Lang und schmutzig

Heute reden wir mal über Sex.

Sex kann man allein, zu zweit oder in der Gruppe betreiben. Bei genauerer Betrachtung entpuppt er sich als sehr weites Feld und ist in vielfältige „Spielarten“ unterteilbar. Und aufgrund der extrem subjektiven und individuellen Rezeption seitens der Akteure ist er nur schwer qualitativ zu bewerten, was aber kaum jemanden davon abhält, es trotzdem zu tun.

Was unterscheidet guten von mittelmäßigem oder gar schlechtem Sex? Ein immer wieder gerne genommenes Kriterium ist die Dauer. Wie wir ja alle wissen, ist das Ziel, also der Höhepunkt, prinzipiell relativ schnell zu erreichen. Nichts gegen einen Quickie dann und wann, aber wirklich guter Sex dauert länger. Deutlich länger. Dies setzt aber selbstverständlich voraus, dass man nicht direkt auf das Ziel zusteuert, sondern statt der Abkürzung eher den Umweg sucht. Und wenn man dann doch unerwartet schnell vor der Ziellinie steht, nimmt man seine ganze Selbstbeherrschung zusammen, hält inne und kehrt einfach um, nur um das Erlebnis künstlich zu verlängern. Man umkreist das Ziel, ohne es wirklich erreichen zu wollen, denn der Orgasmus bedeutet gleichzeitig auch das Ende. Der Weg wird zum wahren Ziel, während der eigentliche Klimax zum Spielverderber degradiert wird, den es möglichst lange zu meiden gilt.

Dass der Höhepunkt des Ganzen hierdurch unweigerlich an Gewicht verliert, ja sogar eine leichte Enttäuschung wird, nimmt man gerne in Kauf, da das Gesamterlebnis dennoch ungleich gesteigert wird.

Um noch eine weitere beliebte Analogie ins Feld zu führen, kann man sich den menschlichen Körper gerne als Landkarte und sich selbst als Tourist vorstellen. Wenn man sich bei seiner Rundreise ausschließlich auf die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, sprich die primären und sekundären Geschlechtsteile beschränkt, hat man das vermeintlich wichtigste gesehen, aber wird das Land niemals wirklich in all seinen Facetten kennen lernen. Nur wer sich die Zeit nimmt, auch entlegene, scheinbar unwichtige Orte abseits der üblichen Touristenrouten zu besuchen, hat eine reelle Chance, das große Ganze zu erfassen, zu verstehen und vor allem zu genießen. Jedes kleine Fleckchen auf dieser Karte hat eine eigene kleine Geschichte zu erzählen.

Wer immer wieder China besucht, um jedes Jahr lediglich neue Fotos von der selben alten Mauer und dem selben großen Platz zu machen, wird das Land, seine Kultur und die Menschen auch nach 100 Jahren nicht ansatzweise kennen gelernt haben, vom Erleben und Genießen mal ganz zu schweigen.

Sicher, es gehört auch etwas Mut dazu, mal etwas anderes auszuprobieren. Die vorgegebenen Pfade zu verlassen und einfach der eigenen Intuition zu folgen, fällt in einer Gesellschaft, die alles vorgenormt hat und in der man immer gesagt bekommt, was man zu tun hat, nicht leicht. Dennoch beginnt erst hier der wahre Genuss.

„Sexspielzeug!“, lautet eine der Standardempfehlungen. Aber wie kreativ ist es wirklich, im nächstbesten Sexshop einen bunten Dildo zu kaufen? Der wahre Sexabenteurer macht sich sein Spielzeug selbst. Alles was man dazu braucht ist eine Werkbank, ein paar Materialien und natürlich eine Bauanleitung. Es ist zwar nicht einfach an Letztere heranzukommen, aber wenn man mit den richtigen Leuten spricht, eventuell ein paar Gefälligkeiten für sie erledigt, wird man überrascht sein, wie viele neue Möglichkeiten sich eröffnen!

Natürlich sind Dauer und Facettenreichtum nicht die einzigen Kriterien für großartigen Sex. Die Atmosphäre muss natürlich auch stimmen. Sie bestimmt die Intensität des Erlebnisses maßgeblich mit. Auch wenn mir die Küchentisch-Fraktion jetzt gehörig widersprechen wird, zu wirklich gutem Sex gehört auch das entsprechende Ambiente. Musik, Beleuchtung, Düfte, Spielzeug und was weiß ich nicht noch alles tragen großen Anteil daran, Sex als wirkliches Erlebnis genießen zu können.

