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Gedudelhiphop mit Frustgarantie

Vor einigen Tagen saß ich am PC und spielte „Trackmania 2“. Um mich ein wenig von diesem nervenaufreibenden Leben auf der Überholspur abzulenken und mich zu beruhigen, ging ich einkaufen. Lebensmittel sind leider ein wichtiges Mittel, um das Überleben eines Menschen zu sichern. So begab ich mich also zum nächstgelegenen Supermarkt. Als ich diesen fast erreicht hatte, kam mir ein junger Mann entgegen, der ein Sixpack in der Hand hielt. Als wir auf gleicher Höhe waren, gab die Bierverpackung dem Wunsch der Flaschen nach Freiheit nach und ließ sie frei. So trafen die Flaschen nach Tagen in Gefangenschaft endlich wieder auf ihre Geliebte namens Steinboden und platzen vor Freude. Der junge Mann dagegen platzte vor Wut. Und rief laut „Hurenscheiße“.

Nun mag man sich fragen, wieso das Erste, was einem Menschen in einer solchen Situation einfällt, das Wort „Hurenscheiße“ ist. Ich frage mich aber erst einmal, ob dieses Wort auf einer serieuxsen Seite wie Polynö überhaupt benutzt werden sollte. Wobei diese Diskussion wohl eher etwas für unsere kaputten Kommentare ist. Dort kann sie nämlich in aller Ruhe nicht geführt werden. Darum zurück zur Antwort auf die Exkrementenfrage: Keine Ahnung, ich bin kein Philosoph. Aber ich hielt es für sehr unangebracht, ein solches Schimpfwort zu benutzen, nur weil mal etwas nicht so funktioniert, wie man es geplant hatte.

Über meinen Einkauf zu berichten, halte ich an dieser Stelle übrigens für noch unangebrachter als das Wort „Hurenscheiße“, darum lasse ich es. Zu Hause angekommen belegte ich eine Scheibe Brot mit Wurst und erinnerte mich daran, dass ich Hip Hop mag. Darum installierte ich „Sideway“. Hier spielt man einen coolen Typen, dessen Freundin von einem bösen Typen entführt wird. Warum, habe ich vergessen. Wichtig ist nur, dass sich dieser Halunke in der Graffitiwelt versteckt. Und diese betritt man nun ebenfalls.

Es beginnt ein typischer Platformer. Man springt, bekämpft Gegner und sammelt Zeug ein. Die Spielmechanik ist nicht spannender als die Bierflaschengeschichte in der Einleitung, weshalb ich über sie keine weiteren Worte verlieren will. Gefallen hat mir die Gestaltung der Welt. Da man sich in der Graffitiwelt befindet, ist die eigene Spielfigur ebenfalls ein solches Straßenbild und kann sich nur an Hauswänden fortbewegen. So läuft man also als Gemälde durch die Stadt. Wasser löst einen auf, an die Wand gemalte Dornen durchbohren einen und so weiter. Das Konzept hat mir gefallen, die Umsetzung funktioniert und so verbrachte ich ein paar Stunden in der Welt von „Sideway“, bis mir auffiel, dass mich die Hintergrundmusik unglaublich langweilte. Man hatte es hier mit Gedudelhiphop zu tun. Darum startete ich irgendwann einfach den „Super Meat Boy“-Soundtrack, wodurch mir auffiel, dass sich „Sideway“ ziemlich unpräzise spielt. Aber da dachte ich mir nichts bei. Das Spiel legte auch nicht viel Wert auf Präzision.

Dann erreichte ich den Endgegner. Achtung! Ich verrate hier irgendwann, wie „Sideway“ endet. Wer das nicht… hahaha. Entschuldigt. Musste sein. Motiviert trat ich dem Endgegner gegenüber. Und dann begann das Fluchen. Ich habe in meinem Leben schon viele Gegner besiegt und freue mich stets über Herausforderungen. Das Schlimmste, was mir ein Spieleentwickler entgegensetzen kann, ist ein Gegner, den ich nicht ernst nehme. Ich brauche besagte Herausforderungen einfach. Kennt ihr den ersten Goomba, der sich einem bei „Super Mario Land“ auf dem Gameboy entgegenstellt? DAS ist genau die Herausforderung, die ich brauche. „Ha, das Spiel kenne ich mittlerweile auswendig. Ich muss die Rennentaste gar nicht mehr loslassen, so gut bin HURENSCHEISSE!“ Das ist angenehmer Frust. Angenehme Wut. Diese Emotion brauche ich. Sie motiviert mich. Einen solchen Gegner zu besiegen, endet in Glücksgefühlen. „Sideway“ wiederum endet mit dem schlimmsten Bosskampf eines Zeitraums, den ihr an dieser Stelle selbst bestimmen dürft. Nehmt einfach das, was euch am meisten beeindruckt, ohne übertrieben zu wirken.

