Dies sind die Abenteuer des Raumschiff Titanic

Du befindest dich an Bord des interstellaren Kreuzfahrtschiffes Starship Titanic, nur betrübt dich etwas. Und das hat nur entfernt mit der Tatsache zu tun, daß sich niemand zum gemeinsamen Shuffleboard-Spiel findet. Naja, vielleicht nicht ganz so weit entfernt, denn du bist der einzige (noch) lebendige Gast auf diesem 40-stöckigen Ungetüm; von einer hauchdünnen Titaniumhülle umschlungen, auf der dein Haus, direkt den völlig unbekannten Kurs des Schiffes durch den Äther kreuzend, jetzt nur noch ein Haufen rauchender Trümmer, nur ein paar Kratzer hinterließ.

Nun bist du also der Messias der Positronenhirne, die sich auf der Titanic befinden, wie du, wenn du dich von ominösen Onlinehändlern auf’s Kreuz legen läßt, die dir das Spiel ohne Papphülle und dazugehöriger 3D-Brille liefern, selbst unfähig, Kontrolle über das Schiff zu erlangen. Dabei stehen dir Rätsel im Wege, die so sehr an den Haaren herbei gezogen sind, dass dagegen diejenigen aus Gabriel Knight 3, bisher ungeschlagener Meister dieser Disziplin, ein Musterbeispiel an Logik sind. Um sie zu lösen, benötigt man eine Vorstellungskraft wie auf einem Acid-Trip, hellseherische Fähigkeiten oder die URL von GameFAQS in Kopf.

Hier auf ein Walkthrough zurückzugreifen, ist wirklich keine Schande für jemanden, der seit dem Niedergang von Lucasfilm..äh..arts so gut wie keine klassischen Point’n’Click-Adventures mehr gespielt hat, denn wer Witze über Mangelerkrankungen krimineller Seefahrer gern hat, kommt wahrscheinlich nicht drum herum, Starship Titanic bis zum Ende zu spielen, trotz einer Zugänglichkeit wie in den Betriebsraum eines Leck geschlagenen WarpUnendlichen-Unwahrscheinlichkeits-Antriebs, der Sanftheit und Kantigkeit einer vogonischen Dachlatte. LFG-Humor ist jedoch nur die eine Seite der Medaille, die andere ist der MYSTische Aspekt von, Achtung, Douglas Adams’ Starship Titanic: Viele schlimme Schalter- und Maschinenrätsel mit, zugegeben humorvoll gestalteten, Geräten wie einer sprechenden Zeitbombe, die, und das ist natürlich einfach nachvollziehbar, leicht pikiert auf Berührungen reagiert – und sich dadurch immer wieder beim Countdown verzählt. Doch diese endgültig zu deaktivieren..

Keine Chance ohne Hilfe, auch, da die englische Sprache, selbst wenn man sie gut versteht, immer noch eine Barriere darstellt und den Aufgaben eine weitere Abstraktionsebene hinzufügt. Noch einmal! Nicht verzagen, wenn du vor 27 unbeschrifteten bunten Schaltern und Reglern oder unzähligen exakt gleich aussehenden Kabinen der dritten intergalaktischen Touristenklasse stehst. Lass dir helfen oder schlafe eine Nacht darüber. Für die auf Brathähnchen ganz scharfe, unmanierliche Rohrpostanlage erträgt man doch gern so manches Ärgernis wie den beschissenen Text-Parser, mit Hilfe dessen man mit den wenigen robotischen Crew-Mitgliedern wie einer schnippischen Rezeptionistin, dem drögem Liftbot und dem halbwegs vernünftigen Butler-Roboter, der einem die Suppe überhaupt erst eingebrockt und an Bord gelockt hat, versucht zu kommunizieren.

