System-Seller

Wer im Folgenden so etwas wie Objektivität erwartet, ist hier komplett falsch. Schließlich habe ich mir damals extra wegen Pikmin nach 20 konsolenfreien Jahren den GameCube gekauft. Und die letzten neun Jahre verbrachte ich mit sehnsüchtigem Warten auf Teil drei. Ich bin ein Pikmin-Fanboy durch und durch! Andererseits sind Fanboys aber manchmal auch die härtesten Kritiker, wenn es um ihr geliebtes Baby geht…

Ich kann gar nicht so genau erklären, warum ich diese Mischung aus Echtzeitstrategie, Action-Adventure, Puzzle-Spiel und Exploration-Game so sehr liebe. Es hat auf jeden Fall etwas mit der Spielmechanik zu tun, denn die einzigen mir bekannten direkten Pikmin-Klone, namentlich die Overlord-Spiele von Codemasters, konnten bei mir auch voll zünden. Aber an den Pikmin-Spielen ist noch mehr dran. Vor allem die großartige Präsentation und die helle, freundliche Atmosphäre der Spiele heben sie von so ziemlich allen anderen Strategietiteln ab. Wenn man Pikmin spielt, regt man sich nicht auf oder wird gestresst. Stattdessen entspannt es und erzeugt gute Laune.

Für Neulinge zunächst noch einmal das grundlegende Spielprinzip: Man steuert eine Figur, die nahezu keinen direkten Einfluss auf die Spielwelt hat. Um mit der Welt interagieren zu können, bedient man sich eigenartiger Karottenwesen – die Pikmin, halb Tier, halb Pflanze – welche dem eigentlichen Spielfigur gehorchen. Man kann sie herumschicken bzw. ins Geschehen werfen, um Monster zu besiegen, Gegenstände umherzutragen, Brücken zu bauen, Wände einzureißen oder Puzzles zu lösen. Und natürlich kann man sie auch vermehren, wenn man sie entsprechende Nahrung in ihre Behausung, die „Zwiebel“, tragen lässt.

Um das Ganze komplexer zu machen, gibt es verschiedene Arten von Pikmin, die entsprechende Fähigkeiten, Stärken und Schwächen haben. Die drei Grundformen, die in allen drei Spielen vorkommen, sind die roten (gute Kämpfer und resistent gegen Feuer), gelben (besonders agil und leicht sowie resistent gegen Elektrizität) und blauen Pikmin (die einzigen, die sich im Wasser bewegen können). Auf diese Weise ist man gezwungen, die Pikmin mit Bedacht je nach Aufgabe und Terrain einzusetzen. Außerdem sind viele Bereiche der Spielwelt nicht sofort erreichbar, da man zu Beginn nicht alle Pikmin-Arten zur Verfügung hat, so dass man die Umgebung erst nach und nach immer weiter erkunden kann.

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In Teil zwei gab es zusätzlich noch lilafarbene (besonders dick und stark) und weiße Pikmin (schwach, aber resistent gegen Gift und für Monster bei Verzehr sogar selber giftig). Diese beiden Arten finden sich im dritten Teil allerdings nur als Dreingabe in den Multiplayermodi, doch dazu später mehr. Neu sind in Pikmin 3 dagegen die Fels- und Flügel-Pikmin (mit Ersteren kann man Glas- und Kristallbarrieren zerstören sowie Monstern größeren Wurfschaden hinzufügen; Letztere sind kleine und schwache Wesen, die aber fliegen und dadurch die meisten Hindernisse in der Spielwelt einfach umgehen können).

Die Story, so simpel und niedlich sie auch erzählt wird, besitzt trotz ihrer plakativen Öko- und Teamgeist-Message sehr viel Charme. Teil eins drehte sich noch allein um den, nach irdischen Maßstäben, winzigen Captain Olimar vom Planeten Hocotate, der mit seinem Raumschiff auf dem Pikmin-Planeten (der laut Miyamoto übrigens unsere Erde in einer fernen Zukunft darstellt, nachdem die Menschheit bereits ausgestorben ist) abgestürzt war und nun mit Hilfe der Pikmin alle verstreuten Schiffsteile zwecks Reparatur finden musste. Dies hatte übrigens innerhalb von 30 Spieltagen zu geschehen, weil Olimars Sauerstoffreserven nur so lange reichten. Trödelte der Spieler also zu lange herum, scheiterte er am Ende und musste neu beginnen.

