Junkies II – Der Umzug

Ich bin kürzlich wieder umgezogen. Das war nun mein 9. Umzug in den letzten 15 Jahren! Und bevor hier der Eindruck entsteht, ich würde das aus reiner Lust am Umziehen machen: Ich hasse es abgrundtief! Jedes Mal ein wenig mehr… Das viele Umziehen hat sich einfach so ergeben, teils aus beruflichen, teils aus privaten Gründen.
Natürlich hätten die meisten Leute nach so vielen Umzügen auch langsam die Nase voll: Der ganze Stress, die viele Arbeit und die Unsummen an Geld, die das Ganze jedes Mal verschlingt. Nicht umsonst heißt es im Volksmund „dreimal umgezogen ist wie einmal abgebrannt“. Ich wäre somit schon dreimal komplett abgebrannt…
Aber ich bilde mir ein, dass Umzüge für mich noch viel schlimmer sind als für die meisten anderen Menschen. Weil ich ein Medien-Junkie bin.

Das Junkie-Elend fängt schon beim Packen der Kartons an: Man füllt einen nach dem anderen mit bunt gemischten Dingen. Es ist kein sinnvolles Sortieren nach Räumen oder ähnlichem möglich, denn würde man die Kartons bis obenhin mit Schallplatten, CDs, DVDs oder Büchern füllen, würden die Dinger beim Tragen aufplatzen wie die Weißwurst im Renault-Werbespot. Und täten sie es den Gesetzen der Physik zum Trotz doch nicht, dann würden sie jedem Träger garantiert die Bandscheiben ruinieren. Und während man so lustig vor sich hin packt, graut es einem in Gedanken schon vor dem Auspacken, denn das ist dann logischerweise ähnlich unpraktisch und zeitaufwendig.
Irgendwann steht er dann da: Ein Wolkenkratzer aus ungefähr 35 bis 40 Kartons mitten in meinem Wohnzimmer. Noch während ich mir vorstelle, wie King Kong die Weiße Frau dort oben vor lästigen Doppeldeckern beschützt, schießt mir ein anderer Gedanke durch den Kopf: „Verdammter Medien-Kram! Mindestens zweidrittel dieser Kartons sind mit Unterhaltungshard- und -software jedweder Art gefüllt. Wenn ich nicht so ein bemitleidenswerter Medien-Junkie wäre, könnte ich, abgesehen von den Möbeln, mit einem Smart umziehen. Ach was sage ich, das ginge sogar mit dem Fahrrad!“

Glücklicherweise habe ich mich bei diesem Umzug zum ersten Mal dazu durchgerungen, den eigentlichen Transport nicht meinem Freundeskreis, sondern einem Umzugsunternehmen aufzudrücken, was zwar den körperlich anstrengenden Teil der Prozedur entschärft, aber gleichzeitig den finanziellen Aufwand noch vergrößert. Anyway, irgendwann musste mit der unsinnigen Tradition aus Studentenzeiten, wirklich alles selber zu machen, gebrochen werden.
Dennoch kommen immer wieder unbequeme Fragen auf. So zum Beispiel, warum ich seit Jahren zwei Kartons mit alten Uni-Skripten immer wieder mit umziehen lasse, anstatt sie einfach mal ins Altpapier zu werfen, weil ich sie nachweislich nie wieder im Leben brauchen werde. Oder warum ich die 5 Kartons mit alten Videotapes und Musikkassetten nicht endgültig entsorge, obwohl ich diese prähistorischen Medien schon lange nicht mehr nutze und seit ein paar Jahren nicht einmal mehr auspacke. Und warum vernichte ich beim nächsten Osterfeuer nicht endlich mal meine gesammelten ZILLO-, CINEMA- und GAMESTAR-Jahrgänge? Lesen tue ich sie bestimmt nicht mehr. Andererseits gehe ich ja irgendwann mal in Pension und dann freue ich mich bestimmt tierisch, wenn ich mein „Früher war Alles besser“-Gelaber den jungen Leuten gegenüber durch gedruckte Zeitzeugen auch belegen kann…

Nach dem eigentlichen Umzug geht der „Spaß“ bei mir aber erst richtig los! Wo normale Leute einem ganz einfachen Schema folgen können, um ihr Wohnzimmer einzurichten (die Antennenbuchse gibt vor, wo der Fernseher hin kommt; der Fernseher gibt vor, wo die Couch steht; der Rest wird mehr oder weniger sinnvoll drum herum platziert (Hat sich eigentlich schon einmal jemand gefragt, wie die Leute das gemacht haben, bevor der Fernseher erfunden worden war…?)), beginnt bei mir alles mit dem optimalen akustischen Viereck für den Dolby-Surroundklang, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Und das kann je nach Wohnung eine echte Herausforderung sein, denn unter Umständen müssen Kabel, möglichst unsichtbar, verlegt werden, die in etwa zweimal die Strecke zwischen Erde und Mond überbrücken könnten.
Der gleichen absurden Logik folgt natürlich auch das Einrichten des Arbeitszimmers, wobei man hier etwas freier ist, da man dem ästhetischen Empfinden nicht so stark Rechnung tragen muss. Arbeitszimmer darf man glücklicherweise etwas funktionaler gestalten als Wohnzimmer. Das kann man sogar der Lebensgefährtin ohne längere Diskussionen verkaufen.
Apropos Lebensgefährtin: Die möchte natürlich auch Internetzugang in ihrem Arbeitszimmer haben, weshalb ich als Ethernet-LAN-Purist vor der schweren Entscheidung stand, entweder diverse Wände zu durchbohren, oder auf das nicht sonderlich geliebte WLAN umzusteigen. Ich habe mich letztendlich für einen Mischbetrieb entschieden, da sie keine Ego-Shooter spielt und ich mir meine Pings nicht durch WPA-Verschlüsselung versauen lassen will. Auf ein drittes THX-System in der Wohnung konnte sie allerdings leichten Herzens verzichten, weil frau auch heutzutage noch mit Stereosound zufrieden zu stellen ist.

