Ziehen wir es durch

Die Episoden zwei bis vier der aktuellen Staffel von The Walking Dead – und warum alles enden muss. (Enthält wie immer den einen oder anderen Spoiler. Just sayin‘!)

„Little girl, little girl, don’t lie to me, tell me where did you sleep last night?“ Als am Ende der zweiten Episode die ersten Töne der Janel Drewis’-Interpretation von „In the Pines“ erklingen (meiner Generation besser bekannt als „Where did you sleep last night“ als letzten Song der über alle Maßen großartigen Nirvana-Unplugged), ist alles scheiße. Und ich glücklich, dass ich so lange mit dem Weiterspielen gewartet habe. Schließlich ist Episode drei mittlerweile bereits draußen, die vierte für die folgende Woche angekündigt. Ich muss mit diesen Cliffhangern also nicht bis sonstwann leben, sondern kann Tags drauf weiter machen. Überhaupt mal erweist sich The Walking Dead als äußerst solide Feierabendbeschäftigung: Drei Stunden reichen, dann ist das Ding durch. Dazu ein Glas besseren Single Malts (ab Lagavulin geht alles) und die Stimmung ist perfekt. Perfekt scheiße.

Was ist passiert? Kurz gesagt gehen Telltale den Weg weiter, den sie mit Episode eins eingeschlagen haben: Clementine wird mehr und mehr zu einem düsteren Charakter. Natürlich nur, weil ich das zulasse. Weil ich die Faxen dicke hab und mir denke: Schön, dann halt auf die harte Tour. Warum soll die Kleine eine weitere Staffel lang nur einstecken? Nichts da. Stattdessen lasse ich sie die Erfahrung der vorherigen Episoden voll ausspielen. Natürlich weiß sie, wie man hier draußen überlebt, natürlich weiß sie, wie man notfalls einen Arm abhackt und einen Zombie hat sie auch schon das eine oder andere mal umgemacht. Weitere folgen in den Episoden drei bis vier teils in nervig zahlreicher Art und wenn man mal ehrlich ist, ist „Die Kleine“ eine völlig falsche Beschreibung. Clementine ist erwachsen geworden, schneller als es gut ist, schneller als man es einem jungen Mädchen wünschen möchte. Aber das ist halt kein Wunschkonzert, sondern die böse Nachwelt, in der Untote noch die kleinste Bedrohung sind. Da weht eben ein anderer Wind.

Und dann ist Kenny wieder da und ich überlege keine Sekunde, für welche der drei Auswahlmöglichkeiten ich mich entscheide. Natürlich umarme ich ihn. Es ist das einzig Richtige. Keine Worte. Stattdessen darf Clementine, dieses Mädchen, dessen Augen mittlerweile ziemlich häufig zu bedrohlichen Schlitzen werden, wenn sie mal wieder patzig antwortet oder sich weigert, die Mehrheitsmeinung zu akzeptieren, einfach mal ein emotionales Bündel sein, dass sich freut, einen alten Freund wieder zu sehen. Das mittlerweile in der neuen Gruppe angenommen wurde, das dennoch in einer Vielzahl von Konflikten steckt und sich immer wieder für oder gegen einzelne Überlebende entscheiden muss. Ich versuche, mich mit Sarah anzufreunden, stelle aber fest, dass Clementine der Gleichaltrigen um Längen voraus ist. Ich versuche, den Konflikt zwischen neuer Gruppe und Kenny zu schlichten. Und ich entscheide, ob der Abzug gedrückt wird und Menschenleben enden. Nein, Episode zwei geht wirklich beschissen aus und ich denke, ich habe es mal wieder verkackt. Dabei lief es so lange so gut, nur um dann in den letzten 15 Minuten zusammenzufallen wie ein Haus, das so instabil gebaut ist, dass der kleinste Windstoß genügt, um alles umzuschmeißen.

The Walking Dead Season 2

Dabei stimmt das gar nicht. Ich entscheide mich, wenn auch unter Stress und eine Entscheidung ist niemals falsch oder richtig, sondern selbstbestimmt getroffen, ein Ausdruck meines Willens, meine Version der Dinge, das was ich für das moralisch Richtige oder zumindest vertretbar halte, auch wenn es das hier nicht geben kann. Entscheidungen treffen bedeutet hier ja nur, die beste unter allen schlechten Möglichkeiten zu wählen. Falsch wäre nur, danach nicht dazu zu stehen und sich einzuscheißen. Also gehen wir hier durch – mit aller Konsequenz, mit allen Konsequenzen.

