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The Gearbox Mystery

Wenn Ihr nicht gerade in einer peruanischen Höhle ohne Internetanschluss lebt, habt Ihr bestimmt schon mitbekommen, dass Aliens: Colonial Marines nicht so ganz das erhoffte Hit-Spiel zu James Camerons Kultfilm von 1986 geworden ist. Und mit “nicht so ganz” meine ich selbstverständlich “nicht einmal annähernd”. Es ist zwar nicht so unterirdisch schlecht, wie manche Kritiker schreiben, aber dennoch völlig inakzeptabel für ein Spiel, das im Jahr 2013 erschien und eine so prestigeträchtige, vor lauter Potenzial nur so strotzende Filmlizenz nutzt. Wir reden hier immerhin von Aliens, der ultimativen Blaupause des SciFi-Horror-Action-Genres!

Meine persönliche Enttäuschung hält sich allerdings in Grenzen, denn ich habe es kommen sehen. Immerhin hatte SEGA schon 2006 bekanntgegeben, wer das Teil entwickeln würde: Die Programmier-Söldner von Gearbox Software

“Du spinnst wohl! Von Gearbox sind doch die Borderlands-Spiele und die finde ich klasse.” – Ja, stimmt. Die Borderlands-Reihe ist ganz ordentlich, wobei mich eigentlich auch erst Teil 2 so richtig überzeugen konnte. Aber sonst? Seit ihrer Gründung 1999 haben sie lediglich eine lange Liste von durchwachsenen Auftragsarbeiten, überwiegend Plattformportierungen, und die dämliche Brothers In Arms-Reihe vorzuweisen, die ihre seinerzeit ganz positiven Kritiken eigentlich auch nur der damaligen WWII-Shooter-Mode um 2005 herum verdankt.

Gearbox Software waren immer ein durch und durch zweitklassiges Entwicklerstudio. Quasi das Entwickler-Pendant zur Polnischen Handwerkerkolonne: Fleißig, billig, unproblematisch und schnell, aber wirklich herausragende oder gar kreative Leistungen sollte man nicht erwarten. Wie sie die Borderlands-Spiele zustande gebracht haben, war mir daher auch bis heute ein Rätsel. Wenn man aber nun die Informationsschnipsel der letzten Tage zusammenlegt, macht plötzlich alles irgendwie Sinn:

Man hat sich bei Gearbox wohl selbst kaum richtig mit A:CM beschäftigt und große Teile der Entwicklung an andere Studios ausgelagert, während man einen Teil der SEGA-Kohle (üblicherweise werden solche Projekte vom Publisher vorfinanziert) und den Großteil der eigenen Manpower dafür abzweigte, Borderlands und dessen Nachfolger zu entwickeln. Da auch noch die Kohle von 2K (dem eigentlichen Publisher der Borderlands-Spiele) dazu kam, war man nun in der einmaligen Situation, endlich eine eigene AAA-Serie auf die Beine zu stellen und damit das gesamte Studio aus der Zweitklassigkeit zu heben. Clever, clever!

Nur zu dumm, dass man SEGA irgendwann nicht mehr weiter vertrösten konnte und tatsächlich liefern musste. Das Ergebnis ist inzwischen hinlänglich bekannt: Herausgekommen ist ein old-schooliger First-Person-Shooter, der, abgesehen von den vielen haarsträubenden Glitches, vor 6 bis 8 Jahren sogar ganz gut gewesen wäre. Dies bezieht sich allerdings nur auf die Technik und das Gameplay. In atmosphärischer Hinsicht wäre das Spiel aber auch schon damals eine Enttäuschung gewesen, denn dem Film, den es fortsetzt, wird es in keiner Weise gerecht. Man findet zwar viele Sounds und Locations aus dem Film wieder, aber alles wirkt dann doch nur wie liebloses, untalentiertes Fan-Fiction-Patchwork, das zudem voller Logikfehler steckt. Und spätestens an der Stelle wo plötzlich Corporal Hicks im Spiel auftaucht, weiß man als Aliens-Fan gar nicht mehr, ob man lachen, weinen oder einfach nur noch in den Monitor treten möchte. Und so bleibt Aliens versus Predator 2 von Monolith (2001) auch bis auf weiteres das letzte wirklich gute Aliens-Spiel.