Im Nachfolger war Olimar dann nicht mehr allein, sondern musste zusammen mit seinem Kollegen Louie auf dem Pikmin-Planeten allerlei „Schätze“ bergen, um seinen in finanzielle Schieflage geratenen Arbeitgeber auf Hocotate vor dem Ruin zu bewahren. Diese Schätze waren im Grunde alter Schrott, den die Menschen hinterlassen haben, also Kronkorken, Batterien oder alte Handys. Neben den oben schon erwähnten zwei neuen Pikmin-Arten, brachte Pikmin 2 noch weitere Neuerungen. So ließ Shigeru Miyamoto das beim Vorgänger oft kritisierte Zeitlimit kurzerhand weg, wodurch der Spieler nicht mehr in die Frustfalle laufen konnte. Außerdem hatte man durch den zweiten Charakter Louie nun die Möglichkeit, mit zwei autonomen Teams parallel zu arbeiten, was das Gameplay noch komplexer machte. Neu war auch eine Art Dungeon-System, das von der Oberwelt getrennt war. So musste man sich vor betreten dieser Dungeons gut überlegen, wie man sich seine Pikmin-Truppe zusammenstellt, weil es innerhalb dieser Höhlen nahezu keinen Nachschub gab. Insgesamt war der zweite Teil wesentlich umfang- und abwechslungsreicher und besaß zudem erstmals einen Mehrspielermodus, welcher aber eher so lala war.

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Pikmin 3 ist nun irgendwie eine Mischung aus den beiden Vorgängern mit kleinen, aber feinen Neuerungen geworden. Statt zwei, hat man nun sogar drei Charaktere, die entsprechendes Multitasking beim Spielen erfordern. Bei ihnen handelt es sich um Captain Charlie, Bordingenieur Alph und die Botanikerin Brittany vom Planeten Koppai, einem Nachbarplaneten von Hocotate. Auf ihrer Mission, neue Nahrungsquellen zu erschließen, weil die auf Koppai langsam zur Neige gehen, stoßen sie auf den Pikmin-Planeten und seine großen Vorräte an gigantischen Früchten. Und damit natürlich auch auf die Pikmin. Außerdem finden sich bald auch erste Anzeichen dafür, dass sich auf diesem Planeten bereits Besucher vom befreundeten Hocotate befinden…

Das Zeitlimit des ersten Teils ist zurückgekehrt, und zwar in Form von begrenzten Nahrungsmittelvorräten für die Astronauten. Allerdings muss man schon ausgesprochen schlecht spielen, um an den maximal 98 möglichen Spieltagen zu scheitern. Ich habe mir beim Spielen wirklich sehr viel Zeit gelassen, um alle Ecken zu erkunden, jedes Olimar-Logbuch zu finden und restlos alle Früchte einzusammeln, und war trotzdem nach 56 Tagen komplett durch. Zu allem Überfluss speichert das Spiel auch noch am Ende eines jeden Tages einen separaten Spielstand, so dass man bei Fehlschlägen oder vertrödelter Zeit an jeder beliebigen Stelle wieder einsteigen bzw. wiederholen kann. Ein Spieltag entspricht übrigens etwa 15 Minuten echter Zeit. Wird es Nacht auf dem Pikmin-Planeten, müssen alle Astronauten wieder in ihrem Raumschiff bzw. die Pikmin in ihrer Zwiebel sein, denn dann gehen die nachtaktiven Monster auf die Jagd…

Die Dungeon-Missionen aus dem zweiten Teil fehlen in Pikmin 3 komplett. Dies ist einerseits schade, weil sie eigentlich gut ins Spiel passten und eine besondere Herausforderung für sich darstellten, andererseits habe ich aber auch nicht das Gefühl gehabt, dass sie im Gesamtpaket Pikmin 3 wirklich fehlen. Im Gegenzug hat Teil drei nun endlich einen wirklich umfangreichen und sehr spaßigen Mehrspielerteil zu bieten. Im „Bingo Battle Mode“ spielt man auf mehreren Karten 1-vs-1 gegeneinander. Und hinter dem Menüpunkt „Missionen“ verbirgt sich sogar ein ganzer Sack voll verschiedener Aufgaben, die man wahlweise alleine oder zu zweit im Koop-Modus auf Punkte bzw. Zeit spielen kann. Da ich noch den eher lahmen und spartanischen Mehrspielermodus von Pikmin 2 im Kopf hatte, musste mich mein Sohn erst mühsam zum Multiplayer überreden, nur damit ich danach gar nicht mehr aufhören wollte. Zwar sind diese Modi allesamt Offline-Angelegenheiten, was sicherlich wieder viele Leute kritisieren werden, aber ich persönlich bin da ganz bei Nintendo: Der geilste Multiplayer findet immer noch gemeinsam mit Freunden auf der heimischen Couch statt!

