Spielen jenseits der Komfortzone

Team Ninja sind seit Mitte der 90er im Wesentlichen für zwei Serien bekannt: Dead or Alive und Ninja Gaiden. Und abgesehen von einigen obskuren Ausflügen in andere Genres, wie z.B. Metroid: Other M, Hyrule Warriors und den Möpse-Simulatoren Dead or Alive Xtreme, stehen sie damit für die geballte Kompetenz in Sachen kack-schwere Hack-And-Slash-Brawler und Fighting Games. Mit Nioh liefern sie nun ein interessantes Experiment ab, denn sie verbinden das Hardcore-Gameplay ihrer Ninja Gaiden-Spiele mit dem einer anderen Hardcore-Serie: Den Souls-Spielen von From Software. Und damit steht auch gleich die Kernzielgruppe Niohs fest: Spieler mit unmenschlicher Geduld und extrem hoher Frusttoleranz.

Um das gleich mal klarzustellen: Ich gehöre nicht zu dieser Zielgruppe. Von der Ninja Gaiden-Reihe habe ich zwei oder drei Teile angezockt, aber nie beendet. Tolle Spiele, aber mir persönlich zu anstrengend. Gleiches gilt für die Souls-Reihe. Ich habe etwa 35 Stunden in Dark Souls 2 versenkt und dann aufgehört. Ich finde die Souls-Spiele echt faszinierend, aber um mich so hineinzuknien, wie es die Spiele von einem verlangen, fehlt mir dann auf Dauer doch die nötige Motivation und Geduld – Warum ich mir dann überhaupt so ein Spiel wie Nioh vornehme, fragt Ihr? Ich hatte einfach Bock drauf, mich aus meiner persönlichen Videospiel-Komfortzone heraus zu bewegen; auch auf die Gefahr hin, bitterlich an dem Spiel zu scheitern…

Aber entgegen meiner anfänglichen Bedenken, ist Nioh sogar relativ zugänglich, zumindest wenn man es direkt mit seinen beiden Haupt-DNA-Spendern, Ninja Gaiden und Dark Souls, vergleicht. Es ist immer noch arsch-schwer und ganz sicher nichts für den reinen „Konsum-Spieler“, aber insgesamt durchaus schaffbar und fair, auch wenn man sich selbst nicht zum harten Kern der Souls– oder Gaiden-Liebhaber zählt. Warum das so ist, erkläre ich später noch.

Das Setting des Spiels ist das Japan des frühen 17. Jahrhunderts, eine Zeit, in der das Land nicht vereint und von Clan-Kriegen geprägt war. Der Spieler verkörpert den „Miura Anjin“ William Adams, eine historisch verbriefte Person, die auch schon James Clavell als Vorlage für seinen Roman „Shogun“ diente. Allerdings vermischt Team Ninja die wahre Geschichte des in Japan gestrandeten britischen Navigators, welcher der erste westliche Samurai und später sogar Berater des Shogun wurde, mit einer gehörigen Portion japanischer Folklore, so dass man nur selten gegen Samurais und Ninjas kämpft und stattdessen gegen so ziemlich alles antritt, was alte japanische Schauergeschichten an Monstern und Geistern zu bieten haben.

Eigentlich ein sehr cooler Hintergrund für ein Spiel, wäre da nicht die von Team Ninja gewohnte Schwäche im Storytelling: Die Präsentation ist eigentlich recht gefällig, aber die Geschichte wird nicht wirklich gut und nachvollziehbar erzählt. Ständig tauchen neue Verbündete auf, denen man dabei helfen soll, diesen oder jenen Kriegsherrn zu besiegen, aber eigentlich dreht sich dann doch alles darum, diverse Untote und Geister zu besiegen, die das Land heimsuchen. Ich habe relativ schnell den Faden verloren, wer da mit wem gegen wen verbündet ist und warum man von hier nach da reist. Irgendwann war’s mir auch einfach egal. Natürlich wird hier Potenzial verschenkt, aber seien wir mal ehrlich, die Souls-Spiele haben auch die wenigsten wegen der kryptischen Story gespielt…

