„Besorg Dir ein Fahrrad. Wenn Du lebst, wirst Du es nicht bereuen.“

Meinte Mark Twain und wie immer hat Mark Twain recht. Schon alleine, weil ein bisschen Bewegung nicht schadet und es nur gut sein kann, mal raus zu kommen. In der virtuellen Welt der Videospiele wird das schon kniffliger mit dem Fahrradfahren. Wobei es auf mich seit einiger Zeit so wirkt, als würde eh alles immer komplizierter mit den Videospielen. Besonders die kleinen Spiele, die auf einem einfachen Konzept aufbauen und gar nicht mehr sein wollen/sollen/müssten als sie sind, haben es schwer das eigentlich verdiente Gehör zu finden. Und so freut es mich von Herzen, dass ein anfangs unscheinbarer Titel wie Rocket League solch einen großen Erfolg hat. Es gibt kein Gedöns drumherum, sondern einfach nur ein spannendes Spiel mit eingängigem Gameplay, dass ähnlich simpel ist wie Fahrradfahren. Dass Rocket League als Playstation Plus-Spiel für viele Spieler gratis war, ist als relevante Ursache für dessen Welteroberung natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Schade nur, dass Steam & Co. aktuelle „Hidden Champions“ nicht ebenso für treue Kunden gratis raushauen. Mit dem Pro Cycling Manager 2015 hätte ich jedenfalls einen Vorschlag für solch eine Aktion. Dabei bekommt die seit Jahren von der Spielewelt nahezu komplett ignorierte Serie zwei wichtige Elemente außerordentlich gut hin: Den überschaubar konzipierten Manager-Teil und das perfekt ausbalancierte Gameplay im 3D-Modus. Mehr braucht es nicht für ein gutes Spiel bzw. einen perfekten Radsport Manager. Eigentlich. Aber wie soll ich das nur der Welt da draußen klar machen?

In der Ü40-Lebensphase lässt sich ein lockerer Plausch über Videospiele in freier Wildbahn generell kaum noch bewerkstelligen. Ein kleines Beispiel: Im Dialog mit noch schwer einzuschätzenden Elternteilen nach dem allerersten Elternabend im Kindergarten dürfte es sich neben mir auch so mancher Gleichgesinnte drei Mal überlegen, ob das Thema Videospiele in der holprigen „Und was machst du sonst so?“-Abfragerunde (kurz nach Gesprächen rund um pädagogische Konzepte und Nasenfaktoren der Erzieherinnen) wirklich unbedingt seinen Platz haben muss. Man kann ja über Sport reden, das ist im Gegensatz zu Spielen selbsterklärend. Aus meiner bescheidenen Erfahrung heraus kann ich einerseits feststellen, dass Unterhaltungen über Videospiele mit fremden Ü-40ern durchaus interessant verlaufen können, aber andererseits kann der Erklärungsbedarf, der nötig ist, um konsterniert-besorgten Müttern den Killerspiele-Schock aus den Gliedern zu quatschen, doch arg ermüden. Es sind all diese Vorurteile, natürlich auch die gerechtfertigten, die das Videospielleben da draußen kompliziert machen. Es ist manchmal so schwierig Leuten klar zu machen, wie schön es (immer noch!) sein kann, zu spielen. Dass es dann seit Wochen mit großer Freude der Pro Cycling Manager 2015 ist, macht die Geschichte für mich nicht einfacher.

PeugeotKlapprad

Was makromäßig in der großen, weiten Welt knifflig ist, bleibt auch so im Mikrokosmos unserer angeblich punktgenau in der Mitte der Gesellschaft angekommenen Spielerhorde. Oder Gamer von mir aus, wenn es denn unbedingt sein muss. Im zentralsten Zentrum dieser wunderbaren Gesellschaft wird für meinen persönlichen Geschmack jedenfalls viel zu viel gequatscht. Das nimmt guten Spielen, die ohne Marketing- und PR-Power im Rücken auf den Markt kommen, die verdiente Aufmerksamkeit. Ich verurteile das! Die (meiner Meinung nach) albernen RassismusGewaltSexismusDowngrade-Pseudo-Dramen rund um den Witcher 3 sollen das einzige Beispiel bleiben; ich denke, es ist verständlich worauf ich hinaus will. AAA-Produktionen treten heutzutage anscheinend immer irgendjemandem irgendwie ganz furchtbar auf die moralisch wertvollen Füße und das lenkt doch ziemlich vom Wesentlichen ab. Wobei Ethik und Moral kurz nach der Jahrtausendwende sogar beim Pro Cycling Manager ein Thema waren. Der hieß da noch Erik Zabels Cycling Manager, bevor er nach einer weiteren Erik Zabel-Fortsetzung in Radsport Manager umgetauft wurde (und dann in Tour de France und bis heute in Pro Cycling Manager). Natürlich ging es um Doping und warum das kein Thema im Spiel ist. Warum sollte es das sein? Hätte es das Spiel besser gemacht? Nö. Nach der kurzen Beinahe-Skandalisierungs-Phase verschwand die Serie wieder vom Radar unserer unbestechlichen Spielepresse und macht es sich bis heute in seiner kleinen, feinen Nische breit.

