Halb Roboter, halb Pussy

Das „neue“ Doom ist eigentlich kranker Scheiß. Wer komplett unbefleckt von der Videospielgeschichte mit seinen eigenwilligen Regeln und moralischen Grenzen auf dieses Machwerk blickt, könnte jeden, der diesen perversen Kram mag, für nicht ganz sauber in der Birne halten. Für die anderen ist Doom ein Ego-Shooter, der in seiner Retro-Geradlinigkeit den Veteranen geradezu Tränen der Rührung in die Augen treibt. Endlich wieder richtig fein Köppe wegblasen! Und das beinahe ohne Story, gänzlich ohne moralischen Ballast und mit einem Augenzwinkern garniert. Ist ja nur Spaß. Und nur ein Spiel, natürlich. Für kranken Scheiß halten die meisten Videospielfreunde dagegen übrigens – völlig nachvollziehbar, aber aus anderen Gründen – diverse Verfilmungen von Spielen. Da ist es doch aufregender und zugleich authentischer, direkt einen Film zu drehen, der mit den Waffen der Videospiele selbige in den Schatten stellt. Und bei dem auch ganz fein Köppe vom Körper geblasen werden.

Hardcore Henry ist ein Film mit Games-Anleihen, der keinem konkreten Original folgt. Aber ein Film, dem bitte ganz schnell ein Spiel folgen sollte. Denn Hardcore Henry ist nicht ein Streifen über Ego-Shooter, sondern es ist ein Ego-Shooter. Faszinierend, nicht wahr? Und zwar nicht nur, weil der komplette Film in der Ich-Perspektive gedreht wurde – sondern sich auch typischen Gameplay-Elemente aus Ego-Shootern bedient. Da ist der (hier gefühlt unendlich respawnende) Buddy, der unserem Helden auf die Sprünge hilft, der Look des Bösewichts, der frontale Humor, die Locations, die Ragdoll-Effekte, die Finishing-Moves – man kennt das alles. Aber es ist trotzdem neu. Weil all das noch nie konsequent 1-1 und dabei sehr, sehr detailgetreu in einem Film umgesetzt wurde.

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Wie es scheint, stammen bei der amerikanisch-russischen Produktion die Finanzierung aus den USA und der kernige Rest aus Russland. Zumindest beim Love-Interest-Ding hätte Hollywood in der ersten halben Stunde mehr Wert auf (Pseudo-)Romantik gelegt. Und auf Ruhepausen. Die gibt es in Hardcore Henry nämlich nicht. Es geht direkt zur Sache. Der aus dem Koma erwachende Halb-Cyborg Henry jagt seiner eigenen Vergangenheit und seiner Liebe hinterher – und begegnet dabei allerlei bösen Menschen, Cyborgs und anderen Halb-Cyborgs. Und diese Konfrontationen verlaufen recht derbe und heftig und genau hier ist wieder der Punkt, der auch für den Videospiel-Ego-Shooter gilt: Das ist eigentlich kranker Scheiß.

Henry hat eine Vorliebe für den Nahkampf (inklusive den erwähnten Finishing-Moves), weiß aber auch mit Granaten umzugehen. Damit unterscheidet sich Henry signifikant von meinem Spielstil. Im Multiplayer weiß ich grundsätzlich nicht wirklich zu überzeugen, muss ich gestehen. Distanz ist eher mein Ding. Ein bisschen snipern, vielleicht noch ein wenig mit dem Sturmgewehr ballern und schön schleichen. Alles Kinderkram für Henry. Wobei er trotz seiner Brachialität auf die anderen Cyborgs eher soft wirkt. Auf der Suche nach einer neuen Batterie, dem Herzen der Halb-Cyborgs, beleidigt ihn beispielsweise ein Artgenosse – siehe Überschrift dieses Beitrags – und natürlich muss der dafür bezahlen. Batterie weg. Und alles andere, was so zum Körper gehört, eigentlich auch.

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Was Hardcore Henry als Teil der Videospielgeschichte ganz besonders auszeichnet, ist der finale Bosskampf. DAS Spiel will ich sehen, dass es in dieser Disziplin mit Hardcore Henry aufnehmen kann. Und das in jeder Beziehung, denn auch das „Gameplay“ bietet größtmögliche Abwechslung. Erst wird gesnipert, dann ein bisschen geklettert, die Shotgun und der Granatenwerfer eingesetzt und massiv mit Handgranaten hantiert. Beim Boss selbst ist Nahkampf gefragt und beendet wird das Ganze mit einem richtig guten (und bitterbösen) Gag.

