Steven, could you curse on me?

Ich weiß, ich weiß, GTA V ist schon ein alter Hut. Es ist ja auch schon seit einer Ewigkeit – zwei Monate – draußen. Aber mich kitzelt da doch noch etwas, was ich unbedingt rauslassen muss. Etwas, was ich bisher noch nicht losgeworden bin und was ich mir für diesen Artikel aufgespart habe. Ich weiß ganz genau, wenn ich dies nicht mehr schreiben sollte, wird hieraus eine dieser „Hätte ich doch nur“-Angelegenheiten.

In GTA V haben wir jedenfalls wieder ganz viele, ja, fast schon absurd viele Möglichkeiten. Es ist die Erfüllung des Open World-Traums, weil der Spieler so viele Freiheiten hat, mit denen er sich nicht nur real, sondern auch virtuell zerstreuen kann. Aber warum sind die Missionen an sich dennoch so schrecklich linear und bestehen hauptsächlich immer noch aus „Gehe zum leuchtenden Punkt“? Ich erinnere mich an die Mission am Hafen, bei der der Spieler als Trevor das Gebiet auskundschaftet, Fotos für die Plan-Vorbereitung schießt und dazu seine Tarnung als Hafen-Arbeiter bewahren muss, um dann eine wertvolle Fracht zu stehlen. Das klingt vom Konzept her toll! In der Praxis bewege ich aber lediglich zwei Kräne, höre einige doofe Sprüche und darf dann auch wieder abhauen. Ich werde als Spieler lediglich an der Hand geführt und darf wie bei einem Rummelplatz, einige Attraktionen wie den „Motorcycle jump on a train“ oder den „Drug Dealer Dog Hunter“ abfahren, was an sich auch irgendwie in Ordnung ist und auch Spaß macht. Nur als jeweils einmalige Attraktion mit Tutorial-Charakter reizt mich das alles nicht besonders. Dabei gibt es hier und da Ansätze für richtig interessante Missionen. Wenn ich als Trevor eine Verbrecherbande an einem kleinen Flughafen mit dem Scharfschützengewehr erledigen muss und dabei keinen Alarm auslösen darf, dann ist das durchaus interessant. Ich schalte da nämlich u.a. Lichter aus, damit die toten Wachen in der Nacht nicht sofort zu sehen sind – klasse! Nur kommt das abseits von dieser einen Mission, welche sich auch wieder sehr nach „Handel nach Anweisung“ spielt und irgendwann mit der No Alarm-Phase bricht, bestenfalls nur noch einmal vor. Die Sniper Rifle brauche ich in den anderen Missionen dann nur noch, um alle Gegner sofort abknallen zu müssen.
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Davon ab, fühlen sich die ganzen Spielelemente irgendwie auch nicht wirklich gut an. Das einzige, was richtig gut funktioniert, ist das Fahren, während der Rest eher ein Flickenteppich ist. Teufel, ist das nicht die selbe Sprung-Animation, die es schon seit GTA 3 gibt und nur mit ein paar Klettermöglichkeiten erweitert wurde? Die Zielhilfe beim Auto-Aiming würde sich in anderen Spielen wie Cheaten anfühlen, aber bei GTA V geht das als Selbstverständlichkeit durch, weil die Shooter-Mechaniken nicht wirklich gut sind. Von dem Stealth-Gameplay möchte ich gar nicht sprechen, weil sich Stealth in GTA V so schrecklich undynamisch und bewegungslos spielt und die Gegner ohnehin über eine Schwarm-Intelligenz verfügen – weiß einer, wo ich bin, wissen es alle.

Ich war sehr auf die Raubüberfälle gespannt, um die sich auch das ganze Spiel dreht. Ich bin ein Freund von gut organisiertem Verbrechen und meine Verbrechen plane ich gerne im Voraus. Aber auch hier dominiert die Inszenierung gegenüber dem eigentlichen Spiel. Fahren, Schießen und den bunten Kreisen folgen. Grob gesagt beschreibt dies die Überfälle, bei denen sich das Gameplay primär zum Autofahren eignet, während der Rest zweckdienlich irgendwie da ist. Ganz im Ernst, wenn es euch um die Überfälle geht, dann kauft euch Payday 1 oder 2. Das Overkill-Studio hat fast die Größe eines kleinen Indie-Teams, schafft aber ganz klar die besseren Heist-Missionen, weil man dort im Spiel frei aus vier unterschiedlichen Klassen – Mastermind, Assault, Ghost, Support – wählen kann, sich die Grundmechaniken wie das Schießen gut anfühlen und es zusätzlich viele kleine spielerische Features gibt, die in GTA V nicht ansatzweise vorhanden sind. In Payday 2 kann ich u.a die Zivilisten auf den Boden zwingen, fesseln, Pager von getöteten Wachen beantworten, Leichen verstecken oder Kameras zerschießen – alles im eigentlichen Spiel und nicht in gescripteten Sequenzen. Ich finde es höchst beeindruckend, wie ein kleines Team wie das Overkill Studio in dieser Hinsicht den Boden mit dem großen Unternehmen Rockstar aufwischt.
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Immerhin will ich Rockstar für das neue Fahndungssystem loben. Verlieren mich die Polizisten aus den Augen, dann suchen sie mich mit ihren Blickkegeln und ich kann mich in der Nähe verstecken oder in die Weite fliehen. Da vermittelt mir GTA tatsächlich dieses Gefühl, welches man auch aus Filmen kennt, in denen sich die Verbrecher in einem Haus aus der Nachbarschaft verstecken. Hier wird mir kein Pfad und auch keine Spielweise vorgegeben.

