War… war has become lame

Es müsste 2008 gewesen sein. Oder doch 2009? Ich erinnere mich nicht mehr so genau. Ich wohnte für drei Jahre in Aachen und kam zu Besuch nach Hause. Bei dem Media Markt in meiner Nähe fiel mir ein großer Pappständer mit vielen Exemplaren eines Spiels auf. Auf dem Cover war lediglich ein Soldat und ich dachte mir, das muss einer dieser Military-Shooter sein, für die ich mich nie so richtig interessiert habe. Aber warum ist das Spiel so präsent? Ist das momentan nach Tony Hawk, Plastik-Gitarren und etlichen anderen Trends der neue Shit? Haben Leute Bock darauf?

Ich konnte mich nicht für Shooter mit „realem“ Kriegs-Szenario erwärmen. Ich erinnere mich an Medal of Honor: Frontlines, welches ich durch meinen Schwager kannte und mich nicht so reizen konnte, wie Turok, Perfect Dark oder TimeSplitters – jaja, zu der Zeit hatte ich noch sehr viel Spaß an Ego Shootern. Von daher habe ich die Military Shooter wie Sport- oder Rennspiele nicht wirklich wahrgenommen und sie schienen auch nie die ganz großen Massen bewegt zu haben, wie es u.a. GTA, Resident Evil oder Tomb Raider taten. Und dann stand da doch dieser Papp-Soldat. CoD wurde groß und sollte einen großen Einfluss auf viele andere Spiele haben. Ego Shooter wurden grauer und brauner, das Waffen-Set ähnelte sich immer mehr und bestand vorwiegend aus Schnellfeuerwaffen, Auto Healing wurde populärer und nach dem grandiosen Crysis wurden Spiele nicht offener, sondern linearer. Es gab Spieler, die die Reihe als Quatsch abtaten, da sie jährlich denselben, stupiden Scheiß auf den Markt werfen würde, und dann gab es auch Spieler, die den jährlichen, stupiden Scheiß gekauft haben, denn von irgendwo mussten die ständigen Verkaufsrekorde ja herkommen.

Und dann war da nicht nur dieser Papp-Soldat, sondern die Reihe wurde noch präsenter, weil es diese No Russian-Mission gab, über die jeder geredet hat. Sollte ich vielleicht doch mal einen Blick rein werfen und gucken, was Sache ist? Nee, lass mal. Obwohl jedes Jahr zum Release eines neuen Ablegers die Diskussion, ob diese Spiele wirklich geiler Scheiß oder einfach nur mieser Müll sind, wieder aufkam, habe ich mich bisher immer ausgeschlossen. Bis Steam mit einem seiner tödlichen Sales um die Ecke kam und ich mich doch noch entschlossen habe, den populären Modern Warfare 1 und 2 eine Chance zu geben. Immerhin wusste ich, dass sie relative kurz sein sollen (es wurden auch nur 6 und 4 Stunden) und immerhin das lasse ich mit meiner 40 Stunden-Arbeitswoche als schönes Feature durchgehen – wenn auch nicht unbedingt für jeweils 60€. Anhand der vielen Stimmen und Meinungen zu den Spielen wollte ich einfach nur stumpfe, platte, aber dafür geile Aktion erwarten. Das sollte mein kleines Experiment sein.

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Modern Warfare 1 beginnt mit der Infiltration eines feindlichen Tankers. Keine Angst, die KI-Kameraden nehmen mir jegliche Arbeit ab und lassen nichts übrig, was mich überfordern könnte. Ich darf brav nebenher spazieren, zugucken und mich an meinen zarten Patschhändchen führen lassen. Gegnerische Soldaten liegen schlafend in ihren Kojen und während andere sich fragen mögen, ob es richtig wäre sie im Schlaf zu meucheln, nehmen mir meine KI-Kameraden das Denken ab und mähen drauf los – who cares? Am Ende gibt es viel Krachbumm, der Bildschirm wackelt, ich langweile mich, wie ich es mittlerweile auch in anderen Spielen in solchen Passagen mache und meine KI-Kameraden geben mir weiterhin nichts zu tun.

