Screenshot – Limbo

About a Boy

Ich könnte es mir einfach machen und euch ohne schlechtes Gewissen im Imperativ zurufen: Kaufbefehl: Limbo!

Oder ich könnte es mir schwer machen, und in dieses kleine Downloadspielchen des dänischen Entwicklers Playdead mit dem bedeutungschwangeren Titel “LIMBO” eine verkopfte Parabel über Verlustängste, Überwindung der Einsamkeit, den Tod im Allgemeinen und der unendlichen Suche nach dem Seelenverwandten rein interpretieren. In der darauf folgenden Überlegung, ob Spiele nun Kunst sein wollen, können oder bereits sind, würde jedoch das eigentliche Spiel nur eine Randnotiz bleiben und das wäre nicht nur ungerecht sondern wirklich schade.

Denn Limbo ist, trotz der kunstvollen Präsentation, in erster Linie ein gutes, sogar ein sehr gutes Spiel. Ein seitwärts-scrollender Puzzle-Plattformer, der mit seinen cleveren Rätseln überrascht, begeistert, Bekanntes gekonnt zitiert und viele neue, eigene Ideen einbringt.

Limbo tritt mit uns, mit dem Spieler, in einen Dialog, ohne dass eine einzige Silbe im gesamten Spiel gesprochen wird. Keine Anleitungstexte, keine Tutorials sind nötig, keine Tastenkombinationen müssen erklärt werden. Ein einfacher, intuitiver Tastendruck und der kleine Junge, bzw. der schwarze Schatten mit den zwei leuchtenden Augen, hüpft ein kleines, realistisch wirkendes Stück in die Höhe, mit dem B-Knopf streckt er seine kleinen Arme aus und interagiert mit Objekten. Kein Doublejump, keine PowerUp-Items oder Pilze mit Superkräften rauben uns die Illusion und die Stimmung, dass wir ohne einen Hinweis mitten in einem dunklen Wald aufwachen und nicht wissen, wo wir sind, warum wir hier sind oder wo wir hin wollen. Dem Jungen bleibt keine Wahl als zu Laufen und so nimmt er uns mit auf seine Reise ins Unbekannte.

Limbo verzichtet komplett auf eine musikalische Untermalung, was den Geräuschen der Umgebung eine noch tiefere Bedeutung zuteil werden lässt und die düstere Atmosphäre dadurch verstärkt. Die Welt von Limbo ist gespickt mit Hindernissen, doch unser namenloser Junge ist von etwas getrieben und versucht alles, diese immer größer und gefährlicher werdenden Hürden zu meistern. Manchmal langt es, eine Kiste zu verschieben, um einen höheren Vorsprung zu erreichen, ein andermal hilft nur genaues Studieren und Analysieren der Situation, um hinter die Lösung der oft wirklich kniffligen Aufgaben zu kommen. Oft machen wir uns die Physik dieser Welt zu Nutze, wenn wir mit Gegengewichten, Magneten, Seilen und Schwung arbeiten oder auch mal die Schwerkraft umdrehen. Ein weiteres Mal sind geschicktes Timing oder pure Logik gefragt, oft alles zusammen in Kombination. So hangeln wir uns mit dem Jungen von Aufgabe zu Aufgabe, tricksen eine uns attackierende Riesenspinne aus, entkommen Giftpfeil schießenden Einheimischen, schwingen an Seilen, aktivieren Schalter, öffnen Flutsperren, springen über rotierende Klingen, treiben auf Kisten im Wasser und überqueren defekte, elektrisierende Neontafeln – dem Tod stets ins Auge blickend.

Screenshot – Limbo

Besonders gut gefallen haben mir die Stellen, an denen die Designer mit der Erwartungshaltung und der typischen Reaktion des Spielers spielen und mich in Fallen treten lassen, bei denen ich danach schmunzelnd zugeben muss, dass ich das auch durchaus hätte vorher ahnen und sehen können, wenn ich erst kurz überlegt hätte, anstatt direkt zu handeln. Diese “Trial and Error”-Momente wirken aber nie unfair, was nicht nur daran liegt, dass die Speicherpunkte sehr gut platziert sind, sondern dass man zugegebenermaßen nur sich selbst die Schuld für den aktuellen Bildschirmtod zuschreiben kann. Ja, der Junge kann sterben, oft sogar, und das ist mitunter nicht zimperlich. Auch wenn es die simple Optik nicht vermuten lässt: Die umherfliegenden Fetzen eines kleinen Jungen, der in eine mit voller Wucht zuschnappende Bärenfalle trat, hinterlässt auch als Schattenfigur einen sehr plastischen, nachhaltigen Eindruck. Spätestens, nachdem uns nichts anderes übrig bleibt, als eine angeschwemmte Leiche als “Boot” nutzen, um über einen See zu kommen, dürfte jedem klar sein: Das wird kein harmonischer Waldspaziergang.

