Ein Fluß aus Schlägen

Beginnen wir diesen Text mit der obligatorischen Lobeshymne auf den Vorgänger: Bayonetta war ziemlich, ziemlich cool. Und kein großartiger Hit. Woran natürlich ihr Schuld habt. Nein, nicht ihr, die ihr Polyneux lest und damit das Beste geworden seid, dass ein Videospiele liebender Mensch werden kann, sondern ihr da draußen, ihr anonymen Call of Duty– und Fifa-Zocker, die ihr jährlich im September und November die Läden flutet, um euch lieber die neueste Version von Bekanntem zu holen statt die unbekannteste Version von Neuem. Ihr habt damit nicht nur dazu beigetragen, dass wir Bayonetta-Fürsprecher eine Minderheit sind, sondern auch, dass wir uns deshalb mega-elitär fühlen, weil wir eben voll den kunterbunten Japanopop zocken und ihr nur den West-Scheiß, der jährlich neu aufgebrüht wird. Während ihr stolz eure Tickets für’s Britney-Spears-Konzert in die Handykamera haltet, sind wir beim Untergrund-Gig vor 20 Mann mit einer Band, die wir sobald sie erfolgreich wird eh nicht mehr kennen wollen, weil wir ihr dann Ausverkauf vorwerfen werden und unter diesem Gesichtspunkt sind wir mal froh, dass Bayonetta 2 auch nicht der Renner sein wird. Allein schon, weil es sich auf die unerfolgreichste aller aktuellen Konsolen konzentriert, nicht auf anderen erscheinen wird und unsere Elitären-Spirale damit eifrig weitergedreht wird – wir haben schließlich nicht nur das Game, sondern auch diese Konsole! Nehmt das, ihr Penner! In 10 Jahren werdet ihr uns anbeten wie wir heute Dreamcast-Besitzer. Oder auch nicht. In jedem Fall verpasst ihr was.

Warum? Weil Bayonetta 2 wie der Vorgänger eine Seltenheit darstellt. Eine Seltenheit, in der wirklich alles, was ein perfektes Spielerlebnis ausmacht, zusammengepasst hat, vom größten, wichtigsten Part bis ins kleinste Detail. Wo wirklich nichts schief gelaufen ist, wo man sich über absolut gar nichts beschweren kann.

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Flow! Flow! Flow!

Sicher, wenn man unbedingt will, kann man sich über die Story auslassen, die ist wirklich nicht gerade grandios, aber wenigstens nicht so verworren wie im Vorgänger. Man könnte auch anmerken, dass die Neuerungen im Vergleich zum ersten Teil ohnehin bestenfalls kosmetischer Natur sind – es ist schließlich noch alles dabei. Hexenzeit, Kampfsystem, spezielle Herausforderungen innerhalb der Level, massive Bossfights, abartig zuckersüße Japanopop-Untermalung. Schlimmer noch: Es ist gar noch ein wenig leichter geworden, denn die „Klimax“-Leiste, die natürlich auch noch da ist, lädt sich nun auch weiter auf, wenn man einen Treffer kassiert und rutscht dann nicht auf Null. Kniefall vor dem Casual-Gamer? Nein, auch auf mittlerem Schwierigkeitsgrad stellt das Game eine Herausforderung dar. Die natürlich nach sieben oder acht Stunden mit dem Abspann nicht gegessen ist – im Gegenteil! Schließlich habe ich in den einzelnen Abschnitten teilweise nur eine Silber-Medaille. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen! Reinplatin muss her und das bedeutet, die Gegner in einem bestimmten Abschnitt in einer bestimmten Zeit zu knacken, dabei ordentlich Kombos zu bringen und vor allem keinen Gegentreffer zu kassieren. Richtig. Keinen einzigen. Versucht das mal bei einem Bossfight, der 12 Minuten dauert.

