Blähdarm des Gemetzels

Im Zusammenhang mit „Diablo 3“ möchte ich zunächst drei Worte nennen (und darum bitten, dieses Lied zu starten): Mörser, Elektrisiert, Geschmolzen. Das war die Elitegegner-Eigenschaftenkombination, die mich laut lachen ließ, während sich mein Mönch panisch kreischend auf der Flucht vor einer gemeinen Froschmeute befand. Was sollte er auch anderes tun? Begab er sich in den Nahkampf, fand dieser auf brennendem Boden statt (Geschmolzen). Landete er einen Treffer, entließen die Gegner einen Haufen kleiner Blitzwolken (Elektrisiert). Und rannte er weg, bewarfen sie ihn mit Feuerbällen (Mörser). Er rannte und rannte, während um ihn herum alles brannte und explodierte und zerblitzte. So ging das einige Minuten lang. Und ich musste die ganze Zeit über lachen. Meine Frau fragte sich bereits, was los war. Erklären konnte ich es ihr nicht. Ich stellte mir gerade vor, wie mein Held noch vor wenigen Minuten breitschultrig Neu-Tristram verlassen hatte, um die Welt zu retten. Wäre ihm heimlich jemand gefolgt und hätte gesehen, wie er hier von Fröschen verfolgt um einen Baum rennt, er hätte die Hoffnung aufgegeben. Als ich den letzten Frosch besiegt hatte, musste ich eine Pause einlegen. Mir tat der Bauch weh. Das war nicht die erste Situation, in der ich riesigen Spaß mit Diablo 3 hatte. Aber auf jeden Fall die Lustigste. Bisher. Ihr dürft die Musik jetzt übrigens wieder ausmachen.

Selbstverständlich ist nicht alles toll an „Diablo 3“, ich habe einiges am Spiel auszusetzen. Zunächst einmal wäre da der Templer. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen aufdringlicheren Nebencharakter gesehen. Warum? Weil er immer VOR meinem Helden herumrennt! Ich spiele am liebsten einen Nahkämpfer. Nahkämpfer sind harte Kerlinnen und Kerle, die ihre Körper mutig in den Kampf schleudern. ICH bin der Held und der Templer ist nur mein Gehilfe. ICH betrete das Schlachtfeld als Erster, nicht dieser Möchtegernkrieger. Es ist unglaublich, wie sehr mich dieses Vorgerenne nervt! Ist er vor mir, drehe ich mich in der Hoffnung, ihn von nun an hinter mir zu lassen, um und renne in die andere Richtung. Aber was macht der Templer? Er legt einen kleinen Sprint hin und setzt sich so erneut vor mich. Unerhört. Was für ein aufdringlicher Typ! Auf diesen Sprint greift er ansonsten nie zurück! Rennt ein schneller Gegner vor ihm weg, watschelt er im Schneckentempo hinterher. Aber wenn ich vor ihm herumlaufe, dann fällt ihm plötzlich ein, dass er auch schneller kann. Mistkerl.

Auch an anderer Stelle haben die „Diablo 3“-Designer geschlampt. Wer ist denn bitte auf die Idee gekommen, den Knopf für die Charakterfähigkeiten mit einem Schwert und den Knopf für das Inventar mit einem Charakterbild zu versehen? Das Schwert ist ein Gegenstand im Spiel. Wo landen Gegenstände? Richtig: Im Inventar. Die Charaktereigenschaften sind dagegen etwas, was die Fähigkeiten meines Helden verändern. Hier wäre die Körpersilhouette viel passender. Auch nach Hundert Stunden Spielzeit rufe ich mein Inventar noch versehendlich über den Schwertknopf auf und ärgere mich im Anschluss über diese vermurkste Menüführung. Was soll das? Hat Blizzard durch „World of Warcraft“ nicht genug Erfahrungen im Bereich der Menübilder sammeln können? Was haben die denn all die Jahre über gemacht?

Am schlimmsten ist aber der Handel mit Gegenständen. Vor allem im dritten und vierten Akt. Ich beziehe mich auf Vidar. „Der Sammler“ nennt er sich. Dieser gemeine Halunke! Spreche ich ihn an, beginnt er zu jammern. „Das ist so eine harte Zeit. Wie soll man nur über die Runden kommen?“ Und dann krönt er sein Gejammer mit folgender Aussage: „ICH werde überleben, wenn DU etwas kaufst.“ Das ist ja wohl unterste Schublade, wie man so schön sagt. Ich kann einfach nicht anders als Vidar bei jedem Aufenthalt in der Arreat-Festung einen Besuch abzustatten und irgendetwas zu kaufen. Mal ein Paar Stiefel. Dann Handschuhe. Ich bin einfach zu freundlich. Ich kann ihn doch nicht einfach so stehen und verhungern lassen. Armer Vitar. Gut, gleichzeitig klaue ich ihm bei jedem Besuch seine Ersparnisse. Aber daran ist er selbst schuld. Warum platziert er sie auch so auffällig in einer Kiste vor seinen Füßen?

