Torchlight 2

Just for fun

Was hat uns nur so verdorben? Da erscheint das knuddelige Torchlight 2 und geht im Gegensatz zum Spiel mit dem großen D im Namen den Weg größtmöglicher Offenheit: Das gesamte Spiel ist modbar, Speicherstände lagern immer auf der eigenen Festplatte statt im Netz und Charaktere sind deshalb übergreifend im Singleplayer, im LAN und im Internet verwendbar. Kontrollierte Server wie im battle.net gibt es nicht. Das führt dazu, dass eine Ökonomie im Spiel mit Bezug zu echter Währung nicht entstehen kann. Items, die sich jeder, anstatt stundenlang dafür zu grinden, theoretisch auch flugs ins Spiel modden könnte, kann man nicht über eBay oder ingame über ein Auktionshaus verkaufen. Mit solchen Items kann man auch nicht vor anderen Spielern angeben. Es gibt Leute, die damit ein fundamentales Problem haben.

Die am häufigsten gehörte Argumentation lautet dann, das Spiel biete keine Langzeitmotivation. Es biete, und jetzt kommt’s, kein „Endgame“! Schließlich wäre stundenlanges Grinden ja total sinnlos, wenn jedermann sich die Items auch anderweitig herbeihexen könnte. In MMOGs bezeichnet „Endgame“ üblicherweise all das, was nach Erreichen des Maximallevels im Spiel noch zu tun bleibt. Die Teilnahme an Raids oder an PvP zum Beispiel. Eingebürgert hat sich dabei eine gewisse Geringschätzung gegenüber den Inhalten, die man während des Levelns sieht. Daran ist World of Warcraft nicht ganz unschuldig, ein Spiel in dem sich der „leveling content“ in den letzten Jahren immer mehr zu einer Singleplayer-Erfahrung entwickelt hat, während mit Erreichen der Levelgrenze plötzlich Gruppenspiel angesagt ist. 2004 hat WoW die Spieler darauf noch mit Gruppenquests ab niedrigen Leveln und mit langsam immer komplexer werdenden 5-Spieler-Dungeons vorbereitet. Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute ist – zumindest bei Leuten, die nicht wie ich jede neue Erweiterung nur aus touristischen Gründen einen knappen Monat lang spielen  – die Ansicht weit verbreitet, Leveln sei das, was man täte, bevor der eigentliche Spaß losginge.

Diese Ansicht wird von manchen Spielern nun in Action-Rollenspiele wie Diablo 3 und Torchlight 2 zurückgetragen, ist dort aber fehl am Platz. Wenn man Diablo auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad umgehauen hat, ist das Spiel im Grunde vorbei. Man kann natürlich noch weiter herumtollen, Ausrüstung sammeln und Blizzard dabei zusehen, wie sie mit dem Paragon-System und Ähnlichem versuchen, eine Art „Endgame“ zu erschaffen. Das ändert nichts daran, dass man in dem Moment, in dem man als Spieler selbst bemerkt, dass man grindet, das Spiel so weit durchdrungen hat, dass man es zur Seite legen sollte. Raph Koster schreibt in A Theory of Fun in Game Design: „The destiny of games is to become boring, not to be fun. … In the end, that is both the glory of learning and its fundamental problem: Once you learn something, it’s over. You don’t get to learn it again.“ Und weiter: „The point at which a player chooses to repeatedly play a game they have already mastered […], just because they like to feel powerful, is the point at which the game is betraying its own purpose. Games need to encourage you to move on.“

Frage an die Spieler, die Diablo 2 über Jahre hinweg gespielt haben: Lag es am „Endgame“, an der Itemjagd auf Maximallevel, dass das Spiel euch so lange gepackt hatte? Lag es nicht mindestens ebenso sehr am Wiederspielwert, an den verschiedenen Klassen, die es auszuprobieren galt? An den verschiedenen Builds, zwischen denen man sich entscheiden musste? An den immer wieder neu zusammengewürfelten Gebieten und Monstern? In diesen Bereichen tut D3 sich schwerer als sein Vorgänger. Zwei Hexendoktoren auf dem höchsten Level sind, abgesehen von den Items, identisch. Kein Spieler hat einen Grund, jemals einen zweiten oder dritten Hexendoktor spielen zu wollen. Auch die Zusammenstellung der Landschaften und Dungeons ist keinesfalls so zufällig, wie es zuerst den Anschein haben mag.

