The Wonderful Platinum Games

Als Capcom 2006 beschloss, die legendären Clover Studios (Viewtiful Joe, Okami, God Hand) zu schließen, gründeten dessen kreative Köpfe aus dem Stand heraus sofort ein neues Studio: Platinum Games Inc. Mit Titeln wie MadWorld, Bayonetta, Vanquish und Anarchy Reigns führen sie seither die gute alte Clover-Tradition fort, höchst kreative und ungewöhnliche Spiele zu produzieren, die zwar meist Kritikers Liebling sind, sich aber eher schlecht als recht verkaufen, weil der gemeine Gamer-Pöbel bekanntlich keinen Funken Geschmack hat. Die einzige Ausnahme von der Regel stellt die Konami-Auftragsarbeit Metal Gear Rising: Revengeance dar, welches sich nach den Maßstäben der MG-Serie aber auch eher schwach verkauft hat.

Einer der unbestrittenen Stars des Studios ist Hideki Kamiya, der schon vor seiner Zeit bei Clover und Platinum Games bei Capcom für die frühen Resident Evil-Teile und das erste Devil May Cry verantwortlich war. Sein aktueller Streich ist das Wii U-exklusive The Wonderful 101, welches sich interessanterweise wie eine Art Best Of seiner bisherigen Spiele anfühlt: Man nehme eine große Portion Viewtiful Joe, zwei Messerspitzen Okami, gebe einen Esslöffel Bayonetta hinzu und schmecke das Ganze mit einer Prise Vanquish ab. Et voilà, fertig ist The Wonderful 101!

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Wer in der Zutatenliste noch Pikmin vermisst, liegt dem gleichen Irrtum auf wie ich, als ich noch nicht mehr vom Spiel kannte als die Vorab-Videos. Die wild wuselnde Superheldentruppe, die man in TW101 steuert, sieht auf den ersten Blick zwar ähnlich aus, hat aber spielerisch rein gar nichts mit Miyamotos putziger RTS-Serie zu tun. Es ist ein reinrassiges Action-Spiel in bester 90er-Jahre-Konsolen-Tradition, dessen Gratwanderung zwischen leichtem Retro-Appeal und zeitgemäßem Spiel einen ganz besonderen Charme versprüht, den man nur schwer beschreiben kann.

Den Mob aus Superhelden und unterwegs rekrutierten Zivilisten, den der Spieler hier kontrolliert, verhält sich eigentlich wie eine ganz normale Spielfigur. Die einzelnen Individuen können, anders als bei den Pikmin-Spielen, nicht gezielt eigesetzt oder für Multi-Tasking-Aufgaben aufgeteilt werden. Die einzige Ausnahme ist die Möglichkeit, für kurze Zeit eine Art „autonomen Zwilling“ zu erschaffen, der aus einem Teil der Truppe besteht. Der Gruppen-Effekt wird dennoch überaus interessant und innovativ für das Gameplay genutzt: Die Wonderful 101 beherrschen eine Technik namens „Morphing“, welche es ihnen erlaubt, aus ihren Individuen große Objekte zu formen, beispielsweise ein Schwert, eine Peitsche, eine Pistole oder einen Hammer. Je mehr Mitglieder die Truppe hat, desto mächtiger die entsprechenden Attacken. Erhält die Gruppe Schaden durch gegnerische Angriffe, verliert sie Individuen und wird als Ganzes geschwächt. Die von der Gruppe getrennten Individuen, welche eine Zeit lang bewusstlos in der Gegend herum liegen, können dann wieder eingesammelt werden oder kehren nach einer etwas längeren Zeit automatisch zum Kollektiv zurück. Bis dahin ist die Gruppe aber in ihrer Schlagkraft und ihren Möglichkeiten geschwächt.

