Gut sozialisiert

Es gibt wohl nicht wenige Leser, denen es langsam ziemlich auf den Sack geht, hier fast nur noch über Konsolenspiele zu lesen. Dabei ist der Eindruck, ich wäre vom einstigen Konsolenschmäher zum völligen PC-Ignoranten mutiert, völlig falsch. Der PC ist immer noch meine persönliche Spieleplattform Numero Uno! Nur leider sind in den vergangenen Monaten einfach kaum PC-Spiele herausgekommen, die mich in irgendeiner Form auch nur ansatzweise interessiert hätten. Die einzige Ausnahme (neben C&C3, das mich aber nicht vom Hocker gehauen hat) war da wohl S.T.A.L.K.E.R., welches mir auch recht gut gefallen hat. Der Grund, warum es bei mir dennoch keinen S.T.A.L.K.E.R.-Artikel zu lesen gab, war schlicht, dass alles Erwähnenswerte zu diesem Spiel schon von anderen Autoren vor mir geschrieben worden war…

Trotzdem glaube ich weiterhin fest an den PC als Daddelplattform und habe mir mit Ausblick auf kommende Hardwarefresser Highlights, wie beispielsweise Bioshock, Crysis oder UT 3, gerade erst eine brandneue Highend-Killermaschine zugelegt, für deren Gegenwert ich mir locker zwei PS3 hätte kaufen können. Wer sich übrigens an dieser Stelle empört fragt, wie ich es überhaupt wagen konnte, mir einen neuen PC zu kaufen, ohne daraus eine Lesermitmachaktion über mehrere Wochen zu machen, der hat vielleicht etwas zu viel Antigames gelesen … (Nichts für ungut, liebe Antigamer! ;-))

OK, nachdem ich wieder einmal eine Einleitung geschrieben habe, die kaum etwas mit dem eigentlichen Thema zu tun hat und deren einziger Erfolg wohl sein wird, dass ein paar Leute völlig unbegründet angepisst sein werden, komme ich nun zu meinem persönlichen PC-Spiel-Highlight der letzten Monate: OVERLORD!


Das bemerkenswerteste an Overlord ist, dass ich dieses Spiel überhaupt nicht auf dem Zettel stehen hatte. Vielleicht ist mir da ja etwas entgangen, aber zumindest in Bezug auf die PC-Version dieses Spiels habe ich nicht den üblichen Vorab-Hype in der einschlägigen Presse wahrgenommen. Erst kurz vor Release habe ich zufällig ein paar wohlwollende Reviews gelesen. Gegen den Kauf sprach jedoch, dass es sich bei diesem Spiel offensichtlich um einen portierten XBOX 360-Titel handelt. Aber wie das so ist, wenn man langsam die 99. Minispielsammlung auf der Wii nicht mehr sehen kann und auch sonst nur überwiegend Müll in den Neuerscheinungsregalen der Softwaredealer stehen sieht: Der kleinste Funken Hoffnung reicht aus, um mal eben 45 Euronen auf den Tresen zu legen!

In Overlord spielt man einen… ähm, Overlord, der von verwaisten Schergen herbeigerufen wird, um den gerade verblichenen alten Overlord zu ersetzen. Unser Vorgänger wurde übrigens von diesen widerlich-guten Helden vernichtet, die uns allen schon lange aus dem Hals heraushängen, weil wir einfach schon zu viele Spiele im Fantasy-Szenario gespielt haben. Wie dem auch sei, wir müssen nun als neuer Overlord versuchen, das zerfallene Reich des Bösen wieder aufzubauen. Und natürlich muss auch die eigene Residenz, der Dunkle Turm, wieder wohnlich und repräsentativ gemacht werden. Wer jetzt bezüglich des Szenarios an Dungeon Keeper denkt, denkt verdammt richtig.
So ein Overlord macht sich selten selbst die Hände schmutzig. Er kann zwar auch kräftig zuschlagen und hat zudem diverse Zaubersprüche zur Verfügung, mit denen er seinen Gegnern das Leben schwer machen kann, aber er ist ja schließlich der Chef und hat somit seine Untergebenen für die Drecksarbeit: Die Schergen. Dies sind kleine unterwürfige Speichellecker, die irgendwie aussehen wie eine Mischung aus Gremlins und Orks. Man beschwört einfach eine Horde dieser kleinen Gnome an entsprechenden Schreinen und sendet sie per Mausklick aus, um Dinge zu Schleppen, Schalter umzulegen oder eben eklige Helden und sonstiges Gewürm zu meucheln. Um das Ganze nicht zu öde werden zu lassen, gibt es 4 verschiedene Arten von Schergen, die sich in ihren Fähigkeiten unterscheiden:
Die Braunen sind die Standard-Schergen und von allen die besten Kämpfer. Die Roten sind Fernkämpfer, denen auch Feuer nichts ausmacht, welche aber im Nahkampf wenig taugen. Die Grünen sind giftresistent und auch als Nahkämpfer nicht zu verachten, sofern sie sich dem Gegner von Hinten nähern können, um diesen quasi zu bespringen. Last but not least sind die Blauen die einzigen, die sich durch Wasser bewegen und zusätzlich auch gefallene Kameraden wiederbeleben können. Als Kämpfer sind sie allerdings mit Abstand die schwächsten und somit fast immer im Hintergrund der Truppe zu halten. Alle vier Schergenvölker sind durch erbeutete Waffen und Rüstungen sowie diverse Zauber und anderen Schnickschnack noch weiter aufzurüsten.

