Heikos Garage (7): Das lasse ich mir nicht kaputt reden!

Moin! Heiko hier.

Gerd wäre heute fast angefangen zu flennen. Das passiert eigentlich jedes Mal, wenn der Doktor Schröder mit seiner alten Citroën DS Baujahr ’69 in die Werkstatt kommt. Der Schröder hat nämlich eine Philosophie, die mein Altgeselle, selber Besitzer eines extrem gepflegten Strich-Achts von ’69, so gar nicht teilt: Das Auto wird technisch pikobello instand gehalten, aber Schönheitsreparaturen sind Tabu. Dementsprechend hat der Wagen inzwischen auch unzählige Beulen und Schrammen. Ein Anblick, der Gerd immer das Herz bluten lässt, was auch jedermann in seinem gequälten Gesicht ablesen kann; eine Mischung aus Mitleid, Abscheu und Unverständnis.

Dabei ist die Begründung des Herrn Doktor eigentlich sehr faszinierend: „Wir haben eine gemeinsame Geschichte. Ich habe die Göttin 1973 als junger Mann vom ersten Halter gekauft und jede Macke erinnert mich an Dinge, die wir zusammen erlebt haben. Schauen Sie zum Beispiel hier, diese Beule in der Stoßstange hinten rechts: Da ist mir im April 1975 eine junge Schwedin in Stockholm beim Einparken reingefahren. So habe ich meine Frau Klara kennengelernt. Wie könnte ich diese Beule entfernen lassen?!“

Bei allem Verständnis für Gerd und sein blutendes Herz angesichts dieses schrammeligen Kultautos, aber der Schröder ist der coolste Pensionär, den wir in der Kundschaft haben! Findet übrigens auch unser Geselle Justin, der ihn noch als Lehrer aus der Berufsschule kennt. Gerd hingegen verdirbt er mit jedem Werkstattbesuch den ganzen Tag. Gegen Abend, Gerd machte immer noch ein Gesicht, als wäre seine Mutter gerade gestorben, hatte ich das Gefühl, ihn irgendwie aufmuntern zu müssen: „Du und der Schröder, ihr liebt beide alte Autos, nur dass ihr das unterschiedlich angeht. Du willst, dass dein Benz wie aus dem Ei gepellt für die Nachwelt erhalten bleibt, er sieht seinen Citroën dagegen als Zeitzeugen und persönlichen Lebensbegleiter. Das ist doch beides in Ordnung.“ – Gerd schüttelte aber nur den Kopf und räumte weiter sein Werkzeug auf. – „Für den Schröder funktioniert seine DS wie Fallout 4„, mischte sich Justin ein. „Dieses Environmental Dingens, weißte? Da erzählt die untergegangene Welt, all der kaputte, verrostete Kram von Früher die besten Geschichten, nicht die eigentliche Hauptstory.“ – „Environmental Storytelling“, half ich aus. – „Darum ist Fallout 4 auch scheiße“, grummelte Gerd. – „Schnack nich rum!“, lachte ich. „Vor drei Wochen hast du mir noch erzählt, dass ich das unbedingt noch spielen müsse.“ – Nun musste auch Gerd grinsen. Clever, unser Justin. Wenn man Gerd von einer Sache ablenken will, funktioniert nichts besser als Videospiele. – Achtung Gerd! Hinter dir, ein dreiköpfiger Kunde!

„Ok, aber eine richtige Geschichte ist mir trotzdem lieber“, sagte Gerd. – „Klar, mir auch. Dichte Spannungsbögen wie in BioShock bekommste mit den Open-World-Dingern so gut wie nie hin“, meinte Justin. „Aber selbst die Spiele, die das mit dem Erzählen eigentlich ganz cool machen, bekommen von manchen Kritikern noch ordentlich Dresche, weil dann plötzlich absurd hohe Maßstäbe angelegt werden. Auf der einen Seite Pixel-Grafik und ultra-simple Indie-Spiele abfeiern, dann aber so tun, als würde man nur Kafka und Nietzsche lesen …“, plapperte Justin weiter. – Woher kennt Justin eigentlich Kafka und Nietzsche, schoss es mir durch den Kopf. Da war es wieder, dieses Gefühl, den Jungen jahrelang unterschätzt zu haben. Liegt’s vielleicht am Namen? Ich meine, wer nennt sein Kind schon ernsthaft Justin, nech? Aber egal, er hatte Recht.