Habe ich eigentlich schon erzählt, dass IKEA die Billy-Regal-Serie nur wegen mir nicht aus dem Programm nimmt? Das stimmt wirklich! Glaube ich zumindest…
Auf jeden Fall kann ich nach den vielen Umzügen, bei denen im Schnitt jedes Mal ein Billy Regal dazugekommen ist, Billy-Regale mit verbundenen Augen zerlegen und wieder zusammensetzen. Wie damals beim Bund das G3! Aber wie beim G3, so ist auch der blinde Regalzusammenbau kein Talent, mit dem man reich und berühmt wird. Vielleicht reicht es für „Wetten dass…?“ oder eine Nachmittagstalkshow?

Die ultimative Bewusstmachung, dass ich ein Medienabhängiger bin, erfolgt beim Umziehen durch eher kleine, aber dennoch gravierende Begleitumstände, die sich fast jedes Mal wiederholen:
Da wäre zunächst mal der kalte Entzug, wenn es der Telefon- und Internetprovider mal wieder nicht geschafft hat, einen reibungslosen Umzug der Anschlüsse zu gewährleisten. Diesmal waren es knapp 3 Wochen, die ich ohne Internet und Festnetzanschluss überstehen musste. Gut, ich habe schon Schlimmeres erlebt, aber auch drei Wochen reichen locker aus, um einem in deprimierendster Art und Weise vor Augen zu führen, wie abhängig man geworden ist. Allein die vielen Momente, in denen man Informationen nachschlagen will, es aber nicht kann, sind wirklich hart! Am Ende bleibt einem nichts anderes übrig, als Günther Jauch oder Ulrich Wickert einfach zu glauben, was sie erzählen. Ach ja, und man freut sich mehr auf die Arbeit als sonst, denn dort gibt es Internet. Das nenne ich mal einen echten Cold Turkey…!
Dagegen ist das mühselige Auschecken von neuen lokalen Drogen-Dealern, wie Media Markt, Saturn oder EB Games relativ harmlos, denn die gibt es ja fast überall. Der Erfindung von Handelsketten und der allgemeinen öffentlichen Enttabuisierung von Unterhaltungsmedien sei Dank! Früher musste man ja noch mit Trenchcoat, Schlapphut und Sonnenbrille verkleidet durch dunkle Bahnhofsviertel schleichen und zwielichtige Fremde in dunklen Hinterhofeingängen ansprechen, wenn man in eine fremde Stadt gezogen war…

Und dann ist da noch der unterschwellige Drogenentzug, der eine gewisse Unzufriedenheit bzw. Unausgeglichenheit schafft, weil man für ein paar Wochen einfach weniger Freizeit (bzw. Spielzeit) hat. Klar, ich habe de facto eigentlich kein interessantes Spiel verpasst, weil derzeit fast nur uninteressanter Schrott erscheint. Und selbst wenn dem so wäre, kann man das ja alles nachholen, aber irgendwie wird man das Gefühl trotzdem nicht wirklich los.
Aber genug mit all dem Junkie-Selbstmitleid! Ich habe Euch diese rührselige Geschichte nur aus drei Gründen erzählt:

1. Ich wollte mich irgendwie rechtfertigen, warum ich in den letzten Wochen nichts Neues geschrieben habe. (Zugegeben, wenn ich mir SpielerEins´ Output so anschaue, wäre ich an seiner Geschichte viel interessierter…)
2. Ein Grossteil meines Umfeldes hat kein rechtes Verständnis für meinen Umzugshass und die damit verbundene schlechte Laune, die ich wochenlang an den Tag gelegt habe, weil sie sich einfach kein Bild von meiner Art des Umzugs machen können. Ich versuche hier also auch, auf ganz billige Art etwas Verständnis von Leidensgenossen zu erhaschen.
3. Ich wollte schon lange eine Fortsetzung des Junkie-Artikels schreiben und die Überschrift war einfach zu geil, um sie nicht zu verwenden. Vor allem wollte ich sie nicht so lange auf einem Notizzettel versauern lassen, bis sie mich womöglich in abgewandelter Form als Titel vom Plakat des nächsten Jean-Claude van Damme Films anstrahlt…


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