Bash‘ mich, ich bin der Mörder

Es gibt Spiele, die schließe ich schon vor Veröffentlichung ins Herz. Das kann an der Optik oder am Setting liegen, gelegentlich weckt auch ein Hauptcharakter Zuneigung in mir. Dann freue ich mich auf die Veröffentlichung und werde Fan, obwohl ich das Ergebnis noch gar nicht kenne. Verrückt. Und obwohl ich kein Teenager oder anderweitig unausgeglichener Mensch bin, geht mir das in Videospielkreisen verbreitete Prä-Release-Gebashe dann enorm auf die Nerven, denn es handelt sich ja schließlich um mein zukünftiges Lieblingsspiel.
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The Order: 1886 ist ein besonderer Fall. Die ersten Trailer sah ich mir an und befand sie für gut, denn dieses Steam-Punk-Gedönse ist immer schön. Zwar ist es inzwischen überstrapaziert, aber lange nicht so sehr wie z.B. der Zombie-Apokalypsen-Unsinn. Dass Grafik und Stil des Titels sagten mir zu: Mit Schick und Stil liefen die Schnauzbärte durch das dampfgetriebene London, alles sah prima aus. Begeisterung überfiel mich nicht, aber mein Interesse war geweckt. Also guckte ich keine Trailer mehr und las auch keine Artikel über The Order, weil ich mir den Spaß nicht bereits im Vorhinein verderben wollte. Da ich die Videospielpresse gewohnheitsmäßig verfolge, entging mir jedoch nicht, dass das Spiel noch während der Entwicklung unter Feuer genommen wurde. Grafik downgegradet, zu wenige Bilder pro Sekunde, keine spielerischen Akzente, meckmeckmeckmeckmeck.

Ein weiser Mann (Rudolf T. Inderst) ersann einmal den Begriff „Pretique“ für im Vorhinein geäußerte Kritik: “A ‘pretique’ describes a critique BEFORE having percieved/recieved the very piece of art.” The Order wurde mit reichlich Pretique bedacht. Warum, weiß keiner. Und wie in solchen Fällen üblich, wuchs dadurch meine Zuneigung zum Spiel. Ich wollte The Order also mögen, unbedingt. Dementsprechend löste der heranrückende Veröffentlichungstermin Nervosität in mir aus. Denn gelegentlich gelingt es mir nicht Dinge gut zu finden, die ich aus Trotz gut finden möchte. Als Beispiel möge hier der Film „Sabotage“ genannt werden. Nibelungentreue treibt mich in jeden Schwarzenegger-Film, aber es tut weh, wenn man sich auf das Gute konzentrieren möchte, doch da ist nichts. The Order zeigte sich gnädiger.
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Ich mag Deckungsshoter ganz gerne. Die Genrereferenz Gears of War spielte ich mit Vergnügen im Coop, den Singleplayer hatte ich aber nach wenigen Stunden abbrechen müssen. Zwar gefiel mir die Spielmechanik, die Geschichte und das Bromance-Getue bereiteten mir aber Schmerzen. Bis heute verstehe ich nicht, wie jemand behaupten kann, die Story von Gears of War tauge etwas. Selbst nach Videospielstandards ist sie voller Flachheiten und Peinlichkeiten. Bussi an die Fans. Auch die Geschichte von The Order reißt keine Bäume aus. Die Transplantation der Motive aus der Artus-Sage in das viktorianische Zeitalter und die Verquickung desselben mit aus den Underworld-Filmen geklautem Vampir- und Lykanthropie-Heckmeck sind aber gelungen. Zudem sprechen mich Backenbärte und Dampfmaschinen per se stärker an, als alles SciFi-Testosteron-Geballer da draußen. (s.o.) Auch an dieser Stelle punktet The Order also.

Dass spielerisch nichts Neues geboten wird, ist bekannt. Wie in Bioshock: Infinite erkennt man jedes Mal, wenn das Erkunden ein Ende hat und die Schießerei weiter geht. In Herumlaufabschnitten werden gar das Ziehen der Waffe und selbst das Rennen vom Spiel unterbunden. Häufig wird das Interagieren zu Gunsten von Filmsequenzen völlig gestrichen. Auch diese Aspekte störten mich nicht da sie mir ermöglichten, mich auf die Inszenierung zu konzentrieren. The Order will eher wie ein Film denn wie ein Videospiel rezipiert werden. Auch der von vielen bemerkte Umstand, dass die Inszenierung des Spiels deutlich auf die Etablierung eines Franchises hin getrimmt ist, verweist auf den Filmcharakter. Am Ende ist deutlich: Hier wurde der Boden bereitet, ein Universum und die ihm inhärenten Charaktere etabliert, dem könnte Manches folgen. Doch ein Sequel scheint nicht beschlossene Sache zu sein. Die Initialverkäufe sind trotz des Gebashes seitens der Presse in Ordnung, es bleibt abzuwarten ob sich Sony eine Fortsetzung des teuren Exklusivtitels gönnt. Schade wäre das Ausbleiben einer solchen allemal, nicht zuletzt der brillanten Technik und des interessanten Settings wegen.
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Sollte man The Order nun spielen oder nicht? Die Antwort auf diese Frage hängt von der individuellen Perspektive ab. Ich sage: „Ja! Unbedingt!“, denn ich fühlte mich gut unterhalten. Aus Sicht der Videospielpresse, national und international, ist eine Empfehlung aber kaum denkbar. Dies liegt in ihrem selbstauferlegten Zwang begründet, zu kategorisieren und zu bewerten. Dass heute an mancher Stelle ein paar Zahlen weggelassen werden, ändert nichts an dem Umstand der verbreiteten Unfähigkeit, sich dem Medium zu nähern, ohne dem Zwang zum Vergleich nachzugeben. Gefangen zwischen Spielspaßmessungen und Value-for-money-Diskussionen, wird regelmäßig der Frage nachgegangen, wieviel Spiel ein Spiel benötigt, um Spiel zu sein. Ach ja, 70 Euro für sieben Stunden sind übrigens nicht zu viel. Denkt an den ganzen Mist, für den ihr sonst Geld ausgebt. Aber das nur nebenbei.