Aliens: Colonial Marines ist sogar für Gearbox-Verhältnisse richtig schlecht. Aber das liegt wohl eben daran, dass bei Gearbox selbst nur maximal die Praktikanten daran gearbeitet haben, während die wirklich fähigen Leute lustig weiter am Borderlands-Franchise arbeiteten. Das Gros der A:CM-Entwicklungsarbeit war ohnehin an andere Studios outgesourct worden, von denen keines einem derartigen AAA-Projekt gewachsen war. Ich will weder den TimeGate Studios, noch den Demiurge Studios oder Nerve Software etwas Böses, aber alle drei haben keinesfalls das Kaliber für eine derartige Produktion.

Zwischendurch hat Gearbox sogar noch zusätzliches Geld in die Firmenkasse spülen können, indem man für 2K die 2011er Vollgurke Duke Nukem Forever von der 3D Realms-Resterampe zusammenklebte. Das hat vermutlich extrem wenig Arbeit gemacht, aber bestimmt gutes Geld eingebracht. Und der Clou war, dass man die Verantwortung für das traurige Endergebnis einfach an George Broussard und seine Truppe durchreichen konnte.

Nachdem nun wenigstens das Rätsel gelöst scheint, wie es das Zweitliga-Studio Gearbox Software schaffen konnte, die Millionen-Seller Borderlands 1 und 2 auf die Kette zu bekommen, bleibt es trotzdem weiter spannend: Was wird der um sein Geld geprellte Publisher SEGA nun unternehmen? Eine Klage scheint sehr wahrscheinlich. Natürlich vorausgesetzt, man kann all die Dinge, die in den letzten Tagen in Form von Internetgerüchten und Hörensagen durchsickerten, auch hieb- und stichfest beweisen. In diesem Fall hätte SEGA sogar gute Chancen, zumindest einen Teil des Geldes, das man Gearbox jahrelang überwiesen hat, auch zurückzubekommen. Immerhin verkaufte sich Borderlands 5 Millionen mal und der Nachfolger bisher 4,1 Millionen mal. Sogar der Deluxe-Kernschrott Duke Nukem Forever kam noch auf schockierende 1,75 Millionen Exemplare. Dadurch dürfte auch beim Entwickler Gearbox der eine oder andere Dollar hängengeblieben sein…

Wenn ich SEGA ungefragt einen bescheidenen Rat geben dürfte: Verklagt die dreisten Honks auf alles was sie haben! Ich mochte die sowieso noch nie…

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18 Kommentare

  1. martin - 21.02.2013 19:27

    Letztens war doch noch zu lesen, dass der Verkaufsstart von A:CM sogar den des AAAA-Titels Dead Space 3 übertrifft. Wenn das anhält, sollte Sega keinen Grund zur Klage haben. Denn ob man rein aus idealistischen Gründen vor Gericht zieht, wenn kein wirtschaftlicher Schaden nachweisbar ist? So Anwälte arbeiten ja auch nicht für dreifuffzig.

  2. SpielerZwei - 21.02.2013 21:50

    @martin:
    Ja, da ist einiges per Pre-Order weggehauen worden. Ich denke aber, dass A:CM kaum Folgeverkäufe haben wird. Und dann wäre da auch noch der Image-Schaden…

  3. martin - 21.02.2013 22:56

    Aber seien wir doch ehrlich, sein Image hat sich Sega auch ganz gut ohne Gearbox demoliert. Und das sage ich als einer, der sich 1991 für sein ganzes Erspartes ein Master System 2 mit eingebautem Alex Kidd gekauft und ab 92 keine Ausgabe GAMERS verpasst hat.

