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I will not buy this record – it is scratched!

Ich habe eigentlich nur ein kleines Problem mit dem ganzen Plastikgitarren-Genre: Ich mag keine Gitarrenmucke. Keine guten Voraussetzungen, um Spaß mit einem Musikspiel zu haben, welches ROCK BAND oder GUITAR HERO heißt, ich weiß. Versteht mich nicht falsch, ich bin anderen Musikgenres gegenüber durchaus aufgeschlossen und natürlich höre ich auch die Unterschiede zwischen AC/DC, Metallica und Bon Jovi raus, aber was soll ich machen, ich brauche nun mal dicke, wummernde Beats statt Riffs. Ich mag es lieber, wenn sich eine tiefe Reibeisenstimme in gut artikulierten Versen um einen Takt schmiegt, als kreischende Männer in Dauerwelle, die ihre Kopfstimme misshandeln. Ich mag soulige Samples aus alten Motown-Hits, die sich mit Scratches und einer tollen Bassline zu einem treibenden Hip-Hop-Unterbau fügen. Kopfnicken statt moshen. Geschmäcker sind halt verschieden.

Nichtsdestotrotz habe ich natürlich auch eine Plastikgitarre in meinem Schrank. Ich bin schließlich ein Alles-Spieler und konnte mich dem Hype, äh, Reiz des neuen Eingabemediums als Early-Adopter selbstredend nicht entziehen. Das „leicht zu lernen, schwer zu Meistern“-Spielprinzip packte mich sofort, so richtig länger fesseln konnte mich jedoch keine der beiden konkurrierenden Gitarren-Spiel-Serien. Aus dem einfachen Grund, dass die Musik, nun, logischerweise einfach zu gitarrenlastig ist. Ohne Liebe zum Rock‘n‘Roll kam die Plastikklampfe nach der ersten Faszination nur noch zum Einsatz, wenn Besuch da war. Das nicht durchgespielte Guitar Hero 3 blieb dann auch für eine lange Zeit meine einzige Version des Franchise.

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Es hat zwar eine Weile gedauert, doch die Evolution der Plastikinstrumente führte von der Gitarre zum Schlagzeug und schlussendlich doch zum wichtigsten Instrument meiner favorisierten Musikrichtung: Dem Plattenspieler. DJ Hero brachte 2009 neuen Wind in den überschwemmten Markt des Musik-Spiel-Genres.

Two Turntables and a Mic

Durch geschicktes Wechseln der Platten und Mischen der Tonspuren verbindet ein guter Plattenjongleur einzelne Songs zu einem neuen Gesamtkunstwerk. Diese Technik ahmen die 3 Spuren auf dem DJ Hero-Highway nach. Der Plastiknachbau auf unserem Schoß sieht aus wie ein Plattenspieler mit integriertem Mischpult. Also quasi 2/3 von dem, was ein echter DJ zum Auflegen benötigt. Den zweiten Plattenteller brauchen wir nicht, wir benutzen den Schieberegler, den wir von der Mittelposition aus nach links und rechts schieben können, um im Spiel die Spuren und damit zwischen den zwei sich vermischenden Songs zu wechseln. Der Schallplattenspieler-Nachbau hat im Gegensatz zur Gitarre nur 3 farbige Knöpfe. Einen für herabfallende Noten auf der linken, einen für die rechte Spur und der mittlere ist für das Abfeuern von Samples zuständig. Wie gewohnt, versuchen wir durch korrektes Timing beim Drücken der Tasten möglichst fehlerfrei durch einen Song zu kommen. Auf den ersten Blick bleibt das Spiel seinen Wurzeln also durchaus treu, erst durch die Crossfader-Spielmechanik hebt sich das Spiel vom Vorgänger spürbar ab. Eine neue Art, die herabfallenden Farbkugeln zu lesen wird erforderlich, weil wir neben dem korrekten Rhythmusgefühl nun auch die Spur beachten müssen. Entsprechend führen wir mit der einen Hand Aktionen aus, die unabhängig sind von der anderen, die währenddessen mit Drücken und scratchen beschäftigt ist. Zum Scratchen (Video) lässt sich der Plattenteller um die eigene Achse drehen. Ein lang gezogener Farbbalken mit Pfeilen deutet dies auf dem Highway an und mit gedrückter Taste schwubbeln wir dann mit einem cool aufgesetztem Blick die Scheibe hin und her. Klingt lächerlich, macht aber irrsinnig Spaß. Man muss schließlich keine Angst um sein kostbares Vinyl mehr haben und die Scratches klingen bei Erfolg ausgesprochen meisterhaft. Ein zweiter Drehregler dient der Variation des Pitches und zur Auswahl der Samples, die wir an bestimmten Stellen frei einfügen dürfen, die aber nur optional und zum Freestylen benötigt werden.

Die Musik

Der Soundtrack der DJ Hero-Reihe ist der eigentliche Star. Im Gegensatz zum Gitarrenbruder sind hier alle Tracks extra für das Spiel neu abgemischt und aufgenommen worden. Zahlreiche namhafte DJs wurden dafür verpflichtet: DJ Shadow, Z-Trip, DJ AM, Cut Chemist, J. Period, DJ Jazzy Jeff, Hashim sowie die Jungs von Daft Punk geben dem ersten Teil die Ehre. Grandmaster Flash, quasi der Erfinder der DJ-Mix-Kultur höchst persönlich führt durch das Tutorial. Die Star-Riege wurde im zweiten Teil noch um etwas weniger Hip-Hop-lastige Meister ihres Fachs wie David Guetta oder Tiёsto erweitert. Aber auch Hip-Hop-Größen wie DJ Qbert und RZA lassen sich nicht nur hören, sondern auch als Spielerfiguren bestaunen.

