Der Prollfaktor

Ich mag Action-Spiele. Besonders 1st- und 3rd-Person-Shooter. Was ich allerdings überhaupt nicht mag, sind die häufig damit verbundenen grenzdebilen Action-Klischees. Insbesondere die struntz-dummen Charaktere und Dialoge in vielen Genre-Vertretern verursachen bei mir oft ähnliche Reaktionen, wie der Genuss einer Runde Asi-TV am Nachmittag: Ich möchte nachher immer irgendjemanden schlagen. Vorzugsweise die verantwortlichen Autoren.

Gefühlt kommen auf jeden guten One-Liner von Action-Helden mindestens 100 unerträglich blöde Sprüche, die sich eigentlich nur ein RTL2-abhängiger Hauptschüler ausgedacht haben kann. Ganz besonders schlimm wird die Sache, wenn man es mit einem ganzen Team von Protagonisten zu tun hat, die sich das ganze Spiel über miteinander „unterhalten“. Wenn ich mir über die gesamte Spielzeit infantiles Machogelaber von Schwarzenegger-Karrikaturen anhören muss, ist meine Immersion komplett zum Teufel, egal wie gut der Rest des Spiels auch sein mag. Mir will es einfach keinen richtigen Spaß machen, mit ein paar unsympathischen Proll-Blödies stundenlang durch die Gegen zu rennen. Insofern hat der ansonsten blasse und profillose Mr. Freeman tatsächlich einen Punkt auf der Habenseite, wenn er einfach die Klappe hält und lieber seine Brechstange für sich sprechen lässt.

Es gibt aber auch positive Ausnahmen. Eine davon kommt dieser Tage von den Yakuza-Entwicklern um Toshihiro Nagoshi und heißt Binary Domain.

Rasante Fortschritte in der Robotik haben dazu geführt, dass 2040 ein Verbot bezüglich der Erforschung und Herstellung menschenähnlicher Roboter in die „Neuen Genfer Konventionen“ aufgenommen wurde. Zur Überwachung dieses Verbots unterhält die UNO eine eigene militärische Eingreiftruppe. Im Jahre 2080 kommt es dennoch zu Zwischenfällen mit nahezu perfekten Androiden, die selbst nicht einmal wissen, dass sie keine echten Menschen sind. Der Verdacht fällt sofort auf einen bestimmten japanischen Konzern, woraufhin Genf eine multinationale „Rust-Crew“ aus amerikanischen, chinesischen, britischen und französischen Spezialagenten nach Tokio entsendet, um den genialen Firmengründer festzunehmen…

Das Ganze ist ein Dystopie-Szenario aus dem SciFi-Baukasten, inklusive inzwischen abgeschmolzener Polkappen und einer abartig weit auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich. Die Zutaten sind allseits bekannt und finden sich in unzähligen Büchern, Filmen und Videospielen. Dennoch ist die Welt von Binary Domain glaubwürdig und spannend in Szene gesetzt.

Spielerisch bietet sich ein ähnliches Bild: Im Grunde besteht das ganze Spiel aus allseits bekannten Versatzstücken anderer Spiele, die aber alle sehr souverän um- bzw. zusammengesetzt wurden, so dass einem trotz allem nicht ständig das Wort „Klon“ durch den Kopf geht. Binary Domain ist ein 3rd-Person-Shooter mit Deckungssystem, bei dem man fast ausschließlich gegen Roboter kämpft, deren Boss-Varianten auch gerne mal so groß wie ein mehrstöckiges Haus sind. Man steuert selbst zwar nur den amerikanischen Agenten Dan Marshall, kann aber oft Teil-Teams zusammenstellen und den anderen Teammitgliedern im Gefecht verschiedene taktische Anweisungen geben. Außerdem führt man bei jeder sich bietenden Gelegenheit kurze Multiple-Choice-Gespräche mit den anderen Agenten. Der Verlauf dieser Unterhaltungen bestimmt sogar nachhaltig das Verhältnis der Teammitglieder untereinander. Es gibt zudem ein nettes Aufrüstsystem für die Charaktere und Waffen. Das dafür notwendige Kleingeld erhält man durch möglichst „kreatives Töten“ der Gegner.