Eine runde Sache also, könnte man meinen. Aber nur für jene, die eine gewisse Toleranz für Ego-Shooter mitbringen und alles andere als zartbesaitet sind. Und wie es sich gehört, ist die Story auch nicht viel besser als in Videospiel-Ego-Shootern. Aber zumindest halbwegs nachvollziehbar und daran scheitern 99,9 Prozent aller Call of Dutys. Hardcore Henry dagegen ist ein waghalsiger B-Movie, dessen technische Brillanz unter all der Brutalität und des derben Humors unterzugehen scheint. Die längeren Verfolgungsjagden sind kleine, amüsante wie atemberaubende Kunstwerke für sich und die vertikalen Kampfszenen erst recht. Wobei: Man kann dem Henry-Darsteller/Stuntman nur wünschen, dass die Action-Sequenzen im ersten Take gelangen. Armer Kerl.


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9 Kommentare

  1. Urs - 06.11.2016 13:19

    Spitze! Dein Text hat mich gewaltgeilen Perversen derart angesprochen, da habe ich mir den Film doch gleich mal bestellt. Selbstverständlich in der UK-Version, hierzulande nennt sich der Streifen ja schlicht „Hardcore“. Und das ist irgendwie nur halb so lustig.

  2. Jens - 06.11.2016 14:24

    Also wenn das so bei dir ist, dann sollte dir Hardcore Henry verdammt gut gefallen…. ;-) Bei mir wirkt der Streifen nach, er gewinnt mit dem Blick zurück zusätzlich an Reputation, sozusagen.
    Nur „Hardcore“ als Titel ist öde. Der Film wurde eh nicht gut verkauft. Leider.

  3. SpielerZwei - 06.11.2016 17:28

    Ich fand den auch ziemlich klasse! Scheint aber bei der üblichen Filmkritik nicht besonders gut wegzukommen, weil man zwar erkennt, dass hier das Videospiel-Genre „FPS“ Vorbild war, aber nicht wie großartig das Ganze 1 zu 1 auf den Punkt gebracht wurde. Es ist ja nicht nur die Kameraperspektive: Man erkennt als Videospieler wirklich in jeder einzelnen Szene die Videospiel-Entsprechung wieder. Inklusive der absurden Handlung und der einfach gestrickten Dialoge.
    Der Film ist echt Gold wert!

  4. Jens - 06.11.2016 18:36

    Möglicherweise würden die epischen Cutscenes von Koijima von echten Film-Experten auch kompetenter beurteilt als von der Spielekritik-Mischpoke. Es sind zwei verschiedene Welten und bei Hardcore Henry wird dann noch die ganz harte FPS-Kiste aufgemacht. Das kann ja kaum gutgehen mit den lieben Filmkritikern.

    Erfreulicherweise kommt Hardcore Henry ohne die kulturell wertvolle „Spiegel-vorhalten“-Attitüde aus, sondern wurde frontal aus der FPS-Fan und -Expertenperspektive erschaffen. Das ist so genial… seltsam, dass es zuvor noch niemand versucht hat.

  5. SpielerZwei - 06.11.2016 23:07

    GAMER ging in die Richtung. Hatte aber besagten Spiegel dabei.

  6. Urs - 09.11.2016 22:16

    Gamer gefällt mir ja ebenfalls total gut. Und damit bin ich ziemlich alleine auf der Welt, wie es scheint.

  7. maracuja - 18.11.2016 20:36

    Hier ich, ich fand‘ den auch recht ruffi!

  8. SpielerZwei - 19.11.2016 16:58

    Dieses Musikvideo ist auch vom Hardcore Henry-Regisseur:
    https://www.youtube.com/watch?v=CW5oGRx9CLM

  9. Jens - 19.11.2016 17:48

    Am Anfang hat es ein bisschen was von Payday. Jedenfalls ist das Video genauso krank wie Hardcore Henry. ;-)

    Störend ist da eigentlich nur der Sound. Ansonsten aber saubere Arbeit! :-)

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