Man sieht: Meine Begeisterung gilt in Maßen dem Spiel The Order: 1866, unbedingt jedoch einer Berichterstattung über Videospiele, die es ermöglicht Titel wie diesen gut zu finden, ohne sich in Widersprüche zu verstricken. Ich mag es Dinge gut zu finden. Ich mag The Order und hoffe auf eine Fortsetzung. Selbst wenn diese keine Gameplayneuerungen beinhaltet, werde ich sie mit Genuss spielen, allein um der Präsentation und der Geschichte und der Welt willen. Und schließlich auch, weil ich mich schon vor Monaten dazu entschieden habe, Fan zu sein. Das lasse ich mir von keinem kaputt machen.


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16 Kommentare

  1. mayaku - 18.03.2015 10:46

    Du hast zwar keine Zeppeline erwähnt, aber ich mag, wie Du so schön das arme kleine Spiel drückst und herzt.

    Auch wenn ich verstehen würde, wenn Du als Deckungsshooterspezialist etwas gelangweilt wärst, aber Du bist ja voller Liebe und damit einher geht auch Großzügigkeit.

    Freue mich darauf mit Dir zusammen dem zweiten Teil entgegen zu Fiebern.

  2. Urs - 18.03.2015 10:52

    Lass‘ uns fiebern!

  3. Missingno. - 18.03.2015 12:04

    Gefangen zwischen Spielspaßmessungen und Value-for-money-Diskussionen, wird regelmäßig der Frage nachgegangen, wieviel Spiel ein Spiel benötigt, um Spiel zu sein. Ach ja, 70 Euro für sieben Stunden sind übrigens nicht zu viel. Denkt an den ganzen Mist, für den ihr sonst Geld ausgebt. Aber das nur nebenbei.

    Uh, gefährlich. Ganz gefährlich. Erstens würde ich sagen, dass 70 Euro für mindestens 90% aller Spiele zu viel Geld ist – komplett unabhängig davon wie viele Stunden ich mich damit beschäftige. Das liegt einfach schon so weit über dem Preis, den ich gewillt bin (und normalerweise) für ein Spiel zu zahlen, dass es extreme Überwindung und Argumente kostet. Für eine Deluxe Special GOTY (inkl. allen Bonusinhalten) Edition vielleicht, okay. Zweitens zieht die Aussage mit dem ganzen anderen Mist bei mir auch nicht. Es gibt ja oftmals die Fraktion „was sind schon 5€/Monat? (60€/Jahr!) Kaufst du dir halt eine Schachtel Kippen weniger (-1?) oder verzichtest auf zwei Big Macs (wenn ich etwas esse, dann weil ich hungrig bin und nicht aus Freude an der Lust weil ich nichts besseres zu tun habe)“. Natürlich würde ich, wenn ich ganz lange und angestrengt nachdenke, das eine oder andere Groschengrab in meiner Kaufhistorie finden können – nur dann war das trotzdem nie ein „ach, sind doch nur 70€, kauf ich’s halt“ sondern mehr ein „ich will’s jetzt unbedingt haben, auch wenn das (zu) viel Geld ist“.
    Das allgemein dazu. Zu The Order: 1866 muss ich sagen, dass es (trotz Zeppelinen, sorry mayaku) mich einfach nicht wirklich interessiert. Mal ganz davon abgesehen, dass es (noch?) ein PS4-exklusiv ist und ich die Konsole nicht habe (was den Preis dann kurzfristig auf 470€ heben würde ;-)), klingt es für mich auch zu Heavy-Rain-esk (Film statt Spiel) und Deckungsshooter sind jetzt auch nicht gerade meine Favouriten.

  4. Urs - 18.03.2015 12:41

    Das ist ja für viele ein sensibles Thema und ich habe es im Text wirklich nur kurz angereissen. Aber ich denke, dass der Preis für Videospiele echt gerechtfertigt ist, besonders wenn man bedenkt, wieviel Arbeit darin investiert wird. Außerdem sind die wirklich enorm Preisstabil. Ich habe schon für die SNES-Spiele damals 140 Mark bezahlt oder 80 bis 100 für die PC-Sachen. Wenn du die Geldentwertung mitberechnest, sind die in den letzten 20 Jahren tendenziell sogar günstiger geworden.