Ich spreche schon wieder viel zu viel über die Mechanik, dabei ist das gar nicht der zentrale Punkt. Wer die aus Devil May Cry kennt, findet sich hier genauso zurecht. Oder – wenn’s denn schon ein West-Pendant sein soll – den beiden Batman-Games. Alles nichts wildes. Knöpfchen wie blöd drücken, Kombo machen, rechtzeitig ausweichen, dadurch Zeitlupe aktivieren, noch mehr draufhauen, selbes Spiel wieder von vorne und so weiter. Auffällig ist lediglich, wie perfektioniert auch der zweite Teil diese Geschichte hat. Es fließt, anders kann man es nicht sagen. Flow, Flow, Flow, versinken in einer Choreographie aus Tritten, Schlägen, Peitsche schwingen, Pistolen einsetzen, Flammenwerfer einsetzen, Kettensägenschwerter einsetzen. Wie sehr ich darin untergehe, merke ich wieder und wieder – denn eigentlich hatte ich die meiste Zeit über gar keine Lust, mich an die Wii U zu setzen, da Singleplayer-Games derzeit einfach nicht mehr meins sind. Doch saß ich dann mal dran, waren Zeit und Raum irgendetwas da draußen und ich da drinnen auf der Jagd nach noch mehr Medaillen, nach Heiligenscheinen (der Währung), nach versteckten Extras (yup, auch die gibt es in den ansonsten eher schlauchartig gehaltenen Leveln), nach dem nächsten Boss, nach der nächsten Szenerie, die ich bestenfalls mit „What! The! Fuck!“ beschreiben kann.

Durch

Denn auch darin ist sich Bayonetta treu geblieben: Ein Bossfight auf einer Wasserfontäne, die allmählich ein Strudel wird, in dessen Sog zertrümmerte Häuser auf euch zutreiben? Einer auf einem Jet, der durch eine Hochhausschlucht stürzt? Einer, bei dem nicht mal klar ist, wo oben und unten ist oder ob ihr in die Tiefe stürzt oder in die Höhe? Alles drin. Audiovisuell abgehoben wie immer, mit einer Detailliebe, die so schlicht kein Spiel davor geboten hat, mit einer Aufmachung, die jeder einigermaßen vernünftige Mensch nur als „durch“ beschreiben wird, weil es an anderen Worten fehlt, um zu beschreiben, was man da sieht, spielt, hört. Eigentlich ein schöner Ausstieg: Zockt’s doch einfach selbst.

Machen wir es uns mal nicht so einfach. Es gibt einige Dinge, die ich dem Sequel noch ein wenig mehr anrechne als das, was ohnehin zu erwarten war – hey, da stecken schließlich Platinum Games dahinter, hat etwa jemand mit Mist gerechnet? Was ich unglaublich genial fand, war der Zeitsprung, der mitten in der Story passiert und die Brücke zum Vorgänger schlägt. Ich saß auf der Couch und wusste, dass dieser Turm dahinten demnächst zusammenkracht, die Hexe auf der Uhr in die Tiefe rauscht und dabei Engel vermöbelt und johlte wie blöd ob dieser Erkenntnis (das ist schließlich der Auftakt im ersten Teil), während mich meine Freundin nur verstört angeschaut hat. Immerhin besser als der Freund der meinte, ich solle das ausmachen, weil ihm schlecht wird. Alles passiert.

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Was bleibt? Wie erwähnt etwas, das Besitzer des Vorgängers schon kennen: Kampfsystem immer noch gleich, Kombos auch, Upgrades kaufen ebenso, selbst das „Tor zur Hölle“ (coolste Bar ev0r!) ist noch dabei. Da hat man sich gar nicht die Mühe gemacht, irgendwas neu zu erfinden, das neu zu erfinden ohnehin nicht gelohnt hätte – warum auch, perfekt lässt sich schließlich nicht perfektionieren. Nun brüllen die Call of Duty-Zocker natürlich zu Recht, dass man ihnen eingangs noch vorwarf, Fans eines Abklatsch-Produkts zu sein, während in den letzten Absätzen genau das hochgelobt wurde. Diesen Widerspruch will ich auch gar nicht auflösen, womit denn? Etwa damit, dass Bayonetta 2 trotz nahezuher Deckungsgleichheit mit dem Vorgänger eine Ausnahmeerfahrung ist, während der Rest Stangenware bleibt? Soll jeder wissen, wofür er sich entscheidet.

