Tragbarer Verein

In der 79. Minute gelingt es Messmann, den Ball an den beiden gegnerischen Verteidigern vorbei zu Jung zu passen, der die Murmel prompt versenkt. TOOOOR! Die Fans jubeln! Ich jubele vor meinem 3DS! Wenn wir die Führung halten und das Match gewinnen können, spielt Dölitz-Dösen ab der nächsten Saison endlich in der zweiten Liga. Zu verdanken haben sie das selbstverständlich ihrem Trainer: mir.

Warum Dölitz-Dösen? In Nintendo Pocket Football Club legt man seinen eigenen Verein an, mit selbst designtem Logo und Trikots, und tritt gegen fiktive Mannschaften wie die 11 Kumpels, Kickers Löwenmut und Union Zuversicht an. Mein Bruder war der Meinung, er müsse seinen Verein unbedingt Real Madrid oder Bayern München oder ähnlich einfallsreich benennen, und wie könnte man „Real Madrid“ schöner schlagen als mit der Mannschaft eines verschlafenen Leipziger Stadtteils mit kaum viertausend Einwohnern?

Dölitz-Dösen startete, wie jeder neue Verein in Pocket Football Club (NPFC), in der Regionalliga und arbeitete sich über mehrere Saisons langsam nach oben. Als Spieler übernimmt man ausschließlich Trainer-Aufgaben: Man bestimmt Aufstellung und Taktik in den Matches und nimmt Wechsel vor. Außerhalb der Spiele legt man die wöchentlichen Trainingseinheiten für seine Jungs fest und hält auf dem Transfermarkt nach vielversprechenden Verstärkungen für das Team Ausschau. Auf Klimbim wie Stadionausbau, Produktion von Fanartikeln und das Zusammenstauchen von ZDF-Reportern wurde dagegen dankenswerterweise verzichtet.

Für absolvierte Spiele erhält man Trainingskarten wie beispielsweise „Kontern“, „Grätschen“ oder „Dribbeln“, die man im Wochenrythmus einsetzen kann, um Werte der Spieler wie Schusskraft, Schnelligkeit oder Technik im Training zu verbessern. Interessanter ist es aber, die Trainingskarten zu Kombos von zwei oder drei Karten zu verbinden. Kombos lassen nicht nur die Werte der Spieler teils deutlich stärker ansteigen als Einzelkarten, sie bringen den Spielern auch neue Fähigkeiten bei, wie „Dribbelkönig“ (aus den Karten„Dribbeln“ und „Sprinten“), „Catenaccio“ („Analyse“, „Decken“ und „Abwehrkette“) oder „Tödlicher Pass“ (aus „Passen“, „Sandsack“ und „Dufttherapie“ – Ja, richtig gelesen!). Das Erlernte wenden die Spieler dann auch an: Jimenez hat vor den drei Wochen Blutgrätschen-Training („Grätschen“, „Sandsack“ und „Judo“) irgendwie seltener rote Karten bekommen…

Auf die weit über einhundert möglichen Kombos muss man erst einmal kommen, merken muss man sie sich zum Glück nicht. Ein Menü listet bereits entdeckte Kombinationen auf. NPFC ist aber nicht in jeder Hinsicht so offen und hilfsbereit: Welche Fähigkeiten man welchen Spielern bereits beigebracht hat, lässt sich nicht einsehen, das Spiel weist ihnen lediglich je nach ihren Fähigkeiten Rollen wie „Stopper“, „Abfänger“, „Sprinter“ oder „Vorbereiter“ zu. Was die Mannschaft gut beherrscht und wo noch Trainingsbedarf besteht, erfährt man nur, indem man die Spiele, die sie absolviert, genau beobachtet.