Findet der Junge am Ende den Weg aus dem Limbus oder gar zu seiner verlorenen Schwester, die er laut Pressetext angeblich sucht? Wer hat die Fallen im Wald aufgestellt? Woher kommen die toten Menschen, die an Bäumen aufgehängt bedrohlich im Wind baumeln und warum mussten sie sterben? Nicht alle Fragen werden in dieser Geschichte eine Antwort erhalten, aber dennoch ist Limbo in seiner Gesamtheit ein hoch erfüllendes Erlebnis. Tut euch den Gefallen, gönnt euch dieses Kleinod, nehmt euch 4-5 Stunden Zeit und genießt die wunderschöne Optik, die fordernden Rätsel und die leisen Töne dieser Geschichte ohne Worte. Limbo ist es wert, von euch gespielt zu werden.

LIMBO ist der Gewinner des “Independent Game Festivals 2010” und seit dem 21.07.2010 exklusiv für XBLA erhältlich. Danke an Playdead für die freundliche Unterstützung mit dem Reviewcode.


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23 Kommentare

  1. Ranor - 21.07.2010 13:41

    Die 1200 Punkte habe ich schon auf meinem Konto, jetzt warte ich nur noch darauf, dass Limbo endlich auf dem Marktplatz freigeschalten wird… (das früher echt besser geklappt, da waren die Neuerscheinungen pünktlich um 11 Uhr Mittwochs online)

  2. cmi - 21.07.2010 14:30

    und ich hoffe immer noch darauf, dass es eines tages auch für steam oder direkt standalone für pc kommt.. ich habe keine xbox und ich brauche keine.

    schade, dass ich dadurch solche perlen verpasse. *grmpf*

  3. Kith - 21.07.2010 14:39

    Schöne Review zu einem klasse Spiel :-)

    @Ranor – könntest es über die Website versuchen http://marketplace.xbox.com/de-DE/games/media/66acd000-77fe-1000-9115-d802584109d1/

  4. Manu - 21.07.2010 14:54

    PS: Kostet übrigens 1200 Punkte das Spiel und ist jeden Cent wert, hab ich vergessen zu sagen. Und nicht von der „relativ“ kurzen Spieldauer abhalten lassen, das Preis-/Leistungsverhältnis ist wirklich überragend, soviel Stimmung gibt’s für’s Geld echt selten.

  5. Ranor - 21.07.2010 15:16

    @ Kith

    Danke. Mittlerweile habe ich es.

  6. Nille - 21.07.2010 15:25

    Wir PC-Freunde werden andererseits vermutlich in absehbarer Zukunft das Vergnügen haben, den „IGF Student Showcase“-Gewinner „Feist“ zu spielen. ;)

  7. Kazoom - 21.07.2010 18:18

    Ich warte auf die PC-Version. Nicht weil mir 1200 Punkte zu teuer wären, sondern weil bei Mickeysoft immer noch die „wir-verkaufen-punkte-in-paketen-so-dass-immer-was-übrig-bleibt“-Politik vorherrscht.

  8. Kirby - 21.07.2010 20:05

    Auf Limbo warte ich nun schon seit ich vor Jahren den Teaser das erste Mal gesehen habe. Nun ist es draußen, aber nur für die X-Box. Ich habe keine. Hoffentlich kommt irgendwann auch noch ein PC-Release…

  9. SpielerZwei - 21.07.2010 22:39

    Tut mir leid, Euch enttäuschen zu müssen, aber laut Entwickler wird Limbo nur auf XBLA erscheinen. Ein PC- oder PS3-Release ist derzeit nicht angedacht…

  10. Manu - 22.07.2010 10:14

    Also ich denke, dass das Schweigen über eine PC Version gerade nur von MS forciert wird, was auch ihr gutes Recht ist, wenn sie dafür die Exklusivrechte besitzen und teuer eingekauft haben. Da die IGF Version ja auf dem PC lief, denke ich aber, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es (sehr viel später) doch mal eine PC Version geben wird.

  11. Daniel - 22.07.2010 12:00

    Braid ist doch ein gutes Beispiel. Das war erst Xbox-exklusiv und gibt es nun sogar als Boxed-Copy für den PC zu kaufen. PS3 und Mac-Versionen gibt es ebenfalls. Vermute mal, so wird es mit LIMBO auch, vorausgesetzt es hat Erfolg, aber davon muss man eigentlich ausgehen.

