Ein süß UND spannend aussehendes Koop-Spiel mit hohem Budget und entwickelt von Hazelight? Count me in! Das Studio unter der Führung von Josef Fares hat 2018 bereits ‚A Way Out‘ herausgebracht und das kann man nun großartig gefunden haben oder nicht: es war neben ‚Brothers: A Tale of Two Sons‘ (an dem Josef Fares auch schon beteiligt war) sowohl grafisch als auch gameplay-technisch auf jeden Fall ein außergewöhnlich gutes Couch-Coop-Spiel. Meine Erwartungen an den Titel waren also ganz schön hoch!
Die Geschichte wirkt erst mal ein wenig wie aus einer Hollywood-Familienkomödie übernommen: ein Elternteil ist Ingenieur und arbeitet sehr viel, um die Familie zu ernähren. Der andere fühlt sich zuhause alleine gelassen und die Ehe geht vor lauter Streit in die Brüche. Dass hier die Frau das ganze Geld nach Hause bringt, ist zwar ein etwas modernerer Einschlag, der aber nicht wirklich viel an der anstrengenden Beziehungsdynamik ändert. Natürlich hat die Tochter ein magisches Buch und wünscht sich damit, dass ihre Eltern wieder zusammenfinden. Das Buch – das aus irgendeinem Grund als Spanier oder Lateinamerikaner namens Dr. Hakim auftritt (Sprache der Liebe? Man weiß es nicht!) – verwandelt die beiden Erwachsenen in winzige Holzpuppen und schickt sie durch nicht enden wollende Level in Dingen aus ihrem Haus, wie z.B. den Schuppen, Spielzeugwelten, eine alte Uhr oder eine Schneekugel – die bei all den lauernden Gefahren übrigens alle mal auf ihre Sicherheit kontrolliert werden sollten. So kann man doch nicht wohnen!
Die Mission: die zwei MÜSSEN ihre Liebe wiederentdecken und wieder zueinander finden, ansonsten dürfen sie nicht zurück in ihre Körper, die währenddessen zombiemäßig zuhause vor sich hin vegetieren.
Mein erster Gedanke schon beim Trailer: “Oh mein Gott, bitte lass die beiden nicht wieder zusammenkommen!”. Ob ich deswegen ein unromantischer Klotz bin? Ich glaube nicht! Ich finde es nur weder für Erwachsene, aber vor allem nicht für Kinder und Jugendliche eine besonders gesunde Message, dass Menschen einfach nur lange genug gezwungen werden müssen, Zeit miteinander zu verbringen und Dinge zu tun, die sie beide nicht tun wollen, um nachher zu ihrem Happy End zu finden. Das ist maximal übergriffig und gerade wenn man bedenkt, was den beiden kleinen Figürchen im Spiel alles bevorsteht, auch so ziemlich der Inbegriff der Hölle. Ja es braucht zwei Spieler für das Spiel, aber vielleicht ist Leuten die eigene Wunschvorstellung von ihrem Leben aufzuzwingen auch einfach keine Hilfe!
Allerdings muss auch nicht immer jedes Spiel eine furchtbar innovative oder tiefgründige Geschichte haben, um gut zu werden. ‘It Takes Two’ macht hier nämlich einfach so viel anderes sehr großartig! Das Offensichtliche zuerst:
ES. IST. SO. HÜBSCH! Gerade am Anfang musste ich Indiespiel-Gewöhnte durch manche Locations erst eine Weile staunend durchlaufen, bis wir weiterspielen konnten. Es ist aber auch sehr sehr aufregend – also zusätzlich zur teuflischen Entführung und Körperübernahme.
Nachdem wir uns am Anfang als May- und Cody-Puppen im Keller wiederfinden – der wie der ganze Rest der Umgebung inklusive Kinderzimmer – eine absolute Todesfalle ist (Warum gibt es dort so viel Starkstrom?!), kämpfen wir uns heraus und versuchen unsere Tochter zu finden, damit sie uns wieder zurückverwandelt. Denn wirklich, wer hat bitte die Zeit, um an seiner Beziehung zu arbeiten?