Gerade hier versucht Torchlight 2 zu punkten, ist im Gegenzug aber ein Spiel, in dem es keinen Sinn hat, einen Charakter auf dem Maximallevel noch ewig weiterzuspielen. Das in MMOGs antrainierte Verhalten, etwas zu tun, das im Grunde keinen Spaß mehr macht, ergo zu grinden, um am Ende eine Belohnung für den Zeitaufwand zu erhalten, greift hier nicht, weil Items keinen wirklichen Wert haben. Travis Baldree, President von Runic Games, antwortete auf die Frage, was er von Item-Ökonomien halte: „I don’t even know. I’m not an economist. I don’t care about economies. I don’t want to make an economic game. I just want to make something where you beat the heck out of monsters that are randomly generated and shiny things fall out.“

Dass Torchlight 2 in dieser Hinsicht ganz anders ist als Diablo 3, finde ich großartig. Gar nicht mal aus Antipathie Blizzard gegenüber, sondern schlicht weil es D3 schon gibt. Auf diese Weise haben Spieler die Wahl. Gut möglich, dass die Fans von Diablo 2, die inbrünstig auf einen Nachfolger warten, der sie über Jahre hinweg begeistern wird, letztendlich mit keinem der beiden Spiele wirklich glücklich werden. Der Wunsch nach extremer Langlebigkeit einzelner Spiele war mir allerdings schon immer ein wenig suspekt. Neben meinem Outlander werde ich Torchlight 2 sicherlich noch mit dem Engineer und dem Embermage durchspielen, auch auf höheren Schwierigkeitsgraden. Wenn ich dann nach vielleicht achtzig Stunden keinen Spaß mehr daran habe, werde ich es zur Seite legen wie zuvor schon Diablo 3. Und ich finde das kein bisschen schlimm.

Ein Actionrollenspiel nur so aus Spaß zu spielen…. Ich weiß, komische Vorstellung.


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6 Kommentare

  1. Wollmilchkuuh - 09.10.2012 14:57

    „I just want to make something where you beat the heck out of monsters that are randomly generated and shiny things fall out.“

    Besser kann man es aber auch wirklich nicht beschreiben. Hauptgrund warum ich ARPGs spiele und T2 macht dabei für mich alles richtig.

  2. Schwanzus Longus - 09.10.2012 22:46

    Prügle mich auch schon seit 10 Stunden mit Engineer und Outlander durch die Weiten Torchlights. Es macht wirklich Spaß die einzelnen Gebiete zu erkunden.
    D3 habe ich aufgrund des always-online-Mists nicht gespielt, ich kann also nur sagen, dass ich TL2 im Vergleich zum Vorgänger um einiges besser finde. Meine 15€ hat Runic wirklich verdient. ;)

  3. Zwerg-im-Bikini - 09.10.2012 22:48

    Ich gehöre zu denen, die nur schwer nachvollziehen können, warum Torchlight 2 besser sein soll als Diablo 3. Ich habe es allerdings noch nicht selber angespielt (die Demo muss endlich mal installiert werden… Tokyo Jungle lässt mich gerade nicht los, sorry ;)).