Nach dem Prolog im Tower von London, der nebenbei einen etwas unglücklichen, weil vergleichsweise schwachen und holprigen Start ins Spiel darstellt, geht es nach Japan, wo man nach erfolgreichem Schiffbruch das erste größere Areal durchkämpfen muss, an dessen Ende man die erste Begegnung mit einem der diversen Clans hat. Von da an dient eine Missionskarte mit Story- und Nebenmissionen sowie Clan-Hauptquartier als Ausgangspunkt. Viele der Nebenmissionen recyceln lediglich die großen Areale der Storymissionen, was aber nicht wirklich schlimm ist, da die Wege, Ziele und Gegner ausreichend variiert werden. Generell lohnt es sich, nicht nur dem Zielmarker auf der Minimap zu folgen, denn zahlreiche Secrets und Abkürzungen belohnen den erkundenden Spieler mit zusätzlichem Loot und XP. Die Areale bestechen atmosphärisch zwar nicht so sehr, wie es Dark Souls‘ geheimnisvolle Burgruinen tun, bieten aber generell mehr Abwechslung, was sowohl die Umgebung, als auch die Gegner angeht. Und der deutlich farbenfrohere Grafikstil weiß auch zu gefallen. Neben den Bossen gibt in den Levels deutlich mehr Minions, was das unumgängliche XP-Grinding weniger offensichtlich macht als in den Souls-Spielen. Und wenn man dann doch einmal das Gefühlt hat, sich in einer Sackgasse zu befinden, weil ein Boss einfach nicht fallen will, kann man sich per Online-Modus Hilfe in Form von echten Mitspielern in die eigene Partie holen.

Der ständige Dark Souls-Vergleich, den ich hier so strapaziere, ist nicht nur eine Floskel, die Euch sagen soll „Meine Fresse, das Ding ist echt ein Brett!“, sondern tatsächlich ein ganz konkreter Einfluss, was Niohs Gameplay angeht: Das Kampfsystem verlangt vom Spieler, geduldig und überlegt vorzugehen. Blocken, Ausweichen und auf den richtigen Moment für eine Attacke warten. Zudem muss man neben dem Gesundheitsbalken auch ständig die Stamina-Leiste (das „Ki“) im Blick haben, da jede Aktion Kraft kostet. Blindes Button-Mashing bringt in der Regel den schnellen Tod. Und wenn man tot ist, erscheint man zwar wieder am letzten Schrein, an dem man gebetet hat, allerdings ohne die bis dahin gesammelten XP („Amrita“). Diese verbleiben am Ort des Todes und können, so man auf dem Weg dorthin nicht wieder stirbt, gerettet werden. Soweit, so Dark Souls. Aber trotzdem spielt sich Nioh anders. Team Ninja haben ihr Kampfsystem deutlich abwechslungsreicher, dynamischer und auch ein wenig zugänglicher gestaltet, als die Kollegen von From Software. Ein großer Unterschied liegt in den Kombo-, Magie- und Fähigkeitssystemen, die die Grundmechanik ergänzen. Ein weiterer liegt in der fetten Portion Diablo-Looting, die auch noch vorhanden ist. So eröffnet Nioh dem Spieler ungleich mehr Möglichkeiten, seinen eigenen Spielstil zu entwickeln und unterschiedliche Taktiken auszuprobieren. Neben dem klassischen Upgrade-Skill-Tree, den man aus den Souls-Spielen kennt, gibt es noch allerlei Ninja-, Samurai- und Magie-Fähigkeiten, die man nach und nach erlernen kann. Außerdem erhält man von gefallenen Gegnern neben Amrita und Gold auch tonnenweise Loot in Form von benutzbaren Items, Rüstungsteilen sowie Nah- und Fernkampfwaffen. Diese lassen sich bei Schmieden auch verbessern oder komplett neu herstellen. Sogar seltene Rüstungs-Sets mit entsprechenden Bonus-Eigenschaften gibt es zu sammeln.

Wie oben schon erwähnt, gibt es die Möglichkeit, andere Spieler in die eigene Partie zu lassen, um sich bei größeren Problemen, in der Regel sind das die Bosse, helfen zu lassen. Eine andere Option ist natürlich das XP-Grinding, also das gezielte und wiederholte abgrasen von leichteren Bereichen, damit man einem vermeintlich unschlagbaren Boss später ausreichend gestählt endlich die Stirn bieten kann. Beides kennen Souls-Spieler selbstverständlich. Nioh bietet aber noch eine weitere Option, die From Software-Spiele in dieser Ausprägung nicht unbedingt anbieten: Den Kopf benutzen und dadurch aus den vorhandenen Möglichkeiten doch noch einen Sieg zu stricken.

