Sieben Tage

Neku Sakuraba kommt mitten auf einer Kreuzung im dem Tokoyter In-Viertel Shibuya zu sich. Aus irgendeinem Grund ist er für die anderen Passanten nicht sichtbar. In seiner Hosentasche findet er einen Pin, der es ihm ermöglicht, die Gedanken der Menschen um ihn herum zu lesen (später wird er sogar Jedi-like Gedanken implantieren können). Hört sich jetzt ja gar nicht so schlecht an, wäre da nicht die Sache mit seiner Erinnerung. Außer seinem Namen weiss er nämlich nichts mehr über sich und sein bisheriges Leben. Zu allem Überfluss erhält er jetzt auch noch eine SMS mit dem folgenden Inhalt: „Reach 104. You have 60 minutes. Fail, and face erasure. -The Reapers“ und in seiner Hand erscheint ein Timer von 60 Minuten, der erbarmungslos heruntertickt.

So beginnt das neue Action RPG von Sqenix und Jupiter. Was Neku noch nicht weiss ist, er befindet sich in einem Spiel. Einem Spiel, das für die Verlierer ernsthafte Konsequenzen nach sich zieht. Auch Gewinner gewinnen nicht immer. Mehr will ich zur Story von „The World Ends With You“ nicht verraten, schließlich ist sie die treibende Kraft, die einen bei der Stange hält. Mal ganz davon abgesehen kann ich nicht von mir behaupten, die Geschichte und vor allem die Motivationen der einzelnen Personen bis ins Kleinste durchschaut zu haben, aber dazu an späterer Stelle mehr.

Was ist TWEWY? Manche Reviewer beschreiben es als „Shop till u Drop kindo’ Game“, manche auch als hektisches Rumgefuchtel mit dem Stylus. Für mich ist es ein Spiel mit einem innovativen Setting, einem hochinteressanten Levelkonzept und einem grandiosen Kampfsystem. Warum? Das erfahrt ihr, falls ihr euch entscheiden solltet weiterzulesen.

Neku befindet sich also in einer (ihm fremden?) Großstadt, er hat sein Gedächtnis verloren und außer seinen Klamotten am Leib und seinem Handy keinerlei weltlichen Besitz. Zudem hat sich eine Bande, die sich die „Reaper“ nennen, seine Handynummer beschafft und setzt ihn mit gemeinen SMS unter Druck. Nicht zu vergessen die übernatürlichen Komponenten: Gedankenlesen? Unsichtbarkeit? Timer erscheinen in der Handfläche? Das alles in passiert einer Stadt, die einen durchaus lebendigen Eindruck vermittelt. Klingt doch anders als das standardmäßige J-RPG Setting. Gewürzt mit haufenweise Anspielungen auf andere Spiele, Filme und Popkultur im Allgemeinen durchaus unterhaltsam. Stellenweise geht es sogar philosophisch zu, aber ich wollte ja nicht zuviel verraten.

Erwähnenswert ist auch das Levelsystem. Es handelt sich bis auf die Bosskämpfe um so genannte „Player chosen Encounters“. Das heißt, dass man hier im Gegensatz zu den meisten FinalFantasies dieser Welt selber entscheiden kann, wann man levelt und wann man die Story weiterspielt. Wobei das Grinden hier nicht so dermaßen im Vordergrund steht, wie bei dem v. g. Vertreter des Genres. Dies liegt darin begründet, dass das Charakter-Level nur die Menge der HP bestimmt. Die Stats (sind sehr übersichtlich – es gibt nur Angriff und Verteidigung) werden von den getragenen Ausrüstungsgegenständen beeinflusst. Das Tragen dieser Gegenstände wiederum ist von dem Mut des Charakters abhängig. Je höher dieser ist, desto bessere Kleidungsstücke und Accessoires kann man tragen. Und den Mut wiederum kann man nur durch das Verzehren von Nahrung erhöhen. Die Menge, die aufgenommen werden kann, ist jedoch limitiert. Und zwar an Echtzeit gebunden. Das heißt, dass pro Tag eine Grenze gesetzt ist, über die hinaus man seine Werte nicht pushen kann. Eine klare Absage an Dauerspieler, ähnlich wie bei WoW, wo die erhaltene Exp. mit fortschreitender Spieldauer abnimmt.