Und dann ist da auch noch Blizzards Geldgier. Bei meinem ersten Diablo-Kill hätte ich das Spiel am liebsten beendet. Als all die Gegenstände und Goldhaufen aus Diablos totem Körper sprudelten, hätte man auch gleich das Logo eines großen Mineralwasserherstellers einblenden können. Aber das wäre natürlich zu auffällig gewesen. Blizzard baut die Werbung lieber versteckt in sein Spiel ein. Was zum Glück nicht heißt, dass sie meinen wachsamen Augen entgeht. Durst hatte ich trotzdem.

Jetzt möchte ich aber meine seriöse Videospielkritikerbrille der Vernunft mal für ein paar Minuten ablegen. Nein, besser nicht. Dann sehe ich nicht, was ich schreibe. Ist aber andererseits vielleicht ganz gut. Oder ich gehe einfach näher an den Bildschirm ran. Ui, meine Nasenspitze wird angenehm warm. Ganz ehrlich: „Diablo 3“ ist abseits der oben beschriebenen Fehler ein großartiges Spiel. Da wäre zum Beispiel ein Elitegegner, der mir eines Tages vor die Füße lief und den Namen Blähdarm trug.

Und das ist noch längst nicht alles. Selten war der Name einer Ortschaft passender als „Felder des Gemetzels“. Es kommt nicht häufig vor, dass ich wegen bombastischer Szenen anfange, vor Freude zu jubeln. Bei „Diablo 3“ ist dies nicht nur einmal passiert. Wenn sich mein Mönch durch Gegnerhorden boxt, diese dabei anzündet, explodieren lässt, lähmt und blendet, kann ich nur noch glücklich sein.

Außer es taucht plötzlich eine Horde unverwundbarer Diener auf. Das war auch so ein Erlebnis. Ich hatte es irgendwie geschafft, nur die Diener anzulocken. Vom Elitegegner, den ich töten musste, um mich der Diener entledigen zu können, war keine Spur. Leider bemerkte ich das erst, als ich mich bereits einige Meter zurück bewegt hatte und wild suchend meinen Mauszeiger über die Gegner bewegte. Kennt ihr diese Fußballtrainingsvideos, in denen die Spieler um eine Reihe von Fähnchen laufen? So sah das bei mir auch aus. Bis auf die Tatsache, dass die Fähnchen mich verfolgten und töten wollten. Und Giftpfützen unter sich bilden.

Rede ich gerade tatsächlich über Fußball? Die EM ist doch vorbei. Die ganzen Profifußballer vor ihren Fernsehgeräten haben sich wieder in ihre fußballfreien Löcher verkrochen. Das Thema ist durch. Genauso wie mein Text. Darum nun mein abschließendes Fazit.

Ich liebe „Diablo 3“. Es macht unglaublich viel Spaß. Ich mag das Loot-System. Ich finde immer wieder bessere Gegenstände. Auch auf Inferno. Das Auktionshaus benutze ich nicht. Ich werfe nur hin und wieder mal einen Blick rein. Wie damals bei „Diablo 2“, als man in Charakterguides geguckt hat und den Gegenständen hinterher geträumt hat, die einem da für einen perfekten Charakterbuild empfohlen wurden. Selber nutzen werde ich es aber nicht. Ich finde mein Zeug. Ich grinde gerne. Wenn ihr wüsstet, was ich hier gerade mit meinen „Skylanders“-Figuren durchziehe, wüsstet ihr was ich meine.

Das neue Fähigkeitensystem ist ebenfalls großartig. Es gibt Situationen, in denen ich meine Fähigkeiten komplett umstelle, um eine bestimmte Gegnerhorde zu besiegen. Ja, ich werde dadurch vermutlich nur einen Charakter pro Klasse auf 60 bringen. Vielleicht aber auch nicht. Ist aber auch nicht schlimm. Ich habe bisher knappe 100 Stunden mit meinem Mönch verbracht. Das wären 400 weitere Stunden, wenn ich alle Charakterklassen durchziehen will. Natürlich würde es etwas schneller gehen, weil ich die Zwischensequenzen abbreche. Aber selbst dann bleiben noch einige Stunden Spielzeit übrig.

Viel mehr kann ich nicht schreiben. Ich kenne die Kritikpunkte. Der Onlinezwang ist alles andere als optimal. Ich kann meine fehlgeschlagenen Login-Versuche aber an einer Hand abzählen. Die Verbindungsabbrüche ebenfalls. Und all das steht in keinem Verhältnis zu dem Spaß, den ich habe. Ich meine: Blähdarm? Super!


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8 Kommentare

  1. Missingno. - 24.07.2012 19:12

    Gute Musikwahl. Aber lustige Namen (z.B. Dresch Zocker, Trauer – Wolke, Rotz – Fresser, …) und nervige Gegner (Blitzverzaubert, Mehrfachschuss, Sehr schnell, gerne auch mit nerviger Aura und Immunitäten) gibt es bei Diablo II schon.

  2. Scheinprobleme - 24.07.2012 20:38

    Um diesen Text einmal mit dem beliebtesten Adjektiv der deutschen Gamingcommunity (vielleicht auch der französischen, der polnischen und indischen!) zu kommentieren: Großartig.