    Mein Interesse ist deshalb eher gering, weil mich Torchlight 1 zu schnell nicht mehr gefesselt hat. Das lag nicht daran, dass die Items nicht bei Ebay landen (das ignoriere ich bei Diablo schon immer), sondern daran, dass es für mich nicht genug Motivation gab, mich voran zu kämpfen. Was bringen zufallsgenerierte Dungeons, wenn man sie trotzdem kaum voneinander unterschieden kann? Und auch ansonsten hat es mir zu wenig Spaß gemacht… es war genau das, was du im Text kritisierst: pures Grinden. Und das ist mir schneller bewusst geworden, als bei vergleichbaren Spielen, die zumindest noch etwas mehr herum stricken. Dann war die Luft raus.
    Aber das gilt natürlich nur für den Vorgänger, den 2. Teil müsste ich mir erst näher ansehen, um über ihn fundiert zu meckern ;).

    Grundsätzlich kann ich voll und ganz zustimmen: Durch zu rennen, um möglichst schnell das Endgame zu erreichen, ist auch nicht meins. Man sollte ein Spiel zu jedem Zeitpunkt genießen können und aufhören, sobald das nicht mehr der Fall ist. Aber gerade das Endgame wurde bei Diablo 3 zuerst ja auch sehr bemängelt (bevor sie angefangen haben, Bonus Content nachzupatchen). Ich habe jetzt auch meinen lvl 60 Charakter wieder hervorgekramt und freue mich, noch etwas mit ihm zu tun zu haben :). Aber entscheidend ist: Auch beim ersten Durchspielen hatte ich Spaß, sonst wäre ich gar nicht so lange dabei geblieben.

    Zu der Diablo 2 Frage: Die Landschaften in Diablo 2 und 3 sind vergleichbar. Abwechslungsreich macht sie für mich nicht, dass man mal einen Baum an einer anderen Stelle hat und der Weg links statt rechts lang führt, sondern die Vielfalt verschiedener Gegenden. Da geben sich Vorgänger und Nachfolger nicht viel.
    Und die Charakterklassen, das ist auch so eine Sache. Wer jetzt Diablo 3 zur Seite legt und meint, er hätte keinen Spaß mehr daran, hat in der Regel noch gar nicht alle Klassen bis lvl 60 gebracht. Deshalb zieht das Argument für mich (noch) nicht, dass das Spiel weniger Spaß macht, weil man nur einen Char pro Klasse „braucht“. Da sind wohl eher andere Dinge Schuld, wie z.B. dass man sehr lange spielen muss, um an gute Items zu gelangen. Das war für mich übrigens das einzige wirklich Störende, wobei ich mir dachte, dass die Spieler zum Endgame hingetrieben werden, und ihnen auf dem Weg dahin zu viel vorenthalten wird. Also ein zum Text passender Kritikpunkt, den sich Blizzard auf jeden Fall gefallen lassen muss.

    Was bei dem „Diablo vs Torchlight“ Thema denke ich noch wichtig ist: Torchlight 2 scheint einen gewaltigen Sympathiebonus zu haben. Blizzard hat den Start verkackt und es wird lange dauern, bis sie das wieder gut machen können (wenn überhaupt). Jetzt sind sie die böse Kommerzfirma und Torchlight 2 geht ja fast noch als Indiegame durch. Das macht schon viel aus.

  4. Anandandram - 10.10.2012 12:28

    Ich habe dieses Endgame-Konzept nie so recht verstanden. Klar, auch ich habe meine MaxLevel-Charaktere bei WoW noch weitergespielt und hier ne Instanz und da nen Raid gespielt, n paar Daily-Quests gemacht, aber das hat sehr schnell keinen Spaß mehr gemacht, weswegen ich es zuerst noch aus Pflichtgefühl der Gilde gegenüber und dann gar nicht mehr gemacht habe.
    Twinks hochleveln, das war Spaß ohne Ende, aber MaxLevel-Grinden… *gähn*
    Als dann Blizzard aber das Leveln auch lieber zu reinem Grinden Richtung MaxLevel ohne den geringsten Anspruch, ohne Spannung, ohne Denken oder Können entwickelt hat, musste ich das Spiel leider aufhören. Der Spaß war komplett aus dem Spiel verschwunden. Na ja.

