Oh, wie schön ist doch „Bolivien“!

Dass sich nicht jedes Ubisoft-Open World-Spiel zu 100 Prozent vom anderen unterscheidet, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Besonders bei der Assassins Creed-Reihe kann man durcheinanderkommen. Von Assassin´s Creed II zu Assassin´s Creed Revelations war es beispielsweise nur ein kleiner Schritt und der damals von Syndicate zu Unity ebenso (BTW: Auswendig weiß ich übrigens gar nicht mehr, wie die Assassin´s Creed-Teile alle hießen, dafür muss ich tatsächlich in meinen uplay-Account schauen). Wirklich viel hat sich also in all den Assassin´s Creed-Jahren nicht getan, auch wenn Black Flag hier die bestätigende Ausnahme ist. Bei Far Cry beginnt die Ubisoft-Neuzeit mit Teil drei und seitdem hielten sich Innovationen im altehrwürdigen Franchise auch in Grenzen. Faszinierend daran ist – rein aus meiner persönlichen Perspektive, euch darf es natürlich wurscht sein – dass ich kein einziges Ubisoft-Open Word-Spiel ausgelassen habe und jedes neue mit offenen Armen in Empfang nahm. Erwartungen zu enttäuschen, ist sicherlich nicht Ubisoft´s Ding (kleiner Einschub: Das kommt natürlich auf die Erwartungen an. Wer beispielsweise bei Far Cry 5 ernsthaft (!!!) damit rechnete, einen spritzig-intellektuellen Kommentar auf die politische Lage in den USA unter Trump geliefert zu bekommen, war sicherlich völlig überrascht, dass es anders kam und zu Tode betrübt). Letztlich ist es nur konsequent, wenn mit Wildlands, dass wie The Division unter dem zweifelhaften Tom Clancy-Label verkauft wird, ein einziges Spiel quasi alle Aspekte abbildet, die man an der Ubisoft-Formel liebt, mag, ignoriert oder gar verteufelt. Wildlands ist die eierlegende Wollmilchsau unter den Open World-Titeln, auch wenn es nicht bis drei zählen kann.

Eine Weile ist Wildlands bereits auf dem Markt und kommerziell betrachtet dürfte es deutlich hinter The Division angesiedelt sein. Bei beiden Spielen machte Ubisoft übrigens den mittlerweile schon rituellen Fehler und politisierte anlasslos und intelligenzbefreit zum Launch blöde daher. Dazu später noch ein paar Takte mehr. Was Wildlands für mich ausmacht, ist eine Art Far Cry-Feeling – ohne den unnötigen Storyballast. Wildlands besteht nahezu komplett aus der (Neben-)Missions-Arbeit, die viele bei Far Cry und Assassin´s Creed nicht mögen. Redundanz, wo man nur hinschaut, aber das in Perfektion! Da wird hier eine Basis erobert und dort jemand eingeschüchtert oder The Division-like Nachschubgüter gegen anrückende KI-Bösewichter verteidigt und Computer gehackt. Gefühlte eintausendmal erledige ich den ganzen Kram und alles, was ich dafür bekomme, ist eine einzelne weitere „befreite“ Region von gefühlt noch 100 zu erobernden Gebieten. Herrje, es ist wirklich immer das gleiche und es hört nie auf. Kaum zwei Stunden am Stück aushaltbar, aber perfekt für die kleine halbe Ballerstunde nebenbei.

Ja, natürlich es gibt eine Geschichte bei Wildlands. Sie kommt bestenfalls schlicht daher und ist eng mit dem Staat Bolivien verbunden. Löblich ist es durchaus, dass Ubisoft mit großer Hingabe darum bemüht ist, dass die „Spielwelt der wunderschönen Natur des Landes nahekommt“, so wie das Unternehmen nach einer Klagedrohung des Staates Bolivien kundtat. Wer die Spielwelten aus Far Cry 3 und dessen Nachfolger mochte, wird Wildlands lieben. Ubisoft leiste mit dem Wildlands-Setting zweifellos mehr als gute Arbeit. Neben dem Far Cry 3-Dschungel-Holiday-Ambiente treibt man sich in ansehnlich gestalteten kargen Abschnitten herum, durchstreift Berge und Täler sowie Wüsten und Schnee – es ist einfach ein Freude, sich durch das Wildlands-„Bolivien“ zu begeben.