GameCube-Besitzer haben inzwischen längst bemerkt, dass lediglich das Szenario von Dungeon Keeper entliehen, das Gameplay aber 1-zu-1 von den Pikmin-Spielen geklaut wurde. Und wir reden hier wirklich nicht nur von bestimmten Details oder Ideen, sondern vom kompletten Gameplay-Klau! Die Schergen sind die Pikmins, der Dunkle Turm ist das abgestürzte Raumschiff und der Overlord ist Captain Olimar.
Was manch einer nun als „Frechheit“ oder „Ideenlosigkeit“ bezeichnen würde, nenne ich „brillant“, denn ein so perfekt umgesetztes „Pikmin für den PC“ habe ich mir schon lange gewünscht! Und so ideenlos finde ich das Ganze schon insofern nicht, weil es bisher, egal ob auf einer Konsole oder dem PC, keinen nennenswerten Pikmin-RipOff gegeben hat, obwohl das eigentliche Spielprinzip geradezu danach schreit. Vor allem Pikmin 2 wird mir auch in 20 Jahren noch sofort in den Sinn kommen, wenn jemand den Cube erwähnt, weil es für mich eines der besten Spiele ever ist, das leider viel zu wenig Leute kennen, da der GameCube ja bekanntlich nicht gerade wie geschnitten Brot über die Theke ging.
Für die meisten PC-Spieler dürfte Overlord also spielerisch so etwas von frisch herüberkommen, dass auch ein paar Meckerheinis, die es als „Pikmin für Arme“ bezeichnen, nichts daran ändern können! Vor allem, wo das Spiel auch technisch in jeder Hinsicht großartig umgesetzt wurde (Ja, es wird von Codemasters vertrieben. Und ja, es hatte einen kleinen (!) Quest-Bug. Aber der Patch 1.1 hat das seltene Brauerei-Quest-Problem schnell behoben). Nicht einmal die Tatsache, dass es eigentlich eine 360-Entwicklung ist, macht sich negativ bemerkbar. Klar, die Savepoint-Kiste nervt PC-Spieler immer gerne, aber da alles (bis auf den vorletzten Endkampf gegen Khan!) im Spiel sehr fair zugeht, ist dies nicht weiter erwähnenswert. Zudem hat man am PC die Wahl des Controllers, was die 360-Schergen sogar etwas neidisch machen könnte, denn meiner Meinung nach ist die alternative Steuerung per Maus/Tastatur dem Gamepad um Meilen überlegen und lässt den PC-Spieler nur müde über gelegentliche Nörgeleien von Padbenutzern bezüglich der Steuerung lächeln…

Dass die niederländischen Triumph Studios (Age Of Wonders 1 / 2) Overlord durch sehr viel schrägen Humor zusätzlich noch zu einer 1A-Fantasy-Klischee-Verarsche gemacht haben, verdient ein besonderes Lob meinerseits, da ich spätestens seit dem allgemeinen Herr-Der-Ringe-und-WoW-Hype echt keine Orks, Elfen und Zwerge mehr sehen kann! Die vielen Anspielungen und Seitenhiebe erinnern sehr stark an den Stil, mit dem der erste Shrek das Märchen-Genre durch den Kakao gezogen hat, bevor er in den Fortsetzungen zu einer weiteren glattgebügelten Disney-Gelddruck-Maschine degradiert wurde. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll…

Nachdem ich nun eine ganz klare Must-Have-Kaufempfehlung für Pikmin-Kenner und -Nichtkenner gleichermaßen ausgesprochen habe, könnte ich diesen Artikel nun auch einfach enden lassen. Aber wer mich kennt, weiß dass ich ein Opfer meines eigenen Unvermögens bin und daher keine kurzen Artikel auf die Reihe bringe. Oder wie Goethe es einmal formuliert hat: „Bitte entschuldigen Sie den langen Brief, aber für einen kurzen hatte ich keine Zeit.“

