Bleigewitter und Explosivfässer

Ich bin kein Videospielconnaisseur. Explosionen und Gemetzel find ich gut, Kugelhagel und eine  Flutschsteuerung stellen mich zufrieden. Weder bin ich auf der Suche nach der „meaningful experience“, noch möchte ich emotional berührt oder zum Nachdenken angeregt werden. Ich stehe drauf, wenn der Gute die Knochen des Bösewichts zu Mehl verarbeitet und da keine Ambivalenz, kein Widerspruch zu finden ist. Mord ist okay, hier steht schließlich ein Prinzip gegen das andere!

Shooter sind ganz, ganz prima. Besonders wenn sie nicht so tun, als habe plötzlich ausgerechnet ihr Genre etwas zu erzählen. Na klar, Half Life 2 war damals irgendwie schon überwältigend, aber das war doch auch nur narrative Effekthascherei. Das neue Doom hat uns gezeigt, worum es bei solchen Spielen geht: Bleigewitter und Blutfontänen. Wenigstens ersteres liefert Hard Reset Redux zuverlässig und im Übermaß. Schon im Jahre 2012 konnten PC-Spieler in diesem im Blade-Runner-Gedächtnis-Szenario angesiedelten Shooter die Fetzen fliegen lassen, während Konsolenbesitzer leer ausgingen. Spendabler zeigte sich Entwickler Flying Wild Hog beim 2013er Remake von Shadow Warrior, das relativ zügig auch für PS4 und Xbox One erschien.

Dass das Studio für beide Titel verantwortlich zeichnet, fällt sofort ins Auge. Zwar sind die Spiele in sehr unterschiedlichen Settings angesiedelt, ihr gleicher Ursprung wird allerdings bereits am Anfang deutlich. Die Level sind gradlinig, nach längeren Schlauchpassagen geht es oft in größere Areale, in denen dann Gegnerhorden auf die Spieler_in einstürmen. Ein elementarer Unterschied zwischen den beiden Titeln besteht in den Kontrahenten. Während in Shadow Warrior das Blut der menschlichen und dämonischen Gegner durch die Gegend spritzt, fliegen bei den Robotern in Hard Reset Redux nur die Funken.

Zwar entfallen Blutsuppe und Gedärmegulasch hier leider völlig, dafür setzt Hard Reset Redux verstärkt auf die Möglichkeit, die Umgebung in den Kampf mit einzubeziehen. Elektrische Geräte geben Stromstöße ab, die die Gegner und den Protagonisten selbst verletzen, herumstehende Fahrzeuge und Explosivfässer tun das, was sie in Videospielen eben zu tun pflegen. Wer geschickt agiert, kann durch dieses Feature nicht nur Munition sparen, sondern dem Ganzen auch noch eine eigene motivatorische Komponente abgewinnen, da die Einbeziehung der Umgebung in die Abschlusswertung der Level einfließt.

Wie bereits erwähnt, ist Hard Reset Redux in einer dystopischen SciFi-Umgebung angesiedelt. Umgebung und Fahrzeuge erinnern teils stark an Ridley Scotts Meisterwerk Blade Runner und auch die Story, in der es um die Auflehnung künstlicher Intelligenzen gegen ihre menschlichen Schöpfer geht, ist gängigen SciFi-Noir-Universen entlehnt. Der Protagonist ist zudem ein knorriger Einzelkämpfer, wie wir ihn aus einschlägigen Achtziger-Actionfilmen kennen. Die Geschichte wird in Comicpanel- Zwischensequenzen erzählt, was ebenso wenig originell ist, wie die Erzählung selbst.

Und in dieser Beliebigkeit besteht auch das Grundproblem des Spiels. Während ich auf eine packende Story in einem Shooter gut und gerne verzichten kann, sollte mich doch zumindest das Geballer anmachen. Das neue Doom hat das bei mir bewirkt, ebenso Wolfenstein: The New Order, aus der letzten Generation war es u.a. Singularity, davor Red Faction, Time Splitters 2, Quake etc. Diese (willkürliche) Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. So unterschiedlich die genannten Spiele sein mögen, sie alle eint die Tatsache, dass sie zu ihrer Zeit etwas richtig gemacht haben und mich begeistern konnten. Auf Hard Reset Redux trifft das leider nicht zu.