Da kann man jetzt natürlich sofort „Gears of War!“, „Vanquish!“, „Bulletstorm!“ oder „Mass Effect!“ rufen, tut dem Titel damit aber tatsächlich unrecht, denn in dieser speziellen Kombination machen die einzelnen Elemente Binary Domain letztendlich doch wieder zu einem sehr eigenständigen Spiel. Vor Allem, wenn man noch die inhaltlichen Aspekte hinzunimmt, die hier und dort selbstverständlich an Blade Runner, AI, Deus Ex und ähnliche Stoffe erinnern, aber an keiner Stelle direkt plagiieren. Man kann Binary Domain durchaus unterstellen, insgesamt eine Art Flickenteppich zu sein, wenn man denn unbedingt als Popkulturanalyst unterwegs sein will. Da die Einzelteile aber so gut zu etwas Eigenem verwoben wurden, sollte man sich stattdessen lieber zurücklehnen und von diesem Spiel gekonnt unterhalten lassen.

Es soll hier aber nicht der Eindruck erweckt werden, Binary Domains einzige wirkliche Stärke wäre seine sehr solide Durchschnittlichkeit. Ein spielerisch wirklich herausragender Aspekt ist beispielsweise das überaus befriedigende Shooting-Feedback, das vielen Genre-Kollegen so oft fehlt: Die Gegner reagieren beeindruckend gut auf einzelne Treffer. Die Panzerungen, die man meist zuerst entfernen muss, bevor man an das Eingemachte der Roboter kommt, bestehen aus vielen Einzelteilen und fliegen bei entsprechendem Beschuss schön in der Gegend rum. Auf diese Weise kann man die Gegner regelrecht in ihre Einzelteile zerlegen. Schießt man einem der Blechkameraden z.B. seinen Schussarm samt Waffe weg, hebt er sie einfach mit dem verbliebenen Arm wieder auf und setzt das Feuer fort. Geschieht das gleiche mit einem seiner Beine, hüpft er fortan einbeinig durch die Gegend. Die guten Charakteranimationen sind ohnehin eine weitere Stärke des Spiels.

Eine Sache, die von der Idee her eigentlich sehr cool ist, hat mich in der Praxis dann doch eher enttäuscht: Die Sprachsteuerung wollte für mich nicht so recht funktionieren. Prinzipiell bietet Binary Domain die Möglichkeit, sowohl die Gespräche mit den Team-Kollegen, als auch die taktischen Befehle im Kampf per Sprachbefehl zu steuern. Ich habe dieses Feature aber nach einigen Spielstunden deaktiviert, weil es mich irgendwann einfach zu sehr nervte, alles viermal sagen zu müssen bevor es verstanden wurde. Witzigerweise hatte das Spiel aber nie Probleme damit, meine blumigen Beschimpfungen zu verstehen, die ich nichtverstandenen Befehlen immer hinterherschickte. Meine KI-Kameraden fanden es zwar nicht halb so lustig wie ich und beschwerten sich auch immer entsprechend bei mir, aber immerhin verschaffte mir die Sprachsteuerung auf diese Weise einige gute Lacher, wenn ich einem wirkungslosen „Angriff!“ oder „Hilfe!“ direkt ein „Ach, fick dich doch!“ folgen ließ. In Verbindung mit dem Moralsystem des Spiels entwickelt sich so allerdings eine Art „Downward Spiral“: Ich schimpfe ständig ins Headset, weil die NPCs nicht sofort auf meine Befehle reagieren. Von den NPCs werden überwiegend nur meine Beschimpfungen und Flüche verstanden. Folglich sinke ich auf ihrer Sympathieskala, was wiederum dazu führt, dass sie meine Befehle noch wiederwilliger ausführen. Usw. Usf. – The Sprachsteuerung of Madness!