Und auch hier ist wieder eine gewisse Disziplin gefragt. Man muss sich auch dann die Mühe machen, beispielsweise die richtige CD zu wählen, ein paar Kerzen anzuzünden oder das Sailor-Moon-Kostüm anzuziehen, wenn es vermeintlich ebenso ohne ginge. Gefühlsbetonte Naturen sollten unbedingt einmal ein Schäferstündchen auf einem der verstrahlten Campingplätze außerhalb der Stadt probieren. Am besten bei Sonnenuntergang, denn die postapokalyptischen Farbenspiele wirken besonders auf das weibliche Geschlecht äußerst stimulierend. Und wer es nicht ganz so romantisch mag, kann einmal eine der regelmäßig stattfindenden Orgien der Bruderschaft aufsuchen. Hier erlangt man aus naheliegenden Gründen zwar nur Einlass mit entsprechender Power-Rüstung, aber man sollte ohnehin immer auf die eigene Gesundheit und die der entsprechenden Sexualpartner achten!

Was auch immer man nun persönlich bevorzugt, ein wenig Mühe lohnt sich in jedem Fall, denn nur so wird aus einem guten Fick ein echtes Erlebnis.

Die Bruderschaft bringt mich jedoch wieder zu meinem Ausgangspunkt:

Gerade bei ihren unbeschreiblichen Orgien hinter verschlossenen Türen besteht erhöhte Orgasmusgefahr! Wer hier nicht all seine Selbstbeherrschung zusammennimmt und entsprechende Vorsicht walten lässt, sieht sich schneller dem Ende gegenüber als er „Ejaculatio praecox“ sagen kann…

Was ist das?! Ich hätte schwören können, dass ich mich vor einer halben Stunde an den Rechner gesetzt habe, um einen Fallout 3-Artikel zu schreiben. Was würde Freud wohl dazu sagen…?


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14 Kommentare

  1. Tyrone - 25.01.2009 02:31

    Unverhohlener Applaus! UN-VER-HOHLEN!

  2. Tyrone - 25.01.2009 02:51

    Und ich genieße gerade das gleiche Stück, und muss sagen, dass Bethesda jetzt wirklich das gelungen ist, was sie seit Arena versucht haben. Man hat jetzt wirklich eine frei erlebbare Welt, wird von der Hauptquest allerdings nicht völlig vergessen (Daggerfall anyone?).
    Allerdings kommt mir das ganze eben auch etwas seltsam vor, oder wichtiger als es auf den ersten Blick wirkt. Denn so ziemlich jeder der von dem Spiel spricht, spricht auch davon, dass er sich nen Scheiß um seinen Vater kümmert, und lieber Kleinstädte in die Luft jagt, oder Ratten platzen lassen geht. Ist die Geschichte um den Vater also so spannungslos erzählt, oder ist der Rest der Welt einfach so interessant gestaltet?
    Pen&Paper Rollenspiele zum Beispiel. Die sind, entgegen landläufiger Meinung, gar keine Aneinanderreihungen von lauter Hauptquests, sondern die völlige Abwesenheit derer. Es geht nicht darum das Spiel bis zum Ende zu bringen – im Gegenteil, es soll ewig dauern. Und weil es in den Sidequests aber genug Dramatik gibt, wird das ganze auch nicht langweilig.
    Oder Online-Rollenspiele. Wieviele Millionen hängen täglich in den diversesten Welten ab, ohne dass sie auch nur ein kleines bisschen verändern? Ohne dass sie auch nur einen Schritt in Richtung Ende machen?
    Geschichten in Spielen funktionieren anders, als man es aus Büchern und Filmen kennt. Es geht nicht um die große, alles wegblasende Dramatik, nicht um den härtesten und wildesten… äh, Weg um zum ultimativen Schluss zu kommen. Nein, das Gegenteil davon reicht uns schon völlig aus. Kleine Spannungsbögen, scheinbar unendliche Möglichkeiten und Leben in der Welt, in der wir uns bewegen. Eine übergeordnete Rolle nimmt noch das Spielerlebnis selbst ein, aber das würde jetzt zu weit führen.
    Fragt sich nur: Wollen wir wirklich wissen, was mit James passiert, oder wollen wir nur wissen, dass da ein mächtig saftiges Steak auf uns wartet?

  3. Kreon - 25.01.2009 14:08

    Großartig, groooßartig geschrieben!
    Applaus, Applaus, Applaus!

  4. Kazoom - 25.01.2009 17:43

    Beim ersten Überfliegen des Artikels dachte ich „Was?“. Nachdem ich Ihn jetzt richtig gelesen habe finde ich ihn gut.
    Verbringe zur Zeit auch täglich ein paar Stunden im postapokalyptischen Wunderland. Habe mir dann jeden Tag ein neues Ziel zum Erkunden gesucht und hatte dabei unheimlich Spass.

