„Ich weiß, was Sie jetzt denken. Und Sie haben Recht.“

Das Schöne an den Animationsfilmen von DreamWorks und Pixar ist, dass sie das Label „Familienfilm“ so auf den Punkt bringen. Sie funktionieren sowohl für die Kleinen, als auch für deren Eltern. Eines der besten Beispiele dafür ist wohl das erste Shrek Abenteuer, welches mit seinen popkulturellen Anspielungen und Filmparodien eine komplette zweite Humorebene bereit hält, die sich ausschließlich an die erwachsenen Zuschauer richtet.

Genau so hält es auch das „Familienspiel“ LEGO City Undercover: Die Kurzen bekommen ein gewohnt witziges und kurzweiliges LEGO-Videospiel, das ihnen zudem die Möglichkeit bietet, eine Art Grand Theft Auto zu spielen, das ganz ohne das Überfahren von Nutten und Niedermetzeln von Passanten auskommt. Und für ältere Semester wie mich ist das Spiel die vielleicht beste 80er-Jahre-Krimiserien-Parodie, die jemals in Form eines Videospiels auf die Beine gestellt wurde. Quasi eine LEGO-Version von GTA: Vice City. Nur besser.

Wer schon älter als 15 ist, aber mit dem Zitat in der Artikelüberschrift so rein gar nichts anfangen kann, bekommt mit den sporadisch eingestreuten Kinoreferenzen zur Matrix, diversen Schwarzenegger-Filmen oder der Stirb Langsam-Reihe zwar ebenfalls den einen oder anderen großen Lacher geliefert. Aber spätestens wenn in den letzten beiden Story-Kapiteln plötzlich massiv der 1979er Bond-Film Moonraker parodiert wird, ist klar, warum LEGO City Undercover eben doch nicht der ersehnte Systemseller für die Wii U ist: Es spricht die videospielaffine Kernzielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu wenig an. Zu wenig sinnlose Gewalt und viel zu viele Gags, für die man eigentlich schon deutlich jenseits der 30 sein muss, um sie alle zu verstehen.

Das beginnt schon mit dem Soundtrack des Spiels: Nahezu jeder Track klingt so sehr nach Mike Post und Pete Carpenter, dass ich mich oft dabei ertappte, wie ich noch lange nach dem Spielen die Titelthemen vom A-Team, The Rockford Files oder Magnum P.I. pfiff. Aber auch während des Spielens bekam ich alter Sack das Grinsen kaum aus dem Gesicht, weil es einfach zu geil ist, wenn Hauptfigur Chase McCain einen Verdächtigen im Sportwagen verfolgt, dabei ständig laut seine Gedanken zum Fall ausspricht und das Ganze noch mit Musik untermalt wird, die permanent knapp an einer Urheberrechtsklage vorbeischrappt. Da fehlt eigentlich nur noch die prägnante Stimme von Synchronsprecher Norbert Langer. Hinzu kommen unzählige Anspielungen, wie zum Beispiel McCains Kollegen vom LEGO City Police Department, die allesamt aus Serien wie Columbo, Starsky & Hutch oder Hill Street Blues entsprungen sind. Sogar Holmes und Watson haben einen kurzen Auftritt. Zusätzlich gewürzt mit einer kräftigen Prise James Bond, ist die Story wirklich ein Fest für Leute, die die späten 70er und 80er live miterlebt haben. Der einzige Wermutstropfen in der Präsentation sind die manchmal etwas unpassenden Sprecher der vielen Nebenfiguren, was sowohl auf Deutsch, als auch in der englischen Originalfassung gleichermaßen auffällt. Das hat LEGO Batman 2, welches als erster TT-LEGO-Titel mit sprechenden Figuren aufwarten konnte, besser gemacht. Die wichtigen Figuren wurden aber in beiden Sprachversionen sehr ordentlich gecastet.

