Scherenschnitt und Geduldsfaden

So langsam verliere ich ja ein wenig die Geduld mit Nintendos neuer Kiste. Nach der anfänglichen Euphorie, in welcher auch ich durch Minispiele wie Rayman Raving Rabbids oder WiiSports zu begeistern war, geht es mir langsam auf den Sack, dass das Software-LineUp der Wii fast ausschließlich aus halbgaren Portierungen und eben jenen Minispielen besteht. Außer Zelda:TP, Eledees und Excite Truck gab es bisher keine vollwertigen Singleplayer-Spiele, die mich wirklich überzeugen konnten.
Damit mich jetzt niemand falsch versteht: Ich bin nach wie vor vom Konzept und den Möglichkeiten der Wii überzeugt! Aber nach fast einem Jahr am Markt muss sich die Wii der selben Kritik stellen wie Sonys PS3: Wo bleiben die echten Spiele-Hits?!
Und speziell an Nintendo gerichtet: Wo bleiben die Spiele-Hits für den Nicht-Casual-Gamer?!

Mir ist durchaus klar, dass die Wii eine sehr gute Ausrede hat, auf die sich die PS3 nicht zurückziehen kann: Die meisten Entwickler und Publisher hatten die Wii vor ihrem überwältigenden Markterfolg nicht wirklich als ernsthafte Plattform auf dem Radar und haben so viel zu spät mit der Entwicklung von ambitionierten Exklusivtiteln begonnen. Das meiste, was bisher von 3rd-Party-Herstellern für die Wii erschien, kann man getrost als „Schnellschuss“ verbuchen. Diese Situation wird sich 2008/2009 vermutlich stark verbessern.
Aber zumindest Nintendo selbst hätte im ersten Jahr mehr Titel mit Substanz und Anreiz für den gestandenen Gamer im Portfolio haben müssen als es derzeit tatsächlich der Fall ist. Zelda:TP allein reicht da einfach nicht!

Aber zum Glück gibt es ja jetzt endlich Super Paper Mario in Europa! Laut SpielerDrei, der ja bekanntermaßen sehr freizügig mit der Bezeichnung „Bestes Bla und Blub evar!“ um sich schmeißt, ist Paper Mario „eine der besten Rollenspiel-Serien evar!“. Mal sehen, ob ich der gleichen Meinung bin wie unser hauseigener Nerd…

Den ersten Teil der Paper Mario Reihe, der 2001 für das N64 erschien und seinerseits der inoffizielle Nachfolger von Mario RPG: Legend Of The Seven Stars (SNES 1996) war, kenne ich nur vom Zuschauen, da ich selbst kein N64 besaß (und für die VC-Version noch keine Zeit hatte). Den zweiten Teil, Paper Mario: The Thousand-Year Door (2004), habe ich allerdings auf dem GameCube selbst gespielt und musste dem Spiel leider attestieren, dass es mir anfänglich extrem viel Spaß gemacht hat, dann aber ab etwa der Hälfte immer mehr zur reinen Fleißarbeit ausartete. Die gut erzählte Geschichte, das außergewöhnliche Spieldesign und die gehörige Portion Selbstironie trieben mich zwar bis zum Ende des Spiels, aber das Gameplay fand ich nach einiger Zeit ermüdend, was im Wesentlichen an den immer gleichen „Arenakämpfen“ auf der Theaterbühne lag. Ein Problem, das meiner Meinung nach sehr vielen RPGs innewohnt, die ähnliche Kampfsystem besitzen (z.B. die Final Fantasy-Serie). Ich präferiere da mehr die „Halb-Echtzeit-Variante“, wie man sie beispielsweise in den Baldur’s Gate-Titeln findet.

Glücklicherweise gibt es diese Arenakämpfe in Super Paper Mario nicht mehr, was für mich zunächst einmal sehr positiv ist. Sämtliche Kämpfe sind actionorientiert und unterbrechen so den Spielfluss nicht mehr unnötig. Aber nicht nur in diesem Punkt unterscheidet sich SPM von seinen Vorgängern: Generell wurde die gesamte Spielmechanik in Richtung Jump’n’Run verschoben was das ganze Spiel im Endeffekt zu einer Art „Jump’n’Run-Action-Adventure“ macht.
Super Paper Mario ist an sehr vielen Stellen eine liebevolle Hommage an die klassischen Super Mario Bros.-Spiele, was sicherlich vielen Menschen sehr gefallen wird. Mir sagt das allerdings weniger zu, da 2D-Hüpfspiele noch nie wirklich mein Ding waren. Außerdem ist das Spiel dadurch wesentlich weniger ein Rollenspiel als noch seine Vorgänger. Man hat zwar immer noch die Charakterwerte, die sich mit der Zeit verbessern, die unterschiedlichen Charaktere, die sich nach und nach der Party anschließen, und das Inventar, in dem man allerlei Pilze und andere Drogen mit sich herumträgt, aber irgendwie will doch kein richtiges RPG-Gefühl aufkommen. Ich kann nicht einmal genau sagen, woran das liegt. Vielleicht ist es die fehlende Auswahl, welche Charakterwerte überhaupt steigen sollen, denn in SPM steigt man lediglich regelmäßig im Level auf, was dann automatische Verbesserungen von Angriff, Abwehr, Lebensenergie, usw. nach sich zieht. Zudem gelten diese Verbesserungen automatisch für alle Mitglieder der Party, da auch hier nicht mehr differenziert wird.
Vielleicht liegt es aber auch an der relativen Belanglosigkeit des erreichten Charakterlevels, da dieser lediglich für einige wenige Sidequests mit erhöhtem Schwierigkeitsfaktor, aber nicht für die eigentliche Hauptgeschichte von irgendeiner größeren Bedeutung ist.
Natürlich ist SPM sowieso kein RPG im eigentlichen Sinne mehr und hat mit seinen beiden Vorgängern nur noch den namengebenden „2D-Scherenschnittfiguren-in-3D-Umgebung“-Stil gemein, was einen direkten Vergleich ohnehin unsinnig macht. Aber wenn man schon RPG-Elemente in ein Spiel einbaut, dann doch bitte auch mit spürbaren Auswirkungen auf den Spielverlauf…