Oh, Boy, es sollte nicht besser werden. Als ich einen ganz intensiven Blick auf eine virtuelle Wand warf, weil mich die Bleedcam dazu zwang nach wenigen Treffern in Deckung zu torkeln, dachte ich sehnsüchtig an die SNES-Fassug von Doom, in der ich zu At Doom’s Gate durch die Level düste und Feuerbällen von irgendwelchen coolen Monster-Dudes auswich oder an die blitzschnellen Gefechte eines Unreal Tournaments, während ich im Hier und Jetzt eine gefühlte Ewigkeit darauf warte, dass mein CoD-Pappsoldat wieder geheilt ist. Dann zurück in die Schlacht, mit gnadenloser Präzision die Feinde aufs Korn nehmen und dann doch wieder nach drei Treffern hinter der virtuellen Deckung hocken. Stellt sich heraus, dass ich ohnehin meine Zeit verschwende die Gegner auf der linken Flanke zu beschießen und stattdessen rechts zum Panzer laufen muss, damit das Skript den Level weiterführt. Verwunderung macht sich bei mir breit und die Frage, wie Modern Warfare so und vor allem als Action-Fest einschlagen konnte, während ich den Großteil hinter der Deckung campe, kurz ein paar Schüsse abgebe und wieder warten muss.

Wie ich dabei auch die Bleedcam zu hassen gelernt habe. Ich weiß nicht, ob es dieses Feature schon vor Modern Warfare gab, aber ich denke, dass es durch diese Spielreihe populär wurde und ich ihr deswegen undankbar sein kann. Ich verstehe prinzipiell schon nicht, wieso man den Spielern durch übertriebene Bleed- oder Schwarz-/Weiß-Effekte die Sicht erschweren sollte, wenn er kurz vor dem Spieletod ist und man ihm damit das Spiel noch schwerer macht. Bei Super Mario World kommt der Miyamoto auch nicht aus dem Bildschirm, um mir bei jedem Sprung seine Hand vor meinem Gesicht zu halten. Modern Warfare macht sich jedenfalls nicht nur den Spaß, meinen Heini in Uniform zu blenden, sondern verzieht auch noch meine Waffe, damit ich auch wirklich die Orientierung verliere. Ich komme mir mitten im Schlachtfeld wie ein gemeiner Trunkenbold vor, der blind durch die Gegend taumelt, während mich die üblen Nachbarschaftskinder mit Steinen bewerfen, damit ich stolpere und mit einem Schädeltrauma im Krankenhaus lande.

Gespannt war ich auf das Tschernobyl-Level – von dem mit der tollen Atmosphäre hört man ja so viel. Tatsächlich staunte ich nicht schlecht, als ein Kamerad im Tarnanzug im Gras lag und ich diesen Motherfucker nicht sehen konnte, bis er aufstand und mit mir Richtung Einsatzziel marschierte. Es folgte ein Schleich-Abschnitt und ich saß in meinem Stuhl und rief Yay! – könnte man meinen, wenn CoD nicht so furchtbar CoD wäre und das Schleichen kein Schleichen nach ganz genauer Anweisung wäre. „Schalte den Feind auf mein Kommando aus“, „Gehe dorthin“, „Warte auf mein Kommando“, „Ich nehme den rechten“, „Gehe jetzt dorthin.“ Hier hält Modern Warfare den Spieler entweder für besonders blöd oder geht auf Nummer sicher und hält den Spieler konstant an der Hand, damit er auch ja nichts falsch macht. Modern Warfare ist eben ganz seichte Unterhaltung, ohne groß nachdenken zu müssen. Erinnerungen an den Schiffs-Level kommen auf. Die Sniper-Einlage im Tschernobyl-Level war dann ganz nett, aber der Rest bleibt öde. Es ist ein sehr ruhiger Level und ich weiß es zu schätzen, wenn sich die Entwickler mit der Action zurückhalten. Prinzipiell ist der Tschernobyl-Level auch ein toller Schauplatz, den man locker als Ghost Town aufbauen kann. Leider wirkt der Abschnitt nicht verlassen, sondern einfach nur leer. Vielleicht liegt das daran, dass man dort zu wenig Zeit verbringt und inszenatorisch auch nichts passiert – Stimmung können die Jungs dann wiederum doch nicht.

