Mal richtig mit der Faust ins Gesicht snipern

Frühschicht in der Abwatscherei. Ich treffe Punkt 6.00 Uhr an meinem Arbeitsplatz ein und setze mich an den Schreibtisch. Wie üblich erwartet mich ein Stapel Rezensionsexemplare, die der Chef mir hingelegt hat. Er selbst sitzt schon längst vor dem Bildschirm, vielleicht ist er auch wieder über Nacht geblieben und murmelt vor sich hin: „Dringend abwatschen… Qualitätsjournalismus!“ Er ist ein Irrer, sein Verstand hat irgendwo im Spannungsfeld von Anspruch und Wirklichkeit kapituliert. „48 Prozent! 31 Prozent!“ Zahlen haben es ihm angetan, die niedrigen besonders. „Meyer, Müller, Dings!“ schreit er in meine Richtung. „Hast du Sniper Elite III schon abgew… getestet?“ „Nein, Chef“, antworte ich. „Ich musste noch einen Haufen anderer Spiele abwatschen und bissig-ironische Kommentare in die News einarbeiten. Sniper 3 wollte ich nach der Mittagspause abwatschen.“ „Watschen…“ Sein Blick verrät Zufriedenheit. Ob er mich verstanden hat weiß ich nicht, er tippt wieder niedrige Zahlen in die Tastatur ein.

Spec Effect: Average Warfare
Ich habe mir im Vorfeld nichts zu diesem Spiel angeguckt oder durchgelesen. In der Regel praktiziere ich das so bei Spielen, die mich besonders interessieren, um sie mir nicht im Vorhinein zu versauen. Bei Sniper Elite III hat mich mein ausgeprägtes Desinteresse davon abgehalten, mich zu informieren. Dann lag mirnichtsdirnichts das Rezensionsexemplar auf dem Tisch und alles, was ich wusste, war, dass es sich wohl um einen im zweiten Weltkrieg angesiedelten Shooter handelt. Da ich des Englischen mächtig bin, folgerte ich, dass es etwas mit Scharfschützen zu tun haben mochte. Mit sehr, sehr guten sogar. Schon das Titelbild stimmt mich auf das Setting ein, die nordafrikanische Wüste. Zum Start der Kampagne erklärt mir der Protagonist aus dem Off, wie es an der Front aussieht. Die Alliierten verteidigen Tobruk gegen die Achsenmächte, die Situation ist verzweifelt, Rommels Panzer walzen alles nieder usw. usf. Das macht alles nichts, denn Rettung naht in Form des spielbaren Charakters. Der ist, das verdeutlicht seine sonore Stimme, ein knallharter Hund und abgewichster Profi. Er sieht aus wie eine Mischung aus Commander Shepard und dem Heino aus Spec Ops: The Line, ein male hero, wie er im Buche steht. Während um ihn herum die Hölle losbricht, putzt er unbeeindruckt sein Gewehr. Erst als ein Jungsoldat in seine Kammer stolpert und nach „Snipers, Snipers!“ verlangt, blickt der Held auf. Nachdem er seine Waffe offenbar in Lichtgeschwindigkeit wieder zusammengesetzt hat, beginnt das Spiel.

Meinen Shepard-Klon aus der Schulterperspektive betrachtend, renne ich los. Nach wenigen Metern darf ich endlich jemanden erschießen. Man erklärt mir, wie ich ziele, die Luft anhalte und feuere. In Zeitlupe sehe ich die Kugel auf den hinter einer Barrikade knienden, sich das Fernglas vors Gesicht haltenden Feind zufliegen. Kurz bevor das Geschoss seinen Schädel trifft, wird dieser transparent, Knochen und Gefäße sind sichtbar. Der Einschlag der Kugel wird von einem knirschenden Geräusch begleitet, welches in ein matschiges Blubbern übergeht, als diese schließlich am Hinterkopf wieder austritt. Ich jauchze laut auf. Selten hat es mich so erfreut, einen Unbewaffneten umzunieten. Top! Allerdings sieht das jedes Mal so aus, sofern man vitale Punkte des Gegners trifft. Nach einigen Wiederholungen habe ich mich sattgesehen an Schädeltraumata, Lungenrissen und zerschmetterten Wirbeln. Einmal muss ich noch laut auflachen, als ich einen Soldaten in den Unterleib treffe und die Nieren in der Röntgensicht so lustig hin- und herdengeln. Ich stehe ja wirklich auf explizite Gewaltdarstellungen, aber gelegentlich wünsche ich mir, das Gesicht meines Gegenübers würde ohne dieses Röntgengimmick einfach so auseinanderfetzen. Schade.

