Game-Buch-Battle auf rotem Teppich

Herzlich willkommen bei mir auf meinem roten Teppich!
Heute werden wir Zeuge eines unglaublichen Spektakels der rohen Gewalt zwischen schweren Druckerzeugnissen sein.
Natürlich bleiben sich hier alle thematisch treu und wir widmen uns denjenigen unter den Büchern, die watt mit Spielen am Computer zu tun haben.
Ja, da hat das Publikum Recht in frenetischen Applaus auszubrechen, denn das hatten wir hier noch nie: Schnelle Seiten, harte Sätze und Gaming-Referenzen extrordinaire!
Das alles hier in den ehrwürdigen Hallen meines Wohnzimmers!

Doch Achtung, die Kontrahenten marschieren schon auf den heiligen roten Teppich ein und das Publikum haut noch einmal eine ordentliche Schippe Begeisterung oben drauf:
Von links das Hardcover-Schwergewicht von Ernest Cline “Ready Player one” (in Deutschland erschienen 2011) von rechts der leichtere Taschenbuch-Herausforderer “Du bist tot!” (in Deutschland erschienen 2010) von Charles Stross.
Beide treten in der Klasse der Bücher auf, in denen ein Computerspiel eine wichtige Rolle spielt. So bisschen riecht es ja schon, als würde hier auf den Zug aufgesprungen werden, dass Nerd-Kram gerade cool ist…aber egal, Hauptsache Vereinigung von zwei Sachen, die ich geil-o-mat finde: SciFi-Bücher und Computerspiele.

Runde 1: Die Autoren
Noch sind die Visagen heil, noch das Selbstvertrauen groß, also werfen wir einen ersten Blick auf die Autoren, die es geschafft haben, diese dicken Wälzer zu Papier zu bringen.
Zuerst der Amerikaner Ernest Cline, Jahrgang 1972, der – woooaaah – einen DeLorean besitzt. Allein das schon wird hart zu schlagen sein, denn jenseits aller Qualifikationen: Alter…ein Back-to-the-future-Marty-McFly-Doc-Brown-OMFG-Zeitreise-DELOREAN.
Könnten wir die Runde eigentlich gleich an Mr. Cline geben, aber noch erwähnen, dass er auch Spoken Word Artist ist und das Drehbuch zu „Fanboys“ geschrieben hat. Aber hier geht es um dicke Wälzer, keine labberigen Drehbücher und den Film habe ich auch nicht gesehen. Geht aber um Star Wars. Irgendwie. Das muss doch dann wieder Extrapunkte geben.
Sein Kontrahent, der Brite Charles Stross, geboren 1964 und somit etwas erfahrener im Ring an Jahren, aber auch an Geschriebenen. Der Gute hat doch so enige Bücher geschrieben – im Gegensatz zu Ernest Cline, der es auf läppische zwei bringt. „Ready Player One“ mitgezählt.
Stross also definitiv hier der Publikumsliebling. Klar, er hat auch viele Artikel über Linux-Kram geschrieben. Schwierig abzuschätzen, ob das im Ring den DeLorean schlagen kann, aber es war uns als Kennern der gamifizierten Literatur klar, dass das hier ein knappes Ding werden könnte.

Runde 2: Style
Von außen gewinnt “Du bist tot” mit dem GTA-Gedächtnis-Look, “Ready Player One” dümpelt ein bisschen zusammenhanglos irgendwo in den 80ern mir knuffeliger 8bit-PacMan Referenz.
Von innen punktet wieder “Du bist tot” mit konsequenter Nutzung der zweiten Person Singular im Präsens. Ist bisschen anstrengend, hat aber diesen RP-Flair.
Fängt auch an mit einer Email, die man als erstes liest. So n bisschen wie der Brief an den Helden, woraufhin er sich aufmacht die Schurken nieder zu ringen. Oder so. Bin halt RPG-Tussi. Kommt manchmal durch.
Dadurch, dass es drei verschiedene Hauptfiguren gibt, bin ich aber manchmal ein bisschen durcheinander gekommen.
“Ready Player One” kommt ganz konventionell daher und ohne große Experimente, was die Erzählform angeht.

Runde 3: Wer spielt mit?
“Du bist tot” schickt gleich drei Typen in den Ring: Eine lesbische Polizeisergeantin, einen Computerspielprogrammier-Typ und eine Wirtschaftsprüferin. Taktisch klug, eine so ausgewogene Gruppe zusammen zu schreiben, wenn man bedenkt, dass es in dem Buch um das Ausrauben (Bulle) einer Bank (Wirtschaftsprüferin) in einem MMORPG (Computerspielprogrammier-Typ) geht, aber auch nur logisch.
Also so ingame. So Orcs und ein Drache, die die Bank in Stormwind überfallen.
Gut, ist nicht Stormwind, weil es hier nicht um World Of Warcraft geht, ist aber im Prinzip das Gleiche. Damit haben wir dann auch schon gleich ein paar Bösewichte angeführt.
Bei “Ready Player One” steht ein armer kleiner Junge im Mittelpunkt. Gibt ein Mitleids-Extraleben und die Tatsache, dass er der ultranerdige Superzocker ist, gibt gleich noch eine Sympathie-Bonusrunde.
Paar Mädchen-Zocker mit teilweise Geschlechtsidentitätskrise kommen auch noch vor, hamm die Leute, die nach weiblichen Spielfiguren schreien gleich vor Rührung einen emotionalen Ständer. Top.

