, dass mein Gegner kein Arschloch ist und einfach den Reset-Knopf drückt, wenn er verliert, wodurch dem Gewinner alle Punkte der Partie durch die Lappen gehen. Dieses Vorgehen ist bei Ranglistenspielen leider an der Tagesordnung. Mich regt das übrigens in erster Linie aus Prinzip auf und nicht etwa, weil ich so kostbare Ranglistenpunkte verliere. Auf einen hohen Ranglistenplatz hätte ich ohnehin keine Chance, weil ich nebenbei auch noch ein Leben habe. Die Onlineranglisten werden ja ohnehin von den üblichen Verdächtigen dominiert: Schüler und Arbeitslose, die an einem Tag locker mehrere Hundert Partien spielen…

Das Onlinespiel ist unterm Strich natürlich immer noch eine nette Sache und man muss Mario Strikers Charged Football zu Gute halten, dass es wirklich das erste Wii-Onlinespiel in Europa ist. Allerdings sind viele der Macken in meinen Augen unnötig und wären leicht zu umgehen gewesen. Für das übliche Hardcore-Online-Zocker-Gesocks sind die Ranglistenspiele bei MSCF wahrscheinlich der Hammer und für eine Runde mit einem Kumpel, der nicht um die Ecke wohnt, sind die Freundesspiele auch für normale Menschen eine klasse Option (etwas Glück bei der Verbindung und viel Drumherum-Telefonieren vorausgesetzt).

Seine wahre Qualität entfaltet MSCF aber, wie auch schon Mario Smash Football, eigentlich nur beim guten alten Offline-Multiplayerspiel auf der gemeinsamen Couch. Hier ist das Spiel wirklich eine absolute Spaßgranate und für alle, denen es nicht zu hektisch und unübersichtlich ist (SpielerinZwei kann das Spiel aus diesem Grund nämlich gar nicht ab…), ein klarer Pflichtkauf. Verspricht man sich jedoch auch ein unterhaltsames Einzelspielerspiel, fällt man meiner Meinung nach völlig auf die Schnauze, denn in dieser Hinsicht macht Mario Strikers so ziemlich alles falsch, was man nur falsch machen kann.

Der unverschämt hohe Schwierigkeitsgrad und der lächerliche Umfang rechtfertigen einen Kauf für Einzelspieler nicht im geringsten. Da kann man besser auf FIFA oder PES für die Wii warten. So sehr mir diese beiden Serien über die Jahre immer mehr auf den Keks gegangen sind, bieten sie dem Einzelspieler doch wesentlich mehr als Mario Strikers Charged Football! Am Ende bleibt also die Ironie, dass das Beste am ersten Onlinespiel für die Wii der Offline-Multiplayermodus ist. Ich hoffe, dass die noch folgenden Onlinespiele für die Wii ihre Sache etwas besser machen werden…


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