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Wenn ich mal wieder in meiner traurig-zynischen „Warum spiele ich eigentlich diese doofen Videospiele“-Blase sitze und all die schrecklichen am Reißbrett entworfenen Produkte wie durch einen Zerrspiegel betrachte, dann versuche ich mich an vergangene schöne Momente in virtuellen Welten zu erinnern. Besonders gerne wandern meine Gedanken dann zu den ersten beiden Gothic-Teilen, die meine Sicht auf westliche Rollenspiele für immer geprägt haben. Die dreckige, aber schöne Welt, die fehlenden Stützräder beim Austüfteln der Spielmechaniken und die unangenehm hakelige Steuerung sind eingebrannte Werte in meiner DNA als Videospieler. Sie bringen mich immer wieder zurück an meinen ersten PC und die Erlebnisse in der Gefängniskolonie von Khorinis. Springen wir nun 11 Jahre in die Zukunft und ich sitze mit genau den gleichen Gefühlen vor meiner Xbox 360 und spiele die Enhanced Edition von The Witcher 2: Assassins of Kings.

Die Geschichte von Witcher 2 spielt in einem klischeehaft anmutenden Fantasyszenario mit Elfen, Zwergen und Drachen. Das ist auf den ersten Blick sehr schrecklich, entpuppt sich aber auf den zweiten Blick als überraschend facettenreich und außergewöhnlich. Elfen und Menschen sind nicht besonders gut aufeinander zu sprechen, betrunkene Trolle verweigern die Arbeit, Magier intrigieren auf allen Ebenen und dann werden auch noch reihenweise Könige von unbekannten Attentätern niedergestreckt. Das Land ist in Aufruhr und mittendrin schlagen, zaubern und schlafen wir uns als Monsterjäger Geralt von Rivia durch das brodelnde Chaos. Ich kann klassische Fantasywelten nicht mehr sehen und gerade um diesen Kritikpunkt schlängelt sich das Spiel gekonnt herum, weil es nicht Tolkien-Happy-Hippo-Fantasy ist, sondern Game-of-Thrones-Titten-und-Blut-Fantasy mit Witz. Das Spiel macht sich sogar direkt lustig über seinen Urahnen. Wie kann man ein solches Spiel nicht mögen?

Weitere Beispiele dafür, dass in der Welt von Witcher 2 nicht um den heißen Brei herumgetanzt wird, sind etwa erhängte Verbrecher auf einem Marktplatz, die das ganze Spiel über dort baumeln und von Krähen belagert werden. Oder Drogenverkäufer in schiefen Bruchbuden. Oder Hurenhäuser in nicht zu unterschätzender Zahl. Oder Lynch-Mobs, die königliches Blut vergießen. Oder weibliche Satyre, die beim Liebesspiel Lebenskraft rauben. Oder, oder, oder.

Auf der Haben-Seite steht also zunächst mal eine schmuddelige, aber schön anzuschauende Welt, in der jeder nur den eigenen Vorteil sucht. Zusammen mit einer sich auffächernden Story und permanenten Entscheidungsmöglichkeiten auf einer Skala von hellgrau bis dunkelgrau hat Witcher 2 bei mir schon sehr viele Steine im Brett.

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Zweite schöne Erinnerung an Gothic? Das Spiel erklärt einem recht wenig und lässt einen einfach mal machen. Genauso läuft es auch beim Witcher und hier muss man gerade zu Beginn sehr viel selber zusammentüfteln und ausprobieren. Der erste Blick in das überfrachtete Menü mit reihenweise Journal-Einträgen, Talentbäumen, Inventarbildschirmen, Crafting-Systemen und Zaubersprüchen erschlägt zunächst und nervt auch nach 30 Stunden Spielzeit noch durch ein leichtes Gefühl der Unübersichtlichkeit. Hat man sich darin halbwegs zurechtgefunden, kommt der nächste Schlag in die Magengrube, wenn man das erste Mal alleine gegen eine Handvoll Gegner antreten darf. Schnell ist man umzingelt und nach wenigen Treffern tot zu Boden gesunken. In den ersten Spielstunden ist es von essenzieller Wichtigkeit das gesamte Arsenal an Kampfmöglichkeiten, von Fernwaffen, Fallen, Tränken, Ölen und Zaubersprüchen bis zu den körperlichen Fähigkeiten des Blockens und Ausweichens einzusetzen. Aber nicht einfach nur zu nutzen, sondern auch richtig zu nutzen. Der eine Gegner muss mit schnellen Angriffen beackert werden, der andere ist anfällig gegen Feuer und einem dritten sollte man sich nur nähern, wenn man ihn zuvor mit einem Zauber bewegungsunfähig gemacht hat. All diese wichtigen Informationen werden dem Spieler aber nur sehr indirekt mitgeteilt, weswegen der Einstieg etwas rau ausfällt. Hat man diese erste Hürde aber genommen, sinkt der Schwierigkeitsgrad kontinuierlich, bis man am Ende Gegnergruppen mit wenigen Schlägen bezwingt und sich ganz der Geschichte hingeben kann. Oder aber man ist etwas traurig, so wie ich, weil das Erfolgserlebnis nach einem schweren Kampf nicht mehr besonders groß ausfällt.

