Heikos Garage (5): Auto-Metaphern

Moin! Heiko hier.

Wisst Ihr was mit das Schwierigste ist, wenn man seine eigene Werkstatt führt? Zu jedem Kunden freundlich zu sein. Klar, das gilt ein Stück weit für jeden Job, bei dem man direkt mit Kunden zu tun hat, aber die Spezies Autofahrer ist schon was Besonderes. Man sagt ja oft, dass Straßenverkehr sowas wie Krieg bedeutet, und das kommt nicht von ungefähr. Was man teilweise so mitbekommt, wenn man mit den Kunden schnackt, ist schon der Hammer. Das ist oft der blanke Hass: Hass auf die anderen Autofahrer, Hass auf Fußgänger, Hass auf Fahrradfahrer, Hass auf die Polizei, Hass auf andere Automarken, usw. Und das Absurdeste dabei ist, dass der Hass anscheinend proportional mit der Liebe zum Auto steigt.

Der Tim Hanskötter ist auch so einer. Der war heute wieder mit seinem BMW da. Sein M3 Coupé ist schon ein heißes Gerät, keine Frage: 4-Liter-V8-Motor, 420 PS und 400 Nm. Da freut man sich immer auf die Probefahrt, wenn er seine Karre mal hier lässt. Aber seit er sich mit dem Kauf des Teils vor ein paar Jahren einen Herzenswunsch erfüllt hat, ist er immer mehr zum motorisierten Kotzbrocken geworden. Egal ob Audi, Mercedes, Opel, Peugeot oder Toyota, für ihn sind alle anderen Marken nur noch scheiße. Und deren Fahrer natürlich alle Vollidioten. Wenn ich mich mit ihm unterhalte, erfordert das echt meine ganze Selbstbeherrschung. Und während ich mir heute wieder seine Hasstiraden auf alles und jeden so anhörte, hoffte ich nur, dass er sich nicht umdreht, weil mein Geselle Gerd hinter ihm die ganze Zeit die Augen verdreht, den Kopf schüttelt und sich mehrmals an die Stirn gefasst hat. Eine Schlägerei mit Kunden kann ich hier in der Werkstatt echt nicht gebrauchen…

Als der Hanskötter endlich weg war, ging’s dann natürlich los:
„Was für’n blöder Vollhonk! Typisch 3er-Fahrer!“, platzt es aus Gerd heraus. „Ähm, dir ist schon klar, dass du jetzt das Gleiche machst wie er, nech?“, sach ich. Gerd grinst breit und winkt ab. „Mal ehrlich, Heiko. Mir gehen diese Auto-Ideologen tierisch auf den Keks. Ich habe auch meine Lieblingsautos, renne deshalb aber trotzdem nicht herum und mache alle anderen madig. Was soll sowas? Wie wird man so?“ – „Gute Frage. Ich kannte den Tim ja schon als Jugendlichen, der manchmal vorbei kam, wenn er Hilfe beim Schrauben an seinem Roller brauchte. Ein netter und allgemein technisch sehr interessierter Junge. Keine Ahnung, was bei dem schiefgelaufen ist. Am BMW allein wird’s sicher nicht liegen …“ – „Er ist ja auch kein Einzelfall.“, sagt Gerd, „Jeder kennt Vertreter dieser fanatischen Spezies.“ – „Und witzigerweise sind diese fanatischen Hassschleudern oft gerade die, die Autos besonders lieben.“, ergänze ich.

„Wisst ihr, an was mich dieses Thema gerade erinnert?“, mischt sich unser Azubi Justin ein.

Gerd hat ihn scheinbar gar nicht gehört und sagt: „Geil auch, wie solche Typen dann abgehen, wenn beim nächsten Modellwechsel das Design geändert wird oder der Hubraum des Motors reduziert wird. Die haben sich so sehr auf eine Sache eingeschossen, dass jede Veränderung ein Sakrileg darstellt. Voll die Betonköpfe!“ – „Stimmt.“, pflichte ich bei. „Mit denen kannst du dann auch kein anständiges Gespräch mehr führen. Ich finde ja beispielsweise den SUV-Trend der letzten Jahre ziemlich vernunftbefreit. Technisch, ökonomisch und ökologisch kompletter Schwachsinn. Aber trotzdem weiß ich, warum sich die Karren verkaufen und was die Käufer, neben der Tatsache, dass man damit auf dicke Hose machen kann, an den Dinger gut finden. Da kann ich drüber diskutieren. Aber bei Typen wie dem Tim fehlt jede Basis für eine Diskussion. Etwas differenziertere „Einerseits, andererseits“-Meinungen lässt der gar nicht gelten. Du bist dann für ihn sofort auch im „Feindeslager“.“

Justin versucht es ein zweites Mal: „Das ist echt witzig. Wenn man euch so zuhört, könnte man meinen, ihr redet gar nicht über Autos, sondern …“