Leider, oder auch zum Glück, ganz wie man es sehen möchte, ist die Nummer mit der Spracheingabe aber nur optionale Spielerei und kann auch problemlos per Dialogmenü über das Gamepad erledigt werden. Dennoch hätte ich es wirklich gemocht, wenn es denn besser funktioniert hätte…

Alles in Allem ist Binary Domain ein wirklich guter Konsolen-Shooter. Damit steht es aber natürlich nicht allein auf weiter Flur und teilweise macht die Konkurrenz einige Dinge besser. Vanquish hat z.B. die klar rasantere Action und die abgefahreneren Robo-Shootouts und Bulletstorm ist der unangefochtene König des „Creative Killings“. Was Binary Domain aber wirklich aus der Masse herausragen lässt, ist sein erstaunlich geringes Fremdschäm-Potenzial. Es ist für ein japanisches Spiel erfreulich unjapanisch. Was ich damit sagen will: Japanische Spiele sind super, wenn es um neue und abgefahrene Ideen geht, aber oft sperrig-seltsam bis kitschig-stereotyp in Bezug auf die Inszenierung einer Geschichte. Daher ist es um so bemerkenswerter, dass es gerade einem japanischen Entwickler gelingt, das typische Action-Film-Dummgelaber zu umschiffen, das auch die meisten westlichen Produktionen plagt.

Die Charakterzeichnung der einzelnen Rust-Crew-Mitglieder kommt zwar auch nicht ohne die üblichen Action-Helden-Klischees aus, schafft es aber trotzdem, dass ich gerne mit der Truppe unterwegs bin. Ich kann nicht mal genau erklären, woran es im Detail liegt. Wenn ich das könnte, würde ich vermutlich in Hollywood brillante Drehbücher schreiben, anstatt zweitklassige Reviews für ein paar Nerds in meine Tastatur zu kloppen. Auf jeden Fall funktionieren die Figuren so gut, dass mich sogar die obligatorischen Story-Twists tatsächlich packen und mich ihr Schicksal wirklich ein Stück weit bewegt. Insbesondere die Dialoge, das typische Verbalgeplänkel innerhalb der Gruppe, sind wirklich gut geschrieben und vertont. Das gilt sogar für die deutsche Fassung, auch wenn es hier durchaus zwei, drei Sprecher gibt, die ich als klare Fehlbesetzung bezeichnen würde. Natürlich verzichtet auch Binary Domain nicht auf die eine oder andere Plattitüde, bleibt aber immer sympathisch und ist meilenweit vom gehirnzellenabtötenden Gesülze eines Marcus Fenix entfernt. Es ist einfach die richtige Mischung aus coolen Sprüchen, ernsten Dialogen und einer kleinen Priese Selbstironie.

Und auch die eigentliche Geschichte des Spiels beschränkt sich nicht darauf, ein reines Alibi für die Shootouts zu liefern, sondern nimmt sich im weiteren Verlauf sogar der grundlegenden Blade Runner-Frage an: Ist künstliches Leben weniger wert als organisches? Und auch wenn es gegen Ende (und vor allem nach den End-Credits) dann doch noch mal etwas sehr kitschig zugeht, wird dieses Thema hier insgesamt weitaus befriedigender behandelt, als es beispielsweise Deus Ex: Human Revolution mit der technologischen Perfektionierung des Menschen gemacht hat.

Binary Domain ist ein echtes Highlight für Spieler, die beim Ballern lieber sympathische und glaubhafte NPCs um sich haben, als die üblichen herumprollenden Macho-Kotzbrocken. Mit seiner intelligenten Geschichte und den gutgeschriebenen Dialogen ist es eine wohltuende Ausnahme im Genre-Einerlei. Aber auch die Gehirnausschalter-Fraktion kommt durchaus auf ihre Kosten. Es wird zwar vermutlich weder für den GoW-, noch den Vanquish-Fan das neue Lieblingsspiel werden, unterhält aber auch den Puristen mit durchweg sehr solidem und kurzweiligem Gameplay.


