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Kriegsspiele haben ja so’nen Bart

Wo habe ich nicht schon alles Krieg geführt. Im zweiten Weltkrieg stürmte ich die Küste der Normandie und erschoss meine Großväter. Im Vietnamkrieg kroch ich durch den Dschungel und erschoss Vietnamesen. Ich war sogar schon oft in der Zukunft und habe allerlei Aliens erschossen. Aber noch nie stand ich auf einem virtuellen Kriegsschauplatz, der dem eines gerade real stattfindenden Konflikts nachempfunden war. Das neuste Medal of Honor brachte mich direkt nach Afghanistan, wo noch immer jeden Tag echte Kugeln fliegen und echte Menschen sterben. Da sollte man doch denken, hier hat man es mit einem besonderen Videospiel zu tun. Doch weit gefehlt. Wie sich herausstellte, war alles wie immer.

Ego-Shooter in realen Kriegsszenarien, egal ob aktuell oder vergangen, sind verdammt widerliche, weil zweischneidige, Spiele. Als Wehrdienstverweigerer komme ich eigentlich nicht umhin, die Dinger zu verachten. Jedes Mal, wenn ich mir fünf Minuten Zeit nehme und über das Präsentierte nachdenke, muss ich innerlich kotzen. Dann aber hebe ich das Gamepad wieder hoch, setze die Kopfhörer auf und lande mitten in einer spannenden Szene, bei der ich mit großen Waffen hantiere, die ich in echt noch nie gesehen habe und auch nie sehen möchte. So ist es auch beim Reboot von Medal of Honor. Irgendein Urinstinkt schaltet mein aufgeklärtes Denken ab und lässt mich Spaß dabei haben, Teil eines groß angelegten virtuellen Kriegseinsatzes zu sein. Ich erliege der spannenden Inszenierung mit all ihren bombastischen Schauwerten und begebe mich in die Fänge eines reinen Unterhaltungsprodukts.

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Ich schleiche als Special Tier 1 Super Force Officer (das Militärkauderwelsch erreicht in diesem Spiel unbekannte Höhen) durch ein afghanisches Dorf. Wir sollen Nachschublastwagen der Taliban mit Peilsendern versehen. Per Funk bin ich mit meinen vier Team-Mitgliedern und der Einsatzzentrale verbunden und bekomme ununterbrochen Befehle, Tipps, Bewegungsinformationen und Abkürzungen ins Ohr geflüstert (geschrien). Es ist Nacht, die Lehmhütten werfen lange Schatten im Mondlicht und pushende Musik treibt mich voran. Wie ein Duo aus Batman und Sam Fisher huschen mein Partner und ich umher, lassen Wachen mal passieren, um dann andere mit schallgedämpften Gewehren niederzustrecken. Hier frage ich mich erstmals: wo sind eigentlich all die Zivilisten hin? In der Anfangssequenz des Spiels fahren wir durch eine Stadt und sehen einen Ziegenhirten. Wir schauen ihn etwas böse an, weil er mit seiner Herde die Straße blockiert und er schaut etwas böse zurück, aber ansonsten kann ich mich an keinerlei Begegnung mit der Bevölkerung Afghanistans erinnern. (Ja, man befreit einen Informanten, aber der zählt nicht.) Es gibt keine chaotischen Straßenkontrollen, keine Selbstmordattentäter und auch sonst keinerlei andere Auseinandersetzung mit dem realen Konflikt. Man erschießt einfach nur fünf Stunden lang Typen mit Turban auf dem Kopf.

Womit wir wieder beim Spielerischen wären, welches sich als gut, aber dumpf präsentiert. Die Gegner sind selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad nicht besonders helle, aber dafür umso zahlreicher. Wenn die Realität so aussähe, dann könnten die ISAF-Truppen den Krieg mit 20 Mann gewinnen. Ich reite ein wenig auf der Realität rum, weil sich das Spiel auf die Fahnen geschrieben hatte, einen authentischeren Blick auf die Kriegshandlungen der Amerikaner zu werfen. Allerlei Ex-Militärs wurden befragt und trotz deren Hilfe, finde ich mich als Spieler in Situationen wieder, wo vier Amerikaner gefühlte 200 Taliban über den Haufen schießen, während sie sich in einer Hütte verschanzen, die nach und nach zu Kleinholz zerschossen wird. In solchen Momenten können die Entwickler nicht an sich halten, legen theatralische Orchestermusik auf, lassen das Spielgeschehen in Zeitlupe ablaufen und schicken zwei Kampfhubschrauber zur Rettung, die majestätisch über die von der untergehenden Sonne rot erleuchteten Bergwipfel gleiten und begeistert springe ich aus meinem Sessel, reiße die Kopfhörer von meinen Ohren und schreie laut “USA! USA!”. Hättet ihr wohl gerne, EA.