„Häh? Wie meint der das denn?“ – Ein Beispiel: Umi-Bozu ist einer der Bosse im Spiel, die mich echt Zeit und Nerven gekostet haben. Als ich auf ihn traf, konnte ich ihn anfangs ums Verrecken nicht schlagen. Seine Attacken sind der Hammer und allein durch physikalische Schwert- oder Axt-Hiebe kann man ihm nur minimalen Schaden zufügen. Bei Dark Souls wäre ich jetzt erstmal stundenlang grinden gegangen. Da ich aber keine Lust darauf hatte, habe ich stattdessen meine Optionen in Form meines Inventars gecheckt: Umi-Bozu ist ein Wasser-Monster. Da ich noch ein paar ältere Rüstungsgegenstände mit mir herumschleppte, die zwar schwächere Werte bezüglich physikalischen Schadens besaßen, aber magischen Wasser-Schutz beinhalteten, krempelte ich meine komplette Rüstung dahingehend um. Als nächstes legte ich alles, was irgendwie Feuerschaden verursacht (Amulette, Magie-Schüsse, etc.), auf meine Schnelltasten. Tja, und jetzt ratet mal. – Nach nur etwa zwei, drei Minuten war Umi-Bozu Geschichte!

Das Entscheidende ist, dass Nioh durch diese fantastische Fusion von Dark Souls, Ninja Gaiden und Diablo bei all den Vergleichen und Einflüssen, die Ihr in den Reviews ständig um die Ohren gehauen bekommt, am Ende doch ein sehr, sehr eigenständiges Spiel ist, und eben kein reiner Souls-Abklatsch, wie zum Beispiel Lords of the Fallen. Die Möglichkeiten, die einem das Spiel in die Hand gibt, sind deutlich komplexer, führen aber nicht dazu, dass das Spiel dadurch komplizierter oder schwieriger wird, denn man muss nicht zwingend alle Aspekte gleichermaßen ausnutzen. Nioh lässt dem Spieler die Wahl, welche Schwerpunkte er setzt, um so den Spielstil zu finden, der ihm am besten liegt.

Desweiteren ist mir positiv aufgefallen, wie viel agiler sich die Steuerung im Vergleich zu Dark Souls anfühlt und wie viel mehr Fehler das Spiel verzeiht. In DS hatte ich immer das Gefühl, einen trägen Panzer zu steuern und wie ein Uhrwerk zwingend den strengen Vorstellungen der Designer folgen zu müssen. Einmal den Angriff falsch getimed oder eine Zehntelsekunde zu spät geblockt und – ZACK! – wieder tot. Wie schon gesagt, Nioh ist auch kack-schwer und dadurch sicherlich nicht jedermanns Bier, aber es haut einem nicht ständig so krass in die Fresse, wie es die Spiele von From Software tun. In den Souls-Spielen kam es mir immer so vor, als würde mir das Spiel sagen wollen „Das hier ist nicht deine Party. Geh woanders hin, du Weichei.“, was ich dann auch irgendwann tat. Nioh macht das nicht. Es kann zuweilen ebenfalls sehr frustig sein, aber zeigt niemals mit dem Finger direkt zur Tür. Damit ist Nioh für mich auch der deutlich bessere Gastgeber, weil es eben nicht von vorherein eine Undergroundparty für einen relativ kleinen, geschlossenen Kreis veranstaltet, sondern auch neugierige Zaungäste zulässt. Nioh ist zwar definitiv nichts für den reinen Wohlfühl-Spieler, der es nur auf leichte Unterhaltungskost abgesehen hat, aber die potenzielle Zielgruppe ist trotzdem deutlich größer als nur der harte Kern der Gaiden– und Souls-Fans. Wenn Ihr Euch ein wenig Leidensfähigkeit zutraut, dann ist Nioh definitiv eines der Highlights des noch jungen Jahres!


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6 Kommentare

  1. Le Don - 12.02.2017 15:02

    Ich nehme mal an, man kann wie in der Demo die Kampfhaltung (Hoch, Mittel, Tief) ändern. Hattest du davon häufig Gebrauch gemacht oder bist du Standartmäßig nur mit einer Haltung rumgelaufen?

