Cash Cow

Es scheint tatsächlich so zu kommen, wie ich es prophezeit habe:

Guitar Hero ist das neue SingStar. Die Parallelen sind derzeit unübersehbar.

Der erste Teil war geil. Die konsequente Weiterentwicklung der HARMONIX-Kultspiele Frequency und Amplitude. Der zweite Teil war zwar nicht geiler (die Tracklist war sogar etwas schwächer), konnte aber dennoch mit dem neuen Coop-Modus und diversen anderen Detailverbesserungen als ebenbürtig durchgehen. Und nun beginnt der Ausverkauf der gerade erst etablierten Marke:

Guitar Hero Encore: Rocks The 80s!

Dabei sehe ich es noch als den kleinsten Fehler an, dass das Spiel nahezu keine Veränderungen oder Ergänzungen gegenüber GH2 vorweisen kann. Es gibt 30 Tracks (diesmal allerdings ohne die obligatorischen Bonussongs), nur minimale Veränderungen in der Präsentation (Bühnen, Instrumente und Charaktere sind fast alle aus den Vorgängern übernommen und nur marginal auf die 80er getrimmt worden) und auch spielerisch hat sich nichts bemerkenswertes getan. Aber das ist ok. Es ist ja nur eine Zugabe, sprich AddOn, und nicht der richtige dritte Teil.

Allerdings macht es schon stutzig, dass Activision dieses AddOn zum Vollpreis vertickt. Kaum Arbeit hineinstecken und trotzdem voll abkassieren. Die Aktionäre werden es sicher zu schätzen wissen. Aber selbst das wäre mir für sich alleine genommen noch relativ egal, weil ich Teil 1 und 2 wirklich toll finde und für vernünftigen Song-Nachschub auch gerne bereit bin, ein paar Euros springen zu lassen. Doch genau hier kommen wir zum eigentlichen Pferdefuss von Rocks The 80s:

Ich weiß ja nicht, was Ihr in den 80ern so für Musik gehört habt, aber für mich ist die Trackliste von Guitar Hero Encore ein „Best Of“ der größten Scheisse, die dieses Jahrzehnt so hervorgebracht hat! Klar, es gibt ein paar Ausnahmen, aber zu 95 % handelt es sich hier um Songs, die dafür sorgen, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen und mein Gehirn langsam aus den Ohren heraus läuft…

Aber urteilt selbst:

„Caught in a Mosh“ (Anthrax)

„Balls to the Wall“ (Accept)

„Electric Eye“ (Judas Priest)

„Los Angeles“ (X)

„Police Truck“ (Dead Kennedys)

„We Got the Beat“ (The Go Go’s)

„(I Think I’m) Turning Japanese“ (Vapors)

„Seventeen“ (Winger)

„Because, it’s Midnite“ (Limozeen)

„Hold On Loosely“ (.38 Special)

„No One Like You“ (Scorpions)

„Only a Lad“ (Oingo Boingo)

„Radar Love“ (White Lion)

„Ballroom Blitz“ (Krokus)

„The Warrior“ (Scandal)

„What I Like About You“ (The Romantics)

„Wrath Child“ (Iron Maiden)

„18 and Life“ (Skid Row)

„Bathroom Wall“ (Faster Pussycat)

„Lonely is the Night“ (Billy Squier)

„Nothing But a Good Time“ (Poison)

„Play With Me“ (Extreme)

„Shaken“ (Eddie Money)

„Synchronicity II“ (Police)

„I Wanna Rock“ (Twisted Sister)

„I Ran“ (Flock of Seagulls)

„Round and Round“ (Ratt)

„Metal Health“ (Quiet Riot)

„Holy Diver“ (Dio)

„Heat Of The Moment“ (Asia)

Die Scorpions? Accept? Dio? Twisted Sister? Winger? Krokus? Extreme? Judas Priest? Iron Maiden? WTF?

Das fiel den Entwicklern also zum Thema “Gitarrenmusik aus den 80ern“ ein? Wahrscheinlich habe ich die 80er in einer Parallelwelt verbracht, in welcher dieser Müll zwar auch existierte, aber glücklicherweise auch viel bessere Musik, so dass ich diese zu Noten gewordenen Menschenrechtsverletzungen geflissentlich ignorieren konnte. Puh, Glück gehabt! Hätte ich meine Teenagerjahre in einer Dimension verbracht, wo die obige Liste wirklich repräsentativ für die Rockmusik der 80er gewesen wäre, hätte ich es höchstwahrscheinlich nicht einmal bis zum Abitur gebracht, weil mir irgendein spätpubertärer Suizid dazwischen gekommen wäre…

Die einzigen halbwegs vernunftbegabten Wesen, die ich jemals beim realen Abrocken zu solcher Musik erleben durfte, und „vernunftbegabt“ ist in diesem Zusammenhang eine Schmeichelei sondersgleichen, waren die stockbesoffenen Bauernjungs, die in den 80ern jede Mehrzweckhallenveranstaltung im Emsland dominierten (und es wahrscheinlich noch immer tun). Und bis heute konnte mir kein Mensch schlüssig erklären, warum homophobe 150kg-Jungbauern zu Musik von diesen tuckigen Möchtegern-Langhaar-Rockern abgehen…

Um es also auf den Punkt zu bringen: Die Tracklist ist eine perfekte Sammlung all jener Spack-Bands, die mich schon in den seligen 80erjahren zum Dauerkotzen gebracht haben.

