Keine schweren Gefühle

Ich bin ein armer Schlucker. Wenn sich jemand fragt, wo denn die Wirtschaftskrise in den Privathaushalten angekommen ist, habe ich die Antwort parat: Bei mir. Ich sitze, während ich diese Zeilen verfasse, in meiner kleinen Klause im süddeutschen Exil, blicke auf den kahlen Putz und träume von besseren Zeiten. Da geht die Türklingel, der Postmann bringt eine Sendung. Ein Großbrief von Rockstar, die so freundlich sind, mir ein Testexemplar von GTA V zukommen zu lassen. Ich reibe freudig die Hände gegeneinander und ziehe den Schal enger, denn zum Heizen fehlen die Mittel.

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GTA V war der Schwanengesang der alten Konsolengeneration. Rockstar griff sich die verdorrten Zitronen PS3 und XBOX360 und presste mit Gewalt den letzten Rest Saft aus ihnen heraus. Bereits als ich die ersten Runden in Los Santos drehte, schoss mir durch den Kopf: „Danach kommt nichts mehr.“ Zwar hegte ich ähnliche Gedanken bereits bei The Last of Us und, um ganz ehrlich zu sein, auch schon bei God of War 3, aber ich bin eben leicht zu beeindrucken. Hey guckt mal, ein Feuerwerk. Trotz einiger Ruckler und Popups sah GTA V einfach prima aus. Und tatsächlich spielte es sich ebenso famos.

Dass sich daran in der aktualisierten Fassung wenig ändern würde, war abzusehen. Erwartungsgemäß wurde es grafisch nochmals beeindruckender und enthält mit der optionalen Ego-Sicht auch ein neues, von vielen gewünschtes Feature. Betrachtet man also die technischen Aspekte, liefert Rockstar hier also exakt den Knaller, den die Fans erwartet haben. Kleinere optische Mängel fallen zwar gelegentlich auf, jedoch wenig ins Gewicht. Dass die in diesem Jahr erscheinende PC-Version optisch noch ein paar Schüppen drauflegt, darf als gesichert gelten. Und selbst wenn bei dieser noch Optimierungsbedarf bestehen sollte, dürfte dieser Umstand einige nur motivieren: Was auch immer Modder wetzen, bevor sie sich ans modden begeben; wir dürfen davon ausgehen, dass bereits fleißig gewetzt wird. Schließlich hat eben jene Modding-Community aus der mäßigen PC-Version von GTA IV Bemerkenswertes herausgeholt und beschäftigt sich noch immer mit dem inzwischen sechs Jahre alten Spiel. Doch genug davon.

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Denn obwohl ich ein erklärter Freund leichter Unterhaltung und einer gepflegten Krachbumm-Inszenierung bin, vermögen schöne Grafiken und Effekte mich nicht dauerhaft zu faszinieren. Zwar ist gegen eine hübsche Optik nichts einzuwenden, dieser ganze Auflösungs- und Framerate-Kram ist mir allerdings ziemlich gleich. Die Spiele der letzten Generation sahen m.E. schon so famos aus, dass ich es durchaus verschmerzen könnte, wenn sich in dieser Hinsicht mittelfristig nicht mehr allzu viel täte. Während ich mich noch in der von diesem Gedanken ausgehenden Wärme aale, prasseln bereits die schweren Steine des Protests gegen meine Jalousie, die ich vor dem Verfassen dieser Zeilen kluger Weise heruntergelassen habe.

So sehr ich gute Technik zu schätzen weiß, so wenig macht sie mich an. Leider trübt meine relative Abgestumpftheit audiovisuellen Spektakels gegenüber auch meine Freude am Current Gen-GTA V. Das hat zur Folge, dass ich damit nicht so warm werde, wie noch mit der PS3-Version vor einem guten Jahr. Am Spiel selbst hat sich nichts geändert, die Missionen sind dieselben und da praktisch keine Möglichkeit freie Entscheidungen zu treffen besteht, ist für mich auch der Wiederspielwert der Kampagne begrenzt. Die anfängliche Begeisterung und der ausgeprägte Wunsch, Los Santos und Sandy Shores – erneut! – zu erkunden, wichen bald einem milden Gefühl der Langeweile. Zwar genieße ich meine Ausflüge in diese Welt nach wie vor, nach einer Stunde oder so werde ich dem Ganzen jedoch meist überdrüssig und schalte ab.