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Sniper N00b III
Der erste Auftrag ist schnell abgeschlossen. Ich töte noch einige Feinde und zerstöre LKWs, danach verlasse ich Tobruk. In der zweiten Mission infiltriere ich nachts ein Feindeslager. Schnell wird deutlich, dass sich die Gegner nur mäßig intelligent verhalten. So rennt mir zu meinem Amüsement mancher Soldat mit den Worten „Wachsam bleiben…“ geradewegs vor die Flinte. Andere entdecken mich wiederum recht flott, ein einfaches Durchstürmen ist nicht möglich. Gelegentlich kann ich mich heranpirschen und lautlos zuschlagen oder ich manipuliere einen Generator derart, dass sein Knattern den Lärm meiner Schüsse überdeckt. Stealthy und sneaky zu sein ist das Gebot der Stunde. Es ist zwar ganz geil, einem Nazi von hinten das Messer reinzurammen, seine Leiche wegzuschleifen und diese dann irgendwo in die Ecke zu pfeffern. Aber ich bin eher der Schrotflinte-In-Your-Face-Typ und zu ungeschickt und ungeduldig für solche Finessen, weshalb ich in der Regel gleich vorgehe: Einen Gegner erschießen, schnell wegrennen, verstecken und abwarten. Wenn ich mich aus der Gefahrenzone begebe, beenden die anderen Soldaten ihre Suche bald und verhalten sich wieder normal. Dass ihrem Kollegen vor einer Minute der Kopf weggeflogen ist, scheint für sie kein Grund zur Besorgnis. Auch kann ich in einen Gegnerpulk hineinrennen und wild um mich schießen. Solange ich das überlebe und mich anschließend lange genug verstecke, ist alles vergessen, die erhöhte Wachsamkeit währt nur temporär. Ich komme mit meinem Idiotenverhalten also durch, weil meine Gegenspieler die noch größeren Trottel sind. Stark. Allerdings muss ich mit meinen Kräften haushalten. In der unteren Bildschirmhälfte wird mein Puls angezeigt, im Ruhezustand vorbildliche 60 Schläge. Bewege ich mich oder renne gar, schnellt der Wert in die Höhe. Das sorgt nicht nur für asthmatisches Keuchen, sondern erschwert auch das Zielen.

Diese Einschränkung und die schiere Übermacht meiner Gegner zwingen mich hin und wieder doch zu gemäßigtem Vorgehen. Es ist wie im echten Leben, ich muss mich von dem Wunsch, alle umzubringen, lösen und mich auf die wichtigen Ziele konzentrieren. Also schleiche ich voran. Wie ein Schatten bewege ich mich durch Schützengräben und Ruinen. Da, ein Uniformierter! Ich pirsche mich heran und werde von einem seiner Kollegen entdeckt, der umgehend das Feuer eröffnet. Hals über Kopf renne ich davon, direkt in die Arme einer Gruppe Nazis, die mich fröhlich zusammenschießt. Meine Nerven liegen blank, meine Geduld ist versiegt. Diese PS4-Controller sind kostspielig, einen gegen die Wand zu donnern, kommt nicht in Frage. Oder doch? Soll ich dem Impuls nachgeben und das Teil einfach volle Pulle in den Fernseher hämmern? Ich habe tatsächlich mal ein 360-Pad zerschmettert und dann voll Karacho in den Boden gestampft. An das Spiel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber an das Wonnegefühl, welches dieser Akt der Zerstörung mir bescherte. Doch dieses Mal bleibe ich gelassen. Nächster Versuch, schleich schleich, kriech kriech. Wieder entdeckt, tot. Wer testet hier eigentlich wen, verdammt?! Mir reicht es. Ich wähle den einfachsten Schwierigkeitsgrad aus, renne durch die Level und mähe alles nieder. Jaja, Kackn00b, ich weiß. Ich habe wieder ein bisschen Freude am Spielen, die währt aber nur kurz. Das Wissen, dass das alles ganz anders gedacht ist und dass mein Regal mit guten Spielen prall gefüllt ist, lassen mich meine Karriere als Scharfschütze und immens cooler Typ schließlich beenden.
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Ist das noch Next Gen?
Optisch kann das Spiel nicht verhehlen, dass es auch noch auf den alten Konsolen erscheint. Zwar freue ich mich bei solchen Titeln immer ein bisschen, dass auf der PS4 alles etwas schärfer und höher aufgelöst ist, diese Freude nutzt sich jedoch ab. Das Szenario gibt zudem wenig her. Wüste ist gelb, Faschisten sind braun, von beidem gibt es reichlich. Gelegentlich treten Popups und krasse Grafikfehler wie in Wänden verschwindende Soldaten auf. Zuweilen greift der Held beim Leichenaufheben daneben und wuchtet sich eine offensichtlich schwere Ladung Nichts auf die Schultern. Besonders ins Auge gefallen ist mir das unmotiviert herumstehende und als Deckung nutzbare Gebüsch. Nähert man sich diesem, neigt es sich respektvoll zur Seite. Das sieht bescheuert aus und lenkt ungünstigerweise die Aufmerksamkeit auf seine abstoßende Pixeligkeit. Ach, warum weitere Worte verlieren? Es ist eindeutig, hier kann und wird nur die volle Abwatschung erfolgen. Sniper Elite III ist öde, hässlich, militaristischer Kackmist und kaum auszuhalten. Das ebenfalls brutale und sich durch eine verdrehte Moral auszeichnende Wolfenstein: The New Order bereitete mir in seiner ironischen Überspitztheit über weite Strecken Vergnügen. Sniper Elite III hingegen stößt mich in seiner Ernsthaftigkeit und seinem Zynismus schlicht ab. Rasch vergeht mir der Spaß und weicht einer zermürbenden Mischung aus Ablehnung und Langeweile. Sicher gibt es unzählige gleichartige Spiele. Jedoch habe ich keine Ahnung von denen, da ich Krieg beschissen finde und dementsprechend nicht an (pseudo)realistischen Darstellungen desselben interessiert bin. Zumindest nicht, solange in ihnen das Morden total cool ist, sofern ich auf der richtigen Seite stehe. Ich behaupte nicht, dass es solche Spiele nicht geben darf, noch maße ich mir an über jene zu urteilen, die Freude an selbigen haben. Doch ich gehöre einfach nicht zu dieser Gruppe von Spielern.