Zu Meckern gibt es abgesehen vom uneinheitlichen Schwierigkeitsgrad nur wenig und dann meist bezogen auf technische Unzulänglichkeiten, womit ich auch wieder bei meinem alten Schatz Gothic wäre, das sich ebenfalls durch Bugs und klobige Steuerung auszeichnete. Bei Witcher 2 darf sich über rumpelnde KI, sichtbar nachladende Texturen und teilweise ungünstige Speicherpunkte gewundert werden. Letzteres lässt sich durch manuelles Speichern, was an fast jeder Stelle des Spiels möglich ist, ausgleichen, kann aber gerade am Anfang zu Tränen der Wut führen. Auch die Kampfsteuerung selbst wird gerne mal kritisiert, flutschte bei mir nach kurzer Eingewöhnung allerdings flüssig aus den Fingerkuppen.

Vor einiger Zeit beschwerte ich mich unterschwellig, dass doch so große offene Rollenspiele wie Skyrim nach einiger Zeit schrecklich langweilen und ich vor lauter Leerlauf und Copy & Paste-Missionen gerne mal die Lust an ihnen verliere. Witcher 2 ist das Paradebeispiel, wie man dieses Problem umgehen kann und ich fordere ein solches Vorgehen bei mehr Rollenspielen, anstatt immer nur auf größer, weiter und öder zu setzen. Geschichte und Spielwelt sind in drei Kapiteln mit Prolog und Epilog angelegt. Während Vorspiel und Nachspiel sehr linear verlaufen, sind die drei Kapitel um zentrale Städte mit zugehörigem Umland entworfen, die frei durchwandert werden können. In jedem Kapitel gibt es Haupt- und Nebenaufgaben, Händler, Tavernen und all den Schnick-Schnack, den ein offenes Rollenspiel so braucht. Hier kann man sich austoben und in einer kleinen von Hand gezauberten Welt herumstreifen. An jeder Ecke gibt es etwas zu sehen, es gibt keinen Leerlauf und der Entdecker in mir wird ausreichend befriedigt, ohne stundenlang durch ähnliche Umgebungen zu stolpern. Sind alle Aufgaben erledigt, geht es ins nächste Kapitel und damit in die nächste kleine Welt.

Witcher 2 ist toll inszenierter Erwachseneneskapismus, der den Spieler ernst nimmt, nicht unterfordert und bei entsprechendem Einsatz reichlich belohnt. Zum Glück taucht immer mal wieder ein solches Videospiel auf, um mich daran zu erinnern, warum ich diesem Hobby fröne.

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Anmerkungen des Chronisten: Nach meinem ersten Spieldurchlauf lud ich einige ältere Speicherstände, um in den Genuss alternativer Entwicklungsmöglichkeiten zu kommen. Entscheidungen haben schließlich Konsequenzen und die können im Witcher-Universum sehr drastisch ausfallen. So muss am Ende des ersten Akts eine Wahl getroffen werden, die einen in zwei komplett unterschiedliche Gebiete führt und jede Interaktion mit den Einwohnern des Landes für die restlichen zwei Drittel der Spielzeit beeinflusst. Wird einem die Tragweite dessen bewusst, so erhält jede weitere Entscheidung eine zusätzliche Wucht und jedes weitere Gespräch eine stärkere Intensität. So darf man sich am Ende nach all dem Abwägen und Auswählen eine von immerhin 16 verschiedenen Schlusssequenzen ansehen, die einem die Folgen seiner Entschlüsse vor Augen führt. So etwas hatten wir uns von dieser Space-Opera doch auch gewünscht. Wer gegen kleine Spoiler immun ist, der kann sich in diesem Video einige der möglichen unterschiedlichen Entwicklungen anschauen.


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10 Kommentare

  1. Ranor - 28.05.2012 15:13

    Ich bin mit The Witcher 2 überhaupt nicht warm geworden? Warum? Neben der katastrophalen Steuerung (zumindest auf der 360) ist die Writing ziemlich unerträglich. Toni hat dazu eigentlich alles relevante gesagt: http://shodannews.wordpress.com/2012/05/24/the-witcher-2-ommage-and-politics-of-the-fantasy-genrethron/

  2. Ranor - 28.05.2012 15:15

    Euer Kommentarsystem saugt übrigens… Der letzte Satz sollte eigentlich ein Link hierhin werden.

  3. Ranor - 28.05.2012 15:17

    Argh! Wieso funktionieren denn die Links nicht!? Wenn ich auf „Preview“ klicke sieht alles noch okay aus. Also dann mal manuell: Hier der entsprechende Link:

    http://shodannews.wordpress.com/2012/05/24/the-witcher-2-ommage-and-politics-of-the-fantasy-genrethron/

  4. Balkan Toni - 28.05.2012 22:55

    DAS HAT ER!