Die knuffige Optik der Matches wird von alten Genrehasen gerne mit Sensible Soccer verglichen. Wahrscheinlich meint man das positiv, ich kenne mich mit alten Genrehasen nicht so aus. Ich stelle nur fest, dass ich trotz der Pixelgrafik super erkennen kann, welche Spielzüge meine Mannen gerade ausführen wollen und was davon wie gut funktioniert. Muss man ja wissen, für’s Training. NPFC stellt sich ausgesprochen geschickt an, wenn es um das Generieren von spannenden Partien geht, mit Attacken, Kontern, Freistößen, teils bösen Fouls. Wer mir bisher beim Spielen über die Schulter schaute, blieb oft bis zum Ende des Matches. Auch wenn ich NPFC mal bewusst startete, um es jemandem zu zeigen, war meine Befürchtung, Dölitz-Dösen könnte gerade jetzt eine totale Schnarch-Partie hinlegen, bisher immer unbegründet. Bei wievielen WM-Spielen ich irgendwann vor Langeweile den 3DS einschaltete, bleibt mein Geheimnis. Im Halbfinale Argentinien-Niederlande hat es jedenfalls nur knapp fünfzehn Minuten gedauert, bis ich beschloss, lieber Dölitz-Dösen zuzusehen.

Der große Nachteil an den 10-minütigen Matches bleibt dennoch, dass man sie sich allesamt komplett ansehen muss. Es gibt keine Zeitbeschleunigung, keine mögliche Beschränkung auf Schlüsselszenen. Die Position der Mannen auf dem Feld kann man jederzeit anpassen, größere Änderungen an der Taktik sind nur bis zu drei Mal pro Spiel möglich, wenn man jemanden einwechselt. Den Rest der Zeit betrachtet man das Gewusel. Und die Zeit summiert sich! Ich habe gute 40 Spielstunden zusammen und bin in der dritten Saison. Um auf Dauer Spaß an NPFC zu haben, darf man sich nicht daran stören, dass man dem Spiel die meiste Zeit über nur zusieht.


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7 Kommentare

  1. Missingno. - 14.07.2014 10:58

    Ich habe mich nach dem Artikel doch entschlossen NPFC zu kaufen. (Du kannst jetzt also deine Provision bei Nintendo geltend machen.) Zur Einstimmung auf die WM-Endspiele habe ich dann auch je eine Saison als Trainer von Missing Goal gespielt.
    Entgegen dem Vereinsnamen schießen meine Spieler durchaus Tore. Allerdings habe ich es in den ersten zwei Jahren nicht zum Aufstieg geschafft, weil ich genau zwei Spiele knapp verloren habe. Wenn eine Mannschaft alles gewinnt, hängt man damit ziemlich fest. Da bringt es auch nichts, wenn man ein Torverhältnis > +20 hat und die anderen Mannschaften 8-0 schlägt und Traumtorgeschwindigkeitsrekorde (40 Ingame(!)-Sekunden: Anstoß, Weitschuß, Tor!) aufstellt.
    Abseits scheint mir noch undurchsichtiger zu sein als im echten Fußball. Mal ist es, obwohl der Ball vom gegnerischen Torwart „abgeprallt“ ist oder offensichtlich noch Verteidiger vor dem angespielten Spieler (nahe Mittellinie) sind, dann wieder nicht, obwohl der Pass an einen Spieler geht, der hinter den Linien steht. Aber sei’s drum.
    Nach Spielunterbrechungen sortieren sich die Spieler leider auch nicht immer neu, was dazu führt, dass in dem o.g. Abseits-Beispiel (Mittellinie) viele gegnerische und eigene Spieler in der eigenen Hälfte stehen und nicht gut anspielbar sind, statt dass sich das Feld nach vorne orientiert.
    Spezial-Kombos: laut Liste sind es 125, wobei mindestens eine Kombo definitiv nicht gelistet wird („Abwesend“ – die hat allerdings auch Malus). Ich finde es schade, dass man auch bei entdeckten Kombos nicht sofort sieht, welche Werte beeinflusst werden; man muss das umständlich in der Liste nachschauen bzw. man kann leider nicht einfach in der Liste eine Kombo für den ausgewählten Spieler auswählen, die, sofern man die benötigten Karten hat, trainiert werden soll. Auch wäre es schön, wenn man Kombinationen, die zu keiner Kombo führen erkenntlich würden, wenn man sie schon einmal versucht hat. Sonst versuche ich immer und immer wieder für mich logische Kombinationen, die keinen speziellen Effekt haben. :/
    Wann sich ein Allrounder in einen speziellen Typ „verwandelt“ und warum, ist mir auch noch ein Rätsel. Und worauf es im speziellen für den Torwart zu achten gilt ist mir auch nicht ganz klar. Im Moment versuche ich daher eher planlos die jeweils schlechtesten Werte zu verbessern. Wenn die alle mal bei S angekommen sind, sollten sie ja unschlagbar sein, oder?

