Die Ballade von Foggy_Dewhurst

Foggy_Dewhurst kenne ich nicht persönlich. Wir haben uns nur kurz getroffen. Keine Ahnung, ob Foggy_Dewhurst Männlein oder Weiblein, zwölf oder vielleicht sechzig Jahre alt und freundlich oder unfreundlich ist. Wahrscheinlich ist er/sie kein schlechter Mensch. Jedenfalls scheint Foggy_Dewhurst einen übermächtigen Geltungsdrang zu verspüren. Auf der Fahrt von Los Santos bis hoch in den Norden zu Trevors gutem, alten MacKenzie Field Hangar saß ich – ungewollt, weil sich Foggy_Dewhurst beim Einsteigen vordrängelte – auf dem Beifahrersitz und staunte über all die waghalsigen Kunststücke, die Foggy_Dewhurst versuchte aufzuführen. Und die allesamt nicht hinhauen wollten. Als er auf zwei Rädern fahren wollte, landeten wir im Graben. Der Slalom im Gegenverkehr endete im Gegenverkehr. Den Donut schaffte er zur Hälfte, bis der Wagen an der Leitplanke kleben blieb und so ging es weiter und weiter und weiter. Natürlich waren wir die Letzten des vierköpfigen Teams, die den Hangar erreichten, um dort für den blitzeblank neuen Heist namens Gefängnisausbruch erst die Vagos aus dem Weg zu ballern und dann ein Flugzeug zu klauen.

Foggy_Dewhurst hat in GTA V Online nur Rang 19. Das ist nicht besonders dolle. Der Rest der zufällig zusammengewürfelten Truppe brilliert irgendwo um Rang 150 herum. Das mag  Foggy_Dewhurst herausgefordert und zugleich verunsichert haben. Wäre ihm wohl bewusst gewesen, dass sich meine Wenigkeit mit Rang 12 so gerade eben und mit Ach und Krach in den erlauchten Kreis der Spieler, die an den neuen GTA V Online Heists teilnehmen dürfen, hineingerettet hat, wäre er vielleicht lockerer gewesen. Eine gewisse Unruhe verspüre ich ja auch, wenn ich mit ausgewiesenen Profis spiele, mit denen ich nicht per du bin und die mich nur durch meine Leistungen beurteilen können. Man mag ja lieber gemocht und respektiert als aus der Lobby geworfen werden. Beim Gefängnisausbruch musste ich mir diesbezüglich jedenfalls keine Sorgen machen, dafür sorgte schon Foggy_Dewhurst.

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Die ganzen Fragezeichen rund um die Heists in GTA V Online taten ihr Übriges für den Stotterstart – mal ganz abgesehen von all den Verbindungsabbrüchen, den ewig lang andauernden und vergeblichen Login-Versuchen und quälend dahin siechenden Minuten vor dem Ladebildschirm. Fragezeichen Nummero 1: Wann ist ein Heist ein Heist? In GTA V Online verdienen eigentlich nur die Heists ihren Namen, die man selber plant und als Big Boss durchzieht. Dafür benötigt man zwingend ein Luxus-Appartement und am Besten noch PSN-Buddys. Ansonsten erinnern die Heists eher an loses Stückwerk und sind kaum von den „alten“ GTA Online-Missionen zu unterscheiden. Denn von der Vorbereitung bis zum Abschluss werden die Teiloperationen jedes Mal wieder über die Lobby neugestartet, da ist nichts im Fluss und wenn die Truppe nicht beisammen bleibt, ermüdet schon alleine die quälend lange Wartezeit auf neue Mitspieler. Fragezeichen Nr. 2: Ist es denn theoretisch möglich als „Gast“ komplette Heists zu spielen? Bestimmt. Oder vielleicht. Das hängt von der Verbindungsqualität ebenso wie vom Können der Spieler und der Geduld der Truppe ab. Irgendeiner springt immer ab, leider oft genug der Host. Das ist zumindest meine Erfahrung. Leider konnte ich keinen einzigen Überfall vom Beginn bis zum guten Ende in einer Tour durchspielen.