„Und genau diese Einstellung zeigt sich dann ja auch auf der Straße!“, meint Gerd mit erhobenem Finger. „Da wird dann ganz offensiv Krieg gegen die Anderen geführt. Das bekommst du besonders als ganz normaler Autofahrer zu spüren. Es wird gedrängelt, geschnitten und aufgeblendet, als wäre man an der letzten Auffahrt falsch abgebogen und versehentlich auf dem Indy-500-Kurs gelandet.“ – Ich nicke. „Und die mit Abstand krassesten Erlebnisse habe ich, wenn meine Frau am Steuer sitzt. Eine Frau am Lenkrad fordert diese Typen anscheinend noch mal zusätzlich heraus. Ich habe dir doch schon mal meine Handy-Foto-Sammlung mit all den Stinkefingern und zornesroten Gesichtern von Stoßstangenfahrern gezeigt, oder?“ – „Ja klar. Ich dachte, die hättest du aus den Internet?“ – „Nein!“, lache ich, „Die habe ich alle vom Beifahrersitz aus gemacht, wenn meine Frau fuhr! Und sie fährt nicht gerade wie eine Oma.“ – „Krass!“

„Alter! Genau wie im Internet!“, ruft Justin dazwischen. – „Hör mal, Kollege: Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du den Rand zu halten hast, wenn sich Erwachsene unterhalten?!“, fährt Gerd ihn an. „Wir reden hier über’s echte Leben, nicht über’s Internet.“ Und damit wendet er sich sofort wieder mir zu: „Was meinst du, Heiko, woher kommt diese Aggressivität, die manche Leute hinterm Lenkrad an den Tag legen? Die würden sich doch in der Supermarktschlange oder beim Bäcker nicht so aufführen …“ – „Du kennst doch die Ampel-Popler, oder?“ – „Ampel-Popler?“ – „Jau. Ampel-Popler. Die stehen mit ihrer Karre an der roten Ampel und popeln mitten in das Stadt an einer belebten Kreuzung ganz genüsslich in der Nase.“ – „Ja und?“, fragt Gerd. Ich grinse, während ich ihm meine These erkläre: „Die denken tatsächlich, dass sie keiner sehen kann. Das Auto anonymisiert. Natürlich nur vermeintlich. Und aus dem gleichen Grund benehmen sich manche Typen hinterm Lenkrad eines Wagens auch wie die Wildsäue. Woanders führen sich die meisten von denen ja ganz normal auf. Denk mal drüber n…“

„GENAU WIE IM INTERNET!“, ruft Justin wieder dazwischen. Inzwischen sichtlich genervt.

„Was?“, fragt Gerd irritiert. – „Das will ich euch doch die ganze Zeit sagen, aber hier hat man ja anscheinend nur ein Mitspracherecht, wenn man schon über dreißig ist: Wenn man euch so zuhört, könnte man meinen, ihr sprecht über diesen GamerGate-Scheiß! Streiche „Autos“, „Fahrer“ und „Straßenverkehr“ und ersetze diese Begriffe durch „Videospiele“, „Gamer“ und „Internet“ … BÄM!“
Ähm …
Munter bleiben!

 

Heiko ist ein selbstständiger KFZ-Meister irgendwo im Emsland. Ausgedacht hat ihn sich SpielerZwei für seine Kolumne “Heikos Garage” in der WASD. Dieser Text wurde im Februar 2015 für die 7. WASD-Ausgabe mit dem Heft-Thema “Liebe & Hass” geschrieben. (Mit Dank an Markus Weissenhorn für das schicke Artwork!)


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3 Kommentare

  1. Missingno. - 29.08.2015 10:21

    Humpelnde Autovergleiche auf Polei-nö? Wahrscheinlicher als man denkt!

    P.S.: Steht Hubraum dann stellvertretend für Titt…, äh, Plotgröße?

  2. SpielerZwei - 29.08.2015 11:51

    Da humpelt gar nichts, weil die Mechanismen psychologisch durchaus vergleichbar sind.

    P.S.: Das überlasse ich deiner schmutzigen Fantas…, ähm, individuellen Interpretation.

  3. Bernd - 29.08.2015 16:57

    Jo, ne, ist jetzt zwar nicht wirklich was Neues dabei, aber flott zu lesen allemal. Aus Fan-sein wird hin und wieder leider schnell Fan-atismus. Aber über den Tellerrand gucken ist schon mal nicht jedem gegeben, von drüber gucken und auch noch entspannt akzeptieren, dass es womöglich hinter dem eigenen Horizont tatsächlich andere Sichtweisen gibt, gar nicht zu reden. Ist dann für so manchen Zeitgenossen einfach zu viel. Früher, in meiner naiven Phase, habe ich ja noch gedacht, dass das dem Alter geschuldet ist, aber inzwischen bin ich überzeugt davon, dass aus einem 14jährigen Arschloch später mal einfach nur ein 40jähriges Arschloch wird. Da hilft keine offene Diskussion, keine ehrliche Streitkultur, da hilft nur ausblenden oder wie im aktuellen Zeitgeschehen massiv dagegen halten.

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