  5. Daniel - 29.05.2012 11:49

    Für jemanden, der nach ein paar Stunden aufgegeben hat, kennst du dich mit den „relevanten“ Aspekten des Spiels aber gut aus, Ranor. ;)

    Die Steuerung ist auch nicht komplizierter als bei jedem anderen Spiel, welches alle Tasten des Controllers mit irgendeiner Aktion belegt. Es gab ja von vielen Seiten Kritik am Einstieg, weil man direkt in Gruppenkämpfe geworfen wird und noch nicht mit den Mechaniken des Kampfes bekannt ist. Witcher 2 spielt sich dabei ganz klar nicht wie jedes andere Spiel und macht es einem auch nicht leicht. Hier muss man seine alten Reflexe im Zaum halten und nicht schwertschwingend ins Getümmel rennen, sondern wie ein betrunkener Affe um die Gegner rollen und im richtigen Moment ein paar Schwinger austeilen, nur um danach wegzurennen, bis einen die KI vergessen hat. Repeat. Für mich war das wenig frustig, sondern ein experimentieren mit den vorhandenen Mechaniken. Kann man doof finden, ich fand es erfrischend. Der Aspekt geht leider (siehe Artikel) mit dem späteren Spielverlauf verloren.

    Was die große Story angeht: war mir relativ egal und ist auf eine konvolute Art und Weise erzählt, die einem das große Ganze auch nicht sehr plausibel nahebringt. Ich habe keine ellenlange Journal-Einträge über Land, Könige und Leute gelesen, weil gerade die ganzen Hintergrundinformationen mich heutzutage von Fantasy-Geschichten abstoßen. Zum Glück brauchte ich diesen Input aber nicht, um Spaß zu haben, weil das Land als Ort und die Entscheidungen als kleine Geschichten so gut funktionieren und nicht immer den Konventionen entsprechen. Meinetwegen hätten die Entwickler hier gerne noch weiter in Richtung Low Fantasy gehen können.

  6. Frank - 29.05.2012 15:43

    Danke für Deine Meinung!

    Habe the Witcher 1 mehrfach angefangen, bin aber wegen der „Andersheit“ lange Zeit nicht so recht mit dem Spiel klar gekommen. Aus purem „Nahrungsmangel“ heraus bin ich dann vor ein paar Wochen zum ca. 5ten Mal in den ersten Teil eingestiegen und da hat der Funke (endlich) gezündet; und zwar so richtig. Zwischenzeitig habe ich obendrein noch die ersten beiden Bücher gelesen und bin mittlerweile ein großer Fan von Geralt und seinen Geschichten, wenngleich mir – zumindest in Witcher 1 – ein wenig die Märchenhaftigkeit der Bücher fehlt. Für den Urlaub in Kürze jedenfalls ist die Witcher 2 Enhanced Edition für PC schon ganz fest eingeplant…..

    Gruß
    Frank

  7. Ranor - 30.05.2012 12:14

    @ Daniel

    Mit „Steuerung“ meine ich was anderes, da habe ich mich zu unklar ausgedrückt. Mich stört, das Geralt keinerlei Bodenhaftung und Eigengewicht zu haben scheint und wie ein Eisläufer über die Landschaft gleitet – da macht das Spiel für mich ziemlich unspielbar.

    Zum Storytelling: Ich habe auch keine Lust ellenlange Journal- und Wikipediaeinträge zu lesen, allerdings verstehe ich bei The Witcher 2 (zumindest in den ersten Stunden) sonst nicht viel. Ich bin aber auch mit dem Sprachstil nicht wirklich klargekommen.

  8. Ranor - 30.05.2012 12:15

    Sorry, da soll natürlich nicht „@ Manu“ sonder „@ Daniel“ stehen.

  9. Phinphin - 31.05.2012 08:21

    Witcher ist doch nur dann ein Paradebeispiel, wenn man eben auf diese offene Welt fast komplett verzichtet und stattdessen auf eine lineare Spielführung setzt.

    Trotzdem bisher mein Lieblingsrollenspiel.

  10. Tom - 15.06.2012 19:05

    Bin ja selten mit Euch wirklich einer Meinung, aber dieser Artikel spricht mir in allen wesentlichen Aspekten aus der Seele. Ja, das Spiel ist stellenweise frustig, ja, es gibt punktuell Verbesserungsbedarf. Zweifelt niemand an. Auf der anderen Seite krähen „wir“ Gamer aber immer nach Spielen, die uns nicht wie Idioten behandeln und den Mut haben, konsequent zu sein. CD PROJEKT hat mit Witcher 2 ein eigenständiges, selbstbewußtes Werk abgeliefert, dass trotz seiner sporadischen Sperrigkeit als großes Abenteuer prächtig funktioniert.

    Und auch wenn man den Plot nicht mag oder die Erzählweise verwirrend findet (was ich nicht ganz teilen, aber nachvollziehen kann), muss man dem Spiel auch hier Mut und Konsequenz zugestehen. Das Quest-Journal ist interessanter und lesenswerter als alles, was ich in den letzten Jahren anderswo gesehen habe, und das Ausmaß der Entscheidungen wischt mit so manchem Spiel, das sich damit rühmt, den Boden auf. Das allein lässt mich den ein oder anderen Frustmoment verzeihen.

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