Ich bin ganz froh, mich für die Wii U entschieden zu haben. Sehen wir den fiskalischen Tatsachen ins Gesicht: Auch Bayonetta 2 wird den Karren nicht aus dem Dreck ziehen, wird keine 10 Millionen Exemplare verkaufen und mit DLCs Milliarden scheffeln – Hell, hoffentlich gibt es nicht mal DLCs! Nein, dieses Spiel wird etwas anderes schaffen: Es wird die Konsole im Laufe der Jahre in den Adelsstand heben, dieser kleinen Truppe, deren Mitglieder bislang nicht allzu viele sind. Es wird einer jener Titel sein, an die man sich erinnert wenn es darum geht, aufzuzählen, was es an echt guter Exklusivware gab – wie wir heute noch mantraartig runterbeten, dass Goldeneye besser war als alles, was auf der PS1 erschienen ist, wie wir heute noch vor Ocarina of Time knien, auch wenn das Pad des N64 die Definition von beschissen war. Hand drauf. Das wird so kommen. Und wenn nicht, dann bleiben wir eben ein kleiner Trupp großer Kenner.

Beenden wir es freundlich, das ist ja kein Werbetext hier, auch wenn er sich so lesen mag: Wer dieses Jahr zu Weihnachten mit dem Gedanken spielt, eine Konsole zu kaufen, die wirklich einzigartige Spielerfahrungen liefert, der greift bitte zur Wii U. Und diesem Spiel. Er oder sie wird’s nicht bereuen – ansonsten gibt’s Geld-zurück-Garantie von Polyneux.

(Post scriptum: „Wäääh, warum steht hier nix über Sexismus??!“ Ich habe mir im Vorfeld meine Gedanken dazu gemacht. Wer’s lesen will.)


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15 Kommentare

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  2. Missingno. - 20.11.2014 17:25

    Ich bin erst etwa in der Mitte der Story, weil ich „natürlich“ gleich mit 3. Klimax starten musste. Schließlich habe ich den ersten Teil auch nicht auf einfach gespielt. So richtig gut bin ich wohl nicht: das (gefühlt) kleinere Witch-Time-Fenster, weniger Schaden austeilen und dafür mehr einstecken sorgt dafür, dass ich ganz schön zu knabbern habe. Aber noch gebe ich nicht nach und versuche mich weiter durchzuschlagen/-treten/-schießen/-peitschen/-schnetzeln.

    Frage: Welche Version wurde gekauft? Normal, mit Bayonetta (1) oder gar die First Print Edition? Ich hatte mich eigentlich auf die Liste für letztere setzen lassen, aber keine Benachrichtigung bekommen, weil die wohl innerhalb von Sekunden ausverkauft war. Letztendlich ist es dann nur die normale Version geworden. Den ersten Teil habe ich ja für Xbox 360 noch da.

    P.S.: Nicht „Wäääh“, „Danke!“

  3. Volker - 20.11.2014 17:28

    Ok, nun der Fanboi: Erst die Version mit Bayonetta 1, dann ergab sich die Gelegenheit, eine First Print zu erwerben. Rückblickend weiß ich nicht, ob ich es nochmal tun würde, auch wenn ich die Special Edition zu einem guten Preis loswurde. Die Aufmachung ist schon edel, aber das Artbook abartig billig und ansonsten ja nichts dabei.. Steht nun im Regal und sammelt Staub :)

  4. SpielerZwei - 20.11.2014 19:21

    Ich habe mir auch die SE gekauft, obwohl ich Teil 1 bereits auf der 360 gespielt habe. Aber für lumpige 10 Euro mehr… , nech!