    Und was mich noch ganz besonders interessiert: Bei der Demo habe ich entnervt bei den 2. Boss (siehe Video) aufgehört. Wie krass ist der im eigentlichen Spiel und kommt der relative am Anfang vor? Ich habe den Verdacht, dass mein Character möglicherweise underpowered war.
    https://www.youtube.com/watch?v=j387QT4g0go

  2. SpielerZwei - 12.02.2017 16:33

    Ich bin eigentlich überwiegend in mittlerer Haltung unterwegs gewesen. Das Ding ist, z.B. in hoher Haltung machst Du mehr schaden und kannst dafür weniger gut parrieren. Soweit so gut. Allerdings verbraucht sich in der hohen Haltung dein Ki pro Hieb mehr, was darauf hinaus läuft, dass du zwar stärkere, aber dafür weniger Hiebe ausführen kannst. Von daher fand ich das in der Praxis nur semi-sinnvoll. Die Gaiden-Fraktion kann mit all den Combos und Haltungen etc. sicher mehr anfangen als ich. Das ist ja das, was ich meinte: Es gibt nicht nur einen Weg, das Spiel zu spielen. Man kann es wie DS spielen (den Gaiden-Kram also eher wenig ausspielen), aber auch wie ein Fighting-Game mit allen Combos, Haltungswechseln, Ki-Impulsen, usw., oder du spielst es eher wie Diablo mit all seinen Items und Magie-Zeugs. – Je nach Gusto also. Den Schwerpunkt legt der jeweilige Spieler.
    Hätte man im Artikel sicherlich erwähnen können, ebenso die Schutzgeister und diversen anderen Mechanik-Kram, den ich nicht weiter im Detail besprochen habe. Allerdings ist der Text eh schon lang und ich nicht Jörg Langer. Die Game-Features komplett klein-klein auflisten, sehe ich eher als das Feld von GameStar und Co…
    Was den Gegner in deinem Video angeht: An dem Kollegen habe ich auch relativ lange gesessen! Habe bestimmt zwei Stunden gebraucht bis es endlich geklappt hat. Der kommt relativ früh im Spiel vor (auf der ersten Insel) und ist mMn zu dem Zeitpunkt als Gegner auch viel zu stark. Ist allerdings eine optionale Nebenmission, die man nicht unbedingt machen muss. ;-)

  3. Le Don - 12.02.2017 23:18

    Den Gegner haben sie bei der Demo auch ganz blöd gemacht, weil man das Gebiet zum leveln nicht mehr verlassen konnte. Generell hat mich der Gegner sehr geärgert, weil er trotz mangelnder Ausdauer ausweichen und angreifen konnte (wenn ich das so richtig in Erinnerung habe) und für ihn nicht die selben Regeln wie für den Spieler gelten.

    Ich weiß nicht mehr, was ich im Jahresvorschau-Cast gesagt habe und ob ich schon die Demo gespielt hatte, aber nachdem ich mich eigentlich sehr auf Nioh gefreut hatte, bin ich sehr im Zweifeln geraten. Irgendwann bestimmt, aber aktuell fehlt mir die Zeit und Ausdauer, um mir das anzutun.

  4. SpielerZwei - 12.02.2017 23:37

    Um eine Mission abzubrechen, muss man bestimmte magische Items benutzen. Ich nehme an, die hat man auch in der Demo gehabt, oder?

  5. Le Don - 13.02.2017 20:10

    Das kann sein, aber beschwören könnte ich es nicht. Bei all den erhaltenen Items hat bei mir eine Reizüberflutung eingesetzt und ich frage mich, ob sich das im fertigen Spiel moderater gestaltet. Es gab wirklich viel in sehr kurzer Zeit zu lernen.

  6. Doreen - 14.02.2017 18:01

    Top Text! Ich habe zwar momentan kaum bis gar keine Zeit zum Spielen, was mir gar nicht schmeckt, aber dennoch: Nioh klingt irgendwie danach, dass es mein Spiel sein könnte. Samstag in meinem MM schön ausverkauft gewesen das Teil, ich dachte, ich guck nicht richtig. Naja, auch nicht schlimm, es rennt ja nicht weg.

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