Pulp Fiction

In einer alternativen Zeitlinie, in der das FPS-Genre nicht durch das Zusammentreffen einiger unglücklicher Umstände in den letzten Jahren weitestgehend ruiniert wurde, wäre Wolfenstein: The New Order ein grundsolides Spiel mit einer richtig gut präsentierten Pulp-Story. In unserer Realität aber, in der Millionen von Spielern dem nächsten Call of Duty entgegenfiebern und Puffreiskekse wie Titanfall abfeiern, ist das neue Wolfenstein ein absolutes Highlight!

Das soll jetzt nicht so rüberkommen, als wäre W:TNO eigentlich nur der Einäugige unter den Blinden. Es wäre selbstverständlich auch schon vor 10 Jahren ein wirklich spielenswerter Egoshooter gewesen, aber es hätte halt nicht so sehr aus dem allgemeinen Angebot herausgeragt wie jetzt. Spielmechanisch macht es, zumindest für meinen Geschmack, alles richtig, was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass man jedes einzelne Element schon in anderen Spielen gesehen hat. Zum absoluten Jubelspiel fehlt in Sachen Gameplay eigentlich das gewisse Quäntchen Eigenleistung, es sei denn, man wertet die fast perfekte Zusammenstellung von Altbekanntem als solche…

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Aber worüber reden wir hier eigentlich? – Wolfenstein: The New Order ist ein linearer First-Person-Shooter, der ein zu geradliniges Schlauchdesign vermeidet, indem er fast immer Alternativrouten anbietet und durch diverse Sammelobjekte und Secrets zum Erkunden der verzweigten Level einlädt. Sogar das Umschleichen und hinterrücks Morden von Gegnern ist meist eine Option, wenn man denn darauf steht. Wer lieber kaugummikauend mit einer Waffe in jeder Hand durch die Vordertür kommt, wird allerdings besser bedient. Fast alle Waffen bieten Dual Wielding und es gibt kein nervendes Zwei-Waffen-Inventar-Limit. Die Waffenauswahl ist im Vergleich zu anderen Spielen zwar insgesamt überschaubar, aber dafür machen sie alle Spaß, sind sinnvoll voneinander abgegrenzt, bieten Upgrade-Möglichkeiten sowie alternative Feuermodi und besitzen durchweg ein befriedigendes Feedback.

W:TNO bemüht sich auch um Abwechslung und wirft den Spieler immer mal wieder in Abschnitte, in denen beispielsweise Vehikel, stationäre Geschütze und dergleichen den Standardspielablauf auflockern. Nie so lang, dass es nervt, aber lang genug, um dem Spieler das Gefühl zu geben, mehr als eine stumpfe Schießbude zu spielen. Besonders gefreut hat mich, dass einen The New Order wieder die guten alten Medipacks und Rüstungsteile sammeln lässt, anstatt, wie heute allgemein üblich, komplett auf magisches Autohealing hinter dem nächsten Mauervorsprung zu setzten. Letzteres heilt immer nur die letzten 10-20 verloren Lebenspunkte. Größere Verletzungen lassen sich nur durch Verbandskästen wieder heilen. Und man fällt auch nicht nach 1-2 Treffern sofort um, wie es seit ein paar Jahren leider ebenfalls Genre-Standard geworden ist.

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Insgesamt gefällt mir das Gameplay besser als beim letzten Teil der Serie. Das von Raven Software entwickelte Wolfenstein (2009) war insgesamt auch ein cooles Spiel, hatte aber für meinen Geschmack dann doch ein paar CoD-Einflüsse zu viel. Von allen Auftragsarbeiten (id Software, die seit 1992 die Rechte an der Reihe besitzen, haben nach Wolfenstein 3D und Spear of Destiny nie wieder einen Teil selbst entwickelt…) gefällt mir die von Machine Games fast am besten. Sie ist zumindest gleichauf mit der von Gray Matter Interactive (Return To Castle Wolfenstein, 2001). Dass Machine Games von ehemaligen Starbreeze-Entwicklern gegründet wurde, merkt man übrigens spätestens im Arbeitslager-Level, denn da hatte ich ein ganz heftiges „Butcher Bay„-Déjà vu…

Aber wie schon gesagt, auf der spielerischen Seite gibt es in W:TNO nichts, was man nicht woanders schon gesehen hätte. Alles sehr gut umgesetzt und miteinander kombiniert, aber kein Geniestreich. Der eigentliche Grund, warum man das neue Wolfenstein unbedingt spielen sollte, ist nicht das gelungene Nicht-CoD-Gameplay (Ist Euch eigentlich aufgefallen, wie krampfhaft ich es bisher vermieden habe, den Begriff „old-school“ zu verwenden…?!), sondern das, was Machine Games am auffälligsten anders als ihre Vorgänger machen: Die Story, das Setting und vor allem die daraus resultierende Atmosphäre!