Ich möchte noch eine Sache loswerden, die mich während der ganzen 15-20 Stunden Spielzeit durchgehend beschäftigt hat: Warum schaffe ich es einfach nicht, böse zu sein? Per se spielt man in Overlord natürlich einen Bösen. Allerdings lässt einem das Spiel dann doch permanent die Wahl, ob man ein böser Bösewicht oder eher ein netter Bösewicht ist. Klingt komisch, ist aber so. An vielen Stellen muss man sich entscheiden:
Gebe ich den bornierten Elfen ihre gestohlene Statue wieder, nachdem ich sie gefunden habe, oder stelle ich sie als Staubfänger in meinen Dunklen Turm? Gebe ich den Dorfbewohnern die von Dieben entwendeten Lebensmittelvorräte wieder oder behalte ich sie? Nehme ich mir die böse, sexy Mätresse mit in den Turm oder die nette, biedere? Kille ich einfach die Dorfbewohner, wenn ich neue Schergenseelen brauche, oder suche ich mir lieber ein paar Schafherden?

Die Aufträge sind so oder so erfüllt. Irgendwelche Vorteile gibt es durch gutes Verhalten nicht. Böses Verhalten ist jedoch im Zweifel das „witzigere“ im Spiel. Und trotzdem habe ich Overlord mit sage und schreibe 0 % Verderbtheit abgeschlossen und folglich das gute Ende erreicht, weil ich mich jedes Mal für den Strahlemannweg entschieden habe.
Sicherlich, diese Frage gab es schon öfter: KOTOR oder Fable sind nur zwei Beispiele von vielen, die dem Spieler, zumindest mehr oder weniger, die Wahl ließen. Aber hey, wir reden hier bei Overlord von einem Spiel, dass schon durch sein Ausgangssetting eigentlich nur eine Wahl als die logische und angemessene vorgibt. Meine klare Aufgabe als Overlord ist es natürlich, den Helden in den Arsch zu treten, das Volk zu unterjochen und das ganze Land zu einem Reich des Bösen zu formen! Und was mache ich? Genau! Ich bin nett zu allen (außer den Helden natürlich, weil ich nur durch ihren Tod in der Story weiterkomme)…

Ich habe zwar den Abspann (einen von mehreren möglichen…) erreicht, aber im Sinne des Spiels bin ich trotzdem der Mega-Loser schlechthin, weil ich der netteste aller Overlords war. Ja, sogar das Volk hat mich am Ende geliebt, obwohl ich, eine Ausgeburt des Dämonenreichs, alle ihre Helden in die Ewigen Jagdgründe befördert und nebenbei große Teile des Reiches in Schutt und Asche gelegt habe…
Und der Clou an der ganzen Sache ist ja, dass mir das die ganze Zeit bewusst war! „Du musst ja eigentlich böse sein!“, dachte ich bei jeder einzelnen Entscheidung. „Das Spiel will, dass Du böse bist. Also sei es doch auch, verdammt noch mal!“, ermahnte ich mich. Aber nein. Ich tat immer das Falsche. Bewusst! Und selbst bei einer Wahl, die einem das Spiel mehr als einfach machte, weil die Elfen im Spiel derart unsympathisch dargestellt werden, dass man ihnen eigentlich nicht anderes als die Pest an den Hals wünscht, entschied ich mich für die nette Lösung.

Woran liegt das eigentlich? Meine Eltern würden jetzt wahrscheinlich stolz sagen, dass es an ihrer Erziehung liegt, aber ich wehre mich vehement dagegen, dass sich mein tatsächliches Verhalten in Videospielen widerspiegelt, weil ich darin primär schlicht die Regeln befolge. Um weiter zu kommen. Ich weiß was von mir erwartet wird und tue es einfach, weil das das Spiel ist. Punkt. Ich hätte ja sogar gerne den Elfen meine verdorbenste Seite gezeigt! Ich tat es nur aus einer Gewohnheit heraus nicht…

Gibt es vielleicht eine positive Sozialisation durch Videospiele, die zu einer Art „Gutem Automatismus“ geführt hat? Sind die unzähligen Spiele, in denen ich den guten Helden spielen musste, daran schuld, dass ich nicht mehr in der Lage bin, das Gegenteil zu spielen? Und: Waren Spiele früher in Bezug auf Moral mehrheitlich vielleicht anders gestrickt als heute?

Das wiederum wirft eine weitere Frage auf, die durch das unsägliche Manhunt 2 ja gerade wieder aktuell ist: Was unterscheidet mich von den Idioten, die es geil finden, in GTA mit der Motorsäge sinnlos unschuldige Passanten niederzumähen oder in Spielen wie Manhunt Leuten in Zeitlupe die Kehle durchzuschneiden? Also außer, dass sie halt Idioten sind, meine ich…
Ist das ein Generationen-Ding oder nur ein Videospiel-Generationen-Ding? Oder keins von Beiden?

So, ich hör jetzt auf, weil mir schon der Kopf weh tut…
Was denkt Ihr?


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