Nach einer fünfminütigen Warte-Session in der Appartement-Lobby vom Chef-Gangster staut sich einiges an Energien an. Es passiert einfach gar nichts, man steht da so blöde rum und wenn es endlich losgeht, hat so mancher vielleicht in der Zwischenzeit zu heftig mit den Hufen gescharrt. Wie zum Beispiel Foggy_Dewhurst. Anstatt an einer strategisch günstigen Stelle den Wagen am Airfield zu parken, raste er wie ein Bekloppter mit vollem Wumms direkt gegen den Hangar. Ich stieg aus, sah die beiden anderen Rang 150er-Kollegen im Gefecht und wunderte mich, wo Foggy_Dewhurst blieb, der scheinbar davon lief. Was soll´s, dachte ich mir, denn nun geht es ja erst richtig los. Aber: Wo es dramatisch werden könnte, beginnt eigentlich nur die stinknormale GTA-Ballerei. Schön in Deckung bleiben, ein wenig abwarten und im richtigen Moment auf die KI-Deppen schießen. Das funktioniert viel zu einfach, theoretisch zumindest. Foggy_Dewhurst jedoch hatte einen besonders ausgeklügelten Plan, der nur zuerst wie eine Flucht aussah. Foggy_Dewhurst wollte ganz alleine die Vagos flankieren und sich damit heldenhaft die Platin-Auszeichnung für diesen Abschnitt sichern. Mit Rang 19! Aber hallo, das geht auch, für Ruhm und Ehre braucht man nicht Rang drölfhundertsiebzehn! Er schlich also um das Gebäude neben dem Hangar herum und traf dort auf einen einzelnen Vago(s?), der ihn direkt erschoss. Was dann folgte, ist der neue GTA V Online-Pranger: Da lesen wir nicht nur, dass die Mission fehlgeschlagen ist, sondern erfahren auch, wer es verbockte. „Foggy_Dewhurst ist gestorben“, stand dort und da bei den Heists nach dem „Einer für alle, Alle für einen-Motto“ gespielt wird, durfte sich das ganze Team den Mund abputzen und für den zweiten und letzten Versuch bereit machen.

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Auf geschätzte sechs bis sieben Minuten wundersame Autofahrt mit Foggy_Dewhurst folgten also gefühlte acht Sekunden Ballerei. Nach x-Minuten in der Lobby und einer Ewigkeit vor dem Ladebildschirm. Wie sich Foggy_Dewhurst wohl in diesem Moment fühlte? Als Versager? Schämte er sich? Ich glaube, dass Foggy_Dewhurst anders funktioniert. War der mentale Foggy_Dewhurst-Kessel in Runde 1 noch kurz davor zu explodieren, gab es bei der entscheidenden Runde für ihn – darauf würde ich wetten, dass er das so sah – nur noch mehr Glanz, Gloria und ganz viel Phoenix-aus-der-Asche-Ruhm einzuheimsen. Und wäre diese Session in GTA Online ein Hollywood-Film und kein Spiel gewesen, wer weiß, was passiert wäre. Aber so ahnt man schon, wie es mit Foggy_Dewhurst enden wird.

Andere Heists liefen geschmeidiger. Vor allem der Bankraub mit Bio-Momo, deren Avatar ein sehr blondes und dralles Geschoss ist. Bio-Momo verbrachte sehr viel Zeit in GTA V Online, ansonsten hätte sie nicht Rang 603. Zuerst klauten wir zusammen einen Kuruma, ein gepanzertes Fahrzeug. Dieser Vorbereitungs-Einsatz entsprach in allem dem, was uns Simeon in GTA Online sonst an generischen Autodiebstahl-Missionen präsentiert. Kein Ding, es lief alles glatt und anschließend machten sich Bio-Momo und ich daran, die Zweigstelle der Fleeca-Bank im Nordwesten auszurauben. Bio-Momo sorgte für ein wenig Wartezeit, da es mit dem Hacken ins Netzwerk nicht so flutschte, aber danach zerstörte ich die Kameras und hielt die Geiseln in Schach, was nicht sonderlich herausfordernd ist. Bio-Momo entleerte derweil den Tresor und anschließend flohen wir unter lautem Polizei-Tralala in Richtung Abgabeort und hatten das Ding erfolgreich gedreht. Darauf ne Pulle Bier!

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Bei den anderen Missionen, zumeist aus dem Gefängnisausbruch-Heist, lief es ebenso mehr oder weniger glatt. Wirklich dramatisch wird es nur dann, wenn die KI gewisse Unwägbarkeiten zulässt. Wie bei den Verfolgungsjagden beispielsweise oder wenn bei einem der Mitspieler mit flattrigen Nervenkostüm, frei nach Jürgen Klinsmann, die Gefühle Gassi gehen. Umso näher man dem Abschluss des Heists kommt, desto wilder wird es übrigens – was andererseits bedeutet, dass die vorbereitenden Missionen ohne große Hektik zu wuppen sind. Eigentlich.