Ansonsten würde wohl nur das Absuchen jedes Screens und das Eintippen jedes erdenklichen Verbs weiterhelfen, denn manche Rätsel erkennt man wirklich erst auf den hundertsten Blick und die eine oder andere korrekte Konversation auszlösen, ist reine Glückssache, denn Hinweise gibt dir das Spiel nur in homöopathischen Dosen, wenn überhaupt. Die Idee von Ying und Yang lässt sich auch die graphische Präsentation anwenden. Einerseits ist das Spiel durch die Verwendung vorgerenderter Hintergründe und Animationen in Form von Videos in den letzten zehn Jahren gut gealtert, ach, was sage ich, gegen die hier vorzufindende Umsetzung des Art Deco-Stils wirken Bioshock und Grim Fandango wie von einer Kindergartengruppe gestaltet, jedoch sind sie an vielen unbedeuteten Stellen viel zu lang ausgefallen, sodaß SST dort beinahe den Charakter einer Tech-Demo erhält. Sie lassen sich allerdings durch das Halten der Shift-Taste überspringen, solch eine Funktion sollte eine gute Adventure-Engine wegen des typischen Umherrennes unbedingt aufweisen.

Herauszufinden, weshalb das Schiff, das mit einigen Macken ausgeliefert wurde, ohne Passagiere und Kapitän im All treibt, wird deine Hauptaufgabe sein, obgleich auch zum Schluß nicht alle Umstände, die dazu führten, aufgeklärt werden. Einige aufgezeichnete Dialoge zwischen Konstrukteur Leovinus (gesprochen und, wie der Rest des Skripts, geschrieben von Douglas Adams) und Ingenieuren sind im Spiel mehr schlecht als recht versteckt und innerhalb eines streng geheimen und stark abgesicherten Netzwerks nachzulesen. Das macht den Mangel an, ok, das Nichtvorhandensein von sinnvollen Konversationen mit lebendig wirkenden Nicht-Spieler-Charakteren zwar leider nicht wett, ist jedoch von höherer Qualität als der gesamte Inhalt (wahrscheinlich – ich habe sie ja nicht alle gespielt) aller anderen Adventure-Games, die in den vergangenen Jahren erschienen sind.


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7 Kommentare

  1. DonFalcone - 21.12.2008 16:58

    Ach nee, dann lieber gleich das Buch zum Spiel lesen ;o)

  2. SpielerZwei- - 21.12.2008 16:58

    Ich bin ja bekennender Adams-Fan, aber das Spiel hat schon seinerzeit eher gemischte Kritiken bekommen, so dass ich es letztendlich nie gespielt habe.
    Und wenn ich mir Nilles Artikel so ansehe, habe ich auch nicht das Gefühl, etwas wichtiges verpasst zu haben…

  3. grobi- - 21.12.2008 16:59

    Ich bin auch ein großer Fan von Douglas Adams (und war von seinem Ableben ernsthaft erschüttert, aber er ist ja nur aus steuerlichen Gründen vorübergehend tot), aber die Buchvorlage zu diesem Spiel hat mir überhaupt nicht gefallen.

  4. Florian - 21.12.2008 17:00

    Ich habe es geliebt das Spiel, damals mit 19.
    Die Dialoge herrlich sowohl in der deutschen als auch in der englischen Fassung!

  5. Marsu - 21.12.2008 17:07

    Also ich hab es nicht bereut mir das Spiel damals gekauft zu haben, hat mich gut unterhalten.
    Zwar war der Textparser absolut furchtbar und auch überhaupt nicht mehr zeitgemäß, aber das hat mich damals nur minimal gestört…

  6. Florian - 21.12.2008 17:07

    Gerade der Parser war genial, der reagierte auch auf Stichwörter wie „Gerhard Schröder“ und so.
    Die Loka war schon toll und weil die solange auf sich warten ließ, haben die mir damals zum Trost Perry Rhodan geschenkt. Also hatte ich beide ST Versionen Plus PR.

  7. Marsu - 21.12.2008 17:07

    Lokalisation? Was für ne Lokalisation? Douglas Adams wird auf Englisch gespielt, naturally of course. thankyouverymuch.

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