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Gefallen hat mir dann aber doch, wie ich mit meinem Kameraden im Tarnanzug durch einen feindlichen Konvoi aus Soldaten und Panzern im Gras kriechen musste. Da hat mir Modern Warfare am besten gefallen, weil ich mich in einer völlig unterlegenen Situation befand. Gegen diese Übermacht habe ich im direkten Kampf keine Chance und sie sind nur wenige Zentimeter davon entfernt, mich zu entdecken. Es sollte aber auch der einzige Moment dieser Art im Spiel bleiben, denn ansonsten spielt man weiterhin die Vertreter des mächtigen Westens, der die bösen Terroristen mit der neuesten, geilen Technologie in die nächste Steinzeit bombt oder mal eben ein ganzes feindliches Nest durch Kampfjets ausräuchert. Bis dahin war mir Modern Warfare eigentlich auch egal. Soweit ist es nur ein belangloser Shooter, der für einen maßlos übertriebenen Hype gesorgt hatte – es wäre ja nicht das erste Mal – und über den ich mich auch nicht weiter ärgern müsste. Aber dann reißen meine Kameraden die Gewehre in die Luft und rufen „Mann, ist das geil!“ und mir wird ganz anders. Nein, das ist nicht geil – in einem Kriegsszenario vielleicht notwendig, aber nicht geil und wieso schien dies kaum Jemand zu hinterfragen, aber als geiles Action-Fest gesehen zu haben? Das Militär zerbombt Menschen und dir wird mitten ins Gesicht gesagt, wie geil das doch ist.

Da wird mir dann etwas bewusst. Das ist ein Spiel für Idioten.

Daran ändert auch die pseudo Antikriegs-Message durch die Detonation einer Atombombe nichts, durch die einer meiner virtuellen Avatare, Paul Jackson, ins Gras beißt. Keine Ahnung, wer Jackson war oder wie er überhaupt aussah. Man spielt nicht nur einen, sondern mehrere Protagonisten, die alle zum stummen Männlein werden, damit sie keine Persönlichkeiten oder Charakter-Hintergründe haben und austauschbar bleiben. Gordon Freeman und Corvo Attano lassen grüßen, aber für die hat man sich immerhin interessiert, weil man sie über das ganze Spiel gesteuert hat. Modern Warfare ist jedenfalls das Anti-Kriegsspektakel, weil ein böser Russe und ein böser Araber (also die Klischee-Bösewichter aus den 80ern und frühen 2000ern) eine Atombombe auf meinen Nobody werfen. Der Westen wird zum armen Opfer ernannt, die Terroristen sind die Bösen und die Lösung gegen diese bösen Buben bleibt natürlich das Militär mit seinem geilen Scheiß. Zum Abschluss unterstreichen wir das Ganze in den Credits mit einem fetten Rap-Song. Laut Lead Animator Grigsby, der da am Mic rappt, ist der Song „a send-up, a tribute to his team and a celebration of that press-conference ad lib that got the whole team rolling.“ Ja, Krieg ist scheiße. Bestimmt. Vielleicht.

In The making of Call of Duty 4: Modern Warfare beschreiben der Lead Designer Zied Rieke und Technical Art Director Michael Boon „Kids over the world grow up fantasizing about being a soldier, and we aimed to let adults live out their childhood fantasies.“ Das ist Modern Warfare. Es ist kein Antikriegs-Werk. Es ist das Gaming-Äquivalent zu Kindern, die im Sandkasten mit Stöcken als imaginäre Gewehre Krieg spielen und dies mit der Ernsthaftigkeit von pubertierenden Teenagern machen, lediglich für Erwachsene.