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4 Kommentare

  1. Netter älterer Herr - 09.03.2012 11:08

    Ich muss zugeben positiv überrascht zu sein. Binary Domain hatte ich mal so gar nicht auf dem Radar. Und deinem Review nach zu urteilen wäre es für mich wohl dem enttäuschenden Syndicate vorzuziehen gewesen, dessen Singleplayer Kampagne ich einfach nur öde finde.

  2. Jingleball - 09.03.2012 12:19

    Das der SP von Syndicate ziemlich stumpf sein soll, habe ich an anderer Stelle auch schonmal gehört. Ich glaube, das Ding lebt zum größten Teil nur von der Coop-Erfahrung. (@ netter älterer Herr: BD gibts in UK mittlerweile schon günstiger, mal bei Zavvi oder so schauen, es lohnt!)

    Zu Binary Domain: Im Januar las ich davon zum ersten Mal und wollte es dann auch gleich spielen, ich hörte von ein paar Parallelen zu Vanquish. Habe es nun auch durchgespielt und bin ziemlich begeistert, auch wenn mir dieser ganze Schnick Schnack mit der Sprachsteuerung und das etwas strange Moralsystem bissel auf die Nerven gegangen sind. Gut, Sprachsteuerung ist optional, aber warum sagt mir das Spiel trotz Deaktivierung in einer Tour im HUD, das ich kein Mikro angeschlossen habe. Ich war positiv überrascht, wie gut die KI des Teams funktioniert hat, wenn man die Befehle dann per Pad eingegeben hat. Im Gegensatz zu Vanquish ist es natürlich wirklich nicht so rasant, aber mit Gears of War-Vergleichen tue ich mich auch etwas schwer, dafür ist es dann doch viel dynamischer als dieses. Und Gears taugt hauptsächlich wirklich nur im Coop, dass ist hier nicht so. Aber gut, ich spiele zu selten Shooter, um da jetzt eine ganze Bandbreite an Vergleichen auflisten zu können.

    Ich fand die Farben im Spiel wunderbar und auch die Präsentation der Bosse. Teilweise schön pompös und immer draufhaltenswert, hehe. Waffenauswahl war auch übersichtlich und spielerisch war auch zwischen den Kapiteln bzw. den einzelnen Abschnitten etwas Abwechslung drin. Mir hats superviel Spaß gemacht. Und hey, ich habe Sushi in einem Videospiel gesehen, WOW! ;D

  3. Le Don - 24.08.2014 15:51

    Habe Binary Domain nun auch in zwei Tagen locker durchgezockt und mir hat es wahnsinnig gut gefallen. Eigentlich stehe ich nicht so auf 3rd Person Shooter, aber wenn man auf einen Flur voll mit Robotern raufhält (siehe das Robo-Mülldepot) und so viel Metal herumfliegt, dann ist das schon geil. Generell wie die Roboter auf die Schüsse reagieren und es sich lohnt, nicht nur Kopfschüsse zu verteilen.

    Die Handlung hat mir eigentlich auch ganz gut gefallen, aber zum Ende hin war es mir dann doch wieder zu viel Kitsch und die üblichen Klischees. Da wird ein gegenseitiger Vernichtungsangriff auf alles ausgeführt, weil… Konzerne und KI’s sind voll Evil? Aber mich haben auch die deutschen Sprecher genervt. Für mich funktioniert deutsche Sprachausgabe bis auf wenige Fälle einfach und ich fand es dann auch angenehm, wenn die Sprachen zwischenzeitlich ins Japanische wechselte.

    Aber hat mir insgesamt doch gefallen.

  4. SpielerZwei - 24.08.2014 16:52

    Es ist echt eine Schande, dass sich das Spiel so schlecht verkauft hat. Damit kann es sich in die lange Reihe von wirklich guten Spielen stellen, die an der Ignoranz des tumben Mainstream-Publikums scheiterten…
    Sowas ärgert mich immer besonders für die Entwickler. Welche Lehren können sie daraus ziehen? Beim nächsten Mal Mainstream-Klumpatsch wie alle anderen machen? Aus der Branche aussteigen? …?

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