Während des Kampfes musste ich eine Präzision an den Tag legen, die von der Spielmechanik her gar nicht vorgesehen war. „Sideway“ spielte sich zwar schon die ganze Zeit über recht schwammig und produzierte so den einen oder anderen Frustmoment, war aber nie so schlimm, dass ich es in die „Leck mich am Arsch“-Kategorie meiner Steamliste verschieben wollte. Es gibt bei mir unterschiedliche Stufen der Frustration. Die harmloseste ist wohl das Werfen meiner Kappe und das Schlagen erreichbarer Möbelstücke. Schlimm wird es erst dann, wenn ich diese Tätigkeiten mit dem schmücke, was der in der Einleitung beschriebene Kerl von sich gelassen hat. Und damit meine ich nicht das Bier, sondern die Hurenscheiße. Denn genau dieses Wort benutzte auch ich plötzlich. Nach dem zehnten gescheiterten Versuch, den Boss zu besiegen, ließ ich meiner Zunge freien Lauf und sie trat zu einem Marathon an, dessen Zieleinlauf das direkte Beleidigen des Spiels und das Richten meines Mittelfingers auf den Bildschirm darstellte. Hier ein Auszug meines „Sideway“-Abends:

1) „Fick dich, Spiel!“
2) Kappe durchs Zimmer werfen.
3) Dem Spiel den Mittelfinger zeigen.
4) Aufstehen und das Zimmer verlassen.
5) Beim Rausgehen die Zimmertür boxen.
6) An die Balkontür stellen und das nächtliche Treiben Frankfurts genießen.
7) Zurück an den Rechner setzen.
8) Aufstehen und die Kappe suchen.
9) Kappe aufsetzen und zurück an den Rechner setzen.
10) Weiterspielen.
11) Gehe zu 1).

Ich war so frustriert wie schon lange nicht mehr. „The binding of Isaac“ macht Spaß, weil es gemein sein kann. „Demon’s Souls“ hat mir damals nicht nur mein Pausenbrot geklaut, sondern es auch noch angezündet und mir gezeigt, dass es den Diebstahl gar nicht nötig hatte. Aber beide Spiele sind genau deswegen gut. Sie bleiben fair, sind auf ihre Art präzise und machen Spaß. Ja, auch hier wird die Kappe geworfen und geflucht. Aber meistens lachend. Das ist der kleine aber feine Unterschied. Wenn ich lachend fluche, dann spiele ich gerade ein gutes Videospiel. Fluchen gehört für mich einfach dazu. Aber Spaß muss es machen. „Sideway“ hat keinen Spaß gemacht. Ich hasste es. Aber es gab ein Problem, das mich von der Löschung des Problems abhielt: Es war der Endkampf. Der letzte, verdammte Kampf. Und wenn ich dieser Hurenscheiße von Spiel eines nicht gönnen wollte, dann einen Sieg über meine Ehre. Darum kämpfte ich weiter. Und wie.

Wisst ihr was ich mag? Bossangriffe, die die eigene Spielfigur mit einem einzigen Treffer töten können. Egal wie viel Leben man vorher hatte: Ein Treffer und Ende. Ich liebe diese Angriffe. Und darum könnt ihr euch sicher vorstellen, wie unglaublich verliebt ich war, als der „Sideway“-Boss genau dieses faule Ei aus seinem Liebesnest zog und in meine Richtung warf. In diesem Moment ging dann nicht mehr nur das Spiel mir, sondern auch ich meiner Frau auf die Nerven. Wenn sie keinen Bock mehr auf mich hat, weil ich ein Spiel spiele, dann ist das ein mehr als deutliches Zeichen. Ich war nicht mehr Stiftnürsel. Ich war Hurenscheiße. Meine Frau begab sich ins Bett. Dort war es ruhiger und angenehmer. Sie ging unter und ich an die Decke. Wut, Frust, Trauer und Zweifel tanzten um mich herum und lieferten sich Freestyle-Battles in denen sie die Mütter irgendwelcher Leute beleidigten. Nein, das war kein Hip Hop mehr. Das war Krieg. Und so kämpfte ich weiter.

