Alter Wein in neuen Schläuchen

Auch wenn wir bei unseren Kritiken für Polyneux in jeder Beziehung zielsicher auf Qualität setzen und nicht wie die Top-Profis von Gamestar (haha) und Co. eine Review nach der anderen rausfeuern (müssen), sind auch wir nicht frei von äußeren Zwängen. Wer über Videospiele schreibt, muss Videospiele spielen und zwar nicht nur das eine immer gleiche, sondern recht viele. Was zumindest bei mir in den letzten Jahren darüber verloren ging, ist die langjährige Treue einem einzigen Spiel gegenüber. The Elder Scrolls: Oblivion habe ich damals drei Mal hintereinander komplett durchgespielt und hatte in dieser Zeit kein Auge für andere Spiele. Heute ist das nicht mehr so. Während ich Spiel A spiele, schaue ich schon in Richtung Spiel B, das in einigen Wochen oder gar Tagen erscheint. Ein leidenschaftlicher und treuer „Fan“ eines Videospiels zu sein, ist mir so kaum noch möglich.

Das geht so seit einigen Jahren und bis vor wenigen Tagen. Da erschien Resident Evil 7, das ich bislang nur in der VR-Version spiele. Es mag seltsam klingen, weil Resident Evil 7 kein „schönes“ Spiel ist, das positive Emotionen weckt, aber trotzdem habe ich mich ein Stück weit darin verliebt. Romantik geht anders, ich weiß, aber so ist es nun mal. Mich erinnert diese Zuneigung an das erste Mal, als ich Haruki Murakamis „Der Aufziehvogel“ gelesen habe. Das ist ein paar Jahre her. „Der Aufziehvogel“ ist ein dicker Schinken, von dem ich dennoch hoffte, dass ich ihn nicht zu schnell durchlesen werde. Habe ich aber. Und kurze Zeit später ein weiteres Mal. Bei Resident Evil 7 wird es ähnlich sein: Die VR-Version werde ich versuchen zu genießen und die „normale“ Version anschließend wahrscheinlich direkt knallhart durchsuchten.

Dass Resident Evil 7 in der VR-Version ganz hervorragend funktioniert und – zumindest für meinen Geschmack – das VR-Zeitalter so richtig einläutet, ist nicht der einzige Grund für meine Leidenschaft. Und wahrscheinlich auch nicht der entscheidende. Ich glaube, es liegt daran, dass Resident Evil 7 ein Spiel mit starkem Charakter ist, eines, das Haltung beweist in allerbestem Sinne. Woran ich das festmache: Das Spiel ist eigentlich nur ein hervorragend designter Level. Heutzutage ist es schon ungewohnt, in einem AAA-Videospiel nicht um die halbe Welt oder gar durch die komplette Galaxie zu reisen. In Resident Evil 7 gibt es nur das abgefuckte Hinterwäldler-Haus, bzw. Grundstück. Nur wer selbstsicher um seine Qualität weiß, geht im Jahr 2017 ein solches Risiko ein.

Dass die Welt mitsamt der kompletten Menschheit mal nicht vor einer Virusinfektion gerettet werden muss, empfand ich übrigens als sehr angenehm. Aus dem Haus zu fliehen – was das Ziel in Resident Evil 7 ist – erscheint zuerst so dermaßen schlicht, dass ich es kaum für möglich gehalten habe. Anfangs glaubte ich noch, dass das Haus nur der Tutorial-Level ist. So kann man sich irren. Eine weitere geniale Entscheidung ist es auch, der Hintergrund-Story nur einen ganz geringen Raum einzuräumen. So erspart man sich manche unglaubwürdige Wendung im Spiel und kann sich voll auf das Wesentliche konzentrieren. Der Flucht aus dem Haus.