Was den Kernpunkt des Spiels ausmacht ist jedoch sein innovatives Kampfsystem. Gesteuert werden zwei Charaktere auf zwei Bildschirmen. Und das gleichzeitig. Beide kämpfen gegen dieselben Gegner, teilen sich dieselbe Lebensanzeige und können dicke Kombos lostreten. Hört sich recht hektisch an und genau das ist es anfangs auch. Genau genommen bleibt es das ganze Spiel über hektisch, wenn ihr also in der Bahn jemanden sitzen seht, der sein DS anpustet, anschreit, wild auf dem Steuerkreuz rumdrückt und gleichzeitig den Stylus mit einer Geschwindigkeit bewegt, dass er vor euren Augen verschwimmt, dann stehen die Chancen gut, dass er gerade TWEWY spielt. Keine Sorge, mit Fortschreiten des Spiels kommt durch die Übung mehr und mehr Kontrolle und Koordination hinzu.

Während sich der Kämpfer auf dem oberen Bildschirm nur auf seine physischen Kräfte verlassen muss, kann Neku, der ausschließlich auf dem Touchscreen gespielt wird, auf eine grosse Palette an Fähigkeiten zurückgreifen. Diese werden durch Pins dargestellt. Hier existieren diverse Klassen, von Nah- oder Fernkampf über passive Fertigkeiten bis hin zu Magie- und Heilfähigkeiten ist alles vertreten. Im Laufe des Spiels sammelt man immer neue Exemplare, die immer wirkungsvollere Attacken repräsentieren. Anfangs ist man während der Kämpfe auf drei Pins beschränkt, im Laufe des Spiels kann man bis zu sechs Pins einsetzen. Ziel ist es, eine möglichst schlagkräftige Kombination zu finden, was anhand der Menge der Pins nicht immer einfach ist. Wer sich nicht festlegen möchte, kann auch diverse Pin-Kombinationen als Setup speichern und bei Bedarf equippen.

Was dem ganzen weitere Tiefe verleiht, ist dass die Pins in der Regel aufstufbar sind. Sie können zwischen 1 und 20 Stufen aufsteigen und werden dementsprechend auch stärker. Haben sie den höchsten Level erreicht, besteht die Chance, dass sie auf die nächste Evolutionsstufe springen. Das heißt, man hat einen neuen Pin mit denselben Fertigkeiten – nur in besser. Diesen kann man natürlich wieder aufstufen. Übrigens sammeln die angelegten Pins auch Erfahrung, wenn man nicht spielt. Dies ist nicht nur ein kleines Gimmick, manche Pins benötigen diese Art von Erfahrung, um überhaupt aufsteigen zu können. Ein weiteres Feature, um Pausen zu belohnen.

Doch damit nicht genug, um das Kampfsystem noch interessanter zu machen, werden die einzelnen Pins von einzelnen (Kleider-)Marken vertrieben. Shibuya ist bekanntlich das Soho von Tokyo und daher spielen hier Trends eine grosse Rolle. So sind je nach Strasse, in der man sich gerade aufhält, andere Marken „hip“. Je nachdem wie angesagt eine Marke ist, desto stärker ist der Angriff des entsprechenden Pins. Geht natürlich auch andersrum, Pins können auch schwächer werden. Aber damit immer noch nicht genug – man kann als Spieler beeinflussen, welche Marke wie stark wird. An dieser Stelle höre ich dann auch mal auf, über das Kampfsystem zu schwadronieren, ich denke es ist inzwischen klar geworden, wie umfangreich die ganze Geschichte ist. Trotzdem ist es leicht zu durchschauen und schnell verstanden. Genau wie es sein muss.

Ach, eins vielleicht noch. Schwierigkeit der Gegner und Level des eigenen Charakters sind jederzeit frei einstellbar. Höhere Schwierigkeit bedeutet mehr Erfahrungspunkte und hochwertigere Drops – nicht zu vergessen die höhere Schwierigkeit. Die Senkung des Levels seines Charakters erhöht die Dropchance, mindert allerdings die HP. Es gilt also immer, einen für sich gangbaren Mittelweg zu finden.