  4. Maus und Gamepad - 21.02.2013 23:29

    Wie heißt es doch in diesem mehr oder weniger populären Meme: ‘I ain’t even mad’. Als jemand, dem Games viel zu oft zu “spannend” sind (zu meinem Leidwesen), hätte ich wohl eh kaum Gefallen an A:CM gehabt. Und da ich ein großer Fan des ersten Borderlands bin und garantiert mit dem zweiten Teil auch irgendwann viel Spaß haben werde, finde ich die ganze Situation irgendwie nur höchst amüsant.

  5. Kreon - 22.02.2013 21:16

    ich denk Alien Colonial Marines wird sich gut genug verkaufen, Lizenzversoftungen sind doch eine sichere Geldquelle. Ob Sega wirklich daher Gearbox verklagt, mag ich bezweifeln.

    Aber endlich hat einer mal erkannt das Gearbox nicht das gefeierte Studio ist, das hat mir schon damals Bauchschmerzen bereitet. Das gecancelte Alien Spiel von Obsidian hätte mich da schon mehr gelockt, zwar wäre das wieder mal verbuggt und technisch merkwürdig, aber vermutlich viel viel Seele gehabt.
    Zumal ich immer befürchtet habe das Gearbox das Alien als Ballerfigur verschleißen wird statt es zu einem gefährlichen Jäger zu stilisieren.
    Das irgendjemand dann dynamische Licht und Schatten vergessen hat im Release Build zu packen wie sie in der Demo waren ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

  6. grobigrobsen - 23.02.2013 00:35

    Duke Nukem Forever HAT SICH WIE OFT VERKAUFT?!

  7. SpielerZwei - 23.02.2013 13:12

    @Grobi: Da guckste, wa? Und die Zahlen, die ich im Beitrag nenne, sind von VGChartz. Soweit ich weiß, sind das nur Retail-Verkäufe, also sind da die Digital-Verkäufe über z.B. Steam noch nicht einmal mit drin…
    Mind-boggling!

  8. Le Don - 23.02.2013 14:46

    Ich vermute auch mal, dass sich Duke Nukem Forever am PC auch am meisten verkauft hat, aber das nur am Rande.

    Ansonsten ist es wieder nett zu beobachten, was für ein überzogener Shitstorm mal wieder durch das Internet ging. Ja, Colonial Marines ist wirklich kein gutes Spiel, aber die einzige Frechheit, die sich Gearbox geleistet hatte, bestand darin wie sie Sega abgezockt hatten und nicht in irgendeiner Messe-Demo vor einigen Jahren, die mehr versprach als das Spiel dann hielt – no shit, Sherlock, dafür ist dieser ganze PR- und Messe-Rummel überhaupt da. Vor allem war es bei den letzten Meldungen und Trailern zu Colonial Marines doch schon abzusehen, was für ein Stinker dabei rauskommt.

    Besonders fasziniered finde ich dabei, wie die Leute dabei selbst heute noch auf diese Messe-Demo, also reines PR-Material um die Spieler einzulullen, reinfallen und sich eigentlich immer noch verarschen lassen. Ja, die Demo mag schönere Animationen, Lichteffekte, Explosionen und noch viele andere Details (die mir ohne Vergleichsvideo auch nie aufgefallen wären) haben, aber ein öder Coop-Shooter mit einer doofer Handlung wäre immer noch dabei rausgekommen. Irgendwie scheint dabei selbst heute noch keiner das zu hinterfragen, was dem Spieler eben nicht gezeigt wurde.

