Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Ich mag Road-Movies. Hier bin ich unterwegs, sehe viel von der Schönheit und Verbitterung dieser Welt, kann auch manchmal in ihre wenig gezeigte, hässliche Fratze blicken und begleite Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht lange an einem Ort verweilen können. Der latente Bewegungsdrang in diesen Filmen fasziniert mich, da die Reise nur mit Bewegung funktioniert, Stillstand selten ist und die Männer zumeist bärtige Gesellen sind, mit mittellangen Haaren und hin und wieder ein Lexikon für giftige Pflanzen bei sich tragen. Damen wie Thelma & Louise hingegen verarschen grenzdebile Truckfahrer und verlieren im Fahrtwind ihres Cabrios wertvolle Dollarnoten beim Durchzählen, sehr unterhaltend.

Deadlight erinnerte mich etwas an dieses Genre. Erinnerungen an The Road kamen mir in den Sinn, vor allem weil die Hauptfigur etwas Ähnlichkeit mit Viggo Mortensen in besagtem Film hat und nicht zuletzt die raue Struktur der Welt teilweise Parallelen aufzeigt. Der etwas überstrapazierte Umstand, dass ich es hier wieder mit Zombies als Feindbild Nr. 1 zu tun hatte, ist für mich nicht weiter von Belang, da sie sich mir während des Spielens eher als lästiges Hindernis von vielen, quasi die kleinen Dinger, die mich aufhalten sollen, präsentierten. Lediglich die wenigen Momente, in denen mich ein größerer Pulk von ihnen zu Boden riss und ich nicht mehr entkommen konnte, zeigten mir, dass sie mich tatsächlich bremsen konnten. So, so.

Nun denn. Insbesondere der erste Akt von insgesamt dreien konnte mich der Plattformer überzeugen. Deadlight sieht einfach wunderschön aus, die Welt wirkt rau und leer, jegliches Leben und Normalität scheint ausgelöscht. Die hintere Ebene ist beweglich, Auto- und Häuserwracks, blinkende Ampeln und defekte Strommasten pflasterten den Weg im verseuchten Seattle. Hier lässt mich das Spiel im soften Tempo klettern, laufen und springen. Die Gefahr ist zwar allgegenwärtig, jedoch nur selten wirklich greifbar. Die Zombies begegneten mir Anfangs zumeist aus der Ferne und ich lernte, wie ich sie aus der Distanz heraus mit Pfeifen oder Rufen ködern und in Fallen locken konnte. Das Spiel bietet es an vielen Stellen an, den Beissern eher auszuweichen als sie direkt zu bekämpfen. Später fand ich neben einer Feueraxt für den Nahkampf auch einen Revolver und eine Schrotflinte. Fühlte sich gut an, benutzt habe ich sie jedoch selten. Kam es doch zum Kampf, nutzte ich bevorzugt die Axt, aber meine Güte, nein, das Kampfsystem war behäbig und dröge und wurde mehr schlecht als recht von einer Ausdaueranzeige bestimmt. Wenn also Ausweichen eine Option war, so habe ich sie auch genutzt.

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Randall Wayne ist ein Mann mit langem Mantel, schwerem Rucksack und circa 10 Kilo Haaren am Körper, ich erwarte da keine flinken Bewegungen und akrobatische Sprünge wie beispielsweise in meinem jüngsten Plattform-Liebling Outland. Aber obwohl meine Toleranzschwelle in der Hinsicht etwas höher ist, empfand ich die Steuerung, insbesondere bei der Sprunggenauigkeit als kaputt. Wenn sich Tequila Works schon eventuelle Vorbilder wie ein Prince of Persia oder auch das grandiose Another World ausgesucht haben sollten, dann schneidet Deadlight hier leider eher schlecht ab. Auch dass Randall zwar meterweit zwischen Häuserschluchten springen kann, aber im Wasser die absolute Dumpfkachel ist, wirkte auf mich unfreiwillig komisch und befremdlich. What the Heck?!

Im Laufe des ersten Akts erreicht Deadlight jedenfalls einen angenehmen Einstieg in die atmosphärische Umgebung und in die Geschichte um Randall Wayne und seine Motivation, sich auf die Reise durch Zombieland zu machen. Die Story wird in hübschen Graphic-Novels mit Voiceover erzählt, wie sie auch schon in den guten, alten Max Paynes zu finden waren. Auch die verstreuten Tagebuchseiten zum Sammeln geben Einblick in einige Hintergründe und das Buch formt sich im Laufe der Handlung zu einer detaillierten Biografie eines Mannes, der auf der Suche nach Frau und Kind ist.

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Unerträglich jedoch waren vereinzelte Monologe Randalls, die auf mich etwas pseudophilosophisch wirkten. Hier sollte man wohl mehr Tiefgang vermittelt bekommen, der vielleicht gar nicht da war. Für mich war das eher bedeutungsschwangeres Geschwafel. Ich sehe ja schon selbst, dass Seattle nicht mehr das ist, was es einmal war und ich bin auch emphatisch genug um zu erkennen, dass Verlust von Familie, Freunden und die Zerstörung unserer Welt, einen Menschen schwer zeichnet. Hier war es an Theatralik einfach des Guten zuviel, weniger wäre mehr gewesen, wenn ihr versteht was ich meine. Wir sind ja nicht ganz so blöde, wie wir vielleicht aussehen, werte Mitarbeiter von Tequila Works.