Ein paar Punkte sind mir natürlich auch negativ aufgefallen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. So kann es manchmal passieren, dass so gut das Kampfsystem auch ist, die Styluseingaben nicht richtig interpretiert werden. Ist allerdings nicht weiter schlimm, dann schwenkt man einfach auf einen anderen Angriff, sprich eine andere Stylusbewegung, um. Ein weiterer Punkt sind die Zeitangaben der einzelnen Missionen (siehe „You have 60 minutes“). Das Spiel integriert die Echtzeit bereits stellenweise (man kann sich z.B. nur einmal am Tag den Magen voll schlagen), im HUD ist sogar die Echtzeit eingeblendet, aber die Missionen scheinen mir nicht zeitkritisch zu sein. So kann man für eine 60 Minuten Mission auch gerne 3 Stunden brauchen. Der Spielfortschritt ist nicht zeit- sondern eventgetriggert. Hier hätte man noch einiges mehr an Spannung und Immersion rausholen können, dieses Potenzial wurde leider verschenkt.

Schade ist auch, dass man zwar gar mannigfaltige Möglichkeiten hat, seinen Charakter anzuziehen, dies aber nicht ins Spiel übernommen wird, die Herrschaften sehen immer gleich aus. Bei näherer Überlegung vielleicht doch nicht so schlecht bzw. eine Schutzmaßnahme, schließlich können sämtliche Ausrüstungsgegenstände geschlechtsunabhängig equipped werden. So kann es schon mal passieren, das Neku in roten Pumps mit Handtasche und einem leichten Sommerkleid rumrennt, weil es die zu diesem Zeitpunkt stärksten Items sind. Und wer bitte will sich das ernsthaft antun? Außerdem hat das Spiel eine 12+ Freigabe. Zielgruppe sind allerdings deutlich ältere Spieler, schon alleine weil das Spiel auch in Europa nur in englischer Sprache erschienen ist.

Unterm Strich bleibt ein sehr unterhaltsamer Titel, der mich dauerhaft (ca. 30 Stunden bis zu den Credits) von anderen Aktivitäten abgehalten hat und immer noch abhält. Denn ganz sqenix-like ist das Spiel nach Abschluss des Haupthandlungsstranges nicht zu Ende. Wenn man wie ich die Geschichte nicht in vollem Umfang geschnallt hat, hat man die Möglichkeit, zusätzliche Informationen in Form von „Special Reports“ zu erspielen. Zudem wird eine Bonusmission freigeschaltet, in der man nach Herzenslust grinden (wems gefällt..) und neue Pins sammeln kann. Zum Glück ist es auf dem DS erschienen, so dass man auch in der Sonne spielen kann. Auf jedem anderen System würde „The World Ends With You“ sowieso nicht funktionieren.


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9 Kommentare

  1. Alanar - 21.12.2008 19:12

    Es freut mich wirklich, dass das Spiel doch einen ansehnlichen Freundeskreis findet. Habe schon seit Ankündigung ein Auge auf „The World Ends with You“ gehabt und reichlich Zeit mit der japanischen Fassung verbracht, als ein Kumpel sich diese zugelegt hatte.
    Zwischen all den „Final Fantasy“- und „Dragon Quest“-Teilen und -Remakes ist „The World Ends with You“ endlich mal wieder eine neue Perle, die schon lange überfällig war.

    Die USK hat dem Spiel übrigens einen „ab 6 Jahren“-Stempel verpasst, wenn mich meine Verpackung nicht anlügen sollte. Nur so ein kleines, unwichtiges Detail. ;)

  2. Holger- - 21.12.2008 19:13

    Hast natuerlich Recht Alanar, hatte mich faelschlicherweise auf die PEGI Freigabe bezogen. Ist halt das groessere Symbol ;-)

  3. laZee - 21.12.2008 19:14

    Mir hätte es gefallen, wenn irgendwo am Anfang des Artikels gestanden hätte, dass es sich um ein Nintendo DS Spiel handelt… dann hätte ich nicht den halben Artikel lesen müssen um das festzustellen – denn ohne DS interessiert mich das nicht so.