Für Fans der LEGO-Serie von TT Games dürfte vielleicht interessant sein, dass das Spiel diesmal nicht von Traveller’s Tales, sondern der bisherigen B-Mannschaft entwickelt wurde. TT Fusion waren vorher lediglich für die Handheld-Versionen der LEGO-Spiele und Serien-Ableger wie z.B. LEGO Rock Band verantwortlich. Witzigerweise wurden von TT Fusion für LEGO City Undercover viele Serien-Neuerungen entwickelt, die zwischenzeitlich schon in anderen LEGO-Titeln ihr Debüt feierten, weil diese schlicht kürzere Entwicklungszyklen hatten. Die Sprachausgabe und das erweiterte Open-World-Konzept wurden vom großen Bruder Traveller’s Tales kurzerhand für LEGO Batman 2 „geklaut“ und mit LEGO The Lord Of The Rings weiter verfeinert. Aber obwohl diese Innovationen inzwischen keine mehr sind, muss sich Undercover nicht hinter den Titeln des Hauptstudios verstecken und setzt die Tradition der Serie, die Vorgänger mit fast jedem neuen Teil noch zu übertrumpfen, fort. Habe ich LEGO Batman 2 seinerzeit noch für seine eigenständige Geschichte ohne Filmlizenz besonders gelobt, so macht es Undercover dank Autor und Stand-Up-Comedian Graham Goring noch besser. Und war ich noch vor wenigen Monaten von LEGO-Mittelerde und seinem Open-World-Design begeistert, so setzt LEGO City sowohl in den schieren Ausmaßen, als auch im Detailreichtum erneut Maßstäbe.

Das Gameplay… Tja, … es ist halt ein typisches TT-LEGO-Spiel. Die grundlegende Spielmechanik zum hundertsten Male zu erläutern, wäre in etwa so sinnvoll wie bei einem FIFA-Review zu erklären, dass man mit einem runden Ball auf eckige Tore schießt. Erwähnenswert ist lediglich der leider fehlende Coop-Modus, der bisher immer ein Markenzeichen der Serie war. Dieser Umstand ist wohl dem Einsatz des Wii U Gamepads geschuldet, welcher sinnvoll und solide, aber für einen Exklusivtitel recht zurückhaltend ausfällt. Auf dem Touchscreen des Pads findet im wesentlichen all das statt, was man normalerweise über aufrufbare Bildschirmmenüs machen würde: Man wechselt Fahrzeuge und Verkleidungen, bekommt Telefonanrufe von NPCs und hat natürlich permanent Zugriff auf die Karte der Stadt. Letzteres ist auch bitter nötig, denn LEGO City ist verdammt groß! Zusätzlich wird das Pad zum Scannen der Umgebung benutzt. So kann man damit beispielsweise Gangster aus der Ferne belauschen oder die Gegend nach versteckten Hinweisen und Extras absuchen. Das funktioniert auch alles sehr gut, aber macht aus dem Spiel keine sensationelle Wii U-only-Spielerfahrung, die man, leicht modifiziert, nicht auch auf einer anderen Konsole hätte haben können.

Ein nettes Detail: Das Gamepad der Wii U wird auch im Spiel ganz offiziell vom LEGO City Police Departement als persönlicher Kommunikator der Beamten eingesetzt, so dass Chase bei jeder Gelegenheit eine kleine LEGO-Version des Pads aus der Tasche zieht. Zudem gibt es, wie es sich für einen Big-N-Exklusivtitel gehört, unzählige Nintendo-Easter-Eggs in der Stadt, wie zum Beispiel Marios grüne Röhren, Kugelwillis, Piranha-Pflanzen, Super Sterne oder Bob-Ombs. Sogar einen klassischen Donkey Kong Level kann man entdecken, wenn man die Augen danach aufhält…

Freunde der LEGO-Serie wissen, dass der Spaß nach der 10 bis 12stündigen Story noch laaaange nicht vorbei ist: Insgesamt 450 goldene Steine, 290 Charaktere und 110 Fahrzeuge wollen gefunden bzw. errungen werden. Wer das Spiel komplettieren will, muss also zig weitere Stunden rechnen bis er sprichwörtlich jeden Stein in LEGO City umgedreht hat. Wer dabei nicht systematisch (und mit Hilfe der bekannten roten Schummelsteine) vorgeht, wird vermutlich an der bloßen Größe der Stadt verzweifeln. Ich bin derzeit bei knapp 400 goldenen Steinen und muss sagen, dass die 100% noch bei keinem LEGO-Titel so schwer zu erreichen waren wie hier. Dass sich das Ganze trotzdem nicht nach Arbeit anfühlt, liegt schlicht am unglaublichen Detailreichtum der riesigen Spielwelt. Auch nach über 40 Stunden Spielzeit entdecke ich noch immer neue Ecken, Geheimnisse und Gags.

LEGO City Undercover ist ein sehr, sehr witziges und großartiges Spiel geworden. Für Freunde der Reihe ein absolutes Muss! Für Kinder geht mit der riesigen und lebendigen LEGO-Stadt voller Rätsel und Interaktionsmöglichkeiten ein Traum in Erfüllung. Und die Generation 30Plus wird allein schon wegen der vielen, absolut gelungenen Anspielungen auf die 80er Tränen lachen. Lediglich die Altersgruppe dazwischen wartet mehrheitlich vermutlich lieber auf GTA V. Wegen den Nutten und der Gewalt. Und natürlich weil LEGOs sowieso nur was für Kinder sind… Eigentlich doof, denn wer z.B. Titel wie Just Cause 2 oder Saints Row 3 vor allem wegen des Sandboxings liebt, der dürfte auch hier voll auf seine Kosten kommen; LEGO hin oder her!