Noch gravierender ist, dass Sniper Elite einfach nicht meinen spielerischen Vorlieben entspricht. Bis auf das erste Splinter Cell und Metal Gear Solid habe ich wenige Schleicher durchgespielt. Deus Ex: Human Revolution und Dishonored unterhielten mich gut, beide gaben mir aber stets die Wahl, auch mal den Holzhammer zu schwingen, meinen neuesten Fausttanz aufzuführen und fiese Fleischwunden zu verteilen. Bei Sniper Elite musste ich aufgrund meiner Unfähigkeit ständig wegrennen oder wurde gleich abgeknallt. Das hatte zur Folge, dass mein Fortschritt in gut fünf Stunden Spielzeit knappe 20 Prozent betrug. Ich gehe einfach mal davon aus, dass das nicht normal ist. Positiv hervorzuheben ist, dass mir das Testen dieses Spiels die Möglichkeit gegeben hat, mich in einem Text mal wieder so richtig schön zu echauffieren. Das erfüllt eine selbstreinigende Funktion und schärft meine Sinne für Spiele, die ich mag und die es auch verdient haben gemocht zu werden. Ja, ich meine andere Spiele als Sniper Elite. Und wenn ich schon dabei bin, Dinge konsequent durch den Gulli zu ziehen dann… Oh, im Hintergrund höre ich den Chef schreien. Irgendwo wurde nicht konsequent genug gewatscht. Da gebe ich noch schnell wohlverdiente Gnölfundschlümpfzig Prozent für den Sound, rüttele kurz am Watschenbaum und gehe ohne Abendbrot ins Bett.

Mit freundlichem Gruß,

Helge Sniper


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7 Kommentare

  1. Le Don - 08.07.2014 18:09

    Ich als passionierter Schleicher muss ja zugeben: Ich hab irgendwie Lust auf das Spiel :> – wenn auch nicht zum vollen Preis.

  2. muskeljesus - 08.07.2014 18:17

    Kann mir gut vorstellen, dass einen das eine Weile gut unterhält, wenn einem das Spielprinzip zusagt. Man kann auch ca. eine Million Sachen einstellen, damit es noch herausfordernder wird. Ich habe mit dem Ding jedenfalls abgeschlossen. :D

  3. maracuja - 09.07.2014 08:10

    Wollte noch drunter schreiben: Helge Sniper…das ist sehr lol.
    Aber Schleichen stinkt trotzdem!

  4. Missingno. - 09.07.2014 10:00

    Ich als pensionierter, äh, passionierter Spieler muss ja zugeben: ich habe irgendwie fast nie Lust auf den vollen Preis – insbesondere nicht bei diesem Spiel.

    Frei nach Helge mach‘ ich da lieber mal die Mariöchen (im Pädo-Katzen(klo)kostüm).

  5. Holger - 10.07.2014 08:53

    Wie? Kein Wort davon, dass man auch Hoden erschießen kann? Dass es sogar ein Achievment für Hodenerschießung gibt? Ganz schlechtes Review, Herr Sniper. 1/10

  6. muskeljesus - 10.07.2014 10:01

    Nachtrag: Für das Hodenerschießungs-Achievement wird die Wertung nach Oben korrigiert: 11/10.

    Gruß und Kuss

    Helge Sniper

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