Destiny 2: Eine geile Geschmacklosigkeit

Ich liebe dieses Drecksspiel. Ich hasse mich dafür. Für jede damit verbrachte Minute verdiene ich einen Tag in der Redaktion von Gamersglobal. Destiny 2 legt so viele Missstände offen, wehrt sich dabei aber keine Sekunde – es ist eine affengeile Zumutung, der ich beiwohnen muss, damit ich hinterher sagen kann: Ja, ich war dabei, als Bungie noch Geld verdiente.

Wer den Onlineshooter nicht kennt, lebt ein glückliches Leben. Alle anderen suhlen sich in Selbstmitleid. Weil sie wieder hereingefallen sind auf das Marketingbombardement, auf das manch ein Diktator stolz wäre. So viel Pathos, so viel Eigenlob, Mensch, die versprechen da so viel im Trailer, die verbessern und schrauben und werkeln immerzu, ich kaufe das jetzt!, zack: Verblödung, so wie die Menschen, die Youtube-Videos vor ihren Plastikfigurenregalen drehen. Warum? Weil die Entwickler nicht verbessert oder geschraubt oder gewerkelt haben, sondern das gleiche Spiel für 60 Euro verkaufen, das sie schon vor drei Jahren für 60 Euro verkauft haben, nämlich: Destiny 1.

Nichts hat sich geändert, und wenn doch, dann ist es nicht der Rede wert, zumindest solange, bis einem der Gedanke kommt, dass es sehr viel Gerede wert ist, um genauer zu sein Schimpfe und Kritik, denn das, was im Detail jetzt besser funktioniert, kritisiert die Community bereits seit Jahren. Beispiel: Wenn man einen Planeten verlässt und woanders hin möchte, dauerte es lange. Jetzt nicht mehr. Mein Kopf platzt, wenn ich nach weiteren Verbesserungen suche, so sehr ich auch wühle und so doll ich mich auch winde. David Cronenberg gefällt das.

Ich könnte jetzt im Detail ausführen, dass Destiny 2 tatsächlich und wahrhaftig keine, ich wiederhole: keine neuen Feinde liefert und warum das, sanft ausgedrückt, eine verdammte Zumutung ist, aber das ginge zu weit. Nur um die Argumente der Befürworter zu entkräften: Nein, eine bestehende Feindrasse rot anzumalen und einem Gegner einen Flammenwerfer zu geben, rechtfertigt nicht die zwei im Namen. Eine Misere, die Bungie offen zur Schau stellt, weil sie, na ja: das Spiel veröffentlicht haben. Auch die Planeten, die Waffen, die Missionen, die Rüstungen, der elementare Spielinhalt also erinnert manchmal nicht nur vage an den Erstling, er ist sogar zum Teil eins zu eins übernommen. Call of Duty gefällt das.

Trotzdem spiele ich. Stundenlang, wieder und wieder. Ich bin so ein Idiot, kann kaum in Worte fassen, wie sehr sich mein Magensaft windet und brodelt und faucht, als ob ein Mixer ihn mit Gülle vermischt. Jeder Fäkalie zum Trotz spiele ich – wobei, andersherum: genau deswegen spiele ich 100 Stunden, weil Scheiße und Destiny 2 viel gemeinsam haben und mein Bauch dann weniger rumort.

Vielleicht hätte ich das verhindern können, wenn ich mit mehr Bedacht durch das Leben oder vielmehr: den Journalismus gehe, der ja auch in dieser Branche existiert, behaupten zumindest die Leute, die ihren Lieblingsfilm Fight Club beim Masturbieren auf Lara Croft rezitieren und dann sagen, dass man das ja wohl noch wichsen, ich meine, sagen dürfe. Aber so richtig weitergekommen bin ich bei den Tests und Artikeln nicht, denn das Fehlen neuer Inhalte ist hier kein Fehlen, sondern ein üppiges Gesamtpaket, wie es zum Beispiel bei Computerbild heißt, und ich muss jetzt genau so sehr lachen wie ihr, ich mein, Computerbild, Springer Verlag, hahahaha, diese Heinis.

In mindestens fünf der sechsundzwanzig Absätzen liebkosen die Tester die neue Geschichte, die Welten besser sein soll als im Erstling, und wenn wir das jetzt wörtlich nehmen und die Nasa anhand dieser Maßstäbe ihre bewohnbaren Welten aussuchen sollte, auf denen interaktive Geschichten so erzählt werden und auf denen unsere Enkelkinder irgendwann leben, sind wir ruiniert. Wer im Jahr zwölf Filme schaut und drei davon auf Gamestar bespricht, dann aber bei Videospielen das filmische Erzählen bewerten soll, nutzt eine Expertise, die auf die Rückseite einer Quartettanleitung passt und irgendwas von Harvey Weinstein zitiert.

Destiny 2 erzählt in kleinen Filmchen eine Geschichte, zumindest beschreibt das jeder so, ich weiß jetzt auch nicht, vielleicht sind diese Menschen nur langsam oder so, ich verstehe das, ging mir bei Mathe und Gothic 3 auch immer so. Weder die, nun ja, die nennen das ja alle so und ich mach jetzt einfach mal mit: „Geschichte“ noch die, puh, warte, ist schon schwer, das wirklich so zu beschreiben: „Filmchen“ erinnern an irgendetwas, das über prätentiöse Parfüm-Werbung hinaus geht. Kann man ja nicht wissen, wenn man noch nie Werbung schaute, allerdings muss es hier eher heißen: Kann man ja nicht wissen, wenn man sich noch nie ernsthaft mit Filmen und den Mechaniken, den Intentionen, der Industrie dahinter beschäftigte. Mit wirrem Einstiegsbombardement zerstört man also die Bleibe der Guten und etabliert den Bösewicht namens Bane, der nach der Schicht bei KFC einen 10-Liter-Becher Chicken Wings inhaliert und einen Verriss von The Dark Knight Rises mit „u cunt“ kommentiert. Wer das „gute Popcorn-Unterhaltung“ (PCGames.de) nennt, würzt den Mais mit Kindertränen.