Warum Wildlands von Ubisoft in Bolivien verortet wurde, ist mir trotzdem ein Rätsel. Und da sind wir bei der angedeuteten Politisierung. Das Land ist – laut den Autoren – durchzogen von Drogenkriminalität und Korruption, da geht gar nichts mehr und wenn das wirklich so kommt – und es ist ja nicht so, dass die CIA stets um Südamerika einen großen Bogen machte – dann hilft nur noch ein US-Squad, der sich massenmordend durch das Land pflügt. Für den Frieden, selbstverständlich. Es wird auch alles gut, wenn ausländische Spezialeinheiten mit Waffengewalt Angehörige von Kriminellen entführen und (kaum verhinderbar) dann und wann unschuldige Zivilisten um die Ecke bringen. Das alles verantworten wir als Chef der Einheit. Entweder gemeinsam mit den KI-Kameraden oder wahlweise gemeinsam mit Freunden im Koop oder im öffentlichen Spiel mit „Fremden“ (um Gottes Willen). Aufgrund der knochenharten Missions-Arbeit, die zu verrichten ist, gerät die sogenannte Geschichte schnell in den Hintergrund. Zumindest bei mir ist das so. Wildlands funktioniert so wunderbar aufgrund seines außerordentlich gelungenen Gameplays, wozu übrigens auch eine Drohne als kleines, feines Schmankerl gehört, sowie einer kleinen Prise Rollenspiel und so gar nicht aufgrund des dumpfen Drumherums. Ich bedaure das, denn Wildlands hätte als Spiel einen deutlich besseren Ruf verdient als es ihn heute hat.

Gerne würde ich erfahren, warum Ubisoft völlig ohne Not mit unangenehmen Stereotypen derart um sich wirft, dass es nur so in der Birne kracht. Letztlich nehmen sich die Entwickler einige Freiheiten, wenn die Marschlinie in Richtung Pseudo-Realismus geht. Wildlands könnte ebenso im Staate Los Bandidos del Reyes spielen. Es wären doch allen wurscht, dass Los Bandidos del Reyes NICHT ein klebriges Abbild von Bolivien mit unaufrichtigem Authentizitätsstempel ist. Wer die sogenannte Ubisoft-PR-Strategie aus seiner Zeit heraus verstehen mag, wirft bitte gerne einen Blick auf diesen Beitrag aus Wired, in dem sich der offensichtlich nicht so ganz branchenferne Autor nicht zwischen klebriger Ubisoft-Öffentlichkeitsarbeit und zarter Kritik entscheiden kann.

So ganz kann ich von dem Thema nicht lassen. Interessanter Weise lässt mich der „Bolivien“-Quatsch kalt, wenn ich Wildlands spiele. Dann lasse ich mir von den befreundeten Rebellen einen Hubschrauber in die Nähe meines Unterschlupfes beamen (?). Sogleich steuere ich irgendeinen der dreitausend auf der Map markierten Punkte an, die von Interesse sind und genieße derweil den Flug über das wunderschöne „Bolivien“. Besser geht es kaum, als Flugsimulator für blutige Anfänger ist Wildlands ein Traum – nur stören leider die Abfangraketen die Idylle, die mir die Bösewichte immer mal wieder hinterherjagen. Was alles von Interesse ist? In neuen Regionen sind es erst einmal die Fragezeichen auf der Map, die es zu erkunden gilt. Entweder erhält man dort von Rebellen Informationen oder beschafft sie sich, indem man einen Leutnant der Drogenmafia verhört. Und dann geht´s los: Neben einigen Hauptmissionen pro Region sind Nebenmissionen zu erledigen, die dazu dienen den Support durch die KI-Rebellen zu verbessern, neue Nachschublinien der Drogenbarone zu kapern sowie Hubschrauber und Flugzeuge zu klauen. Darüber hinaus sammelt man neben Dokumenten, die die sogenannte Hintergrund-Story beschreiben, noch Fertigkeitspunkte, mit den man den Squad, Waffen, sich selbst oder die Drohne verbessern kann. Mal ganz abgesehen von den Waffenkisten, in denen entweder ein neues Spielzeug oder attraktiver Zubehör zu finden ist. Kurz gesagt: Es ist nahezu unmöglich nicht über Loot oder eine Mission zu stolpern.

Dass Red Dead Redemption 2 in Sachen Immersion noch massiv einen drauflegt, ist an dieser Stelle geschenkt, denn Rockstar konzentriert sich mit Hingabe vorrangig auf die Entwicklung eines einzigen Open Worlds-Spiels, während Ubisoft bekanntermaßen mit mindestens der gleichen Leidenschaft einen Open World-Spielplatz nach dem anderen raushaut. In Kürze erscheint The Division 2 (und nahezu zeitgleich ein Far Cry-Abkömmling) und ich weiß, all die üblichen Ubisoft-Lästermäuler scharren schon längst mit den Hufen und werden auf das einprügeln, was Ubisoft-Videospiele ausmacht: Die Missions-Redundanz und eine kreuzblöde Story. Wer mag, kann die Dinger aber auch einfach mal spielen. Perfektes austariertes Gameplay und wunderschöne Spielwelten sind nicht alles, aber ohne geht es auch nicht (gut) und auch sie machen die Ubisoft-Formel aus.


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