  2. Missingno. - 14.07.2014 14:02

    Ah, vergessen: In-Game-Purchases! So ein Dreck. Beschränkt sich zwar noch auf Trainings-Gegner (Defensive, Offensive) und ein „Nerd-Team“, aber ich befürchte hier schon das Schlimmste.

  3. Chris - 15.07.2014 00:39

    Spezial-Kombos: laut Liste sind es 125, wobei mindestens eine Kombo definitiv nicht gelistet wird (“Abwesend” – die hat allerdings auch Malus).

    Ich hab bisher vier nicht gelistete…. Gemeinsamkeit ist, dass alle in bestimmten Bereichen Malus geben.

    bzw. man kann leider nicht einfach in der Liste eine Kombo für den ausgewählten Spieler auswählen, die, sofern man die benötigten Karten hat, trainiert werden soll.

    Stimmt, das nervt. Für mich komplett unerklärlich, warum das nicht geht.

    Dass bereits versuchte, nicht erfolgreiche Kombinationen nicht kenntlich gemacht werden, stört mich bei den 2-Karten-Kombos gar nicht so wahnsinnig. Die 3er-Kombos finde ich aber extrem schwer zu erraten, auch wenn das Spiel ja hin und wieder Tipps gibt („Diese zwei Karten scheinen gut zueinander zu passen, aber eine dritte Karte fehlt noch…“)

    Abseits scheint mir noch undurchsichtiger zu sein als im echten Fußball.

    Mein Eindruck bisher ist, dass er das Abseits teils sehr spät pfeift, wenn es schon gar nicht mehr erkennbar ist. Im Gegensatz zu den automatisch kommenden Tor-Wiederholungen muss man die Abseits-Wiederholung ja selbst per Tastendruck auslösen, dann hat sie aber auch ne eingeblendete Hilfslinie et cetera.

    Für mich war’s in der Wiederholung dann meistens nachvollziehbar. Wie dein Beispiel mit dem Abpraller vom Torwart aber überhaupt jemals hätte ein Abseits sein können, weiß ich nicht. Das klingt eher nach einem Fehler.

    Wann sich ein Allrounder in einen speziellen Typ “verwandelt” und warum, ist mir auch noch ein Rätsel.

    Wie man das gezielt auslöst, checke ich nicht. Treffe online aber dauernd auf Mannschaften von Leuten, die das scheinbar sehr gut hinbekommen. Bin da für Tipps dankbar.

    Wenn die alle mal bei S angekommen sind, sollten sie ja unschlagbar sein, oder?

    Ich glaube, da macht dir das Potenzial einen Strich durch die Rechnung. Alter simuliert das Spiel ja nicht, aber das Potenzial aller Spieler steigt nur bis zu einem gewissen Punkt und sinkt danach kontinuierlich ab. Irgendwann hat’s keinen Sinn mehr, die weiter zu trainieren, die werden nicht mehr besser.

    (Du kannst jetzt also deine Provision bei Nintendo geltend machen.)

    Mmh, ich hoffe, ich hab dich nicht zu einem Fehlkauf verführt? Täte mir leid. NPFC war – wie alles von Nintendo bei uns – kein Testexemplar o.ä., ich hab das ganz normal gekauft und hab von dem Text hier nix außer Spaß am Schreiben.