In den größtenteils wirklich gut gelungenen Mash-Ups treffen dann beispielsweise Eric B. auf Tears for Fears, Public Enemy auf Beck, Bel Biv DeVoe auf die Beastie Boys oder Daft Punk interpretieren Gary Numans Cars neu – Hach, der Soundtrack ist einfach großartig. Ja, es gibt bessere Mash-Ups, aber natürlich stand hier auch die Spielbarkeit der Sets im Vordergrund.

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Das größte Manko an DJ Hero? Es fühlt sich weniger „echt“ an als ein Guitar Hero. Da lässt sich auch nichts beschönigen, mit echtem Turntablism hat DJ Hero genauso wenig zu tun wie Farmville mit Agrarwirtschaft. Auch wenn man Leute mit einer Plastik-Gitarre, während sie bunte Knöpfen drücken, auch nicht wirklich als männliche Rocker wahrnimmt – zumindest beim Spielen der selbigen hat man immerhin so etwas wie das Gefühl, als würde man eine Gitarre spielen. Man simuliert das Greifen der Saiten und das Anschlagen. Bei DJ Hero machen die farbigen Knöpfe auf dem Plattenteller einfach gesagt gar keinen Sinn. Kein DJ drückt auf den Platten rum. Das Scratchen sowie das Crossfaden dagegen fühlen sich richtig gut an und bringen das „Jongliergefühl“ und den handwerklichen Aspekt des DJ-Seins ganz gut auf den Punkt.

Wenn man aber erstmal in der Musik versunken ist und den Schwierigkeitsgrad hochdreht, denkt man wie auch bei Guitar Hero nicht mehr darüber nach, was man da macht, man spielt einfach und gerät im Idealfall in den ersehnten Flow, in dessen Zustand man fast schon intuitiv die richtigen Aktionen zur richtigen Zeit ausführt und sich sehr wohl dabei fühlt.

Was dem ersten Teil oft angekreidet wurde, verbessert der Nachfolger übrigens konsequent, ohne das Rad neu zu erfinden: Die Freiheit und das eigenständige Entscheiden darüber, wie der eigene Mix klingen soll. Teil 1 war hier sehr strikt, für freestyling oder gar nicht vorhergesehenes Wechseln der Spuren gab es gar Punktabzug.

Teil 2 öffnet sich hier und fördert sogar das Experimentieren. So kann man nun an bestimmten Phasen in den Tracks frei aufspielen und selbst entscheiden, welche Spur zu hören ist, welchen Sample man triggert und wie das Scratchen eingesetzt wird. Für gutes Timing in den Freestyleparts gibt es dann auch brav Bonuspunkte. Insgesamt fühlt sich DJ Hero 2 in allen Bereichen runder und einen Tick besser an, man findet ausschließlich sinnvolle Verbesserungen (wie zum Beispiel auch der aus dem neusten Guitar Hero bekannte Partymodus, bei dem man ohne Punktevergabe direkt ins Spielgeschehen einsteigen kann). Besonders untypisch dabei: Der Controller ist der Gleiche geblieben, es ist also kein erneutes Nachkaufen der Hardware notwendig. Ein eher untypisches Geschäftsgebaren von Activision, daher um so lobenswerter. Leider hat der Publisher nach dem Tod der Guitar Hero-Reihe auch ein vorläufiges, unverdientes Ende unter die DJ Hero-Reihe gesetzt. Mit einem dritten Teil darf man also nicht in all zu naher Zeit rechnen. Sehr schade.

R.I.P. DJ Hero!

Gespielt wurde eine von Activision zur Verfügung gestellte Version von DJ Hero 2 auf der xbox360.


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2 Kommentare

  1. Pascal - 14.03.2011 16:10

    Ich kann dein Problem mit Guitar Hero und deine Liebe zu DJ Hero so gut nachvollziehen. Ich finde DJ Hero, als Spiel, nämlich absolut großartig, aber die Musik bereitet mir zum größten Teil Kopfschmerzen und ich habe deswegen nichtmal die Karriere des ersten Teils abgeschlossen.

    Wenn wir einfach alle gar keinen Musikgeschmack hätten wäre das viel einfacher.

  2. SpielerZwei - 14.03.2011 16:14

    @Manu: Mal davon abgesehen, dass Du offensichtlich doofe Ohren hast, wenn Du überhaupt keine Gitarrenmusik magst, kommen wir bei den Elektro- und Dance-Sachen ja überraschenderweise zusammen. Nur Hiphop geht für mich überhaupt nicht. Da habe ich dann wohl die doofen Ohren.
    Von daher haben mich die DJ Hero-Spiele musikalisch auch durchaus angesprochen. Mir war nur der Controller zu blöd…
    Aber nach der Beschreibung Deines Musikgeschmacks, lieber Manu, kann ich Dir nur ans Herz legen, unbedingt noch mal die Harmonix-Klassiker „Amplitude“ und „Frequency“ zu spielen, falls noch nicht geschehen! Die sind wahrscheinlich genau Dein Ding.

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