Fantastisch war allerdings die Vertonung durch die Sprecher und das absolute Highlight stellte für mich der Soundtrack dar. Ich bekam regelmäßig eine Gänsehaut, wenn zwischen fauchenden Zombies, bröckelnden Fassaden und beklemmender Tristesse, der sanfte Score ertönte. In einer Welt, die vollkommen wahnsinnig geworden ist, untermalte er streckenweise perfekt die Situationen. Besser geht es kaum!

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Der Himmel verdunkelte sich dann leider immer mehr als ich den zweiten Akt und somit den Untergrund erreichte. Die Erzählung bekam hier einen kaum nachvollziehbaren Knick, meine Aufgabenstellung wechselte von einer Road-Movie-Survival-Reise zu einem Parkour-Lauf auf Befehl. Aufgrund der etwas ungenauen Steuerung waren die Trial-and-Error-Passagen wenig spaßig und der vorher makellose Spielfluss aus dem ersten Akt war hier fast gar nicht mehr vorhanden. Ich hickste mich quasi grob versetzt durch die Savepoints, um dann wieder dem nächsten Sprung-Lauf-Fallen-Konstrukt zu begegnen, was mich Schnarchnase komplett aus dem Ablauf brachte und langweilte. Ab hier beschlich mich dann das Gefühl, dass irgendwas mit Deadlight nicht stimmt. Oh wie schade, alter Rattenmann, deine Rolle war mehr als überflüssig. Kaum nahm ich jedoch Abschied vom nichtssagenden Herrn mit Tiernamen und der Kanalisation, wusste das letzte Drittel des zweiten Akts auch wieder mehr zu gefallen. Ja, aber nö, die Stimmung war trotzdem getrübt.

Das Tal der Tränen durchwandert, erreichte ich dann den Dritten und letzten Akt. Hier durfte ich dann wieder schön mit den Beissern spielen, klettern, springen und ein bißchen Erforschen. Stilsicher zeigten die Tequilas auch hier wieder ihr Können. Das Setting und die wunderbar animierte Umwelt waren überzeugend und der Spielfluss war hier wieder angenehm glatt. Später gesellten sich zu den hirnlosen Trotteln auch Soldaten als Gegenspieler hinzu, welche den Schwierigkeitsgrad aber nicht wirklich erhöhten – lediglich die Spielgeschwindigkeit wurde etwas hektischer und schneller. An dieser Stelle steuerte ich dann auch schon ziemlich hastig auf das unvermeidliche Ende zu. Der dazugehörige Plot-Twist konnte mir leider nur ein müdes Gähnen ins Gesicht tackern. Nicht weiter dramatisch, da ich diesbezüglich nicht viel erwartet hatte.

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Unterm Strich ist Deadlight für mich leider nur ein durchschnittliches Spielchen, auch wenn es in dieser Sparte in der oberen Liga mitspielen kann. Trotz seiner seichten Geschichte, konnte es mich dank der überwiegend tollen Atmosphäre doch für einige Stunden fesseln. Insgesamt bleibt das Spiel aber sowohl inhaltlich, als auch spielerisch hinter seinen Möglichkeiten zurück. An der wunderschönen Optik kann man sich in der ohnehin sehr kurzen Spielzeit gar nicht sattsehen. Wirkliche Herausforderungen habe ich leider nicht erlebt – das Beste und Schönste war für mich ohne Zweifel der Einsatz von Musik und Sounds.

Wenn ich JETZT, gleich HIER und SOFORT einen wirklich tollen Plattformer der letzten Zeit empfehlen müsste, dann wäre es nach wie vor das wundertolle Outland.


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5 Kommentare

  1. Missingno. - 01.09.2012 12:57

    Mit Zombies hatte ich das (geringe) Interesse sowieso schon verloren. Aber

    in denen mich ein größerer Bulk von ihnen zu Boden riss

    *Pulk #Korrektur

  2. Jingleball - 01.09.2012 17:05

    Danke Missingno., aber ich meinte „Bulk“ aus dem englischen. Aber „Pulk“ stimmt natürlich auch. Ist wohl auch Jacke wie Hose. :-)

  3. Missingno. - 01.09.2012 22:54

    Ich dachte auch an das englische „bulk“. Das bedeutet doch „Menge“ oder „Masse“. Oder eben ein „Pulk“. So ein unnötiges englisches Wort fits nicht in den Text. Du verstehst was ich meine? ;-)

  4. Jingleball - 01.09.2012 23:07

    Ich glaube, ich habe dich noch nie nicht verstanden. Nur für dich korrigiert, fühl dich geehrt. ;-)

  5. Missingno. - 02.09.2012 13:14

    Keiner versteht mich. :-(
    Aber, yay, total nur für mich ehrenvoll korrigiert.

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