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11 Kommentare

  1. grobsen - 09.05.2013 17:40

    Hier! Ich! Ich erkenne das Zitat in der Überschrift. Das ist vom Träger einer der besten Schnäuzer der TV-Geschichte. Von den knappen kurzen Hosen möchte ich mal lieber nicht reden.

    Ich würde mir Undercover sogar sofort kaufen, wenn ich denn eine WiiU hätte…

  2. SpielerZwei - 09.05.2013 19:50

    Jahaha, Du bist ja auch wahrlich alt genug, um es zu kennen, Grobi. War übrigens wirklich DIE beste TV-Krimi-Serie der 80er. Ich muss mir irgendwann noch mal die DVD-Box holen. (Wenn sie keine 140 € mehr dafür haben wollen…)

  3. Missingno. - 09.05.2013 20:29

    Ich habe ein ähnliches „Problem“ wie grobsen: keine Wii U und warum gibt es die nicht mit dem Titel in einem Bundle?

  4. SpielerZwei - 09.05.2013 20:56

    @Missingno: Wie das? Du bist doch ein langjähriger Nintendo-Fan? Allen anderen Leuten würde ich ja raten, dieses Jahr vielleicht noch abzuwarten (nicht wegen PS4 und NextBox, sondern weil es bisher einfach noch zu wenige Must-Have-Spiele für die Wii U gibt). Aber Du…?

  5. grobsen - 09.05.2013 21:06

    Da war noch „Inspektor Hooperman“ (John Ritter ftw!), aber ich glaube, Thomas gewinnt trotzdem.

    Ich meine, alleine schon das Intro: http://www.youtube.com/watch?v=3CquMO3vJvo

    Ich besitze zwar das Spiel nicht, aber im Zimmer von Sohn No1 hängt ein Undercover-Poster! War mal in ‚her Micky Maus drin, oder so.

  6. Missingno. - 09.05.2013 22:51

    @SpielerZwei: So genau kann ich es nicht sagen, aber es dürfte eine Kombination aus „(momentan noch) zu wenig (Must-Have-)Spiele“, „zu wenig Zeit meinerseits“, der allgemeinen Preispolitik und natürlich, dass ich gerne ein vernünftiges Bundle hätte.
    Die Wii U mit Nintendo Land und LEGO City Undercover statt ZombiU für 330 Euro und das Teil wäre morgen in meinem Wohnzimmer. Aber vielleicht wird es ja mit Bayonetta 2 was.

  7. SpielerZwei - 09.05.2013 23:52

    @Missingno: ZombiU ist aber auch klasse! Auf ein LEGO-Bundle würde ich nicht warten. Da bieten sich andere Titel in nächster Zeit mehr an: WiiFit U, Pikmin 3, Zelda: WW oder eben Bayonetta 2. Und vielleicht kommt passend zu Weihnachten noch das nächste 3D-Mario.

  8. Missingno. - 10.05.2013 00:20

    Klasse oder nicht ist gar nicht die Frage – ich bin an ZombiU einfach nicht interessiert.
    Ich warte auch nicht explizit auf ein LEGO-Bundle (obwohl es natürlich toll wäre ;-)). Ich hadere lediglich damit, die „nackte“ Wii U zu kaufen bzw. 50-60 Euro mehr zu zahlen, damit ich sie überhaupt erst nutze. Es muss ja noch nicht einmal etwas offizielles sein. Amazon oder Media Markt und Co. haben bisweilen auch Aktionen, wo etwas brauchbares herumkommen könnte.

  9. Zwerg-im-Bikini - 14.05.2013 19:20

    Die Moonraker Anspielungen reizen mich ja jetzt sehr, ich glaube ich muss mal zumindest nach ein paar Ausschnitten bei YouTube suchen :).
    Kaufen werde ich es zwar wohl nicht, aber es ist immer schön zu lesen, dass Lego seine Lizenzspiele so gut hinbekommt.

  10. SpielerZwei - 17.05.2013 18:03

    Nachtrag:

    YEAH! 100%! Nach knapp 60 Stunden Gesamtspielzeit. :D

  11. Pingback: Fanservice Galore | Polyneux

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