    Allerdings, und es fällt mir sehr leicht dies zu sagen, empfinde ich die Position des Begleiters beim Laufen als beinahe revolutionären Schritt, der dieses Spiel um dreiundtranzig Prozent nach oben wertet. Meine Güte wie habe ich mich gefreut! Endlich hat mal jemand verstanden, dass es überhaupt keinen Grund gibt, weshalb ich immer vorne weg preschen sollte! Besonders als Fernkämpferin mit Bogen habe ich an vordester Front nun wirklich gar nichts verloren! Und endlich endlich wird mein Begleiter mir als gleichberechtigt danebengestellt. Und ich glaube tatsächlich, er läuft neben mir her. Wirklich genau daneben und nicht vorne weg. Ich frage mich, warum das nicht schon immer so war? Warum es andere Spiele nicht hinbekommen? Es ist.. ja, schon wieder, wirklich… großartig! Ich hatte wirklich das Gefühl, einen starken Partner an meiner Seite zu haben und nicht nur dummes Kanonenfutter, das ich an den erst besten dahergelaufenen Baum verfüttern kann.

    Dennoch, ich spreche von der Vergangenheit. All‘ diese zunächst wirklich lustigen im-kreis-lauf-Momente wiederholen sich eins um andere Mal und irgendwann hat mich die Motivation verlassen. Ewig kann ich leider nicht darüber lachen und der Rest ist nicht motivierend genug.

  3. Chris - 24.07.2012 21:59

    Besonders als Fernkämpferin mit Bogen habe ich an vordester Front nun wirklich gar nichts verloren!

    Dämonenjäger/in? Ich auch. Der Templer ist Nahkämpfer, der gehört nach vorne. Jetzt könnte man zum Vergleich mal schauen, ob sich Zauberin und Schurke brav hinten anstellen, aber dazu fehlt mir gerade die Motivation. :/

    Wer ist denn bitte auf die Idee gekommen, den Knopf für die Charakterfähigkeiten mit einem Schwert und den Knopf für das Inventar mit einem Charakterbild zu versehen?

    Oh ja. Und vor allem: Wie kann das in der langen Testphase niemandem aufgefallen sein? Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich da schon daneben geklickt habe.

  4. Stiftnürsel - 24.07.2012 22:39

    Ja, dass das Vorgerenne bei Fernkämpfern praktisch ist, kann ich nachvollziehen. Dennoch fordere ich die Option, den Templer hinter mich stellen zu können. ES NERVT TOTAL! Wobei ich natürlich eher auf die Verzauberin zurückgreife als Nahkämpfer. Eine herhöhte Angriffsgeschwindigkeit ist immer gut. Aber wenn man einen neuen Charakter beginnt und diesen Teil im ersten Akt erreicht, wo der Templer einem folgen MUSS… ich könnte jedesmal schreien vor Wut!

  5. cibo - 25.07.2012 01:18

    Ach Mensch, den Rotz-Fresser wollte ich doch nennen.

    Was den Templer angeht find ich seine Unterhaltungen noch um einiges nerviger:
    „Wie geht man denn in eurem Land mit Verbrechern um?“
    „Sie bekommen ein Gerichtsverfahren und werden dann eingesperrt.“
    „Ehrlich? In unserem Land bringen wir sie einfach um!“

    Arrg.. wie er die Antwort auf seine Frage schon genau kennt (er hat sie ja vorher schon 10x gestellt, aber das meine ich nicht) und nur fragt, damit er mir erzählen kann wie verblüffend einfach sein Land mit Verbrechern umzugehn weiß.

  6. Chris - 25.07.2012 01:44

    Die Unterhaltungen mit dem Templar! Ich könnt kotzen.

    … but I lost track.

  7. MirdochWurst - 27.07.2012 01:41

    Toll geschrieben!
    Leider kann ich aber deine Begeisterung gegenüber Diablo 3 nicht ganz so teilen. OK – auf den ersten drei Schwierigkeitsgraden macht es wirklich verdammt viel Spaß. Aber schon die erste blaue Gegnerhorde auf Inferno hat mir eindeutig klar gemacht, dass ich ab dort nicht weiterspielen soll. Außerdem finde ich keine guten Gegenstände. Nie. Und wenn doch, dann nur für andere Klassen. Das macht mich irgendwie depressiv.
    Egal. Dann spiel ich eben alle Klassen „nur“ bis Hölle durch. Dann habe ich zwar gut 20 Stunden weniger pro Klasse, aber auf die Spielzeit kommt es mir auch nicht an – schließlich steht ja am Ende der Spaß im Vordergrund und nicht die Zeit. Und Spaß macht Diablo 3 allemal – wenn auch für mich nur bis Hölle.

  8. Commander Z - 30.07.2012 17:51

    Sehr schöner Beitrag.
    Und passt fast zu meinem „Spielerlebnis“.
    Allerdings hat mir Inferno alles wieder versaut! Na gut, mit mehr als 100 h Spielspaß ist das auch nicht so schlimm ;) Oder vielleicht doch? :/

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