    Da ich den ersten Teil auf der WiiU noch nicht selbst reingeschmissen habe (bin mit Teil 2 noch nicht durch), werfe ich mal die Frage in die Runde, ob es stimmt, dass Teil 1 auf der WiiU noch mal um einiges schicker geworden ist (höhere Framerate und dadurch flüssigeres Gameplay)?

  5. volker - 20.11.2014 19:51

    Ich werde das heute Abend testen und brutalstmöglich anhand aller Fakten von Framerate bis Auflösung im Mikropixelbereich hier belegen. OBJEKTIVITÄT MUSS HER! <3

    (Was mich echt interessiert: Angeblich gibt's für den ersten Teil auch Kostüme für Bayonetta. Ja, ich kleide sie gerne ein!)

  6. Missingno. - 20.11.2014 23:41

    Also bei mir war der Unterschied 20€ – 40 vs. 60. Aber das wäre es mir noch wert gewesen. Wo ich allerdings von der First Print Edition gehört habe, dachte ich die oder keine Special Edition.

  7. SpielerZwei - 20.11.2014 23:47

    Die Verfügbarkeit der FP-Edition war ein Witz. Andererseits wird’s so aber auch ein richtiges Sammlerstück… ;-)

  8. Missingno. - 21.11.2014 11:19

    Ja, Sammlerstück. Ich wäre noch nicht einmal von den ~100€ abgeschreckt, sondern ich habe kein Bock, dass sich da irgendwelche Geier bereichern. Die Leute, die das Ding nur gekauft haben um es auf ebay oder sonstwo gewinnbringend zu verkaufen, unterstütze ich doch nicht auch noch.

  9. volker - 21.11.2014 11:21

    Same. Ich hab’s über einen Follower bekommen, der einen absolut fairen Preis genommen hat – nämlich den, zu dem er das Teil auch gekauft hat. Bis auf die „HA! Gibt nur 15300 Exemplare“-Nummer ist der Wert allerdings echt überschaubar.. klar was für Fans. Alle anderen spielen Probe :)

  10. Missingno. - 24.11.2014 11:13

    So, bin erst mal durch. Ging doch schneller als ich dachte, wobei ich laut Speicherstand etwa 15h40m gebraucht habe. Von der Story habe ich eher weniger mitbekommen, weil ich, teilweise abgelenkt bei den Zwischensequenzen, auf dem Controller ohne Ton gespielt habe, was es auch nicht gerade leichter macht, weil einem der auditive Trigger bei den Gegner-Angriffen fehlt. (Außerdem fehlt der J-Pop beim Choreografieren.) Dementsprechend auch fast ausschließlich Steine am Ende der Kapitel gesammelt und von den Extras auch nur minimal.

  11. SpielerZwei - 26.11.2014 17:07

    Bin auch seit ein paar Tagen durch. Tolles Spiel! Und meiner Meinung nach weniger Frustpotenzial als Bayo 1, weil etwas leichter, mehr Checkpoints innerhalb der Bossfights und endlich alle Filmsequenzen abbrechbar.

    Habe beim ersten Durchlauf auch nur eine Bronze-Gesamtwertung bekommen und noch tonnenweise freischaltbaren Krempel offen. Aber das ist bei solchen Spielen ja gewollt, weil sie ohnehin auf mehrere Durchläufe bzw. NewGame+ ausgelegt sind.

  12. Volker - 01.12.2014 16:22

    Ich habe nun in allen mindestens Bronze, in einigen schon Silber und Gold. Und viel Geld für Kostüme ausgegeben. Für letzteres schäme ich mich nicht, für ersteres schon. Da muss Reinplatin her!

  13. Missingno. - 03.12.2014 11:13

    1., 2., 3. oder unendlich-Klimax?

  14. SpielerZwei - 03.12.2014 11:49

    Ich habe es beim ersten Mal auf „2. Klimax“ durchgespielt. Und, das sollte man vielleicht noch erwähnen, weil die Sache so eine Art „Cheat-Mode für Noobs“ ist, nicht die Touch-Screen-Steuerung verwendet. ^^

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