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Steuerungstechnisch ist das Ganze eigentlich ein klassischer Combo-Action-Brawler der Marke Bayonetta, wo auf vielfältige Art attackiert, geblockt und ausgewichen wird. Mit der Zeit kommen neue Moves hinzu und bereits erlernte Fähigkeiten erhalten Upgrades. Selbstverständlich gibt es auch diverse Items aufzusammeln, die entweder die Lebens- und Energieleisten auffüllen, als Bonus-Waffe eingesetzt werden können oder als Zahlungsmittel im Upgrade-Shop dienen. Hinzu kommt noch besagter Morphing-Teil, welcher über ein Gesten-System funktioniert, welches dem aus Okami recht ähnlich ist. Die Symbole für die einzelnen Morphs werden entweder mit dem rechten Stick oder einfach mit dem Finger auf dem Touchpad „gemalt“. Anfangs wirken Gameplay und Steuerung völlig überladen, hektisch und könnten vielleicht den Spieler etwas überfordern. Wer die Demo gespielt hat, weiß was ich meine. Lässt man sich davon aber nicht abschrecken und nimmt sich die Zeit, sich daran zu gewöhnen, weiß man die Steuerung und die vielen Möglichkeiten später umso mehr zu schätzen. TW101 ist eines dieser Spiele, die besser werden, je länger man sie spielt.

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Das liegt aber nicht nur an der eigentlichen Spielmechanik, die zwischendurch auch immer mal wieder andere Genres, wie z.B. 2D-Sidescroller oder Bullet-Hell-Shmups zitiert, sondern auch am Storytelling, welches für ein kunterbuntes Action-Spiel mit klaren 90er-Jahre-Anleihen erstaunlich ausführliche und unterhaltsame Dialoge bietet. Die Geschichte an sich ist totaler „Superhelden-verteidigen-die-Erde-gegen-böse-Aliens“-Quatsch, der aber auf herrlich selbstironische und witzige Weise erzählt wird und am Ende sogar noch die eine oder andere überraschende Wendung bereit hält. Die Dialoge der Figuren sind einfach köstlich geschrieben und geben ihnen trotz des cartoonigen Looks im Laufe der Geschichte deutlich mehr Persönlichkeit, als es viele westliche AAA-Produktionen mit ungleich höherem technischen Aufwand vermögen. Vor allem die ganzen Streitereien unter den Superhelden ließen mich die skurrile Truppe schnell in mein Herz schließen. Mehr als einmal musste ich ob der Dialoge an die Dynamik innerhalb der Firefly-Crew denken. – Charakter-Writing the Whedon-Way: Quirky, cheesy and full of flaws, but totally loveable!

Aber nicht nur das Gameplay ist, wie schon weiter oben beschrieben, ein einziger großer Remix aus früheren Platinum Games Titeln. Auch das Design steckt für Platinum-Fans voller Wiedererkennungsmomente. Der allgemeine Look des Spiels erinnert sehr stark an Viewtiful Joe, nur eben in 3D. Das Boss-Design hingegen schreit einem förmlich „Bayonetta“ und „Vanquish“ ins Gesicht. Und auch die generelle Boss-Dichte ist typisch Platinum Games. Wer Bayonetta gespielt hat, weiß was ich meine: Das ganze Spiel besteht quasi ausschließlich aus Bossfights, die nur sporadisch von unwichtigen Minion-Kämpfen unterbrochen werden.

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Und wer jetzt denkt, ich interpretiere in TW101 eventuell viel zu viele Platinum-Selbstreferenzen hinein, der soll mal das (mega-lange) Finale des Spiels abwarten: Da schnappt die Selbstreferenzialität der Entwickler dann komplett über. Wer die Welt in seinem Spiel von einem Super-Kampfroboter namens „Mother Platinum“ retten lässt, der sogar das eigene Firmenlogo auf der Brust trägt, ist entweder total durchgedreht oder schlicht und einfach eine extrem coole Sau…!