Auch die Freunde und Bekannte, die gerne spielen, habe ich nie dazu bekommen, den Pro Cycling Manager auch nur ein einziges Mal wirklich ernsthaft und geduldig auszuprobieren. Sollte es eine Leserin oder Leser bis hierin im Text geschafft haben… dann könnte ich vielleicht sowas wie eine Grundneugierde geweckt haben…und das würde mich freuen. Auch für die Cyanide Studios, die kürzlich mit Styx: Master of Shadows immerhin einige Stealth-Freunde erfreuen konnten (mich auch) und tapfer Jahr für Jahr ihren Manager an der Öffentlichkeit vorbei auf den Markt bringen. Und nur selten war ein Rohrkrepierer dabei, zumindest nicht mehr nach dem fünften Patch. Und nun, wo ich so langsam zum Ende meines melancholisch angehauchten Lobgesangs komme, geht der Blick auf den Pro Cycling Manager 2015 selbst, der natürlich davon profitiert, dass Fahrradfahren eine großartige Sache ist. Und das erst recht als Mannschaftssport. Da ist die Natur/Umwelt mit all ihren Widrigkeiten (Höhenunterschiede, Belag, Wetter) und darüber hinaus neben den bösen Gegnern noch dieses seltsam streng-hierarchisch angelegte Teamkonstrukt, das im Sport seinesgleichen sucht. Vom Wasserträger bis hin zum Teamkapitän gibt es viele verschiedene Aufgaben zu bewältigen, die der Manager allesamt während der Rennen und Rennetappen im Blick haben sollte. Das macht den Pro Cycling Manager ein wenig zu einem Rollenspiel, bei dem jeder einzelne aus der Gruppe seinen Job zu erfüllen hat.

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Wie tief ein Manager in die Steuerung seines Teams im 3D-Modus einsteigen mag, bleibt ihm selbst überlassen. Zeitrennen und reine Sprinteretappen simuliere ich, aber bei hügeligen Rennen, Bergetappen oder bei Kursen mit Kopfsteinpflaster bin ich sehr aufmerksam dabei und spule die Rennzeit in der Regel in den letzten 60-80 Kilometern gar nicht mehr vor. Das ist kurzweiliger als es zu vermuten sein mag – zum einen, weil es durch ein sauber umgesetztes UI recht einfach ist, den Fahrern Aufgaben zuzuweisen und zum anderen erhält der Manager sehr schnell ein Feedback, ob Strategien und Taktiken funktionieren oder nicht. Reißt ein Ausreißer nicht erfolgreich aus, ist das sichtbar und hat einen Grund. Können die Teamfahrer den Kapitän am Berg nicht ordentlich schützen, hat auch das eine Ursache. Ist der Sprinter schon 20 Kilometer vor dem Finish platt, geschieht dies ebenfalls nicht aus heiterem Himmel. Hier wird das Live-Gameplay aus dem 3D-Modus wunderbar mit den Entscheidungen aus dem Managerteil kombiniert (Saisonplanung, Trainingsintensität blabla). Alles hat seine Konsequenzen und im Gegensatz zu den Telltale-Spielen stimmt das hier sogar.

Wer ein bis zwei Spielstunden seriös in die Saisonplanung investiert, profitiert davon anschließend in den bis zu 60 Stunden, die eine Saison (zumindest bei mir) dauern kann. Wer im 3D-Modus jede Etappe – vom Klassiker über popelige Rennen bis hin zu den großen Rundfahrten – knallhart in voller Länge fährt, dürfte bestimmt bis zu 1.000 Stunden an Lebenszeit in eine einzige Saison versenken. Aber das ist absolut kein Muss. Wer will, taucht komplett ein und wer da Fünfe gerade sein lässt, hat keinen Nachteil. Ein bisschen virtuell mitfahren sollte der Manager schon, nur am Schreibtisch zu hocken ist sicherlich nicht der beste und spannendste Weg zum Erfolg.

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Und der kann im Kleinen wie im Großen äußerst befriedigend sein. Stimmte in der Vorbereitung, Strategie und konkreten Renntaktik alles, dann läuft das Team auf dem Weg zum Sieg wie eine perfekt geschmierte (oder geölte?) Maschine. Ich mag das! Reibungslos rast mein Zug in Richtung Podest und besonders bei den längeren und anspruchsvollen Bergetappen, die sowas wie eine Art Bosskampf sind, ist es mir eine große Freude, den Kapitän durch eine gelungene Mannschaftsleistung auf den ersten Platz gehievt zu haben. Yeah! Solche Spitzenplätze sind wohlverdient und allen Einsteigern sei geraten, die nötige Geduld dafür aufzubringen. Denn der Pro Cycling Manager gibt sich äußerst sperrig gegenüber den Neulingen (warum auch nicht, wenn eh immer die gleichen fünf Verdächtigen das Spiel kaufen?): Einfach mal drauflos fahren und gewinnen funktioniert im 3D-Modus nicht einmal ansatzweise auf dem leichten Schwierigkeitsgrad. Mit der Taktik im Radrennsport sollte sich der Manager von Welt ein wenig beschäftigt haben, denn wie man seine Rennen fährt, ist dem Spiel schnurz – da darf kein Teamchef auf irgendein weiterführendes Tutorial hoffen. Da kommt nix.