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Gesteuert werden kann Pikmin 3 wahlweise mit dem Wii U Gamepad, dem Pro Controller oder WiiMote und Nunchuk. Das Wii U Gamepad bietet mit allerlei zusätzlichen Info-Menüs, der Übersichtskarte und dem dazugehörigen Waypoint-System sicherlich den meisten Spielkomfort. Außerdem ist mit ihm Off-Screen-Gameplay möglich, also der komplette Verzicht auf den Fernseher. Aber wer damals Teil eins und zwei mit dem GameCube-Controller gespielt hat und später die Gelegenheit hatte, die „New Play Control“-Auflagen beider Spiele für die Wii mit WiiMote und Nunchuk zu spielen, der weiß, dass letztere Option absolut optimal ist. Daher ist diese Steuerungsoption auch für Pikmin 3 ganz klar die erste Wahl. Das Non-Plus-Ultra ist jedoch die Kombination aus Wii U Gamepad sowie WiiMote und Nunchuk. Ersteres für die Karte und die zusätzlichen Infos, letztere zum eigentlichen Steuern. Besser geht’s nicht!

Die Grafik ist seit der Wii ja nicht wirklich der wichtigste Punkt, den man bei Nintendo-Spielen anzusprechen hat, aber Pikmin 3 kann ich nicht anders als „Fan-tas-tisch!“ bezeichnen. Die HD-Auflösung verleiht der ohnehin schon immer tollen Optik der Pikmin-Spiele nun den allerletzten Schliff. Diese Farben und Details! Diese Mischung aus bunter Cartoon-Grafik und fotorealistischen Objekttexturen! Dieses Spiel mit den großartigen Tiefenunschärfe-Effekten der Kamera! Pikmin 3 sieht nicht nur für Wii U-Verhältnisse konkurrenzlos brillant aus, sondern ist auch plattformübergreifend eines der schönsten Spiele die ich kenne! Ich war damals wirklich sauer, als Miyamoto 2011 verkündete, dass Pikmin 3 doch nicht mehr für die Wii, sondern erst auf der nächsten Konsole erscheinen werde. Aber in Anbetracht des fertigen Spiels muss ich nun zugeben: sehr gute Entscheidung!

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Wie eingangs erwähnt, bin ich ein absoluter Pikmin-Fanboy. Aber glaubt mir, nach all der Wartezeit, nach all den Verschiebungen und Vertröstungen wäre ich der Erste gewesen, der Pikmin 3 in der Luft zerrissen hätte, wenn es mir nur den kleinsten Grund dafür geliefert hätte. Doch stattdessen bin ich ab-so-lut begeistert. Das Spiel enthält genügend Änderungen, um die Vorgänger nicht einfach nur zu wiederholen, aber nicht zu viele, um die Brillanz der bisherigen Spiele zu verwässern. Und obendrauf gibt es so viel Detail-Polishing, dass man fast vom perfekten Spiel sprechen möchte. Dies ist wirklich das beste Pikmin-Spiel bisher und derzeit auch das absolut beste Spiel für die Wii U überhaupt. Pikmin 3 ist der System-Seller, von dem alle schon so lange reden!

Jetzt seid aber auch bitte so konsequent, liebe „Hm, da fehlt mir noch der entscheidende Titel bevor ich mir wirklich eine Wii U kaufe“-Leute, und lasst Euch nicht wieder neue Ausreden einfallen…


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14 Kommentare

  1. Missingno. - 12.08.2013 20:12

    Meine neue Ausrede: ich habe vor einem Monat die (leider nur) Basic-Variante der Wii U plus LEGO City Undercover für 240 Euro erworben.

    @Pikmim 3
    Coop-Story-Modus ist nicht drin, oder?

  2. SpielerZwei - 12.08.2013 22:06

    Nein, leider nicht. Allerdings hätte man dafür auch den Anfang der Kampagne komplett ändern müssen.

    OT: Hast Du eine HDD an der Konsole? Würde ich bei der Basic sofort machen, wegen Demos und so…

  3. Missingno. - 13.08.2013 15:44

    Dachte ich mir schon. Trotzdem schade. Dann werde ich den Kauf noch etwas vor mir herschieben, denn Solo-Spiele habe ich im Moment haufenweise herumliegen.

    @OT
    Bis jetzt noch nicht. Für das bisschen LEGO CU und Nintendo Land auch nicht wirklich notwendig. Am meisten Speicherplatz hat vermutlich The Cave gefressen (was bedauerlicherweise nicht Off-Screen-Play/Tablet-Modus unterstützt, ziemlich schwache Leistung). Ich nehme mal an, dass der Speicher bald zuneige gehen wird, dann muss ich schauen, ob ich einen USB-Stick (32GB) oder eine Festplatte anschließe. Ich würde vermuten, dass das „Problem“ auch bei der Premium-Version früher oder später auftritt. (Die 20GB-Xbox-360 hat bei mir nicht lange gereicht. Die 60GB-Variante dagegen bislang gut.)