  12. Nille - 22.07.2010 17:35

    Ich denke, viele (gerade Indie-)Entwickler haben extrem viel Angst vor Filesharing auf dem PC und veröffentlichen die Spiele dort erst dann, wenn ihre Investitionen wieder in trockenen Tüchern sind. Kann man ihnen auch kaum verdenken, finde ich.

  13. Queb - 22.07.2010 23:09

    Ich vermute mal, dass so ein Exklusivdeal für ein kleines und noch eher unbekanntes Indiestudio ein guter und sicherer Einstieg ins Business ist.
    So nach dem Motto ‚Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.‘

    Ich würde es btw. bei Softwareentwicklern begrüßen, wenn es eine Art Spendenbutton auf jeder Website gäbe.
    So als eine Art stillschweigendes Abkommen und eine unkomplizierte Möglichkeit, den Entwicklern die Wertschätzung entgegenzubringen, die jeder Einzelne kann und will.
    Geht wahrscheinlich nur bei unabhängigen Entwicklerteams, aber womöglich ist dadurch mehr Gewinn für die Jungs und Mädels drin, als ausschliesslich mit dem starren Preisgefüge.

  14. Manu - 23.07.2010 00:50

    So ein Exklusivdeal ist genial, noch dazu im Summer of Arcade? Das ist ja wie ein Gastauftritt bei „Wetten, dass…?“ für eine Schülerband für einen Indie-Game-Entwickler.

  15. Daniel - 24.07.2010 23:05

    Heute beendet. (Ist ja nicht so lang.)
    Großartiges Spiel. Die erste Hälfte ist superb und hat mich mit morbider Atmosphäre und fiesen Rätseln gefangen genommen. Die zweite Hälfte fällt dagegen etwas ab, weil sich nur noch ein mechanisches Rätsel an das nächste reiht.

  16. Jacques - 25.07.2010 00:54

    Verdammt und zugenäht, da wird es einen aber wirklich nicht leicht gemacht.

    Also für eines der folgenden 3 habe ich derzeit das nötige Budget: Braid, Trine, Limbo.

    Welches ist Euer Favorit?

  17. Manu - 25.07.2010 01:44

    Hm, also Trine habe ich nicht gespielt, aber Braid ist auch, sehr, sehr großartig. Die sind sich wirklich ebenbürtig, kann da nicht sagen, welches besser ist, liebe beide. Braids Rätsel drehen sich eher um das Zeitphänomen, bei Limbo sind die Rätsel physikalischer. Kauf beides. Und ich schau mir solange an, was Trine ist ;)

  18. Nille - 25.07.2010 07:41

    Mich hat weder die Trine-Demo, noch die von Braid überzeugt. Aber „Limbo“ würde ich unbesehen kaufen. ;)

  19. Aulbath - 25.07.2010 22:33

    Limbo +1

    Trine ist Lost Vikings in einfallslos und Braid hat diesen schwulstige „really deep storyline“-Mist.

    Limbo ist atmosphärisch auf einer Stufe mit Sachen wie System Shock 2, Spielbarkeit ist ziemlich dicht an der Perfektion (würde auch auf’m NES Pad funktionieren), und die Optik ist zweifelsfrei grandios und seit Jahren mal wieder was ziemlich Ausgefallenes (Ich kenne eigentlich nur noch ein anderes Spiel was einen ähnlichen Ansatz verfolgt und das ist schon fast 20 Jahre alt).

    Ich liebe LIMBO.

  20. Kazoom - 26.07.2010 11:27

    Wenn dein Budget so knapp ist: Trine. Bekommst du definitiv das „meiste Spiel“ für dein Geld. Ausserdem hast du ihm Gegensatz zu den beiden anderen Spielen die Möglichkeit, Rätsel auf verschiedene Arten zu lösen. Braid kommt zwar auf eine ähnliche Spielzeit, aber nur, weil die Rätsel in den späteren Levels teilweise frustig werden.
    Zu Limbo kann ich nichts sagen (kenne nur die Demo) ist aber anscheinend der neue Liebling der Massen.

  21. Jacques - 26.07.2010 23:10

    Danke für eure Meinungen.
    Denke ich gehe beim Kauf einfach chronologisch vor, früher oder später hole ich sie mir eh alle :)
    Nach meinen guten Erfahrungen mit dem Humble Indie Bundle bin ich Fan solcher kleinen aber feinen Spiele.

  22. Aulbath - 27.07.2010 01:55

    @Jacques: Und mit chronologisch meinst Du sicherlich das Aktuellste zuerst, richtig?

    ;P

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