Und dabei wird dem Spieler mächtig Angst eingejagt. Das klingt nicht sehr ausgefeilt. Ist es aber trotzdem, denn in Resident Evil 7 bilden das Leveldesign, der fantastische Sound, die Dialoge und die extrem spannenden Momente, in denen „was passiert“ (und beinahe mehr noch die Passagen, in denen vordergründig „nichts passiert“) eine derart intensive Einheit, dass ich schauen muss, dass mit mir nicht die Gäule durchgehen. Beispiel: Der Keller. Viel beklemmender geht es nicht. Enge Gänge, Schleim an den Wänden, glitschiger Sound. Das Gefühl, die Übersicht zu haben und „sicher“ zu sein, stellt sich bei mir einfach nicht ein – auch wenn ich davon ausgehen kann, dass ich eigentlich alle Mutantenviecher erledigt habe. Aber es wirkt auf mich so, als könnte da trotzdem jede Sekunde wieder etwas Unschönes passieren. Wer weiß das schon. Und wenn die Munition mal wieder rar ist, steigt eh der Adrenalinspiegel.

Begeistert bin ich auch von meinen Gastgebern. Hier gelang Capcom der perfekte Mittelweg aus angsteinflößenden, wahnsinnigen Charakteren und einem leichten Augenzwinkern. In der Sequenz, in der man mit der kompletten Horror-Sippe am Tisch zum Abendessen sitzt, konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich jetzt Schiss kriegen sollte oder lachen muss. Mal abgesehen davon, dass die VR-Variante die Immersion ins kaum Erträgliche schießt (im allerbesten Sinne), macht es auch Freude, sich mal „virtuell, aber trotzdem plastisch“ in solchen Kreisen zu bewegen. Das ist mir sonst im wahren Leben nicht vergönnt.

VR muss man selbst erleben, um es fassen zu können und ich tue mich – wie man vielleicht bemerken kann – schwer, diese außerordentlich intensive Spielerfahrung in Worte zu fassen. Es macht (wahrscheinlich) einen großen Unterschied, ob man sich „selbst“ in VR im Haus bewegt oder klassisch durch das Haus läuft. Klaustrophobie oder das Gefühl von Gefahr in Verzug und erst recht die konkrete Bedrohung in Form eines „tatsächlich“ axtschwingenden Mutanten-Hinterwäldlers werden durch VR – zumindest für mich – in ihrer Wirkung bis nah an meine Schmerzgrenze herangeführt.

Wunderbar ist die interaktive Dimension. Sich beispielsweise vor der Hausherrin in dem spielbaren Video zu verstecken, war eine ganz besondere Erfahrung. Mal kurz aus der Deckung heraus zu linsen, ist in VR weitaus dramatischer als in „normaler“ Perspektive. Ich nahm es übrigens auch persönlicher, wenn ich entdeckt und in der Luft zerrissen wurde als sonst. Übrigens würde Alien: Isolation ein VR-Modus besonders gut zu Gesicht stehen, fällt mir da gerade ein, aber daraus dürfte wohl nichts werden. Schade.

Als amüsant empfinde ich es, wenn ich im Spiel schwer verletzt werde. Das klingt ein wenig seltsam, nicht wahr? Was ich damit meine: Die Manipulation von Körper und Geist kann sehr erheiternd sein. Beispiel: Der Verlust meiner linken Hand. Als sie blitzsauber abgetrennt wurde, erwartete alles in mir für eine Sekunde einen unerträglich starken Schmerz. Da kam aber nichts, natürlich, und da die Szene trashig präsentiert wurde, konnte ich schnell umschalten und für einen kurzen Moment meinen Stummel bewundern, was zugegebener Maßen eine abseitige, aber auch komische Situation war. Faszinierend, oder? Na ja, wie gesagt, VR muss man selbst erleben.

Packt man das alles zusammen, kommt dabei am Ende ein von Old School-Geist und Resident Evil-Tradition getragenes Horrorfestival auf allerhöchstem Niveau heraus, dass in seiner Kompromisslosigkeit (in Zeiten der AAA-Beliebigkeit) ein ganz starkes Stück ist, sozusagen. Die verringerte Auflösung im VR-Modus tut sein Übriges dazu und stellt sich eher als stimmig denn als störend heraus. Meiner Meinung nach zumindest. Könnte ich Resident Evil 7 umarmen, ich würde es tun. Ganz doll. Außerdem: Resident Evil 7 ist tatsächlich ein Videospiel, bei dem es nichts zu meckern gibt.