  4. SpielerZwei - 13.08.2013 15:56

    Bis jetzt habe ich mit der Premium kein Speicherproblem, weil ich noch alles Old-School, sofern möglich, auf Disc kaufe. Außerdem erfordert die Wii U keine Installation von Spielen, weil das Laufwerk, im Gegensatz zu PS3 und 360, schnell und leise ist. Sollte sich das mal ändern, ist das aber auch kein Ding, weil man die externen USB-Platten ja inzwischen quasi nachgeworfen bekommt.

  5. Missingno. - 13.08.2013 19:34

    Deswegen ja „Problem“ auch in Anführungszeichen. Einen externen Datenträger ranklemmen ist höchstens noch unschön. ;-)
    Also, ich habe gerade mal nachgeschaut und laut der Datenverwaltung sind noch knapp 1,4GB frei. Das reicht natürlich nur noch für Spielstände und ggf. Patches, aber ich bin ja auch mehr der Disc-Käufer.

  6. SpielerZwei - 10.10.2013 16:56

    Wer Spaß am Multiplayer von Pikmin 3 hat, wird sich über das aktuelle Update freuen: Man bekommt gratis eine neue Schatzsuche-Karte dazu. 4 weitere Karten kann man als DLC-Paket für schlappe 1,99 € im eShop bekommen. Eigentlich sind die 5 neuen Karten nur „Remixe“ der ersten 5 in diesem Modus, aber genau das richtige Futter für Leute, die schon überall Platin erreicht haben. Sie haben es vom Schwierigkeitsgrad her wirklich in sich. Von meinem Sohn und mir gibt es dafür einen fetten Daumen nach oben!

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  8. Volker - 03.11.2013 10:23

    ich hasse dich übrigens. wegen dir hab ich das nun auf der wii u angefangen! und bin süchtig! danke!

  9. SpielerZwei - 03.11.2013 11:07

    Gern geschehen!

  10. Volker - 03.11.2013 12:08

    ich bin ja noch nicht so weit im game, aber sag mal: wie viele farben können diese viecher denn noch haben?! ich hab nun drei und fühl mich schon latent überfordert. RTS du sau, dich hab ich doch mal gemocht! :(

  11. SpielerZwei - 03.11.2013 12:49

    Im Singleplayer sind es fünf verschiedene Pikmin-Arten. Im Multiplayer kommen noch zwei aus Pikmin 2 dazu. Das dürfte eigentlich niemanden wirklich überfordern… ;-)

    Und denk daran: Das Spiel tut so, als müsste man sich tierisch beeilen und dürfe sich keine Fehler erlauben, aber sogar mein sechsjähriger Sohn hat es ohne Hilfe innerhalb des Tage-Limits durchgespielt. Also immer locker bleiben.

  12. Pingback: Polyreuxblick 2013 | Polyneux

  13. Missingno. - 01.06.2014 13:29

    Ich bin „gemütlich gehetzt“ nach 32 Spieltagen durch. Zum Schluß hatte ich 30+ Nahrungsreserven und habe mir sogar noch zwei Tage „frei“ genommen, um den Pikmin-Vorrat für das letzte Gefecht etwas aufzustocken. Ich habe dann am Ende auch so schlecht gespielt, dass fast alle Pikmin das Zeitliche gesegnet haben. :( (Statt dem „final blow“ hat sich der letzte Gegner rechtzeitig regenieren können und die anstürmenden Pikmin dezimiert.) Ich finde rückblickend, dass Overlord das bessere Pikmin ist. Sofern man die beiden Titel überhaupt vergleichen mag. Was mich an Pikmin etwas gestört hat: wenn man sich etwas mehr Zeit gelassen hat ein Gebiet zu erkunden, sind die Gegner wieder aufgetaucht. D.h. man musste immer wieder mal schauen, dass man die Spinnennetze entfernt, damit die Flügelpikmin auf dem Rückweg nicht alle hängen bleiben, genauso wie manche fieseren kleinen Gegner, die die Pikmin mit Beute hinterrücks aufgefressen haben, obwohl man den Abschnitt ja schon „vorgestern“ gesäubert hatte.

  14. SpielerZwei - 01.06.2014 15:20

    Ja, die Overlord-Spiele sind wirklich gute Pikmin-RipOffs. Die haben mir damals auch viel Spaß gemacht.

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