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Dabei war die Szene zuvor gar nicht mal so schlecht. Wir verfolgen ein paar flüchtende Gegner und finden eine verschlossene Hütte. Gerade, als wir total männlich die Tür eintreten wollen, hören wir einen unschuldigen Klingelton. Einer meiner Begleiter sagt verwundert, “Ein Mobiltelefon?” und schon fliegt uns die gesamte Hütte um die Ohren.

Oder wiederum fünf Minuten zuvor rennen wir durch einen Canyon. Vor uns tauchen ein paar Männer auf. Es entsteht eine kurze Unsicherheit, ob es sich um Feinde handelt. Meine Kameraden diskutieren, sind sich unsicher und dann hebt einer der Beobachteten eine Kalaschnikow empor. Da ist die Sache natürlich klar und das Feuer wird eröffnet.

Solch kleine Momente sind aber leider zu rar und werden von Militärgeschrei und Dauergeballer übertüncht.

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Im Vergleich mit dem Konkurrenten Call of Duty unterscheidet sich Medal of Honor nur durch eine etwas langsamere Gangart und eine Story, die wenigstens ansatzweise nachvollziehbar abläuft. Man weiß, wen man gerade spielt, was man im Gesamtzusammenhang tut und darf auch mal länger als fünf Minuten bei einem Charakter verweilen. Abgesehen davon gleichen sich die beiden neusten Teile der Reihen doch sehr. Es gibt Fahr- und Flugsequenzen, an einigen Stellen darf Artillerieunterstützung angefordert werden, es gibt Nachtsichtgeräte, Scharfschützenmissionen und sogar eine Zimmerstürmung in Zeitlupe. (CoD vs. MoH)

Am Ende der B-Movie Geschichte zieht der IT-Fachmann vor Ort dem unwissenden General in Amerika, der sich das Kriegsschauspiel entspannt aus seinem Büro anschaut, den Stromstecker und die coolen, großartigen und intelligenten Soldaten in Afghanistan retten sich selbst. Zumindest fast. Während die Credits laufen, singen Linkin Park einen eigens fürs Spiel geschriebenen Song und ich laufe nach draußen, um die amerikanische Flagge zu hissen und überlege, wie sich mein kümmerlicher Ziegenbart zu etwas viel größerem heranzüchten lässt. In euren Träumen, EA.

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Für das Sounddesign muss ich dann aber doch noch eine Lanze brechen. Musik und Spielgeschehen werden sehr gut aufeinander abgestimmt. Es gibt ruhige und laute Passagen und in beiden Fällen bereichern Musikuntermalung und Soundeffekte das allgemeine Erlebnis ungemein. Selten zuvor klangen Querschläger in einem Spiel so, wie ich mir Querschläger als Laie vorstelle. Nur der Linkin Park Song am Ende hätte echt nicht sein müssen.

Abschlusssatz: Der Singleplayer macht Spaß, aber ich ekele mich beim Spielen solcher Szenarien vor mir selbst.

Gespielt wurde ein von EA zur Verfügung gestelltes Exemplar von Medal of Honor auf der Xbox 360. Der Singleplayer wurde ein Mal auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad beendet. Der Multiplayer wurde nicht angefasst.


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6 Kommentare

  1. Flokker - 23.10.2010 15:39

    Kann dem Text nur zustimmen, es stellt sich aber die Frage, warum Du/mensch trotz Selbstekels weiterhin solche Spiele spielst? Rationale Erklärung, anyone?

  2. Micha - 23.10.2010 19:39

    Ich habe damals Modern Warfare 2 wegen der vielen Diskussion um den Flughafenlevel gespielt, fand es feige und zum kotzen und habe es danach direkt wieder verkauft, ohne je den angepriesenen Multiplayer auch nur mit den Arsch angeguckt zu haben. Mir ging es schlicht darum einen Artikel dazu schreiben zu können, ansonsten hätte ich das Spiel vermutlich nicht mit der Kneifzange angefasst.