Der vielleicht größte Unterschied zu anderen Platinum Titeln ist, dass TW101 nicht so kacken-schwer ist und daher auch von etwas ungeübteren Spielern ohne Frust durchgespielt werden kann. Wenn man oft stirbt, kaum Secrets findet oder nicht so wirklich effektiv mit den Combos arbeitet, bekommt man zwar entsprechend miese Level-Bewertungen und eine eher spärlich anmutende Medaillen-Gallerie, aber bleibt grundsätzlich von ewig langen Wiederholungen oder richtigen Hängern verschont. Diesen Umstand sehe ich nicht als Zugeständnis an irgendeine Casual-Vorgabe seitens Nintendo, sondern als einen Pluspunkt, der eher der Tatsache geschuldet ist, dass TW101 einfach allen Spielertypen Spaß machen soll und ihnen zudem eine witzige Geschichte erzählen will. Die Spielmechanik folgt der klassischen Maxime „easy to play, hard to master“ – Profis freuen sich über das komplexe Kampf-System und entsprechende Belohnungen, während sich Gelegenheitsspieler ohne größere Frustmomente durchwurschteln und auch ihre 20+ Stunden Spaß mit der bekloppten Geschichte und den witzigen Charakteren haben.

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Ihr merkt schon, mir hat The Wonderful 101 total gut gefallen. Vor allem dieses besondere Spielgefühl – irgendwie old-school, ohne wirklich old-school zu sein – hat mich wirklich begeistert. Um mal die Worte von Volker zu Rayman Legends zu paraphrasieren: Man merkt dem Spiel in jeder Sekunde an, dass die Macher hier nicht nur einen guten Job gemacht haben, sondern dass sie Videospiele wirklich lieben!

Ich halte Platinum Games schon seit einigen Jahren für das derzeit vielleicht beste japanische Entwicklerstudio und den aktuellen 2nd-Party-Deal mit Nintendo daher auch für einen kleinen Geniestreich. Leider haben die sogenannten Core-Gamer, für die dieser Deal eigentlich am interessantesten sein sollte, das mehrheitlich noch nicht geschnallt und meiden die Wii U weiterhin in bester Betonkopf-Manier als Casual- und Kinder-Konsole. Und wenn dann nächstes Jahr auch noch Platinum GamesBayonetta 2 exklusiv für die Wii U erscheint, werden sie vermutlich nur noch mehr herum-haten, weil sie es „nicht spielen können“… …arme, dumme Core-Gamer.


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4 Kommentare

  1. Missingno. - 22.06.2014 15:17

    Boah, ey! Die Steuerung geht noch gar nicht. Morphing klappt nur zufällig und ständig drück ich den falschen Knopf, so dass ich nichts austeile aber umso mehr einstecke. Man kann blocken? Habe ich noch nicht mitbekommen. Was allerdings der Abschuss ist, ist dieses Dauergerumpel. Zum Glück lässt sich das abstellen.

  2. SpielerZwei - 22.06.2014 15:36

    Machst Du das Morphing per Stick oder auf dem Touchscreen? Auf dem Screen geht es deutlich besser, fand ich…

  3. Le Don - 22.06.2014 16:11

    Das ist etwas, was mich auch sehr an Wonderful 101 gestört hat und irgendwo auch typisch Platinum Games ist – zumindest nach den Spielen, die ich von denen gespielt habe. Blocken muss man erst freikaufen, genauso wie man den Ausweich-Move erst freikaufen muss. Und beides sind Manöver, die sehr hilfreich sind und das Spiel deutlich einfacher machen.

  4. Missingno. - 22.06.2014 19:53

    @S2
    Also mit dem Stick geht es fast gar nicht, mit dem Touchscreen sehr mäßig. Wobei das wieder mit dem umgreifen unschön ist. Vor allem dann mit A die „Geste“ bestätigen geht irgendwie oft schief. Aber wie gesagt, da hapert es bei mir sowieso noch mit der Zuordnung. Ich war auch schon am überlegen, ob ich mir nicht eine der beiden anderen Belegungen antue.
    @Don
    Ah, verstehe.

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