Vermutlich bin ich wütend. Sehr sogar. Episode drei dreht sich darum, wie wir aus einem Camp entkommen, dass von einem psychopatischen Typen namens Carver geleitet wird, der der festen Überzeugung ist, Menschen gegen ihren Willen festhalten zu müssen – zu ihrem Guten. Auf eine widerliche Art und Weise verstehe ich seine „Wir müssen hart sein zu uns und anderen, sonst überleben wir hier nicht“-Spartaner-Attitüde sogar und überlege, welche politikwissenschaftliche Theorie man auf sein Camp-Konzept anwenden könnte (vermutlich eine Mischung aus „Welche Vorteile bieten Autokratien?“ und „Warum Demokratien stabiliere Staatsformen sind“). Auch nachdem er meine Freunde tötet oder zumindest halb totschlägt. Telltale lässt mir ein wenig die Wahl, aber nicht in letzter Konsequenz: Wirklich anschließen und die Freiheit aufgeben kann ich mich Carver nicht. Stattdessen muss er gehen. Und ich darf zuschauen. Wenn ich es möchte. Möchte ich. Jeder einzelne Hammerschlag, mit dem Kenny diesem Stück Scheiße den Schädel wegprügelt in einer Weise, wie sie so brutal zuletzt bestenfalls in „Irreversibel“ zu sehen war, tut mir gut. Clementine soll das sehen. Selbst Carver ist dafür, zumindest, so lange er noch Worte rausbringt. Das ist der Moment, in dem ich Clementine endgültig ziehen lasse, mir sage: Ok, nun ist eh alles verloren. Fast. Denn war es das nicht ohnehin von Beginn an? Das hier ist keine schöne Geschichte. Das hier gibt kein Happy End. Nicht die Untoten sind hier die Bedrohung, die Bedrohung ist das, was in der Natur von Menschen wie Carver liegt.

Und wieder geht in der letzten Viertelstunde alles drauf. Die Flucht misslingt gründlich, Menschen sterben und ein weiteres Mal liegt da eine Axt und die Wahl, ob ich damit den Arm einer Gebissenen abtrenne, besteht gar nicht erst. Das war es, Cut, Ende. Wieder in Freiheit, hoffentlich, wenn auch mit dezimierter Gruppe. Hauptsache Clementine lebt. Wenn die zweite Staffel mit einem Wort beschrieben werden soll, dann ist es „Egotrip“. Clementine, sonst nichts. Besser gar nicht erst Beziehungen zu anderen aufbauen. Telltale wird ohnehin dafür sorgen, dass sie umkommen, verschwinden, abhauen, sich als Arschlöcher erweisen, einen hintergehen oder sonst was egoistisches anstellen. Alle sind hier egoistisch, warum nicht auch ich? In Staffel eins haben mich die Entwickler zu sozialem Gruppenverhalten gebracht, zur Selbstaufgabe um des lieben Friedens willen. In Staffel zwei schieben sich mich geradezu in die Ego-Ecke, legen mir an zig Stellen nahe, mich verdammt nochmal um mich zu kümmern und machen es mir schwerer denn je, Mensch zu bleiben, Mensch der mitfühlt, der sich für andere aufgibt, zumindest zu einem kleinen Teil. Es gelingt ihnen fast. Zumindest mehr denn je. Mit jeder weiteren Episode lasse ich Clementine härter und härter werden, kälter, abgebrühter, trotziger.

The Walking Dead Season 2

Trotzdem knacken sie mich nicht völlig, auch in der vierten Episode. Da ist noch ein letzter Rest Widerstand in mir und das wissen sie und spielen dem voll in die Hände, diese smarten Mistkerle. Es gäbe genügend Gelegenheiten, das Arschloch zu geben und zu einer tu ich es auch und bereue es später bitter – denn ich hätte den Jungen mit russischem Akzent vielleicht besser nicht ausrauben sollen. Ansonsten helfe ich aber, wo es geht, höre zu, spreche mit Menschen, versuche da zu sein, lasse Clementine etwas zur Ruhe kommen, versuche, eine Gruppe, die vor der Spaltung steht, zusammenzuhalten. Bin mal wieder die eierlegende Wollmilchsau, der emotionale Sandsack für alle. Und dennoch ist die vierte Episode über lange Strecken die Ruhigste, stellenweise schon fast friedlich.