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Die Wolfenstein-Spiele waren schon immer Pulp. Nazis, die den Krieg durch Okkultismus und wahnwitzige wissenschaftliche Experimente gewinnen wollen, gibt es ja nicht erst seit Indiana Jones, Hellboy oder Iron Sky, sondern sie gehen viel weiter zurück bis ins Exploitation-Kino und entsprechend gleichgelagerte Groschenromane der 60er und 70er. Nazis sind per se ja schon ideale Bösewichte, aber gibt man ihnen auch noch überlegene SF-Technologie in die Hände oder sind sie gar mit dem Übernatürlichen im Bunde, wird ein absurd-faszinierendes Sub-Genre der gepflegten Trash-Unterhaltung daraus.

Die bisherigen Wolfenstein-Teile bewegten sich ganz klar auf dem gleichen Terrain wie der Film Iron Sky (2012): Absolut over-the-top, reichlich trashig und definitiv nicht ernst zu nehmen. The New Order schafft mit seiner unglaublichen Liebe zum Detail und einer für die Serie ungewöhnlichen Düsterkeit aber das Kunststück, aus dem absurden Pulp-Setting eine lebendigere und glaubhaftere Welt zu machen als all seine Vorgänger. Ja, sogar glaubhafter als die meisten „realistischen“ Kriegsshooter, die man heute um die Ohren gehauen bekommt. Und das obwohl es vom Setting her mit seiner 60er-Jahre-Alternativ-Zeitlinie eigentlich sogar noch einen Schritt weiter in Richtung Quatsch geht als alle Wolfensteins vor ihm. Das klingt zwar paradox, liegt aber daran, dass es einerseits Premium-Trash wie Iron Skys Mond-Nazis aufgreift, sich auf der anderen Seite aber sehr viel Mühe gibt, diese Dinge bis zu einem gewissen Grad glaubhaft darzustellen. In W:TNO steckt nämlich auch eine große Portion Fatherland (Robert Harris, 1992), wo, wenn man die vom Autor gesetzten historischen Divergenzen einfach mal akzeptiert, eine durchaus schlüssige „Was wäre, wenn…“-Realität erschaffen wird, in der die Nazis eben nicht den 2. Weltkrieg verloren haben, die Beatles „Käfer“ heißen und „Hans Armstark“ der erste Mensch auf dem Mond war. Die alternativen 60erjahre, die uns Machine Games hier präsentiert, sind in jeder Hinsicht unglaublich gut gemacht!

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Natürlich ist das Spiel immer noch weit davon entfernt, irgendwie tiefsinnig oder sonst wie wertvoll zu sein. B.J. Blazkowicz ist zwar erstmals in der Serien-Geschichte mehr als nur der bloße FPS-Avatar, der Typ, den man halt einfach spielt, und bekommt tatsächlich so etwas wie Charaktertiefe, aber seine Charakterzeichnung ist nicht ansatzweise konsistent. In der einen Szene hört man ihn aus dem Off düster-melancholische Kriegsweisheiten à la Apocalypse Now zum Besten geben, in der nächsten verwandelt er wieder eine Horde Steampunk-Nazis mit dem Lasergewehr in rote Wandfarbe. Im Arbeitslager wird erst eine bedrückende KZ-Atmosphäre geschaffen, die einen zwischenzeitlich tatsächlich denken lässt, hier würde ernsthaft mit dem Thema umgegangen, und kurz darauf bricht man mit einem gekaperten Nazi-Mech spektakulär aus dem Lager aus und befindet sich sofort wieder in klassischen Action-Gefilden. Gleiches Gilt für die Mitglieder des Widerstands: Rührselige Einzelschicksale werden nur skizziert, aber nie wirklich konsequent zu Ende erzählt. Dennoch hat das Spiel immer wieder erinnerungswürdige, bewegende Momente, wie z.B. Blazkowicz‘ Zeit im Polnischen Sanatorium. Nur wird dieser Stil nie konsequent durchgezogen und immer wieder gebrochen. Ob es tatsächlich besser gewesen wäre, ganz auf die typischen Wolfenstein-Nazi-Trash-Elemente zugunsten eines komplett „deepen“ Spiels zu verzichten, mag ich gar nicht entscheiden. Ein komplett ernstes „Emo-Wolfenstein“ will doch letztendlich auch keiner haben, oder?

Wolfenstein: The New Order ist kein Spec Ops: The Line. Es hat keinen wirklichen Anspruch, keine Message. Es ist nach wie vor der Stoff, aus dem billige Groschenromane gestrickt sind. Aber es ist ein verdammt guter Groschenroman! Und deutlich weniger comic-haft, albern und flach als seine Vorgänger, ohne dabei jedoch das eigentliche Wesen der Serie komplett aus den Augen zu verlieren. Und genau dadurch ist es das erste Wolfenstein, dass man nicht nur aus purem Spaß an der Super-Nazi-Abballer-Freude weiterspielt, sondern vor allem, weil man wissen will, wie die coole Geschichte in dieser erstaunlich überzeugenden Parallelwelt weitergeht. Für mich ist Wolfenstein: The New Order daher der beste Singleplayer-Shooter seit sehr, sehr langer Zeit!