Das stellt sich nun aber alles als sehr viel schwieriger heraus als gedacht, denn immerhin sind wir kleine Holzpuppen und das böse Buch arbeitet gegen uns! So haben wir nicht nur endlose Hindernisse zu überwinden, sondern treffen auch noch auf neue Feinde, die uns entweder umbringen wollen, weil sie nicht wissen, wer wir wirklich sind, oder gerade WEIL sie es wissen (wenn ihr alte Staubsauger aussortiert, sorgt vielleicht dafür, dass sie im Verwandlungsfall nicht voller Rachegelüste in eurem Haus auf euch warten). Auf unserer doch ganz schön ausartenden Reise zur Tochter bringt uns jedes Level nicht nur neue Umgebungen, sondern auch komplett neue Fähigkeiten, die wir zum Rätsellösen oder Kämpfen kombinieren müssen. Alleine kommen wir nicht weiter.
Spielen kann man entweder online – auch dann braucht man glücklicherweise nur ein gekauftes Exemplar, der Rest läuft über den Freunde-Pass. Oder man spielt tatsächlich nebeneinander sitzend im Split-Screen, so wie wir. Die Sprachausgabe ist entgegen der Angaben im Playstation Store tatsächlich nur auf Englisch. Alle anderen Sprachen sind nicht vertont. Falls ihr das also mit euren Kindern spielen wollt, sollten sie entweder gut Englisch verstehen oder die deutschen Untertitel lesen können.
Wie kommt dieser Geisterfisch in den Baum?
Ich würd euch gern das Genre verraten, aber das wird schwer, denn die Level sind tatsächlich so abwechslungsreich, dass man vom Street Fighter-Kampf gegen ein Armee-Eichhörnchen, einem Ritt auf einem riesigen Geisterfisch durch einen alten Baum (Die Familie hat einen wirklich ungewöhnlichen Garten!), Zauberei-Koop a la Trine durch finstere Verliese, Überwinden von Hindernissen durch Zeitmanipulation, Pinball Machines, dem obligatorischen Wasserlevel bis zu Splatoon-artigen Explosionsleveln alles dabei ist. Manchmal ist mein Hirn bei so vielen verschiedenen gefragten Skills ein wenig explodiert und ich hab mich gefragt “Was zur Hölle? Passiert das gerade wirklich?!”
Einige der Kämpfe sind mit ihren Bullet Hell-Elementen ziemliches Mayhem, andere ein klein wenig ruhiger. Mit den vielen Genre-Leveln sind auch die Kämpfe unterschiedlich, was einerseits natürlich gut für den Spielspaß ist. Andererseits erfordert es ohne spezielle Erklärungen eben auch ein sehr breit gefächertes Spiele-Vorwissen. Muss man z.B. in einer konkreten Szene einen Gegner auf eine ganz ganz spezielle Weise zu einem ganz bestimmten Ziel locken, um in einem ganz bestimmten Moment auszuweichen, um ihn gegen ein nicht ganz klares Ziel prallen zu lassen, mag das für jemanden, der sich gerade mit diesen Mechaniken gut auskennt, extrem basic sein. Für andere wird derselbe Kampf wegen der fehlenden Hilfestellung dann sehr frustrierend und deutlich weniger einsteigerfreundlich als ich es sonst kenne. Dasselbe gilt für die an einer handvoll Stellen wenig hilfreiche Kameraführung. Ich seh halt doch gerne, wo ich hin springe! Vielleicht bin ich aber auch einfach ungeschickt, wer weiß das schon? Und wer weiß schon, warum wir ein geliebtes Spielzeug unbedingt verstümmeln mussten – ich sag’s euch, das ist die neue GTA-Folterszene – statt das eventuell auch anders lösen zu können?
Und trotzdem ist das hier Jammern auf ganz ganz hohem Niveau: Ich kann mich an kein Couch-Coop-Spiel außer eventuell noch ‚Unravel 2‘ erinnern, mit dem wir so viel Spaß hatten. Die Puzzle und Kämpfe sind komplett auf Zusammenarbeit ausgelegt und auch wirklich schaffbar. Und auch wenn ein paar weniger (optionale) Mini-Games und vielleicht sogar Spielstunden dem Spiel ganz gut getan hätten, um es noch einzigartiger zu machen, ist es doch wirklich das Beste, was Koop gerade zu bieten hat. Und das Beste ist zu Isolationszeiten gerade gut genug!
2 Kommentare
Schlicht und ergreifend: Das beste, fantasievollste und hinreißendste Spiel, das ich seit Jahren gespielt habe. Es ist soooo toll. Und das Ding mit der Elefantenkönigin hat mir gestern Abend fast das Herz zerrissen.
Puh, ich hätte mir da wirklich gewünscht, dass man sich da auch anders hätte entscheiden können. Das fand ich tatsächlich etwas too much und unnötig interaktiv.