Das mag daran liegen, dass das Spiel bereits vier Jahre alt ist. Shadow Warrior spielte ich kurz nach Veröffentlichung und war trotz offenkundiger Mängel gut unterhalten. Hard Reset Redux kann ich hingegen wenig abgewinnen, obwohl es sicherlich kein schlechtes Spiel ist. Doch stellte sich schon nach wenigen Minuten Langeweile ein, als ich durch die düsteren Gassen rannte, mit SciFi-Maschinengewehren auf SciFi-Roboter schoss und SciFi-Polizeiwagen in die Luft jagte. Alles wirkt bekannt und uninteressant, sodass ich schnell die Lust verlor. Bezeichnender Weise erlebte ich einen der Stärksten Momente im Spiel, als ich einmal aufblickte und am Firmament die fliegenden Autos und Gleiter vorbeiziehen sah. Da ging mir als großem Blade-Runner-Fan kurz das Herz auf, bis mich wieder ein kleiner Kreissägenroboter anrempelte und ich ihn mit meinem MG zum Klump schoss. Und dann noch einen, und dann noch einen…

Stumpfe, platte Shooter können sehr viel Spaß machen. Es muss nicht immer Ingmar Bergmann sein, manchmal reicht auch John McTiernan. Allerdings ist im Jahr 2016 die Auswahl an Knallwummsspielen, die nicht gleichförmigen Quark, sondern teils selbstironische, teils gewitzte, teils einfach nur schweinegeile Action bieten (Vgl. Doom, Wolfenstein: TNO) so umfangreich, dass Spieler_innen sich nicht mehr über jeden Krachbummtitel freuen müssen, der um die Ecke geknattert kommt. Dementsprechend schwer hat es Hard Reset Redux, sich heute noch gegen die Konkurrenz zu behaupten. Wer Blade Runner mag und nichts gegen eindimensionales, anspruchsloses Geknalle einzuwenden hat, greift hier sofort zu. Wer nicht, der nicht. So einfach ist das.


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4 Kommentare

  1. SpielerZwei - 29.06.2016 17:44

    Ich fand Hard Reset damals (2011) eigentlich ziemlich gut. Geradlinig, kompromisslos und technisch sauber. Vermutlich ist die Zeit für den Re-release einfach ungünstig, weil es im Moment ein paar andere FPS gibt, die einfach besser sind…

  2. Le Don - 30.06.2016 23:26

    Hard Reset hatte damals sogar mir als Shooter-Muffel ziemlich gut gefallen. Es war ziemlich funky, mit dem blechernen Wummen auf die Metall-Gegner zu rotzen, was mir in ähnlicher Form in Binary Domain gefallen sollte. Aber ich weiß nicht, ob ich mir die Redux-Variante auch nochmal zulegen sollte, weil es gegen Ende in diesem Schrotplatz mit den immer gleichen Gegnern irgendwann etwas lahmte.

  3. Greulich Mannsmann - 07.07.2016 11:13

    Also ich fand‘ den ersten Teil damals auch ganz knorke – und erstaunlich schwer…

    Für kleines Geld hätte ich mir die Redux Version sogar noch zugelegt, aber offensichtlich ist die Grafik bei der Redux Version schlechter(!)

    http://www.gamestar.de/videos/candyland,102/hard-reset-redux,88878.html

    als bei der alten Version. Wohl zu Gunsten der Performance.
    Und bei diesem Punkt bin ich raus. Die Augen ballern mit, sag ich ja immer….

  4. soma - 09.07.2016 22:52

    AAA-mazing underrated follow up of Serious Sam. Böse Bots. Geiler Scheiß!!!

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