Grafikblender

„Sehr verhasster Kunde,

ficken Sie sich mal gehörig ins Knie. Doppelt.

Mit freundlichem Gruß

Ihr Internetanschlussverweigerer

Ps.: Gerne dürfen Sie uns gepflegt den Schritt shampoonieren. Sie können es zwar nicht sehen, aber wir vollführen in diesem Moment obszöne Gesten. In Ihre Richtung. Bussi.“

Einen Brief dieses oder ähnlichen Wortlauts habe ich von meinem Internetanbieter nie erhalten. Jedoch scheint mir dieser von mir flott improvisierte Text ganz gut die Haltung zusammenfassen, die mir gegenüber innerhalb der letzten vier Wochen eingenommen wurde. Inzwischen bin ich glücklicher Sklave Kunde eines anderen Telekommunikationsunternehmens und habe endlich ein Spiel herunterladen können, auf das ich mich ziemlich gefreut habe: Another World.

Horten hört ein FU

Mein letzter direkter Kontakt zu Another World hat vor knapp zwei Jahren stattgefunden. Ich erwarb die SNES-Ausgabe des Spiels bei einem Online-Versandhändler und legte das Modul zu all den anderen SNES-Spielen in die Schachtel, in der sie gemeinsam friedlich schlummern. Nicht unerwähnt bleiben soll hier, dass ich ein Vertreter der Gruppe der Horter bin. Horten unterscheidet sich vom Sammeln einerseits darin, dass es lediglich dem Selbstzweck folgt. Sammler suchen besonders schöne oder seltene Exemplare des Gegenstandes ihrer Begierde und präsentieren diese gegebenenfalls anderen Sammlern oder drapieren sie zumindest hübsch in einem Setzkasten. Horter hingegen kaufen und raffen und legen ihre Beute anschließend in eine Schachtel. Der zweite Unterschied besteht darin, dass es in Deutschland niemals eine Kaufhauskette namens „Sammeln“ gegeben hat. Jedenfalls lag es nicht an der mangelnden Qualität von Another World, dass ich die SNES-Version desselben niemals gespielt habe. Im Gegenteil, wenn ich heute an das Spiel denke, befällt mich warme Nostalgie, Jugenderinnerungen. Wann ich es tatsächlich zum letzten Mal gespielt habe, vermag ich nicht zu sagen. Sicher ist jedoch, dass es sich im letzten Jahrtausend begab, auf einem Amiga 500. Ich erinnere mich noch deutlich der Faszination, der ich erlag, ob des eigentümlichen, aber coolen Grafikstils, der cineastischen Inszenierung und nicht zuletzt der ohne Worte erzählten, aber packenden Geschichte. Ob ich es je durchgespielt habe, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, obwohl ich mich einer Sequenz erinnere, die kurz vor Ende des Spiels stattfindet. Nun liegt mir die Jubiläums-Ausgabe vor. Diese war bereits 2011 für den PC veröffentlicht, von mir komplett ignoriert worden, da schließlich kein Mensch am PC spielt.

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Angst essen Seele auf

Zwar ist der Download längst abgeschlossen, doch zögere ich das Spiel zu starten. Ich habe Angst. Angst davor enttäuscht zu werde, wie vor einigen Jahren, als ich mal wieder eine Folge Eine schrecklich nette Familie guckte und feststellte, dass das überhaupt nicht lustig ist. Aber in meiner Erinnerung war das doch so großartig! Ich wäre weniger überrascht gewesen, hätte ich damals schon das kleine, aber gute Buch „Playing Yesterday – Mediennostalgie im Computerspiel“ (Boizenburg, 2012) von Sebastian Felzmann gekannt. In diesem wird herausgestellt, dass Nostalgie in unserer auf Fortschritt fixierten Gesellschaft ein besonderer Stellenwert zukommt. Je schneller und fundamentaler Veränderungen geschehen, desto mehr klammern wir uns an die Vorstellung einer besseren Vergangenheit. Da Erinnerung selbst ein Konstrukt ist, durch soziale und innere Faktoren beeinflusst, hat diese bessere Vergangenheit, so wie wir uns an sie erinnern, mit ziemlicher Sicherheit niemals existiert. Besonders in Bezug auf Medien ist der Bezugsrahmen von Bedeutung, in dem der erste Kontakt mit ihnen stattgefunden hat. Er bedingt die Art und Weise in der wir uns z.B. eines Spieles erinnern. Das kann eine neuerliche Auseinandersetzung mit diesem einerseits positiv beeinflussen, da unter Umständen angenehme Gefühle evoziert werden. Andererseits kann sie auch eine Ernüchterung durch das Spiel und eine Abwertung desselben nach sich ziehen, da der Bezugsrahmen nun ein anderer ist. Zwar kann das Spiel wieder aufgeführt werden, die bessere Vergangenheit, deren Bestandteil das Spiel ja ist, jedoch nicht. Ich kann also Another World erneut spielen, ein klopsförmiges Kind ohne existenzielle Sorgen werde ich dabei jedoch nicht wieder sein.