  4. Missingno. - 15.07.2014 11:59

    Nein, du hast mich nicht verführt und als Fehlkauf würde ich NPFC auch nicht einstufen. Als es angekündigt wurde, war ich zunächst durchaus interessiert, hatte dann aber schon die Befürchtung, dass es (mir) erst einmal „zu teuer“ würde. Im Moment gab es ja das Angebot für 12 Euro – ist nicht so viel günstiger, aber es war ja auch nie wirklich unbezahlbar. ;-) Ich habe jetzt allerdings schon öfter Spiele nach Reviews hier gekauft (und bin im Großen und Ganzen zufrieden damit), daher Provision geltend machen!

    Ich muss sagen, dass ich mein Training momentan eher auf entdeckte Kombos beschränke statt versuche neue zu finden. Eben weil es unklar ist, was man schon erfolglos versucht hat und eben weil es unklar ist, welche Werte eine neue Kombo dann tatsächlich beeinflusst.

    Gezielt habe ich den Typ noch nicht geändert bekommen. Ein Mittelfeldspieler ist bei mir zu einem Stopper geworden – ob das gut oder schlecht ist, keine Ahnung. Meine Stürmer sind Zuspieler, genau wie der Torwart, der aber nach „normalem“ Training auch wieder zum Allrounder wechselte und zurück. In der Abwehr einen Abfänger und nochmal etwas mit A am Anfang …

    Wenn man wirklich ernsthaft damit „arbeiten“ will, braucht es vermutlich so etwas und eine Tabelle über die eigenen Spieler und ihre Trainingseinheiten.

  5. Missingno. - 16.07.2014 14:10

    Absicherer, das ist der andere Verteidiger. Und mein Torwart ist inzwischen Solist.
    Außerdem hat meine Mannschaft im dritten Jahr mit 9 Siegen und einem Unentschieden (44:1 Tore) endlich den ersten Aufstieg geschafft. ;-) Nach ersten Testspielen stehen die Chancen auch gar nicht so schlecht, dass sie zumindest nicht gleich wieder absteigt.

    Noch was zum Abseits: der Torwart zählt wohl doch wie ein Pfosten. Aus wikipedia

    Abseits (weil der Ball vom gegnerischen Torwart abprallt, ohne dass eine neue Spielsituation entsteht; ein Abprallen von Pfosten oder Latte hätte die gleiche Bedeutung)

    Ich dachte bislang, dass hier zwischen Abpraller ohne gegnerische Berührung und mit unterschieden wird.

  6. Chris - 17.07.2014 00:50

    Glückwunsch! Ich hatte zu Beginn in der Regionalliga auch Anlaufschwierigkeiten. Auf den Aufstieg in die dritte folgte dann aber gleich ein Jahr später der Aufstieg in die zweite Liga. (Juhu!) Hier tue ich mich nun allerdings schwerer… mal sehen. Was aber immens hilft, ist das steigende Budget nach jedem Aufstieg. Mit anderen Spielern gute Spieler zu „tauschen“, ist auch ne gute Idee. Der „Tausch“ über die Freundesbörse läuft halt sehr social-game-mäßig: Man nimmt den neuen Spieler unter Vertrag, der Freund behält ihn aber trotzdem. Es gibt den Spieler also plötzlich doppelt…. da selbst ausgebildete Fußballer meist für weniger Geld besser spielen als die übrige Besetzung im Transfermarkt, hilft einem das, je nach eigener Situation, teils ziemlich deutlich weiter.

    Das Kombomenü finde ich um so unbenutzbarer, je mehr Kombos ich entdecke. Warum kann man da nicht locker durchscrollen, wie man das von Touchscreens gewohnt ist? Oder indem ich die Nach-Unten-Taste gedrückt halte? Muss ich wirklich einhundert Mal auf den Knopf hämmern, um ganz nach unten zu den Torwart-Kombos zu kommen?

  7. Missingno. - 25.08.2014 21:40

    Ich habe nach dem ersten Aufstieg den Durchmarsch in die erste Liga gemacht, nur um sofort wieder abzusteigen. Neuer Rang: Aufsteiger. Ähm, ja. In der ersten Liga habe ich erstmals eingekauft, das hat sich dann gleich wieder gerächt, weil das Budget zusammengekürzt wird, wenn es wieder abwärts geht.

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