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Denn so hübsch und poliert die Einzelteile auch sein mögen, in ihrer Gesamtheit überzeugen sie mich nicht. Ich fühle mich weder abgeholt, noch mitgerissen. Doch das liegt nicht nur darin begründet, dass mir die Storyline bereits bekannt ist. Vielmehr fehlt GTA V der entscheidende Funke, der es für mich interessant bleiben lässt. So hat der allgegenwärtige Humor der Serie, der mich in GTA III, Vice City, San Andreas und sogar noch in GTA IV erfreute, seine Wirkung auf mich verloren. GTA V parodiert die moderne Gesellschaft, ist jedoch zu sehr Teil von dem, was es zu persiflieren versucht. Beim ersten Durchgang amüsierten mich die Anspielungen und Kalauer noch, beim zweiten Mal konnte ich nicht mehr ignorieren, dass hier in einem perfekt durchgestyleten, vor dem Hintergrund ausschweifender Zielgruppenanalysen gefertigten Produkt Oberflächlichkeit und Konsumgeilheit aufs Korn genommen werden sollen. Der Bock zum Gärtner, der Steinwurf im Glashaus. Der Elefant im Raum trötet leise vor sich hin: „Quatsch mit Sauce.“

Während mich Optik und Umfang zuvor von inhaltlichen Mängeln ablenkten, nehme ich diese nun deutlich wahr und kann das Spiel dementsprechend nicht mehr ungetrübt genießen. Das ist sehr Schade, da ich grundsätzlich, wie bereits erwähnt, gegen platte Unterhaltung nichts einzuwenden habe und auch von Kritik um der Kritik Willen nichts halte. Ich möchte das Spiel gerne gut finden und pfeife darauf, ob es von Leuten geliebt wird, die ich verachte oder von Leuten verachtet wird, denen ich zugeneigt bin. Aber die Luft ist raus, der Arsch ist ab, das Schnitzel ist paniert und der Drops gelutscht. Und während ich den Käs noch esse denke ich, dass ich mir das Spiel vielleicht hätte für die PS4 aufsparen sollen, um auf dieser frisch und unvoreingenommen ans Werk gehen und den audiovisuellen Rundumschlag unbelastet genießen zu können. Verbittert und verbildet wie ich bin, ist das für mich häufig die einzige Möglichkeit popkulturelle Erzeugnisse zu konsumieren, ohne davon genervt zu sein. Schnell rein damit, am besten unter Alkoholeinfluss, damit es richtig gut flutscht.

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GTA V ist also nicht verantwortlich dafür, dass es mir keine Schauer der Begeisterung den Rücken hinunter und von dort aus direkt nach vorne in die Hose jagt. Es ist meine Schuld: Ich denke zu viel. Dafür möchte ich an dieser Stelle um Entschuldigung bitten. Trotz allem werde ich die in diesem Jahr zu erwartende Story-Erweiterung in Augenschein nehmen. Vielleicht kann diese mich wieder fesseln und begeistern, wenn ich bis dahin genug Abstand aufbaue. Doch was tue ich, bis es so weit ist? Ein bisschen weiterspielen werde ich bestimmt. Vielleicht werde ich das Spiel trotz allen Genörgels sogar erneut durchspielen, auf eine langsame und mühsame Art, durchaus vergleichbar mit der einheimischen Nagern nachgesagten Ernährungsweise. Denn nicht beendete Dinge ärgern mich sogar noch mehr, als mir durch Nachdenken selbst den Spaß zu verderben. Sicher ist jedoch, dass ich jeden beneide, der die aktuelle Version von GTA V ohne lästige Zweifel durchspielen kann. Denn nüchtern betrachtet ist es einfach ein großartiges Spiel. Man muss nur bestimmte Areale seines Hirns temporär ausschalten, um es in vollen Zügen genießen zu können.