Ich finde es schade, dass es Rockstar mit dem fünften Teil immer noch nicht geschafft haben, die GTA-Reihe weiterzuentwickeln. 2001 konnte die GTA-Reihe erfolgreich den Sprung von 2D auf 3D meistern und wurde sogar extrem populär. Ich denke, die Reihe könnte nochmal einen ähnlich gewaltigen Sprung machen, aber nicht im technischen Bereich. Da geht bis auf ‚größer‘ und ‚hübscher‘ nichts mehr. Im Bezug auf das Gameplay ist jedoch noch sehr viel zu holen. Man könnte die anderen Bereiche neben dem Fahren, wie Schießen, Schleichen oder Prügeln, weiter ausbauen, damit diese neben „richtigen“ 3rd Person-Spielen bestehen können. Ich denke nicht, dies wäre technisch nicht machbar, denn seit dieser Generation ist Open World zu einem Spielfeature geworden. Metal Gear Solid und Mirror’s Edge werden bald als Open World-Spiele kommen. Batman – Arkham City, Assassin’s Creed oder Far Cry 3 sind es schon. Dazu will ich aber auch mehr Freiheiten in den Missionen haben. Was bringt die größte Welt, wenn ich in den Missionen noch immer Punkte ablaufe und meine Spielweise vorgegeben wird? Viel zu selten werde ich wirklich vor die Wahl gestellt so spielen zu können, wie ich möchte. Andere Spiele geben mir wesentlich mehr Freiheiten, obwohl sie keine 795 Tausend Quadratkilometer großen Städte, 425 Autos und 5732 Kleidungsstücke haben.

Auch bezüglich des Storytellings kann man noch viel mehr aus GTA herausholen und dieses immer gleiche Schema aus [Cutscene], [Mission], [Cutscene] aufbrechen. Bei GTA V ist positiv anzumerken, dass sie durchaus versucht haben zu experimentieren und einige flüssige Übergänge von Gameplay zu Cutscene eingebaut haben. Das ist wirklich schön, aber ich denke, da kann man durchaus noch mehr machen. Es wäre möglich, den Spieler und nicht nur die Spielfigur in die Handlung einzubauen und ihm Entscheidungsmöglichkeiten zu geben. Auch hier sehe ich, dass es mittlerweile auch in anderen Spielen mit Open World-Features funktioniert und ich vor Wahlen gestellt werde, die sich auf die Handlung auswirken. Ja, dabei werden sogar Möglichkeiten geboten, die mir nicht aufgedrängt werden, sondern die ich von mir aus wählen kann. Ich denke da an Fallout 3, bei dem ich bei einer Mission ein Paar Zielpersonen töten soll, ich diese aber auch verschonen kann. Ich kann aber auch den Auftraggeber erschießen, ohne dass es mir vorher explizit gesagt wird – ich muss mich nur dazu entscheiden. Auch sehr schön wäre es, wenn mein Spielverhalten berücksichtigt wird und sich auf mein Umfeld auswirken könnte. Dies teasert GTA V sogar an, in dem bestimmte Aktionen von mir von den NPC’s kommentiert werden. Ich denke da an Mary Ann, die sich beim Wettlauf mit Michael über meine Abkürzung aufregt. Aber der große Wurf ist noch nicht erreicht und das Gameplay und die Handlung bleiben noch immer strikt voneinander getrennt.

GTA V ist kein schlechtes Spiel, aber mich lässt es einfach nur völlig kalt. Tatsächlich fragte ich mich auch schon, warum ich mir das Spiel überhaupt gekauft habe. Groß gehypt war ich nämlich nicht. Wenn doch, dann konnte mir der Gameplay-Trailer diese Lust wieder nehmen. Weder die Größe der Welt an sich, noch die Graphik-Leistung konnten mich beeindrucken. Mich interessiert dies nicht, weil hinter einem Mammut-Projekte wie GTA V auch ein dickes Budget steckt und das Spiel deswegen genau so aussehen muss. Aber das eigentliche Spiel bleibt mir hinter der Inszenierung zu sehr auf der Strecke.


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1 Kommentar

  1. Christian - 19.11.2013 13:48

    Es ist fast ein wenig schade, dass zum Release von GTA5 über so viele andere Sachen gesprochen wurde, über die großen Schwächen, die das Spiel an sich und die Open-World im Speziellen hat, aber nahezu gar nicht.

    Mich hat am Spiel insbesondere diese Linearität in den Missionen gestört. Die hat in einem Open World Spiel nämlich nichts zu suchen. Wenn ich ein paar Kerle mit dem Auto verfolge muss ich jederzeit die Möglichkeit haben, denen in den Reifen zu schießen um die Verfolgungsjagd zu beenden. Egal wie radikal das ist. Egal, ob ich dadurch die spannende Sniper Einlage auf dem Hubschrauber heraus verpasse, welche das Script eigentlich vorgesehen hatte.

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