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Puh, Teil 1 war scheiße, aber Modern Warfare 2 empfand ich dann nicht mehr ganz so schlimm, weil sich dieser Macho-Mist nicht mehr so aufdrängte und die Bleed-Cam auch nicht mehr so penetrant nervte, wobei wir hier nun zu der erwähnten No Russian-Mission kommen. Man konnte sich der Diskussion schwerlich entziehen und ich war damals neugierig, wie ich wohl selber beim Spielen reagieren würde. Die Hauptidee hinter der Mission finde ich eigentlich auch nicht verkehrt. Ja, die Entwickler hätten den Spieler in die Rolle eines Zivilisten stecken können, aber dann hätten sie sich wieder nur allerhand Klischees bedient und man hätte auch wieder das Problem, dass die bösen wieder die „Anderen“ sind und es immer die „Anderen“ sind, die die bösen Dinge tun. Aber das sollte nicht die Message sein, die man erzählen wollte. Die Bösen sind nämlich nicht immer die Anderen und es ist nicht immer alles schön, was auf beiden Seiten passiert. Spec Ops – The Line hatte das verstanden. Ach, Spec Ops – im Nachhinein bin ich überrascht, wie wichtig das Spiel war, denn ich dachte, was Spec Ops versucht zu erzählen, sei eigentlich selbstverständlich.

Die Mission an sich ging mir dann jedenfalls am Arsch vorbei. Ich habe zuvor viele Stunden damit verbracht, schwächere Feinde in ihrer ADIDAS-Sportkleidung abzuknallen, die gegen meine Kampfbomber und Soldaten in voller Montur in die Schlacht zogen. Was das für Leute sind? Ob es nur einfache Terroristen sind? Ob sie sich, wie meine Leute, im Recht sehen? Ob ihnen der Westen ihre Häuser und Familien zerbombt hat? Waren das vielleicht auch nur ehemalige Zivilisten? Was ist eigentlich mit den Zivilisten? Ich weiß es nicht und Modern Warfare interessiert sich auch nicht für solche Fragen. Das sind halt die Bösen und nach vielen Stunden Spielzeit sind sie nur noch entmenschlichtes Kanonenfutter. Call of Duty hat mir nicht nur in spielerischer Hinsicht das Denken abgewöhnt, auch die Leute im Flughafen sind mir mittlerweile egal.

Letztes Jahr zum Release von Bloodborne war ich wieder in dem eingangs erwähnten Media Markt. Bloodborne war nicht mehr vorrätig, aber da ein Freund aus Schulzeiten dort in der Spieleabteilung arbeitet, habe ich ein wenig mit ihm geplaudert. Während er dabei einige Kunden beraten hatte, merkte ich, dass ich seinen Job niemals machen könnte. Wenn man in den Blogger-Kreisen unterwegs ist, dann ist man irgendwie „unter sich“ und man vergisst gerne die graue Masse. Irgendwie muss das jährliche Release ja rentabel sein. – „Ist denn schon das neue FIFA da?“ „Habt ihr noch etwas Ähnliches wie [CoD Teil irgendwas]? Das war schon ziemlich geil, aber Battlefield mochte ich nicht so.“ „Dieses Evil Within, ist das gut?“ – Ich könnte vor diesen Menschen mit meinen Indie-Spielen und dem Geschwätz von Immersive Sims einpacken, wenn ich nicht vorher die Nerven verlieren würde. „Hey, möchten Sie vielleicht Spec Ops – The Line mal ausprobieren?“ wären Worte, die ich mich nicht trauen würde zu fragen. Nach vielen Jahren und einer halben Stunde im Media Markt habe ich begriffen, wieso dieser Papp-Kamerad so prominent ausgestellt war.


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