    Jedenfalls freu ich mich wie blöd auf Torchlight 2 (ja, ich weiß, gibts schon, aber ich möchte die deutsche Box haben) und habe Diablo 3 erst gar nicht ernsthaft angepackt. Echtgeldauktionshaus? Kein Schwierigkeitsgrad? Kein Skillen? Ja, nee, is klar…

  5. joe - 10.10.2012 22:39

    Hi!

    Nachdem ich sowohl die Torchlight Spiele 1 & 2 spiel(t)e und auch Diablo 1-3 kenne, kann ich mich dem Artikel großteils anschliessen.

    Diablo 1 hat mich mehr gefesselt als der 2te Teil (bin halt eher der Single Player) und gerade auch die Studienzeit war eine Diablo 1 Zeit – also passte hier auch für mich das timing der Release.

    Torchlight 1 habe ich nicht durchgespielt, ähnlich wie Fate, dennoch haben beiden eine gewisse Zeit Spass gemacht. Für den Preis, den beide gekostet haben, war es das absolut wert.

    Der 2te und damit neue Teil der Fackellicht Reihe erinnert mich zur Zeit (lvl 18 herum) eher an Titan Quest denn an Diablo 3, das nach dem ersten Diablo Kill sämtliche Motivation und Lust zum „ich-mach-das-erneut-von-vorne“ verloren. Seitdem verstaubt das Teil, während mich bei TL2 immer noch das nächste Gebiet, die nächste Quest, das neue Set-Item regelmäßig eine Stunde Schlaf (ich spiele zumeist abends) kostet.

    Bin schon gespannt, was hier noch alles auf mich wartet – derzeit lockt das Neue, das Unbekannte.

    Grüße
    h.

  6. Chris - 11.10.2012 19:50

    @ZiB: Torchlight 1 hat Runic damals in knapp acht Monaten zusammengebaut. Für TL2 hatte man zweieinhalb Jahre Zeit und das merkt man. TL1 ist kaum mehr als eine bessere Visitenkarte für den zweiten Teil. Wenn also vor allem fehlende Abwechslung das Problem war – das ist gelöst.

    Da sind wohl eher andere Dinge Schuld, wie z.B. dass man sehr lange spielen muss, um an gute Items zu gelangen.

    Da sind die Spiele wirklich sehr gegensätzlich. TL2 wirft im Vergleich mit Set-Items und Uniques geradezu um sich. Gerade bei den Sets ist das fast schon zu viel des Guten. Führt witzigerweise auch wieder zu Spielern, die sich beschweren, dass es sich nicht lohnt, ihren Character auf Level 100 noch weiterzuspielen, weil sie den besten Loot schon haben…

    Was mich an D3 wundert: Dass es dieses „Endgame“ ganz bewußt haben will. Sonst wären die Droprates ja anders.

    @Anandamdram:

    Als dann Blizzard aber das Leveln auch lieber zu reinem Grinden Richtung MaxLevel ohne den geringsten Anspruch, ohne Spannung, ohne Denken oder Können entwickelt hat,…

    Da muss man differenzieren, finde ich. Von Level 1 auf Level 60 kommt man inzwischen wirklich absurd schnell im Vergleich zu 2004. Danach kommt Outland, das sich in etwa noch auf dem Qualitätslevel des ursprünglichen WoW bewegt und damit momentan der Schwachpunkt des Questerlebnisses ist. Nachdem Kalimdor und Azeroth (also Level 1 bis 60) mit Cataclysm generalüberholt wurden, ist der Bruch zu Outland inzwischen gewaltig. Das ist die einzige Gegend, auf die ich wirklich keinen Bock mehr habe. Von Level 70 bis 90, also in Wrath, Cataclysm und Pandaria, ist Questen zwar großteils Singleplayer-Erfahrung und der Bruch zum Gruppenspiel danach ist ziemlich hart, aber der Singleplayer an und für sich ist meines Erachtens sehr gelungen.

    Ich hab in Cata keine Instanzen mehr gemacht, bin jetzt ohne Raidausrüstung in Pandaria gestartet und kann mich über mangelnden Schwierigkeitsgrad echt nicht beklagen.

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