Der Megatonnen-Reinfall

Dass ich mit PSVR mittlerweile über Kreuz liege, hat mehrere Gründe und nicht alle sind rational. Der Spieleindustrie beispielsweise sage ich neben einer außerordentlichen — und nicht immer appetitlichen — Geschäftstüchtigkeit auch eine gewisse Innovationskraft nach. Und bei einer grünen Wiese, wie es die Virtual Reality nun einmal ist, ging ich davon aus, dass sich die großen wie die kleinen Player darauf stürzen, deren Kassen klingeln und unsereins sich über das Loch im Portemonnaie wundert. Dass mit Sony, facebook, Valve, HTC & Co. globale Konzerne die Technik pushen, war doch wie eine Vorlage für die großen Publisher und Entwickler und ich kann es immer noch nicht fassen, wie wenig PS sie allesamt nach nun knapp einem Jahr mit PSVR (gilt aber ebenso für Steam VR oder Oculus) auf die Straße brachten. Bis auf Resident Evil 7, EVE: Valkyre, Eagle Flight und mit Abstrichen vielleicht noch Farpoint, gab es kein VR-Spiel, dass es über kleine Aha-Erlebnisse hinaus schaffte, wirklich zu fesseln. Ausgenommen davon ist Thumper, weil es in seiner ganz eigenen Liga spielt, aber darauf komme ich gleich noch zurück.

Für Megaton Rainfall, eine Art Superhelden-VR-Titel des spanischen Entwicklers Pentadimensional Games, muss ich sogar tief in die Phrasen-Kiste greifen, um noch halbwegs freundlich zu bleiben. Also: Ich gehe davon aus, dass die an Megaton Rainfall beteiligten Mitarbeiter stets bemüht waren, ein ansprechendes Videospiel zu produzieren. Besonders mit Blick auf ein wahrscheinlich knappes Budget. Zumindest sieht Megaton Rainfall so aus, als wären die Mittel knapp gewesen. Es fühlt sich auch so an, übrigens.

Und da sind wir schon bei einem der wahrscheinlich größten Hemmnisse, um VR nach vorne zu bringen: Es ist wohl das liebe Geld. Neben einer gewissen Ideenarmut. Womöglich hängt hier auch das eine mit dem anderen zusammen — was zwar einerseits traurig ist, aber andererseits die Hoffnung lebendig hält, dass neue Spielkonzepte das Licht der Welt erblicken, wenn VR den Mainstream erreicht hat und mehr Kohle ins System fließt. Aber so lange bleiben Videospiele wie Megaton Rainfall der letzte Schrei, jedenfalls für die zwei bis drei Wochen, bevor der nächste unterdurchschnittliche Titel auf die VR-Gemeinde losgelassen wird.

Dabei beginnt Megaton Rainfall gar nicht mal so übel, zumindest wenn man den Ton ausgestellt hat. Wie in so vielen VR-Spielen, floss einiges an Energie in ein schickes Menü, wobei Pentadimensional Games sich eher die Vorgeschichte vornahm und die Latte für die Darstellung von Texttafeln enorm hochgelegt hat. Es ist eine Freude zu sehen, wie mir die Buchstaben Pixel für Pixel entgegen flogen und ich förmlich nach jedem Buchstaben greifen konnte. Ganz toll, ernsthaft, an so Spielereien habe ich meine Freude. Ärgerlich beginnt es aber dann zu werden, wenn man dem Sprecher sein Ohr leiht und sich die pathetisch vorgetragene Quasi-Story anhört, die an Klischees (man ist der Retter, der eigentlich keine Zeit hat, die Welt zu retten, aber nun doch ganz schnell loslegen muss, um die Welt zu retten) kaum zu überbieten und ertragen ist.

Aber das ist ja noch nicht das Spiel. Das beginnt wie ein Schlag in die Magengrube. Wobei es eigentlich zwei Schläge sind. Der erste Punch ist eine verhängnisvolle Gameplay-Fehlentscheidung — womöglich aus den erwähnten finanziellen Motiven heraus getroffen — und der zweite ein künstlerischer Offenbarungseid. Fangen wir erst einmal mit dem Gameplay an. Wenn man schon als Superheld über den Planeten rast und die beiden Hände des Helden zu sehen sind, dann sollten auch gefälligst die Move-Controller unterstützt werden. Genau für solche Spiele sind sie doch da. Zwingend das Gamepad nutzen zu müssen, fühlt sich falsch an und war für mich direkt ein Immersionskiller. Was verhängnisvoll für ein Spiel ist, das nicht viel mehr als VR-Aha-Erlebnisse zu bieten hat. Andererseits ist es leider auch wurscht, ob man nun mit dem Gamepad oder den Move-Controllern knapp an den bösen Invasoren vorbeischießt und sie trotzdem trifft, denn beides ist Mist. Wenn schon Gegner rot erleuchtete Schwachpunkte haben, dann sollte sie auch eine Funktion haben. Übrigens: Wenn man nicht so knapp an den Zielen vorbeischießt, wird man quasi zum Kompagnon der Invasoren, denn der Bodycount, anhand dessen die menschlichen Kollateralschäden gezählt werden, zählt gnadenlos mit und ich könnte jetzt darüber eine kleine ethische Debatte lostreten, aber eigentlich lohnt es nicht bei einem Spiel wie Megaton Rainfall — das wäre schon zu viel der Ehre.