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Wer noch immer wegen der Zensur der deutschsprachigen Fassung mit dem Kauf hadert, kann sich ein Stück weit entspannen: Ich wollte mir zunächst auch lieber die US-Fassung zulegen, weil ich befürchtete, dass man den gleichen Weg gehen würde, wie in den beiden direkten Vorgängern (RTCW und Wolfenstein). Dort hat man in der deutschen Fassung nämlich nicht nur die verfassungsfeindlichen Symbole und Bilder entfernt, sondern gleich die ganze Geschichte geändert, indem man aus den Nazis einfach eine okkultistische Sekte („Die Wölfe“) gemacht hat, was inhaltlich von vorne bis hinten überhaupt keinen Sinn ergab. Bei The New Order ging Bethesda aber deutlich geschickter vor als seinerzeit Activision, in dem man vom Prinzip her einfach nur „die Nazis“ durch „das Regime“ und „Hitler“ durch „unser geliebtes Staatsoberhaupt“ ersetzt hat. Der Spieler weiß die ganze Zeit trotzdem ganz genau wer bzw. was gemeint ist und die Geschichte verliert dadurch rein gar nichts. Zudem ist die deutsche Sprachfassung ziemlich klasse synchronisiert, so dass man sich auch nicht großartig über die fehlende Original-Synchro ärgern muss. Man kann dieses Mal wirklich relativ gut mit der zensierten Fassung des Spiels leben.


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5 Kommentare

  1. Le Don - 09.06.2014 17:33

    Ich hätte nie gedacht, dass das neue Wolfenstein so gut abschneidet. Nun überlege ich tatsächlich, es mir doch noch zu holen, bzw. werde womöglich bei einem Sale zuschlagen. Ja, die Schleichmöglichkeiten, die man hin und wieder haben soll, haben einen Anteil daran.

  2. Frank - 11.06.2014 21:27

    Mir hat Wolfenstein durchaus Spass gemacht. Die pulpig-simple aber gut erzählte Geschichte, die meiner Meinung nach schöne Optik (PS4) und auch das Gameplay haben gepasst. Was ich allerdings nicht verstehe ist das an allen Ecken und Enden hervorgehobene Oldschoolgameplay. Das Spiel ist anders als die üblichen Verdächtigen, aber deswegen nicht oldschool. Ja, es gibt Medipacks und die Gegner halten ein wenig mehr aus als der typische CoD-Terrorist. Aber es ist weder Anfang der 90ger aka Wolf 3d/Doom-Oldschool, noch Ende der 90ger aka Quake/Duke-Oldschool, noch Anfang 2000er Nolf-Oldschool. Am ehesten kann man es vom Gameplay her noch mit Crysis 2 (den dritten hab ich nie gespielt) vergleichen. Die Levels sind oft größere Areale die durch Nadelöhren verknüpft sind, man hat oft die Wahl leise oder laut vorzugehen. Mir hat es eigtl. schon Spass gemacht, und im Gegensatz zu vielen anderen Spielen in den letzten Jahren, hat mir auch der Vollpreis im Nachhinein nicht weh getan. Ordentliche Spielzeit, kein aufgeflatschter MP-Modus und einfach von vorne bis hinten nicht ernst zu nehmen, dabei allerdings nie so albern wie bspw. Serious Sam. Hat mich gut Unterhalten…. nur sehe ich den Begriff Oldschool an der Stelle eher als Marketinggeschwafel als wirklich Merkmal.

    Gruß
    Frank

  3. Le Don - 23.01.2015 23:53

    Ich habe jetzt auch endlich auch Wolfenstein nachgeholt und ich muss sagen, dass ich es ganz okay fand. Das klingt nun vielleicht nicht besonders berauschend, liegt hauptsächlich aber auch nur daran, dass mich Shooter und Action-Gedöns generell nicht mehr so kicken. Ansonsten ist das neue Wolfenstein echt gut. Ich mag dieses Setting (gibt es für diesen eigenen Nazi-Pulp eigentlich eine besondere Bezeichnung?) und auch die Musik, die mal einige tolle Stücke hat und mal schön stark wummert. Am besten gefallen hat mir aber das Gameplay, welches tatsächlich keine größeren Innovationen hat, wie es an anderen Stellen bemängelt wird, aber meine Fresse, wenn ich mir die jüngsten Innovationen aus dem Shooter-Bereich anschaue, dann ist mir das sogar wesentlich lieber. Vor allem das Level-Design mit den kleineren Verzweigungen war super. Nicht nur, um schleichen zu können, sondern auch um die Gegner zu flankieren.

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