Bis es Blei hagelt. Bis Entscheidungen anstehen, die Menschen das Leben kosten, andere retten, bis ich verraten werde, bis wir mit letzten Kräften auf dem Weg zu einem nahegelegenen Dorf sind, bis der Bildschirm mit einem der schlimmsten aller denkbaren Cliffhanger schwarz wird und alles zu Ende scheint. Und ich mich in den Arsch beißen könnte, dass ich nicht doch gewartet habe, bis Episode fünf draußen ist. Nun muss ich mit dieser Scheiße leben und doch: ich habe mehr denn je das Gefühl, mit meinen Handlungen leben zu können. Ich hab’s schon richtig gemacht, irgendwie. Sicher, um einzelne tut es mir leid, aber das hat es immer schon und das Schlechtfühlprinzip der Serie basiert schließlich darauf, dass man es nicht allen Recht machen kann.

Ich weiß nicht, was in der nächsten Episode passieren wird. Clementine wird überleben, klar. Wer noch, ist völlig offen, nach dem Ende der vierten Episode mehr denn je. Kann gut sein, dass sie völlig alleine dasteht. Kann gut sein, dass das hier nun alles den Bach runtergeht. Vielleicht wäre es korrekt so, eine Art gerechte Strafe für den Egoismus, den ich Clementine in der zweiten Staffel an den Tag legen habe lassen. Unter Umständen wäre es für die kürzlich angekündigte, dritte Staffel sogar wünschenswert. Denn das Konzept nutzt sich merklich ab. Das ist leider nicht zu verleugnen. Klar, man macht sich weiter seine Gedanken, in dieser Staffel etwa über die erwähnte, nötige Portion Egoismus, deren Grenzen und so weiter, aber ansonsten packt das Konzept nicht mehr durchgehend so, wie es das schon hat.

Was Telltale tun muss, kann ich nicht sagen. Vielleicht hilft ein neuer Protagonist. Vielleicht sollten die Konsequenzen des eigenen Handelns noch heftiger ausfallen und nicht immer nur so kosmetisch, wie es hier häufig der Fall ist. Es gibt Schwachstellen, Abnutzungserscheinungen. Aber bis man die angeht, will ich das hier zu Ende gebracht sehen – egal wie, egal wer dafür draufgehen muss. Clementine wird das schaffen. Notfalls alleine. Denn eigentlich war sie das die zweite Staffel über eh immer. Was soll’s also. Ziehen wir es durch.


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1 Kommentar

  1. Doreen - 14.08.2014 13:54

    Ich habs gestern auch endlich mal geschafft, mich auf den aktuellen Stand zu spielen und konnte jetzt den Text auch lesen. Alles in allem gehe ich mit Dir. Ich bin eigentlich ganz froh darüber, dass die 2. Staffel nicht ganz so aufwühlend auf mich wirkt, wie die erste noch. Es ist immernoch ausreichend für mich persönlich, der jetzige Cliffhanger ist auch wieder so eine Sache. Ich habe den Jungen übrigens auch ausgeraubt, dass war das erste Mal, das ich wirklich was fieses gemacht habe. Ich denke aber, das Ding wäre so oder so in diesem Verlauf geendet, bin ich mir eigentlich ziemlich sicher. Ich möchte auch gar nicht selbst so wirklich beurteilen oder mir irgendwelche Wunschvorstellungen ausmalen, wo mal die Reise mit TWD hingehen sollte. Ich lasse mich da einfach mal treiben. Momentan ist es auch das einzige Spiel, auf was ich noch etwas Lust verspürte, es anzufassen. Alles andere geht mir leider momentan komplett am Arsch vorbei, wer soll denn bitte ernsthaft den ganzen Schrott spielen und warum tun so viele immer so, als sei das so wahnsinnig interessant? HAHAHA. (Auf RDR hätte ich vielleicht auch mal wieder Bock…)

    Nee also… ich bin gespannt auf Epi 5. Und schöner Text auch wieder! (y)

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