Allgemein kann man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die guten Ideen, die zweifellos in SPM stecken, nicht ausreichen, um das vollständige Spiel bis zum Ende auf hohem Niveau zu tragen.
Anfangs begeistert das Spiel sehr: Die Mischung aus dem klassischen Paper Mario-Stil, also 2D-Figuren und -Kulissen in einer 3D-Welt, und der ganz tiefen Gameplay-Verbeugung vor Marios Ursprungs-Genre, dem 2D-Jump’n’Run, überzeugt augenblicklich. Das neue Spielelement, die gewohnte 2D-Seitenansicht um 90° drehen zu können und so gewissermaßen doch 3D-Gameplay zu erzeugen, gibt SPM zudem die nötige Portion spielerischer Rechtfertigung, die vielen anderen Spielfortsetzungen oft fehlt. Und um die Sache vollends Rund zu machen, begeistert auch die narrative Seite des Ganzen. So viel Selbstironie, besonders wenn es sich um eine Figur wie Mario handelt, die ja, unabhängig davon, ob man ihn nun liebt oder hasst, eine regelrechte Institution unter den Spielcharakteren darstellt, findet man in Videospielen äußerst selten. Die vielen Scherze auf Marios Kosten (vom Schnauzbart bis zur roten Latzhose wird nichts ausgelassen) und die generelle Persiflage auf grundlegende Murmeltier-Tag-Muster der meisten Nintendospiele (z.B. die Überraschung aller Protagonisten, dass Peach diesmal nicht von Bowser, sondern jemand anderem entführt wurde) dürfte auch, oder vielleicht sogar besonders, die eingefleischten Mario-Hasser unterhalten!
Besonders wer die Vorgänger nicht kennt, sollte allein wegen der ausgefallenen Präsentation mal ein Auge riskieren. Der Grafikstil der Serie, welcher grundsätzlich als eine Parodie auf den allgemeinen 3D-Wahn zu verstehen ist, macht die Spiele optisch sehr einzigartig und weiß auch deshalb zu gefallen, weil das Ganze kein bloßes Gimmick ist, sondern auch spielerisch voll eingebunden wird. Grundsätzlich sind die Paper Marios zwar selbst auch 3D-Spiele, nur mit dem Unterschied, dass alle Figuren und auch große Teile der Umgebung zweidimensional sind, weshalb sie so wirken, als ob man sie aus Papier ausgeschnitten hätte. Von der Seite sehen die dann auch aus wie Striche in der Landschaft.