Die wenigen Bands der obigen Horrorliste, die ich damals tatsächlich auch selbst gehört habe ist kurz:

Dead Kennedys, A Flock Of Seagulls und Police. Ende.

Und selbst diese popeligen drei Songs kann ich nicht einmal richtig genießen, da „Synchronicity II“ von Police der wohl am beschissensten zu spielende Song im ganzen Spiel ist.

Jetzt stellt sich natürlich jeder Leser unwillkürlich die Frage, warum ich es mir trotz dieser Musikzusammenstellung überhaupt geholt habe. Der Grund ist schlicht und einfach, dass ich bei GH1 und 2 zuvor die Erfahrung gemacht habe, dass auch viele Songs, die ich nicht mal mit der Kneifzange in den heimischen CD-Player einlegen würde, trotzdem sehr viel Spaß beim Spielen gemacht haben!

Bei Encore ist dem aber leider nicht so, weil a) die Musikauswahl einfach zu sehr neben meinem persönlichen Geschmack liegt und b) viele Songs auch noch spielerisch vermurkst wurden. Für Behauptung b) ist SpielerinZwei meine Kontrollinstanz, die mir bestätigt hat, dass nicht nur ich den Eindruck habe, dass sich viele der Songs auf Encore bezüglich der Anordnung der zu spielenden Noten „merkwürdig anfühlen“. Ich kann und will jetzt keine Note-für-Note-Analyse einzelner Songs durchführen. Es ist halt nur ein subjektiver Eindruck, den wir da haben, aber sehr viele der Stücke fühlen sich einfach irgendwie falsch an und machen demzufolge einfach kein Stück Spaß.

Ich will keinesfalls behaupten, dass es zu dem Spiel nicht auch andere Meinungen gibt. So findet beispielsweise SpielerDrei das alles gar nicht so schlimm. Dies liegt nicht etwa daran, wie man vielleicht meinen könnte, dass er ein langhaariger Rollenspiel-Comicshop-Troll ist, was zwar ungelogen der Wahrheit entspricht, aber nur auf Äußerlichkeiten beruht und nicht seinen tatsächlichen Musikgeschmack widerspiegelt (ich habe ehrlich gesagt nicht den blassesten Schimmer, was SpielerDrei so für Musik hört…). Nein, es liegt einfach daran, dass er die Gabe besitzt, bei Musikspielen das eigentliche Gameplay von der Musik des Spiels zu entkoppeln, was dazu führt, dass er bei SingStar selbst die größte Grütze mit aller zur Verfügung stehenden Inbrunst zum Besten gibt und auch vor diversen Tanzmattenspielen nicht halt macht, egal wie schlecht die enthaltenen Songs sind („Britney’s Dance Beat“ anyone?).

Ein Verhalten, dass im krassen Gegensatz zu SpielerEins’ Gewohnheiten steht, der zwar Frequency und Amplitude abgöttisch liebt, aber Guitar Hero absolut nichts abgewinnen kann, weil er tendenziell eher die elektronische Ecke bevorzugt…

Das Allertraurigste an Guitar Hero Encore ist für mich persönlich die Tatsache, dass es tatsächlich noch von HARMONIX entwickelt wurde. Ich könnte diesen Griff ins Klo wesentlich besser wegstecken, wenn er schon von Neversoft (den Entwicklern von GH3) verbrochen worden wäre. Dann wäre meine Musikspiel-Fanboy-Welt nämlich noch in Ordnung, weil ich die GH-Serie von nun an abschreiben und mich auf Rock Band, das neue Baby von HARMONIX, freuen könnte. Die Realität sieht jetzt aber so aus:

HARMONIX haben ihrer eigenen genialen Kreation zum Abschied ein grottenschlechtes Cash Cow-AddOn für den emsländischen Bauernnachwuchs hinzugefügt, das der Serie alles andere als gut tut, wo hingegen die bisher veröffentlichten Songs der GH3-Tracklist hoffen lassen, dass Neversoft den Nachfolgerjob doch recht gut machen könnte, zumal GH3 wohl diverse interessante Online-Features bieten wird.

Demzufolge hat meine Skepsis GH3 gegenüber durch Encore im gleichen Maße abgenommen, wie leider auch meine Vorfreude auf Rock Band.

Es ist vielleicht ja doch noch nicht aller Tage Abend für die Guitar Hero-Serie. Es ist immerhin denkbar, dass der dritte Teil doch wieder besser und die Serie dauerhaft doch kein zweites SingStar wird, wo seit den ersten beiden Ausgaben nur noch eine überflüssige Müll-Fortsetzung die nächste jagt…

Wie dem auch sei. Wer nicht über SpielerDreis einzigartige Gabe verfügt, die Musik in einem Musikspiel einfach zu ignorieren, wird wenig Freude an Guitar Hero Encore: Rocks The 80s haben. Sollte es unter Euch Junkies tatsächlich Leute geben, die ernsthaft etwas mit obiger Tracklist anfangen können, dann empfehle ich Euch den Kauf natürlich aufs Wärmste! Aber löscht mich danach bitte sofort aus Euren Bookmarks, ok?!


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