    **** spoiler ****
    Bin leider zufällig auf Vault 112 gestossen und irgendwie ist die Luft jetzt raus.
    Für mich war schon die Suche nach dem verschwundenen Vater ein Hauptmotiv und der Antrieb neue Gebiete abzusuchen. Jetzt da ich weiß wo der Typ rumstolpert, merke ich wie die Motivation schwindet neue Gegenden zu erkunden.
    Das hätte man imho besser lösen können. (Zugang nur mit Passwort etc.)
    **** /spoiler ****

    Nichtsdestotrotz großartiges Spiel. Hätte mir allerdings ein paar mehr Quests auf der Oberfläche gewünscht. Die Beleuchtung ist soooo schön…

  5. Manu - 25.01.2009 19:15

    Ich bin fest davon überzeugt, dass die Geschichte mit dem Daddy extra so wage erzählt wird, damit die Motivation groß genug ist, selber auf Erkundung zu gehen. Weil genau daran liegt ja die Stärke von Fallout. Wäre es ein viel dringlicheres Thema gewesen, würde man doch zwangsläufig der Story nachlaufen.

  6. Kreon - 25.01.2009 23:14

    Jo ich wusste auch schon wo Daddy war bevor ich die Radiostation fand, aber hey [Spoiler]
    Threedog sagt wenigstens Danke das ich dennoch ihm geholfen habe, obwohl ich schon wusste wo Daddy war
    [/Spoiler]

  7. frankj - 26.01.2009 14:15

    Wenn du das mit Fallout am Schluss nicht geschrieben hättest, würde ich immer noch ans Spielen allgemein denken (das Gefühl besteht aber weiterhin).
    Bis zum Absatz mit dem Spielzeug denke ich da an ein gutes Spiel im Allgemeinen, das Kreativität erlaubt, fördert, fordert und doch einen gewissen Grad an Linearität zur Zielsetzung benutzt.
    Beim Spielzeug im Zusammenhang mit dem Mut schwebte mir da Modding bzw. Spiele selber ausdenken oder entwickeln vor (um sich vielleicht selbst über gute Spielkonzepte klar zu werden?).
    Naja und dann die Bruderschaft mit der „Power-Rüstung“; LAN-Parties und [url]http://www.polyneux.de/archiv/4-pwned.html[/url]

  8. Arkion - 26.01.2009 15:54

    Einfach großartig!

  9. Cody - 26.01.2009 20:51

    Sailor Moon Kostüm? *sabber*

  10. spielereins - 27.01.2009 11:59

    ach danke, jetzt erinner ich mich wieder daran, silent hill 3 weiterzuspielen – mit kostüm und laserschwert =)
    *sabber*

  11. hirnfussel - 27.01.2009 13:12

    Hm ich kann irgendwie nicht in die allgemeine Lobhymne auf Fallout 3 einstimmen.
    Habs angespielt nur bis Megaton, einmal aus Spaß dieselbige gesprengt. Das wars dann. Irgendwie fesselt es mich nicht, obwohl ich früer Morrowind bis zum Abwinken gespielt habe und auch absoluter Fan von FO1 und FO2 bin.
    Einerseits geht mir das Kampfsystem auf die Ketten, Ego-Shooter-Modus ist rückwärts wegrennen und ballern. VATS-Modus ist elende langsam und das ganze Gesplattere nervt.
    Andererseits fesselt micht die Welt nicht. Atmosphäre durch Grafik und Landschaft ist echt schick, aber die Dialoge und Aufträge sind fad. Ich habe das Gefühl das Skelett ist da, aber die Ausschmückungen fehlen. In den ersten Teilen, wie auch in Morrowind war die Stimmung für mich wesentlich intensiver.
    So ertappe ich mich dabei, bei der Wahl zwischen FO3 und Team Fortress 2 immer wieder letzteres einzuschalten. Ich hoffe mal meine nächsten geplanten Spiele (GTA IV, Mirrors Edge und DOW2) sind nicht auch solche „Enttäuschungen“.

  12. Ben - 27.01.2009 16:00

    Bist Du sicher dass Du nicht nur von Masturbation redest?

    Fallout mag zum experimentieren einladen, mag den Weg zum Ziel machen, aber es gibt mir nichts zurück. Bei Bethesdaspielen habe ich bisher noch immer diesen faden Geschmack von Freiheit um der Freiheit willen, die dabei die Seele und die Leidenschaft verliert.
    Ich möchte nur einen NPC der wirklich mit mir interagiert, dessen Geschichte mich wirklich interessiert und um dessen Wohlergehen ich mich sorge, nur einen Ort der meiner Figur wirklich etwas bedeutet und zu dem ich gerne zurückkehre… das schafft Fallout3 für mich leider nicht.

  13. Bene - 27.02.2009 14:41

    Säääähr gut das ganze, im letzten Absatz wurde mir klar, dass genau dieses „das Ziel umkreisen“ für mich bei Fallout3 als Grundziel voll zutrifft… Bloß nicht fertigwerden und womöglich den Spaß am rumeiern und entdecken verlieren, Vault 112 ist bei mir ein schwarzer Fleck im Bewusstsein, ich will da glaub ich nie hin :)

    nochmal, affengeiler artikel :)

  14. Pingback: Polytalk: Fallout 4 | Polyneux

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