    Ich habe ein generelles Problem mit Kriegsspielen, die sich authentischer Kulissen bedienen, und Medal of Honor würde mich auch nur wegen eines weiteren Disputs bzw. einer persönlichen Auseinandersetzung interessieren. Hatte ich Spaß bei Call of Duty und würde ich Spaß mit Medal of Honor haben? Vermutlich kaum. Bei Modern Warfare habe ich mich jedenfalls fast am laufenden Band nur aufgeregt. Am Ende des Abends hatte ich Magenschmerzen.

    Dabei habe ich nichts gegen Ballerspiele im Allgemeinen. Nein, ich mag die sogar ganz gerne, und mir ist es auch im wesentlichen Schnuppe, ob dort Roboter, Menschen oder sonstwas über den Jorden geschleudert werden. Wichtiger ist für mich das Szenario. Beispielsweise spiele ich gerade Vanquish, wo man hauptsächlich Roboter abschießt. Selbst wenn es Menschen wären, würde mich die Quasi-Kriegshandlung – eine Invasion der Amerikaner auf eine russische Weltraumkolonie nach einem Terrorangriff auf Los Angeles – nicht im geringsten stören, weil, ja, es schlicht fiktional und durch das Sci-Fi-Setting absurd ist.

    Eine kritische Auseinandersetzung mit Krieg in Spielen habe ich bisher nur in Ansätzen gesehen. In Modern Warfare 2 gibt es manchmal diese Anflüge von Zweifel, die aber sofort mit der Musik von Hans Zimmer weggefegt werden, und selbst in Kriegsspielen mit Sci Fi-Szenario gibt es nur selten solche Augenblicke – etwa in Killzone 2, wo man sich an einer Stelle durch Slums hindurchballert. Am nahesten war für mich Shellshock, wo man ständig das Gefühl hatte irgendetwas falsch zu machen. Leider wurde das nicht ganz konsequent zu Ende geführt.

    Selbstekel habe ich noch nicht, aber mir missfallen Kriegsspiele mit authentischen Szenario im wesentlichen sehr. Trotzdem habe ich einige gespielt und brauchte auch erst einmal eine Zeit um diese Haltung zu entwickeln. Das allererste Call of Duty hat mich damals auch vom Hocker gerissen – einfach, weil es so etwas in dieser Form noch nicht einmal in Medal of Honor gab.

  3. Da Hans - 24.10.2010 15:00

    [… Vor uns tauchen ein paar Männer auf. Es entsteht eine kurze Unsicherheit, ob es sich um Feinde handelt.]
    Das erinnert mich an Rainbow Six Vegas, wo du ständig und augenblicklich entscheiden mußt: Zivilist oder Bösewicht. Wunderbar.

  4. SenorKaffee - 25.10.2010 13:54

    Ich kann mich noch ganz duster erinnern, da habe ich mich tierisch gefreut, als „endlich“ mal ein Shooter in einem Szenario herauskam, dass ich kenne – dem zweiten Weltkrieg. Inzwischen packe ich nichts mehr an, was irgendwie einen aktuellen oder vergangenen Konflikt nach der Standardformel abfeiert.

    Das Genre halte ich inzwischen für spieltechnisch so ausgereift, dass man sich endlich einer gewissen Metaebene nähern kann. Dem Shooter, der vermittelt, dass ein Krieg auch nur eine Ansammlung von individuellen Überlebensgeschichten erzählt. Mit Charakteren die zweifeln und verzweifeln, weil sie eigentlich mal daran glaubten, dass es mehr gibt als „Du lebst oder ich lebe“.

    Warum spielt man trotzdem weiter? Entweder hat man einen Artikel abzuliefern, man fühlt sich seiner Investition von 60-70€ verpflichtet oder man kümmert sich garnicht um die Geschichte, weil man eh nur seinem sozialen Zirkel in den Multiplayermodus hinterherzieht. In einem gewissen Alter hätte mich auch noch die Grenzverletzung gekitzelt, weil man ja „sowas“ eigentlich nicht spielen sollte. Man fühlt sich ja auch als Held des Schulhofs, wenn man den KZ-Manager in die 1541 steckt.

  5. Mikkai - 06.11.2010 00:43

    Kriegsspiele sind zum Glück weniger real, als ein Bild – gemalt von einem vierjährigen Kind – auf dem in Kindstypischer Darstellung ein Panzer gemalt wurde.

    Mikkai

  6. Manu - 06.11.2010 10:08

    Bei dem Wunsch nach ernsten Kriegsspielen muss ich ja immer an Austin Powers denken, wo er einen Redshirt umbringt und dann sieht man, wie die Familie dieses Henchman informiert wird und in Tränen ausbricht.

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