Glücklicher Weise mussten wir im zweiten Versuch nicht mehr die ganze Strecke von Los Santos zum Airfield fahren. Es ging nahe von Trevors Wohnwagen los. Dieses Mal achtete ich peinlichst genau darauf, schön selbst zu fahren und sah noch für eine kurze Zeit Foggy_Dewhurst vor mir. Keine Ahnung, was er uns nun wieder für einen spektakulären Trick aus seinem riesigen Repertoire an Zaubereien demonstrieren wollte, jedenfalls fiel er nach einer Karambolage an der ersten Kreuzung zurück. Den Hangar erreichten wir zu dritt, blieben nahe beisammen und erledigten routiniert einen Vago(s?)-Deppen nach dem anderen. Die KI-Gangster versuchten uns einzukreisen, aber das wollte nicht so recht gelingen und alles, wirklich alles deutete auf einen ganz souveränen Sieg hin. Bis Foggy_Dewhurst auftauchte. Er kam schnell angebraust und ich vermute, dass er immer noch nicht so genau weiß, wie man bremst. Jedenfalls rauschte er dieses Mal nicht wieder gegen den Hangar, sondern mit einer wohl schon ordentlich lädierten Karre gegen das nebenstehende Gebäude. Das Auto explodierte, die Mission war verloren und vorbei. Wieder lasen wir, dass Foggy_Dewhurst gestorben ist. Nach der Missions-Zusammenfassung verließ der Host ganz fix die Lobby und ich schaute auf die Uhr. Der kurze Spaß mit Foggy_Dewhurst hatte mich rund eine halbe Stunde mit allem Drum und Dran „gekostet“. Alle Achtung, dass ist mal verschenkte Lebenszeit! Foggy_Dewhurst habe ich danach nicht mehr auf dem Server gesehen, er dürfte sich ganz verabschiedet haben. Das tat ich dann auch. Nachdem ich die PS4 ausgeschaltet hatte, überkam mich übrigens der Drang, mal wieder eine Runde Payday 2 zu spielen.


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7 Kommentare

  1. molosovsky - 20.03.2015 05:23

    So tragisch, so ergreifend.

    Überragend unterhaltsam geschrieben, gut beobachtet & zur Sprache gebracht, was für verwirrte Empfindungen einem bei GTAV-Online durchs Gemüt wehen. Dauerschmunzeln mit oftmaligem Giggeln.

    (Hatte schon das dumpfe Gefühl, dass Du über meine besoffenen, planlosen GTAV-Online Ausflüge geschrieben hast, aber ich hab nachgeschaut: meine beiden Chars heißen nicht Foggy_Dewhurst. Was für eine Erleichterung.)

  2. Jens - 20.03.2015 10:45

    Danke für die Blumen! Das stilvolle Scheitern, egal ob im Suff oder nicht, gehört dazu! ;-)

  3. Chris - 21.03.2015 18:55

    Ich weiß nicht, warum, ich hör den Text innerlich mit der Stimme von Max Goldt.

  4. Bernd - 23.03.2015 11:28

    Sehr gute Unterhaltung. Der Artikel, nicht das Spiel. Aber so herum ist das auch ok für mich.

  5. Corow - 27.03.2015 08:54

    Genau so ist es, sehr gut auf den Punkt gebracht.
    Leider ist es sehr schwer, für mich (alle Freunde zocken auf der One und ich noch auf der 360), ein gutes Team zusammen zu bekommen. Ein Großteil der Leute spielt auch nicht mit Headset was die Kommunikation zusätzlich erschwert bzw. unmöglich macht.
    Allgemein sind die Missionen relativ einfach wenn alle diszipliniert spielen, selbst auf Schwer, nur ist es quasi unmmöglich ein ganzes Team zusammen zu bekommen die so spielen.

    Kaum spielt man mal mit einer Crew wo alles passt sieht man wie unglaublich cool GTA Online sein kann.

  6. Jens - 27.03.2015 11:21

    Das mit dem Headset hat mich auch überrascht! Erst positiv, weil es mich – zugegebener Maßen – ziemlich verunsichert via Headset mit wildfremden Menschen sprechen zu müssen/dürfen/sollen. Was ich bisher bei GTA Online abseits der Heists hörte, was die Kollegen (Kolleginnen scheinen Headset prinzipiell abzulehnen?) so erzählen, war eher gruselig – oder kaum zu verstehen, weil irgendeine Kackmucke im Hintergrund viel zu laut war.

    Aber: Bei den Heists wäre es doch besser, wenn man sich ein wenig abstimmen könnte. Anderseits: Hätte Foggy_Dewhurst sich von Absprachen beeindrucken lassen? Ich glaube nicht…

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