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Prepare to die

Einen Gang entlanglaufen. Tot. Eine Treppe hinaufsteigen. Tot. Vorwärts gehen. Tot. Nichts tun und die Augen zuhalten. Tot. Ich sterbe mich durch ein Spiel, von dem ich es heute für unmöglich halte, dass ich es je mit Freuden gespielt – gar, man stelle sich das vor, durchgespielt! – haben soll. Another World sieht gut aus. Zwar nicht schön im eigentlichen Sinne, ist es von einer zeitlosen Eleganz, die nur wenigen Spielen zu Eigen ist. Man erinnere sich der frühen Vertreter der 3D-Ära, die heute allesamt schauderhaft aussehen. Im Gegensatz dazu ist Another World ein Juwel, ist über 20 Jahre nach Veröffentlichung noch ansehnlich und wird es auch in weiteren 20 Jahren noch sein, da es in punkto Darstellungsweise seiner Zeit, man verzeihe mir diese Plattitüde, voraus war. Spielerisch hingegen mutet es frühgeschichtlich an. Das ist umso bedauerlicher wenn man bedenkt, dass im Jahre 1991 auch Super Mario World veröffentlicht wurde. Zwar lassen sich beide Titel nicht vergleichen, doch ist Letztgenanntes auch heute noch ein Paradebeispiel für ausgezeichnete Spielbarkeit. Another World dagegen ist hart, willkürlich und unfair. Eine andere Möglichkeit als das Auswendiglernen der Spielabschnitte gibt es nicht. Und selbst wenn das gelingt, ist ein Scheitern an der reduzierten aber unpräzisen Steuerung nicht ausgeschlossen.

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Youtube killed the video game

Wie befürchtet, stellte meine neuerliche Konfrontation mit Another World eine Enttäuschung dar. Obwohl ich solcherlei Erfahrungen gelegentlich bedauere, habe ich nicht das Gefühl, dass durch sie ein Teil meiner Kindheit entwertet oder gar „zerstört“ wird, wie manch erregter Zeitgenosse seine Konfrontation mit Relikten aus der Vergangenheit kommentiert, die die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen können. Und trotz meines Wunsches Another World heute noch mögen zu können, gewinne ich dieser Erfahrung etwas Positives ab. Sie hat mich aufs Neue gelehrt, dass früher längst nicht alles gut war und dass wiederum heute ganz bestimmt nicht alles schlecht ist. Anstatt es selbst zu spielen, empfehle ich Interessierten sich ein unkommentiertes Let’s Play von Another World anzuschauen. Das dauert nicht lange und bietet den unschätzbaren Vorteil, die ästhetischen Vorzüge des Spiels, dessen Optik für die 20th Anniversary Edition behutsam überarbeitet wurde, zu genießen, ohne von dem grausamen und unerbittlichen Gameplay gegeißelt zu werden. Wie sagte der große Christian Schmidt einmal auf die Frage, was an den Spielen von früher besser sei, als an denen von heute? – „Nichts.“ Und mit diesen Worten möchte ich schließen. Danke, liebe Vergangenheit, war schön bei dir. Ich treffe mich jetzt wieder mit der Gegenwart, bei der ist es nämlich noch schöner.


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6 Kommentare

  1. Kashmir - 22.07.2014 17:30

    Achwas, Another World mag keine Sau wegen dem Gameplay, war damals schon nicht anders. Nur die Ästhetik flashed halt so hart, dass man heute noch von dem Spiel spricht.

  2. SpielerZwei - 22.07.2014 17:50

    Stimmt. Und wenn ich so darüber nachdenke, trifft das in ganz besonderem Maße auf meine Lieblinge von Damals zu, die aus Frankreich kamen: Another World, Flashback, Fade to Black, Little Big Adventure … –> Alles tolle Spiele, die ich in sehr guter Erinnerung habe, die aber auch alle gemeinsam eine Steuerung aus der Hölle besaßen.

  3. muskeljesus - 22.07.2014 17:55

    Und das ist ja ein guter Hinweis auf die Stichhaltigkeit der Mediennostalgitheorie. Mit wie viel Genuss ich Alone in the Dark, Ecstatica und Resident Evil gespielt habe. Heute stellen die mich allesamt vor große Probleme. Im Gegensatz zu Another World sehen die genannten Titel heute auch nicht mehr ansehnlich aus.

  4. jorl - 23.07.2014 11:03

    @SpielerZwei
    Flashback würde ich aus der Liste nehmen, da das doch sehr spielbar war/ist. Es spielt sich nicht flott, aber die Steuerung ist genau und nie unfair. Im Gegensatz dazu wollte ich Fade to Black immer mögen und vor allem wollte ich wissen wie es mit Conrad weiter geht. Aber ich bin da nie über ein paar Räume hinausgekommen (und schön war das Spiel auch zu keiner Zeit).

    Ich hatte auch eine Weile den Anspruch noch Perlen von damals nachzuholen, aber ohne Nostalgiebonus sind alte Spiele kaum zu ertragen.

  5. Ferengi - 28.07.2014 19:12

    Das ist ja lustig. Ich bin auch einer dieser Sammler/Horter (hatte den Unterschied bisher nie so präzisiert) und trenne mich hin-und-wieder von Auszusortierenden. So z.B. von Another World (habe meine SNES-Version vor ein paar Jahren in einer Online-Plattform verkauft). Leider fehlt einen die Zeit, um mal wieder ein altes Spiel auf einer neuen Plattform zu genießen. Doch hin und wieder gelingt es dann doch, wie bei mir zuletzt bei Warlords für iOS. Man war das damals super, und heutzutage? Siehe

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