Runde 4: Worum geht es eigentlich?
Und BÄMM hier kackt “Du bist tot” bei mir gleich ab. Dass es um eine ausgeraubte Bank in einem MMORPG geht, kann mich anfangs vielleicht noch ein bisschen anfixen und dass echte Polizisten mit der Aufklärung betraut werden, weil die virtuellen Güter, in der nahen Zukunft, in der der Roman spielt genauso viel – oder wenig – wert sind, wie echte Devisen ist ja auch irgendwo nett, aber spätestens nach den Bitcoins auch ein oller Move.
Hui, da hängt “Du bist tot” echt ein wenig in den Seilen, denn immer wieder auftauchendes und die Seiten verkleisterndes Nerd-Technobabble macht anfangs noch Spaß, aber die Story will nicht wirklich Fahrt aufnehmen.
Boah, Tiefschlag folgt, denn ich habe das Ding nicht zu Ende gelesen.
“UUuuuuhhh!” raunt die Menge am Rande des Teppichs und verzerrt die Gesichter.
Aber kann “Ready Player One” hier schon einen Finishing Move anbringen?
Haut er das dicke Ding raus und macht den Gegner platt?
Da ich der Referee hier am Teppich bin, gebe ich dem fetten Wälzer die Punkte und entscheide auf technisches K.O.
Bin zwar selbst viel zu jung, um alles zu kapieren, aber die Geschichte um die Jagd auf einen in einem MMORPG versteckten echten Milliarden-Dollar-Schatz ist voller Bezüge zu Spielen und Filmen aus den 70ern, 80ern und 90ern und macht auch mir Spaß. Klar, so ein eintöniges Abgefeier von den good ol‘ times mag auf zu wenig Training schließen lassen und taktische Finesse vermissen, aber man sieht die Liebe, die hier im Detail steckt.
Liebe ist allerdings auch die große Schwäche im Plot. Immerhin kommt die bemühte Liebesstory zwischen Nerd und Nerdine hier ein wenig… naiv daher. Kitsch. Kitsch, das wollen wir nicht bei einem Kampf sehen, aber da es stellenweise putzig daher kommt, wie Wade seine kleine Freundin anhimmelt, kann ich es nicht wirklich als Manko werten. Ist wohl auch so ein Nerd-Klischee.

Abpfiff
…oder letzte Glocke oder wie das beim Boxen heißt.
Ich finde beide Bücher nicht schlecht, aber “Ready Player One” lässt mich naive Leserin glauben, dass da einer Bock hatte ein Buch in der Art seiner Lieblingsbücher über sein Lieblingshobby zu schreiben. Da Mr. Cline auch recht gut schreibt, gewinnt für mich “Ready Player One” eindeutig nach Punkten. Kann sein, dass “Du bist tot” gegen Ende vielleicht noch toll wird, aber ich habe es etwa zu 3/4 gelesen und das war schon gequält. Ich glaube nicht, dass es an der zweiten Person Singular als gewählter Erzählform liegt, sondern eher daran, dass ich es wabbelig fand. Wie so einen ollen Cheeseburger vom McD: Kalt, leblos, macht schon satt, aber man hätte auch was Ordentlicheres essen können.

So, der Teppich kann geräumt, die Zuschauer ihre Wettscheine eingelöst und die Bücher wieder ins Regal gepackt werden! Zumindest, bis ich wieder zwei Bücher passend zum Thema gefunden habe, die sich kloppen wollen.


Tags: , , , , ,  

4 Kommentare

  1. Matze - 25.08.2014 19:37

    Schoen geschriebener Artikel :)

    Zu Runde 4: Hae?
    „Du bist tot“ mit seiner MMORPG Story kackt bei dir ab. Paar Saetze spaeter schreibst du „[..]die Geschichte um die Jagd auf einen in einem MMORPG versteckten echten Milliarden-Dollar-Schatz ist voller Bezüge zu Spielen und Filmen aus den 70ern, 80ern und 90ern und macht auch mir Spaß.“
    Ja ist das Buch jetzt abgekackt, macht es dir doch Spass, oder war das jetzt vielleicht doch die Story von „Ready Player One“?
    Ansonsten kann ich zu „Ready Player One“ keinerlei Inhaltsangabe finden, oder bin evtl. nur zu doof dazu… bitte hilf mir ;)

    Gruss vom Matze

  2. mayaku - 25.08.2014 20:36

    Also „Du bist tot“ kackt ab und ich frage mich, ob „Ready Player One“ den Finishing Move anbringen kann….mit der Story um eine Jagd auf einen echten Schatz in einem MMORPG.

    Hmm vielleicht ist das ein bisschen zu verwirrend, weil bei „Du bist tot“ ein Schatz geklaut wird in einem MMORPG und in „Ready Player One“ ein Schatz versteckt und dann gesucht wird in einem MMORPG.

    Und ich gebe zu, eine große Inhaltsangabe war hier nicht meine Intetion.
    Hoffe, ich konnte helfen ;)

  3. Matze - 25.08.2014 23:27

    Danke fuer deine Antwort, freut mich sehr.

    Hab beim 2. Durchlesen verstanden dass die Liebesgeschichte sich auf den Jungen in Ready Player One bezieht.
    Wusste aber nicht dass RPO auch von einem MMORPG erzaehlt, das hat daher etwas verwirrt.

    Merci :D

    Gruss vom Matze

  4. Ferengi - 08.09.2014 19:24

    Ich denke mal, Extraleben, Bug und Endboss von Gilies kennst Du. Fand ich ganz unterhaltend.

Hinterlasse einen Kommentar