  9. SpielerZwei - 23.02.2013 15:18

    @Le Don: Ich finde ebenfalls, dass die antiquierte Grafik noch das geringste Problem des Spiels ist. Die größte Enttäuschung ist für mich, neben dem einfallslosen Gameplay, die Story und generell, was man aus der Lizenz gemacht hat. Das was Kreon weiter oben sagt, dass Lizenzspiele ja fast immer Mist sind, galt in den 80ern und 90ern. In den letzten Jahren gab es aber viele sehr gute Film-Tie-Ins. Und gerade bei einer FPS-Umsetzung dieser Lizenz (Aliens) wäre eigentlich alles drin gewesen…

  10. Le Don - 24.02.2013 13:25

    Ja, gerade die guten, alten AvP-Spiele haben auch gezeigt, wie gut man sowas umsetzen könnte und ich hätte wirklich mal Lust, ein “reines” Alien-Spiel zu spielen. Nichts gegen die Predatoren, die ich auch mag, aber in den AvP-Spielen waren sie doch eher Beweirk. Die Zwischengegner, die hin und wieder auftauchten.

    Witzigerweise hatte ich nach Colonial Marines Lust, das durchschnittliche AvP 2010 wieder zu spielen. Das muss ein Spiel auch erstmal schaffen.

  11. Kreon - 24.02.2013 23:53

    @SpielerZwei: Ich habe nicht gesagt das Lizenzspiele perse schlecht sind, ich habe nur gesagt das Lizenztitel sich sowieso verkaufen, wegen dem Namen der dahinter steht. Meine Kritik das Gearboxs Alien-Spiel mittelmäßig wird, war einzig auf Gearbox bezogen.

  12. SpielerZwei - 25.02.2013 00:45

    Sorry, da habe ich aus Deinem Kommentar irgendwie was Falsches rausgelesen, Kreon.
    Damit, dass ein Lizenz-Spiel bei vielen Leuten schon mal einen Vorab-Bonus hat, hast Du natürlich Recht. Ob sich das auch bei vermurksten Spielen am Ende noch rechnet, hängt dann aber davon ab, wie viel für die Lizenz auf den Tisch gelegt wurde und was die Entwicklung wirklich verschlang. Da man A:CM auch noch ein recht großes Werbebudget hinterhergeworfen hat, tippe ich unterm Strich doch auf ein dickes Minus.

  13. Spieler - 02.03.2013 17:58

    Interessanter Beitrag. Normalerweise sind aber bei solchen Verträgen wie zwischen dem von Sega und Gearbox Klauseln eingebaut die den Lohn für die Entwickler verringern, wenn ein Spiel bei metacritics & Co. unter einer bestimmten Grenzen bleibt. Evt. lohnt sich also für Sega eine Klage nicht, wenn Gearbox so schon weniger Geld bekommt oder gar etwas zurückzahlen muss.

  14. Hans Wurst - 11.03.2013 17:59

    Und ich denke auch das ein Publisher vorher schonmal einen Blick auf sein Produkt wirft (zwischen Abnahmen, Milestones), also jetzt überrascht zu sein was da ankommt kann nicht sein.

  15. Le Don - 11.03.2013 22:13

    Sega sollen aber auch sehr geschlampt haben. Angeblich wird es kein juristisches Nachspiel haben, weil Gearbox den Vertrag – ein Spiel abzuliefern – erfüllt hatten. Scheinbar haben die einiges Anspiel-Material bekommen und hatten auf eine Art Borderlands mit Aliens gehofft.

    Es gibt mittlerweile ja einige Insider-Quellen von Sega-Playtestern, nach denen das Material vielversprechend gewesen sein soll, aber viel umgeändert wurde.

  16. SpielerZwei - 12.03.2013 16:38

    Selbstverständlich muss SEGA als Auftraggeber auch zusehen, dass sie die Entwicklung entsprechend überwachen/kontrollieren. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass sie mit einer ähnlich aufpolierten Vorzeigeversion geblendet wurden, wie die Pressevertreter auch…

  17. Roberto - 21.03.2013 14:55

    wobei Brothers in Arms doch etwas mehr als nur eine CoD Hurra-Schießbude ist. Die Spielmechanik ist weitaus taktischer und die Inszenierung auch etwas ernster, womit die Serie und ihr Erfolg schon berechtigt sind, denke ich. Auf jeden Fall extrem schade um die tolle Lizenz.

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