„Die vergessen einfach, wie Videospiele früher waren und wie viel sich da bis heute schon getan hat“, sagte ich. „Mein Lieblings-Quatsch ist ja die Ludonarrative Dissonanz! Wenn’s sonst nichts zu meckern gibt, kritisiert man Videospiele wieder dafür, was sie sind: Videospiele. Wie vor 30 Jahren …“ – „Äh, was hat das denn jetzt mit Zuhältern zu tun?“, fragte Gerd. – „Ludo, nicht Lude …“, murmelte Justin stirnrunzelnd. – „Weißte noch wie das in den 80ern war, Gerd?“, fragte ich. „Ein paar Zeilen hinten auf der Verpackung. Bestenfalls noch ein paar Zeilen mehr im Handbuch. Das war’s. Im Spiel selber wurde meistens gar nichts erzählt.“ – „Wenn wir damals überhaupt Handbücher oder Verpackungen hatten …“, warf Gerd breit grinsend ein. – „Klar. Ihr hattet ja damals nichts, so kurz nach dem Krieg!“, lachte Justin. – „Nee, mal ernsthaft!“, fuhr ich fort. „Die einzigen Ausnahmen waren Adventures und Rollenspiele. Ansonsten ging’s doch nur um Gameplay, Grafik und Sound. Dass inzwischen Ego-Shooter, 2D-Plattformer und sogar Puzzle-Spiele teilweise richtig gute Stories erzählen, halte ich für eine tolle Entwicklung. Und das lasse ich mir auch nicht von ein paar schlaumeiernden Studentenköppen mit Reich-Ranicki-Komplex kaputt reden.“ – Die Jungs nickten zustimmend.

„Ähm, ich müsste heute mal pünktlich Schluss machen, weil Steffi und ich noch auf ’nen Geburtstag wollen, Chef“, sagte Justin plötzlich und tippte dabei ungeduldig auf seine Uhr. – „Klar“, sagte ich. „Wir machen die Bude für heute zu. Ist schon spät genug.“ – Als Justin gerade gefahren war und ich die Halle abschließen wollte, sah ich Gerd um den Citroën herumschleichen.
„Hey Gerd! Sach mal, spinnst du? Weg mit dem Lackstift!“ – „Aber das fängt doch an zu rosten …“ – „Nix da! Mach Feierabend.“ – „Nur die eine Stelle. Das merkt der Schröder doch gar nicht.“ – „Nein! In meiner Werkstatt wird keine Geschichtsfälschung betrieben, Gerd“, lachte ich. „Und? Immer noch schlecht drauf?“ – „Geht so. Ist ja nicht nur die DS. Ich hab heute Nacht total schlecht geschlafen und geträumt, dass ich dir und Justin den Kopf mit der Schrotflinte wegballern musste …“ – „Ach?“, sagte ich erstaunt. – „Ja, weil ihr Zombies wart.“ – „Na, da mach dir mal keine Sorgen. In dem Fall hätten wir das Gleiche auch für dich getan“, meinte ich und klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken. „Mach Feierabend, Gerd. Und heute vielleicht mal keine Videospiele vor dem Schlafengehen, nech.“

Ich und Justin als Zombies in der Werkstatt? Was ist das denn für ’ne bekloppte Geschichte? Kannste dir nich ausdenken, sowas …
Munter bleiben!

 

Heiko ist ein selbstständiger KFZ-Meister irgendwo im Emsland. Ausgedacht hat ihn sich SpielerZwei für seine Kolumne “Heikos Garage” in der WASD. Dieser Text wurde im Februar 2016 für die 9. WASD-Ausgabe mit dem Heft-Thema “Über das Geschichtenerzählen in Computerspielen” geschrieben. (Mit Dank an Markus Weissenhorn für das schicke Artwork!)


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