  4. milage - 21.12.2008 19:14

    klingt interessant, wird auf jedenfall mal angespielt.
    schön das es auch endlich mal ein spiel von square/enix gibt, welches nicht das standard j-rpg setting nutzt.

  5. nille- - 21.12.2008 19:15

    Obwohl ich keinen DS besitze, interessiert mich das Spiel sehr.
    Wenn nicht Gerät und Spiele so unverschämt teuer wären, hätte ich für Spiele wie dieses längst eines gekauft.

  6. Tadian - 21.12.2008 19:17

    Oh ja, ich wollte mir ja schon lange mal einen DS zulegen.
    Jetzt hab ich dieses Review gelesen und wusste bis zur hälfte des Textes garnicht für welches System es ist.

    Teuer ist ein DS nicht wirklich allerdings befürchte ich zu wenig wirklich gute Spiele die ich nicht auch „gemütlicher“ auf dem PC oder meiner Wii genießen kann.

    Der DS wäre eher dafür mal unterwegs, im Park oder abend im Bett noch ein ründchen zu zocken.
    Oder eignet sich da ne PSP vielleicht besser?
    Ich hab leider garkeinen überblick über vorhande Spiele für portable Spielgeräte
    :D
    Wie wäre es mal mit einem Artikel NDS vs. PSP?
    Nicht wirklich als vs. gesehen sondern eher als vergleich, was gibt es für welches Gerät.

  7. SpielerZwei- - 21.12.2008 19:17

    Unser (oldschool-) DS liegt seit fast einem Jahr unbenutzt im Schrank. Das liegt aber daran, dass ich generell kein Handheld-Typ bin. Mir fehlen die typischen Gelegenheiten, das Teil zu nutzen (U-Bahn, Zug, Langeweile bei der Arbeit, etc.). Hätte ich eine PSP, wäre es genau so. Und wenn ich daheim bin, spiele ich halt lieber mit den großen Brüdern (Konsole/PC). Nicht einmal das neue Zelda habe ich mir gekauft. Und das fand ich eigentlich höchst interessant…!

  8. ness - 21.12.2008 19:19

    @ Tadian: Befürchtung vor zu wenig gute Spiele?

    – Mario Kart DS
    – Castlevania: Dawn of Sorrow
    – Advance Wars: Dual Strike
    – The Legend of Zelda: Phantom Hourglass
    – New Super Mario Bros.
    – The World Ends With You
    – Meteos
    – Elite Beat Agents
    – Tetris DS
    – Animal Crossing: Wild World
    – Super Mario 64 DS
    – Professor Layton and the Curious Village
    – Advance Wars: Days of Ruin
    – Mario & Luigi: Partners in Time
    – Pokemon Diamant/Perl
    – Castlevania: Portrait of Ruin
    – Metroid Prime: Hunters
    – Ninja Gaiden Dragon Sword
    – 42 Spieleklassiker
    – Sonic Rush
    – Phoenix Wright: Ace Attorney
    – Yoshi’s Island DS
    – Final Fantasy III
    – Wario Ware
    – Anno 1701
    – Hotel Dusk: Room 215

    Um nur mal eine nicht komplette Auswahl von wirklich tollen Spielen zu nennen^^.

    Ich will meinen DS garnicht missen^^.

  9. Holger- - 21.12.2008 19:19

    Und abgesehen von den guten Spielen kommt für mich ein Handheld nur mit der entsprechenden Akkuleistung/Spieldauer in Frage. Weiss nicht, ob sich da inzwischen was getan hat, aber als ich seinerzeit vor der Entscheidung stand galt: NDS > 10 Stunden und PSP < 4 Stunden. Da fiel die Entscheidung relativ leicht. An Titeln für die PSP würden mich schon ein paar reizen (EEE oder Exit zum Beispiel), aber ein Gerät reicht mir. Und ich denke, es war auf jedenfall die bessere Entscheidung.

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