    Und dass viele The Order skeptisch betrachten, kann ich gut nachvollziehen. Es ist auch wirklich kein umwerfend gutes Spiel. Aber die Berichterstattung hat mich eben sehr gewundert und auch geärgert, weil es einfach eine schöne Erfahrung ist, wenn man es einmal durchspielt und einfach das genießt, was es zu bieten hat. Und dann sind m.E. auch die 70 Euro nicht zu viel.

    Sich für das Spiel eine PS4 zu kaufen, kann ich allerdings niemandem empfehlen. Es gibt bis jetzt noch keinen Exklusivtitel, der allein die Anschaffung der Konsole rechtfertig.

  5. molosovsky - 18.03.2015 14:32

    Wer die World of Darkness-Rollenspiele kennt, sieht schon auffallend große Ähnlichkeiten zwischen den »Underworld«-Franchise (2003 f) und »Vampire: The Maskerade« (1991) & »Werewolf: The Apocalypse« (1992).

  6. Missingno. - 18.03.2015 15:04

    Also meine Erinnerung ist bei SNES-Spielen 100DM. (Gab auch welche für 120DM-140DM.) Game Boy waren zwischen 50DM und 70DM. (Gab auch selten welche für 79,95DM.) Für PC haben die ersten Spiele zwar um die 120DM gekostet, damals konnte ich mir das Gerät aber noch nicht leisten. Später, als ich meinen 486er hatte, war das Maximum was ich für ein neues PC-Spiel gezahlt habe um die 70DM, meistens aber deutlich drunter. Aber das kann man leider nicht so gut vergleichen. Zumal das mit der Geldentwertung hinkt und noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Der Markt war ein ganz anderer, die Module haben mehr gekostet als die Datenträger oder Speicherplatz heute. Wenn man mal von ganz wenigen Ausnahme-Titeln absieht, glaube ich, dass in den Spielen für 10€-20€ und für 50€-70€ ähnlich viel „Arbeit“ steckt.
    Wie auch immer, ich möchte ja keinem abreden, dass für ihn The Order: 1866 die 70€ wert ist. Aber pauschalisieren lässt es sich halt nicht. ;-)

  7. Missingno. - 18.03.2015 16:44

    PS: Laut Screenshot müsste es 1886 sein, ich habe die 1866 aus dem Artikel übernommen. ^^

  8. Urs - 18.03.2015 16:52

    Uh, da habe ich den Orden doch glatt 20 Jahre älter gemacht!

  9. mayaku - 18.03.2015 17:39

    Mach Dir nix draus…in einem Artikel habe ich 1986 gelesen.
    Bist Du immer noch deutlich näher dran :D

  10. Urs - 18.03.2015 20:36

    DAS würde mich allerdings interessieren, wie Sir Galahad die MTV-Typen der 80er aus dem Sportsakko haut. Aber bitte frühestens in der zweiten Fortsetzung…

  11. molosovsky - 18.03.2015 21:30

    »The Order: 1986«, aber bitte dann mit süpercoolem Stock Aitken Waterman-Songs!
    (Molo geduckt links ab)

  12. Michi - 22.03.2015 21:52

    Urs, ich fand The Order einfach nur total langweilig und den Vergleich mit Heavy Rain gar nicht schlecht. Nur hat The Order keine langweilige Story, während Heavy einen mitnimmt. Die Diskussion, ob das nun 70 Euro kostet oder auch nicht. Selbst als Download-Titel für 4,99 wäre es blöd.

  13. Michi - 22.03.2015 21:52

    eine nicht keine lang wellige Story…

  14. Bernd - 23.03.2015 11:38

    Ich mag Heavy Rain. Und Beyond Two Souls.
    Liegt vielleicht daran, dass man da meistens nur paar Buttons drücken muss/darf und trotzdem irgendwie weiter kommt. Eben was für ältere Herrschaften, die damals von Akte X keine Folge verpasst haben. The Order sieht nett aus, Steampunk zieht noch, aber es zündet bei mir nicht.

  15. Urs - 23.03.2015 11:45

    @Michi: Der Vergleich zu Heavy Rain passt allerdings. Ich hatte allerdings mit Heavy Rain (und Beyond Two Souls) nur wenig Spaß. Bei beiden konnte mich die Geschichte nicht packen und spielerisch war es mir einfach zu uninteressant. Da habe ich mit The Order tatsächlich viel mehr Spaß gehabt. Aber das sind einfach die individuellen Vorlieben, das hat eben nichts mit objektiver Qualität zu tun.

    @Bern: Ich war tatsächlich ein großer Akte X-Fan und habe sogar angefangen Millenium zu gucken. (Das war dann aber selbst mir zu doof.) Trotzdem nerven mich die Mystery-Nummern von Herrn Cage. Irgendwie zündet das Zeug bei mir einfach nicht.

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