Aber dann kam für mich irgendwann der Punkt, an dem all das kippte:
Viele der späteren Welten sind längst nicht so gut designed wie die ersten 3-4 Kapitel. Zu schnell verbraucht sich der spartanische Grafikstil; zumindest wenn man die Vorgänger bereits kennt. Die Story ist ab etwa der Hälfte des Spiels dermaßen durchschaubar, dass die kontinuierlich bedeutungsschwangeren Dialoge im weiteren Verlauf irgendwann anfangen zu nerven, weil man sich intellektuell unterfordert fühlt. Für jeden Spieler, der älter als 12 Jahre ist, dürfte die Beziehung zwischen Graf Knickwitz und dem Pixl Tippi recht schnell klar sein. Dies führt wiederum dazu, dass man sich den Ausgang der ganzen Geschichte recht früh zusammenreimen kann. Auch Dimenzios Doppelspiel wird viel zu früh mehrfach angedeutet, so dass die reine Erwähnung dieser Dinge hier auch keine wirkliche Spoilerei meinerseits bedeutet. Ebenso sind viele andere Storytwists so offensichtlich, dass sie einen, so sie denn dann gegen Ende des Spiels enthüllt werden, nur noch zu einem müden Schulterzucken animieren.
Und auch das Gameplay selbst verliert immer mehr an Reiz, je länger man spielt, denn man merkt irgendwann, dass 50% der vielen Elemente spielerisch völlig belanglos sind:
Von den vielen Extras, die man im Inventar hat, setzt man lediglich jene regelmäßig ein, die die Gesundheit wiederherstellen. Der Rest ist überwiegend Schnickschnack. Auch der ständige Wechsel zwischen den vier Hauptprotagonisten Mario, Luigi, Peach und Bowser sowie den verschiedenen Pixls, der wegen ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten oft unumgänglich ist, nervt gegen Ende ein wenig, weil er in meinen Augen den Spielfluss mehr bremst, als er ihm gut tut, denn immerhin reden wir hier primär von einem Jump’n’Run und eben nicht mehr von einem richtigen Rollenspiel wie noch bei den Vorgängern.
Und nicht zuletzt gibt es einige Rätsel im Spiel, die schlicht weg zu Hängern werden, weil man nur durch Zufall auf ihre Lösung stößt. Als Beispiel sei hier nur die Sache mit Luigi in „Untendrunten“, der Videospielfigurunterwelt genannt, wo man so lange ahnungslos durch den Level rennt, bis man sich dann doch mal traut, in den vermeintlich tödlichen Fluss der Unterwelt zu springen, um dort dann Luigi zu finden. Wer nicht bereit ist, einfach mal probehalber in irgendeine Grube zu springen, wird an einigen Stellen in Super Paper Mario viel Zeit mit ziellosem Herumlaufen verplempern und die 20 bis 25 Stunden Spielzeit um einiges verlängern. Der ansonsten recht ausgewogene Schwierigkeitsgrad wird dadurch manchmal unnötig nach oben gebrochen, wohingegen die Bosskämpfe ausnahmslos einem Kindergeburtstag gleichkommen, was ebenfalls ein wenig unglücklich ist.

Super Paper Mario ist mit Sicherheit kein schlechtes Spiel. Das ausgefallene Design, die vielen spaßigen Anspielungen auf Nintendos Mario-Universum und das Videospielen an sich, die gelungene Steuerung und die durchaus mutige Veränderung der Serie vom Rollenspiel zum Jump’n’Run-Adventure macht unterm Strich durchaus Laune.
Allerdings bleibt es doch hinter den Erwartungen vieler Wii-Besitzer (zumindest meinen eigenen) zurück, die lange Durststrecke der Konsole in Bezug auf herausragende Singleplayerkost zu beenden. Es funktioniert nicht wirklich als Rollenspiel, kann aber auch als Jump’n’Run nicht voll überzeugen, da es hierfür, vor allem durch die Rätsel und sonstigen Adventure-Anleihen, zu behäbig im Ablauf ist und auch das eigenwillige, teils recht beengte Leveldesign kein richtig klassisches Hüpfspiel hergibt.

Ich möchte meine Meinung zu Super Paper Mario aber auf keinen Fall als Verriss verstanden wissen! Ich betone dies noch einmal, auch auf die Gefahr hin, mich ständig zu wiederholen, weil mir durchaus bewusst ist, dass man den einen oder anderen Absatz in diesem Artikel durchaus so lesen kann.
Super Paper Mario ist ein wirklich nettes Spiel, aber leider eben kein herausragendes. Doch genau das, ein herausragendes Singleplayerspiel, braucht die Wii derzeit so dringend, um am Ende nicht doch von den anderen Konsolen softwaretechnisch rechts überholt zu werden. Und aus diesem Zusammenhang heraus bin ich doch etwas enttäuscht von SPM.

Für mich persönlich bedeutet dies im Moment folgendes:
Da die Wii immer noch nicht so richtig mit einer befriedigenden Anzahl interessanter Spiele aus der Hüfte kommt, mir die PS3 aus vielerlei Gründen denkbar unsympathisch ist und mein Wunsch nach einer XBOX 360 vom noch größeren Wunsch nach einer Konsole, die nicht mit einer Fifty-Fifty-Chance potentiell abrauch-gefährdet ist, übertroffen wird, spiele ich im Moment wieder hauptsächlich am PC; nicht zuletzt, weil hier nach vielen öden Monaten derzeit endlich wieder tonnenweise tolle Spiele erscheinen!
Wenn Super Mario Galaxy, Metroid Prime 3, No More Heroes, NiGHTS, Zack & Wiki und ein paar andere interessante Wii-Ankündigungen für die nächsten Monate ebenfalls nicht in der Lage sind, den hohen Erwartungen gerecht zu werden, verliert die Wii bald auch den geduldigsten Nicht-Casual-Gamer (Eine doofe Formulierung, ich weiß, aber „Hardcore-Gamer“ trifft es ja auch nicht, da dies noch mal ein ganz anderes Klientel beschreibt…) als Fan. Ich bin zwar relativ zuversichtlich, dass die Mehrzahl der oben genannten Titel das derzeitige Spieleloch ein wenig füllen werden, aber Super Paper Mario tut dies, zumindest für mich, nicht in befriedigender Weise. Und die Uhr tickt, denn Nintendos Konkurrenz schläft bekanntermaßen auch nicht. Na ja, zumindest Microsoft nicht, während Sony bezüglich der PS3 nicht müde wird, weiterhin einen Marketing- und PR-Fehler nach dem anderen zu begehen…


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