P.S.: Sowas sagt natürlich nur ein „Fan“, der all die fürchterlichen Probleme anderer Spieler nicht ernst nimmt und sich eins macht mit einem Videospiel. Naiv, ne? Aber es stimmt. Beinahe. Denn bei allem Perfektionismus, der im VR-Modus von Resident Evil 7 steckt, gibt es dennoch kleine Störfeuer. Mir sind die aber wuppe und ich ärgere mich mehr über die Leute, die nicht auf freischwebende Hände klarkommen und meinen, sich darüber echauffieren zu müssen als über die Mini-Hemmnisse an sich. Aus meiner unreflektierten Position heraus sage ich klipp und klar: Wer wegen sowas rumheult, rafft das ganze Spiel nicht und/oder ist ein unsympathischer Wichtigtuer. Die wenigen kurzen Momente, die aus diesem fantastischen VR-Erlebnis herausreißen, sind meiner Meinung nach komplett nicht der Rede wert. Das gilt auch für die Zwischensequenzen, die man nur im Cinema-Modus schauen kann. Ja, stimmt, eine elegante Lösung sieht anders aus, aber…es sind Zwischensequenzen, Herrgott nochmal, und da wir nicht bei Metal Gear sind, weiß ich nicht, was daran so schrecklich schlimm sein soll.

Die große Krise bekomme ich ganz allgemein bei Leuten, die meinen, dass ihre persönlichen Befindlichkeiten zwingend auf die komplette Menschheit zu übertragen sind und das auch als völlig natürlich und selbstverständlich erachten. Was für das Leben da draußen gilt, macht nicht vor Spielejournalisten halt: Nur weil dem Herrn Kritiker und der Frau Kritikerin im VR-Modus übel wurde, heißt das nicht, dass der VR-Modus in Resident Evil 7 allen Menschen auf dieser Welt auf den Magen schlägt. Aber es kommt natürlich dramatischer rüber, wenn man dafür dem Spiel direkt mal einen Minuspunkt gibt. Ich kann schon verstehen, dass die Steuerung des Blickfelds mit dem rechten Stick – die nicht glatt, sondern ruckartig verläuft – zu Problemen führen kann. KANN. Nicht MUSS, liebe Leute.

Auch die PSVR-Kamera ist ganz fürchterlich und muss unbedingt an den Pranger gestellt werden. Ja, es ist mir auch passiert, das ich leider gerade in den besonders wichtigen Action-Momenten auf meinem Drehstuhl aus dem Kamerawinkel heraus rollte und in dieser entscheidenden Sekunde mich nicht dagegen wehren konnte, dass mir die Gedärme aus dem Körper gerissen wurden. Das ist unschön, zugegebener Maßen. Aber auch nicht schrecklicher und beklagenswerter als die Momente, in denen ich rumgeträumt habe, zu sehr vor Schreck zusammenzuckte oder einfach scheiße gespielt habe und deswegen auch die Gedärme aus dem Körper gerissen bekam. Dann geht´s halt wieder von Neuem los beim letzten Speicherpunkt. Drama, ne?


Tags: , , , ,  

3 Kommentare

  1. Missingno. - 30.01.2017 16:15

    Übrigens würde Alien: Isolation ein VR-Modus besonders gut zu Gesicht stehen, fällt mir da gerade ein, aber daraus dürfte wohl nichts werden.

    How to Enable Oculus Rift Mode in Alien: Isolation
    (Ja, frickeln am PC, juheh!)

  2. Jens - 30.01.2017 18:01

    Jetzt noch eine Anleitung für PSVR und ich wäre glücklich! ;-)

  3. Pingback: „Welcome to the Family, Son“ | Polyneux

Hinterlasse einen Kommentar