Ein Hindernis am unbeschwerten Genuss dieses wunderbaren Spiels ist leider traditionell die Technik und die bereitet einigen auch beim Pro Cycling Manager 2015 massive Probleme (mir nicht, schon seit Jahren, da habe ich wohl Glück). Abstürze während des Ladens vor oder während der Etappen scheinen viele der vier anderen Spieler zu plagen und wenn ich es richtig mitbekommen habe, trifft es vor allem PCs mit AMD-Grafikkarten. Das ist unschön, sollte aber niemanden davon abhalten, spätestens beim nächsten Sale einfach mal zuzugreifen. Im Winter dürften nicht mehr als 15 Euro fällig werden. Und die gibt man oft genug für einen größeren Käse als einen Radsport Manager aus, nicht wahr?


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6 Kommentare

  1. Zobel - 24.08.2015 22:51

    Schon zig mal überlegt dieses Spiel zu kaufen, getan habe ich es nie. Das sollte sich nach diesem Text ändern, aber wer kann mir jetzt noch sagen, ob auch die Konsolenversion (PS3) etwas taugt? Ich befürchte da bei so Managerspielen immer das allerschlimmste.

  2. Jens - 24.08.2015 23:05

    Die Konsolenversion ist kaum mit dem „echten“ PC-Manager zu vergleichen. Erst einmal, weil der Managerteil nahezu komplett fehlt und außerdem die Rennen auf Action und den einzelnen Fahrer getrimmt und nicht das ganze Team ausgelegt sind. Taktik und Strategie rücken da recht weit in den Hintergrund. Die letztjährige Version ruckelte auch ganz schlimm, das war nicht zum aushalten..

  3. Zobel - 24.08.2015 23:20

    Danke für all die Infos Jens. Also wie befürchtet auf der Konsole scheiße. Schade, irgendwann brauche ich dann doch mal einen moderneren PC und wohl auch wieder Windows.

  4. Bernd - 24.08.2015 23:50

    Na sowas, endlich mal wieder ein gelungener Text auf polyneux. Zeichen und Wunder. Ich gehörte bislang auch zu den Ignoranten, die diesem Spiel so richtig und vollendet gar keine Beachtung geschenkt haben. Radfahren, bäh. Simuliert auch noch, bäh. Aber ab dieser Elternabendsache hatte mich der Text. Wobei ich meine Holde wohl ganz schnell mit rollenden Augen von so einem Spinner wegzogen hätte. Radfahren als Computerspiel. Wo soll das hinführen? Zu einer Wii am Ende? Komm, Schatz, wir müssen heim, was Richtiges spielen.
    Aber, ja aber, jetzt bin ich doch neugierig geworden. Muss ja eigentlich was dran sein, wenn da jemand so vehement einen Titel immer wieder raushaut und das nur für fünf Käufer. Immer gegen den Strom schwimmen, deshalb haben wir ja auch kein iPhone daheim und gucken uns trotz Farbfernseher Filme in schwarzweiß an. Könnte eine Grundlage sein, sich den Pro Cycling Manager mal näher anzuschauen.

  5. Jens - 25.08.2015 10:27

    Nach Bernd’s Kommentar kann ich es ja zugeben: ich verheimliche meiner Frau die Geschichte mit dem Pro Cycling Manager. Seit Jahren. ;-) Mit sowas wie Everybody’s Gone to the Rapture kann ich noch ein wenig Akzeptanz/Verständnis/freundliche Ignoranz erhaschen, aber beim PCM (wie wir Kenner sagen) würde sie sich wohl (natürlich unberechtigte) Sorgen machen. Meine Tochter erwischte mich aber mal auf frischer Tat, fand das alles super und wollte direkt draußen Fahrrad fahren gehen. Also ist das Ding nachweislich zu was gut und auch pädagogisch wertvoll.

  6. Stefan - 10.08.2016 16:10

    Ich hatte den Pro Cycling Manager vor ca. 10 Jahren mal gespielt. Da hat sich aber schon einiges getan in der Zwischenzeit, gerade natürlich grafisch. Schade nur, dass Jan Ullrich nicht mehr dabei ist, da fehlt ja irgendwie der Bezug zum Radsport. Doping betreibt da doch ohne fast jeder.

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