Bis ich es schaffte. Wie? Ich weiß es nicht mehr. Wie lange ich an dem Kampf gesessen habe? Keine Ahnung. Aber irgendwann löste sich der Endgegner auf. Wenn ich bei „Dark Souls“ einen Boss besiege, springe ich normalerweise auf und freue mich. Ich reiße die Hände in die Luft und feiere den Moment. Freude breitet sich aus. In diesen Momenten liebe ich Videospiele. Bei „Sideway“ freute ich mich nicht. Ich fluchte weiter. „Du verdammter, mieser Scheißeficker. Das hast du Arsch nun davon. Lass dich nie wieder auf meinem Rechner blicken du Kacktyp. Ich hasse dich und deine Familie.“ Das war das, was ich während der Endsequenz von mir gab. Ja, ich weiß, ziemlich enttäuschend. Glaubt mir, das war noch lange nicht alles, was ich sagen wollte. Aber dann brach die Endsequenz ab und es wurde ein „TO BE CONTINUED“ eingeblendet.

Ich beendete „Sideway“, löschte es von der Festplatte, erstellte die Kategorie „Hurenscheiße“ in meiner Steamliste und schob das Spiel hinein. Nach einigen Tagen beschloss ich, diesen Text zu schreiben. Bevor ich die ersten Zeichen auf das digitale Papier brachte, ließ ich Steam das Spiel im Hintergrund neu installieren. Schließlich wollte ich Screenshots anfertigen. Als ich mit dem Text fertig war, hatte ich keine Lust darauf, „Sideway“ auch nur noch ein einziges Mal zu starten. Darum löschte ich es wieder und fertigte den Screenshot an, den ihr jetzt über dem Text sehen könnt. Danke für eure Aufmerksamkeit. Das hier musste mal raus.

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8 Kommentare

  1. Marc - 21.11.2012 16:07

    “Ich war nicht mehr Stiftnürsel. Ich war Hurenscheiße.”

    Ich lachte und fand mich selbst auch irgendwie in dem Text wieder. Herrlich!
    Ich schäme mich jetzt ein wenig, aber nun weiß ich wenigstens, dass ich in Steam Kategorien anlegen kann. Vielen Dank dafür. Klingt praktisch!

  2. Inexistiem - 22.11.2012 00:54

    Hm, “Hurenscheiße” ist schon ein ziemlich absurder Ausdruck, oder?

    Amüsanter Artikel jedenfalls. Mich würde jedoch interessieren, was sich so in der “Leck mich am Arsch”-Kategorie findet.
    Und das man eigene Kategorien machen kann wusste ich auch noch nicht.

  3. Starvision - 22.11.2012 10:22

    Schließe mich meinen Vorrednern an. Werde mal bei Steam Kategorien erstellen und aufräumen.

    Hurenscheiße … ich probiere mir das die ganze bildlich vorzustellen. Zum Glück mit mäßigen Erfolg.

  4. pfui - 22.11.2012 10:48

    Sicherlich ein äußerst derber Ausdruck, aber in der Bedeutung eigentlich doch recht einleuchtend.
    Was mag die sich in höchster Ekstase befindlichen Freier wohl mehr runterziehen als die Exkremente ihres Lustobjektes?
    Und um die Tragweite seines Entsetzens und den Schockmoment des Verlustes des Sixpacks würdig zum Ausdruck zu bringen, platzte es einfach spontan aus ihm raus: “Hurenscheiße”.

  5. Stiftnürsel - 23.11.2012 05:04

    Schön, dass ich euch nicht nur unterhalten, sondern zudem die Kategorisierungsmöglichkeit bei Steam näherbringen konnte! Da hat sich der Text doch schon gelohnt. Ich weiß gar nicht, wie ich ohne sie leben könnte.

    Über die “Leck mich am Arsch”-Rubrik könnte ich vermutlich einen kompletten Artikel schreiben. Aber die dort benutzen Wörter will nun wirklich niemand lesen.

  6. VoodooBenshee - 26.11.2012 10:51

    Verdammt, das hat mir den Tag gerettet. Ich hab mich weggeschmissen und fand mich leider auch drin wieder. erst gestern in need for speed world fiel das erste mal das wort “drecksnaziassiarsch”, meine frau guggte mich nur so an: O_O das ich sowas sagen würde, wusste ich selber nicht mal :/

  7. fruchtiger - 26.11.2012 23:40

    Fünf Stunden gespielt, das klingt jetzt nicht so dramatisch. Du kommst drüber hinweg. Wenn ich aber irgendwann mal in meinem Leben Hurenscheiße sagen sollte, ist das mit Sicherheit deine Schuld.

  8. UncleHo - 27.11.2012 11:09

    Dieser Artikel ist die Inkarnation allen Frustes.. :)

    Ich schließe mich meinen Vorrednern an… jetzt hab ich wenigstens gelernt, dass man Kategorien anlegen kann..

    Das braucht man ja spätestens seit diesen “Sales” Aktionen auf Steam.. Was sich da ansammelt.. “.. ach, DAS Spiel für 75% weniger? Nehm ich noch… Und das da!! Und das!!! Oh Gott.. ist die Liste jetzt voll..”

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