Dank dieser humorigen Hollywoodattitüde vergisst der durchschnittliche Videospiel-Redakteur auch gleich die unkonzentrierte Spielmechanik im Lichte potentieller Presseevents in Las Vegas, yeah! Dann heißt es, man müsse den Grind tolerieren, und mein Augenlid zuckt seit dreißig Minuten und meine Faust vielleicht auch. Wenn das wesentliche Spielprinzip auf maximaler Verblödung basiert, dies von Community und Presse verklärt wird als bereits etabliertes Genreverfahren, dann ist das tägliche Pochen auf mehr Abwechslung und Transparenz in dieser Industrie bereits jetzt ein auswegloses Unterfangen.

Oder auch nicht. Weil, Destiny 2 macht Spaß, Fun, Hui! Kein Shooter auf dem Markt dampft mit so viel Pewpew seine Pixelzielscheiben ein, knotet Hüpfen, Rennen, Zielen, Knallen zu einem derart straffen Teil, über das die Autorin von Fifty Shades of Grey ihre nächste magnificke Trilogie schreibt. Komm mir nicht mit Halo oder Black oder Battlefield oder Call of Duty, vergiss Doom und Wolfenstein. Kein Shooter weit und breit fühlt sich so an, wie soll ich das beschreiben, na so halt, wie der Punkt, an dem du weißt, dass es jetzt rausgeht aus der Mama und du richtig Bock hast und dann bockt das Ganze auch noch so derbe wie nichts davor – bis der erste Pickel platzt. Destiny 2 ist der Eiter im Pubertätspickel.

Wieso da nicht tausende Spieler mittels Petitionen ihre Legasthenie offen legen und mit Mord und Weltkrieg drohen, weiß ich jetzt auch nicht, aber vielleicht werden „Gamer“ ja erst aktiv, wenn Frauen Videospiele kritisieren. Das verwundert, weil: Destiny 2 öffnet Bluse und Hosenstall, heraus kriechen Maden und Muff. Trotzdem greift jeder einmal zu. Ein Spiel, das seit Jahren damit wirbt, nicht fertig zu sein, indem es bereits entwickelten Zusatzinhalt abseits vom Hauptspiel verkauft, obwohl das erst in sechs Monaten erscheint, sollte gestraft werden mit Boykott, Verachtung, Mittelfinger. Natürlich kommt aber ein Boykott von Season-Pässen viel zu spät, stattdessen kauft man sich durch hibbelige Deluxe-Editionen mit Zusatzinhalten, die absurder nicht sein könnten. Ein herzliches „Fickt euch!“ an Bethesda und die Pferderüstung.

Destiny 2 treibt das auf die Spitze. Alles. Diese ganze, ideologisch gefährliche Idee von „Games as a Service“. Eine bis zur Perversion gedachte Idee von Videospiel, in der die Mechaniken zur Gewinnmaximierung die Funktionen von Spaß, Spannung, Spiel überschatten. Publisher und Entwickler versuchen gar nicht erst, dieses eigentlich spannende Konzept mit Spielspaß zu beginnen und fortzusetzen mit sanften Schritten hin zu kosmetischen oder eben spielmechanisch wegweisenden Zusatzinhalten; es beginnt bereits mit Verarschung auf einem Niveau, das irgendwo bei Schulterzucken anfängt und mit Häme endet. Verwundert es wirklich noch, wenn sich herausstellt, dass das Erfahrungspunktsystem in Destiny 2 nicht funktioniert? Oder dass Inhalte vom Hauptspiel nur noch den Leuten zugänglich sind, die auch den ersten DLC kaufen? Es ist eine Blamage für das ehemals so gefeierte Studio, für das Genre, für „Games as a Service“.

Und so haben der kommerzielle Spielejournalismus und das Spiel selbst letztlich viel gemeinsam: Die Systeme, in denen sie existieren, sind entseelt. Schlimmer noch: Bis zum Exzess wird beides auf eine Spitze getrieben, die die Brieftasche der Verantwortlichen vibrierend befriedigt.

Solange zwölf Werbeanzeigen und ein selbststartendes Video die Texte verdecken über den großen Spaß in Destiny 2 – solang ist auch keine Besserung in Sicht.


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4 Kommentare

  1. pepsodent - 15.12.2017 09:55

    Ich halte Leute, die ein Spiel Scheiße finden und sich darüber beschweren, es aber trotzdem bis zum Umfallen spielen, ja für ein bisschen … dümmlich? armseelig? peinlich? … ah, nee, für voll die coolen Oberchecker, jawoll!

  2. Missingno. - 18.12.2017 14:41

    Die Schimpftirade ist nach fünf (der sechsundzwanzigvierzehn) Absätzen etwas ermüdend zu lesen. Und nichts gegen das Spielen eines Titels, der eigentlich schlecht ist, aber lass doch bitte mich (Zitat: „Trotzdem greift jeder einmal zu.“) da raus. Danke!

  3. Urs - 25.12.2017 14:38

    Hervorragender Text, prima Meinung! Ich stimme zu, werde Destiny 2 allerdings niemals spielen, da der erste Teil schon so ein lauwarmer Kackhaufen war.

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