Der zweite Schlag ist das dürftige Art Design. Megaton Rainfall sieht billig aus und mir kann keiner damit kommen, dass daran die limitierte Power der PlayStation 4 die alleinige „Schuld“ hat. Der zu rettende Planet Erde sieht schon vor der Invasion derart karg und lebensfeindlich aus, dass ich mich schon fragte, was es hier noch zu retten gibt. Da ist man doch schon beinahe geneigt, sich mit den (uninspiriert ausschauenden) Aliens zu verbünden und diesen Wüstenplanet gänzlich zu vernichten. Das funktioniert aber leider nicht und deswegen ballert man sich mit Energie-Kanonen, die sozusagen aus den Fingern gesogen werden, durch die Level. Darüber hinaus gilt es noch Aliens hinterher zu fliegen und verschämt auf den Bodycount zu schauen. Das war es schon, eigentlich.

Und wie es bei all den kleinen, neueren PSVR-Titeln ist: Ehe ich mich versehe, spiele ich wieder eine Runde Thumper. Ein schlichtes Spiel, eigentlich, aber eines mit Charakter und Brillanz, das als 2D-Videospiel annähernd 100 Prozent der VR-Konkurrenz locker in die Schranken weist. Es geht also. Man muss es nur können und wollen. Megaton Rainfall fühlt sich leider nur als halbwegs gewollt und kaum gekonnt an.


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5 Kommentare

  1. mibster81 - 03.11.2017 19:17

    Ich kann den VR-Frust bis zu einem gewissen Grad verstehen, muss aber hinzufügen, dass Oculus/Facebook und HTC mit Vive immersionsmässig in einer anderen Liga spielen als PSVR, was hauptsächlich an den besseren Touch-Controllern und Roomscaling liegt. Wenn man mal eine Runde Robo Recall, Superhot VR oder Lone Echo auf Rift/Vive gespielt hat, dann sieht man schon eher, dass das sehr wohl Zukunft hat.

  2. Jens - 04.11.2017 09:03

    Stimmt, Superhot VR habe ich in meiner Aufzählung vergessen und mich anscheinend auch unklar ausgedrückt: Selbstverständlich hat VR Zukunft, nur passiert viel zu wenig, meiner Einschätzung nach. Momentan – und das im „Spieleherbst“ – wird doch kaum Klasse auf den Markt gebracht, siehe Megaton Rainfall. Das ärgert mich, gerade weil VR so viel Potenzial hat.

  3. Greulich Mannsmann - 06.11.2017 17:52

    Was man wirklich NIEMALS, auf keinen Fall und überhaupt nicht machen darf, ist einen Spiel namen so auszuwählen, das dieser geradezu dazu einlädt einen Verriss zu schreiben.
    Es ist eine statistisch gefühlte Tatsache, das Rezensenten da oft einfach nicht widerstehen können

    The Deck – The Dreck
    Megaton Rainfall – Megatonnen-Reinfall

    irgendwo hatte ich eine Liste – find ich grad nicht mehr…

  4. Missingno. - 06.11.2017 19:22

    statistisch gefühlte Tatsache

    n1

    Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass es zu jedem Spiel mit „einladendem“ Namen überproportional viele Verrisse gibt. So könnte man aus jedem „City“ ein „shitty“ machen und zwar gibt es nach kurzer Google-Suche die Verballhornung „Sim Shitty“, aber eigentlich keine richtig verwertbare Rezension mit diesem Begriff – Verrisse (mMn nicht zu Unrecht) dagegen gibt es einige.

  5. Jens - 10.11.2017 00:10

    Klar, der Titel ist voll billig und schreit nach einem Verriss. Ich habe überlegt, ob ich den Megatonnen Reinfall vielleicht lieber an den Schluss setze, um subtiler rüberzukommen und irgendeine andere, intelligentere Überschrift zu nehmen. Habe ich aber nicht gemacht, weil es einfach authentischer ist. Lustig finde ich es aber auch, zugegebener Maßen…auch wenn man weiß, was für ein Witz kommt, ist er manchmal trotzdem noch komisch (für einige, nicht alle, wie man sieht).

    Ich mag „statistisch gefühlte Tatsache“, großartig! Wäre was für Trump & Co! ;-)

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