Inzwischen sitze ich wieder in meiner Altbauwohnung in der ostdeutschen Wahlheimat. Die Mieten hier sind günstig, die Heizkosten allerdings ähnlich üppig, wie im Süden. Doch der Winter ist milde und so lockere ich also meinen Schal, während die Straßenbahn am Fenster vorbeirattert. Denn arm bin ich nach wie vor. Und so warte ich sehnsüchtig darauf, dass erneut ein generöser Publisher mir eines seiner Spiele in den Postkasten legt. Auch auf die Gefahr hin, dass ich dann einen wirren, nicht übermäßig wohlwollenden Text darüber schreibe.


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6 Kommentare

  1. Stefan - 16.01.2015 14:17

    Vielen Dank für den Einblick.

    Ich habe auch auf der 360 GTA V gefeiert und durchgespielt, sogar nach dem Beenden der Story noch ein wenig herumgecruised und hier und da noch kleine Nebenmissionen erfüllt. Dann war das Spiel für mich durch.

    Als ich dann die NextGen-Trailer mit der Ego-Sache gesehen habe, war ich sehr gehypet und dachte: „Das besorg ich mir dann nochmal, sobald ich ne NextGen-Konsole habe!“ Doch seit dem sind einige Wochen vergangen und mein rationales Denken hat wieder eingesetzt und ich dachte: „Wahrscheinlich werd ich das Spiel nie und nimmer nochmal durchspielen, weil ich kenne ja schon alles und die neue Optik wird mich wohl auch nur kurz flashen!“

    Und du hast mir das gerade bestätigt und ich habe beschlossen, mir die ~60€ echt zu sparen und lieber in ein Spiel investieren, dass ich noch nicht kenne.

    (Witzig, ich nenn noch nicht mal eine NextGen-Konsole mein eigen und plane schon!) :D

  2. Urs - 16.01.2015 15:02

    Gern geschehen. ;)

    Da Spiel ist ein zweischneidiges Schwert: Gerade wenn man sich eine neue Konsole zulegt taugt GTA 5 einerseits sehr gut, um die technischen Vorzüge des Geräts zu demonstrieren. Wenn man es allerdings auf einem alten Aparillo schon durch hat, bietet es eben keine Überraschungen mehr. Da ist es deutlich sinnvoller in etwas neues zu investieren (aber bitte NICHT in Infamous: Second Son!) und dann später zuzugreifen. Denn sehenswert und unterhaltsam ist GTA 5 definitiv, das war es ja auch schon 2013.

  3. mnemo - 16.01.2015 16:50

    Und GTA Online?

  4. Urs - 16.01.2015 17:08

    Habe ich nur auf der PS3 kurz angespielt und kann dementsprechend nichts azu sagen, Aber da soll sich ja einiges getan haben. Und die lang versprochenen Heist-Missionen sind demnächst ja wohl tatsächlich spielbar…

  5. Missingno. - 18.01.2015 09:28

    Ich warte noch bis mindestens Ende März, bevor ich GTA V auch nur mit dem Arsch anschaue. Lustigerweise ist meine 6,5 Jahre alte Kiste noch potent genug, auch wenn keine 65GB Platz sind und ich kein passendes 64bit Betriebssystem (zumindest kein Windows) drauf habe.

  6. Jens - 19.01.2015 11:10

    GTA V hatte ich mir für die PS4 „aufgespart“. Technisch gesehen fand ich es sehr beeindruckend. Gerade aus der Luft.
    Deinem inhaltlichen Kritikpunkt kann ich nur zustimmen: Die Popkultur zu persiflieren, deren nicht ganz kleiner Teil man selbst ist, fühlt sich ziemlich klebrig an. Mir fehlt bei GTA insgesamt die Leichtigkeit, sich auch mal selbst richtig auf den Arm zu nehmen (und nicht nur die „anderen“ wie Hollywood & Co). So wie Saints Row es wunderbar kann und macht.

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