Heikos Garage (2): Pong auf dem Holodeck

Moin! Heiko hier.
Heute musste ich den Schlüter wegschicken. Ärgerlich, weil alter Stammkunde. Aber was kauft der sich auch `nen Lexus? An sich `ne feine Karre, aber bei uns in der Werkstatt hat keiner einen Hochvolt-Schein. Ohne den dürfen wir an Elektro- und Hybrid-Fahrzeugen gar nicht arbeiten, weil 300 Volt aus einem KFZ-Mechaniker ein schickes Kohlebrikett machen können. Es ist ja nicht so, dass wir nicht genug zu tun hätten, aber trotzdem schickt man Kunden nicht gerne zur Konkurrenz, nech.

In der Mittagspause war das dann natürlich auch Gesprächsthema. Gerd, mein Altgeselle, meinte, dann solle halt einer von uns endlich den Lehrgang machen. Könne ja nicht die Welt kosten. „Stimmt schon.“, antwortete ich, „Aber damit ist es ja nicht getan. Dann brauchen wir auch neue Spezialwerkzeuge, neue Tester und so weiter. Und Hybrid-Fahrzeuge sind immer noch `ne Nische. Von reinen Elektro-Autos will ich gar nicht anfangen. Hier in der Umgebung kannst Du die an einer Hand abzählen. Das lohnt sich für uns als freie Werkstatt einfach nicht.“

Justin, unser Azubi, nickte nachdenklich und meinte: „Aber schon irgendwie komisch mit den Elektro-Autos. In anderen Bereichen setzt sich neue Technik viel schneller durch. Blu-Rays zum Beispiel. Oder jetzt gerade die neuen Konsolen. Fast alle meine Freunde haben sich sofort zum Start ’ne PS4 oder Xbone geholt. Ein paar sogar gleich beide.“ – Ich unterdrückte den ersten Impuls, ihm eins mit der zusammengerollten BILD-Zeitung in den Nacken zu geben, und besann mich auf meine Rolle als Ausbilder: „Nicht alles was hinkt, ist auch ein Vergleich, lieber Justin. Das fängt schon mal mit dem Preis an. Was kostet eine Konsole und was ein Elektro-Auto? Aber wenn wir schon wieder beim Zocken gelandet sind, dann stell Dir mal Folgendes vor: Würdest Du Dir einen Handheld kaufen, dessen Akku-Laufzeit nur zwei Stunden beträgt, im Winter sogar nur die Hälfte, der dafür aber die ganze Nacht an der Steckdose hängen muss, doppelt so teuer wie herkömmliche Handhelds ist und außerdem noch pottenhässlich aussieht?“ – „Hmm. Kommt auf die Grafik an.“ – Ich holte tief Luft. Gerd grinste schon. Dies war einer der Momente, in denen ich echtes Mitleid mit den Berufsschullehrern empfand.

„Kommt auf die Grafik an? Ernsthaft, Justin? Du bestätigst das, was ich schon seit Jahren predige: Die meisten Videospieler sind wie Junkies – völlig unzurechnungsfähig, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick und deshalb auch extrem leicht für jeden neuen Scheiß zu begeistern. Die Ernüchterung kommt dann später, wenn auch der größte Honk festgestellt hat, dass die neue Technik doch keinen echten Mehrwert bringt. Ich sach nur Kinect, nech. Bessere Grafik und Hipster-Hampelsteuerung machen noch lange kein besseres Spielerlebnis.“

Ich komme mir ja selber immer etwas blöd vor, wenn ich den motzenden Opa auf der Parkbank geben muss, aber es ist doch einfach so. HD-Grafik und all die Technik-Gimmicks der letzten Jahre haben die Spiele nicht wirklich besser gemacht. Die heutigen Kiddies bekommen das ja gar nicht mit, weil sie die 80er und 90er nicht erlebt haben, aber wenn man sich schon etwas länger mit der Materie beschäftigt, sieht man die Zukunft der Videospiele eher nüchtern. Sie sehen immer schicker aus, das stimmt. Aber sonst? Alte Ideen werden zum hundertsten Mal wiedergekäut und dabei spielerisch immer flacher. Was können denn die neuen Konsolen, was die alten nicht konnten? Mehr Rechenpower haben sie. Logisch. Ansonsten gibt es nur weitere Schnickschnack-Funktionen, die mit Gaming so viel zu tun haben, wie dieser Justin Bieber mit Bartwuchs.

„Man kann jetzt Fernsehen und Videos gucken!“, warf Justin ein. – „Echt? Is ja `n Ding!“, tat ich erstaunt. „Du wirst es nicht glauben, Justin, aber das kann mein Fernseher schon seit Jahren. Ganz ohne Konsole! Verrückt, oder?“ – „Aber jetzt hat man alles in einem Gerät. Das ist total praktisch!“ rechtfertigte Justin. Punkt für den Azubi. „All-In-One“ heißt die Wunderformel. Darauf stehen die Leute. Funktioniert auch auf dem PKW-Markt: SUVs sind Stadt-, Gelände- und Familien-Wagen in einem. Und man bekommt noch `ne 1A-Schwanzverlängerung gratis dazu.

„Ja, wir haben’s begriffen.“, sagte Gerd grinsend, „Früher war alles besser und die Leute sind heute alle doof.“ – Ich überlegte kurz, ob ich auf die Nummer einsteigen und nochmal klarstellen sollte, dass es mir nicht um Fortschrittsfeindlichkeit geht. Ich habe ja grundsätzlich nichts dagegen, dass die Spiele immer schicker werden, das Auge spielt ja bekanntlich mit. Mir fehlen einfach nur die wirklich neuen Ideen, verdammt nochmal! Ich setzte gerade zu meinem Vortrag an, da schob Gerd schnell nach: „Aber mal im Ernst, Chef. Da kommt nicht nur Mist. Oculus Rift könnte das Videospielen z.B. wirklich verändern.“

Ja, die VR-Taucherbrille vom ollen Carmack ist interessant. Zwar auch nicht wirklich neu, hat aber definitiv Potenzial. Mitte der 90er hat sich mein Kumpel Sören tatsächlich diesen klobigen VFX1-Helm für knapp 2000 Mark gekauft. Das Teil funktionierte nur mit wenigen Spielen, hatte `ne grottige Auflösung, war viel zu schwer, viel zu teuer und der Hersteller ging kurz darauf auch pleite, aber cool war das Ding trotzdem. Wir hielten das damals für einen wichtigen Schritt Richtung Holodeck. Allerdings ist seitdem nicht mehr viel bahnbrechendes in der Richtung passiert. Virtual Reality ist die Brennstoffzelle der Spieleindustrie: Seit 25 Jahren immer wieder als die Zukunftstechnologie angekündigt, aber bisher nicht zur Serienreife gelangt.

„Holo-was?“, fragte Justin. – „Mensch, Star Trek, Justin! Guckt ihr Kids denn keine alten Fernsehserien?“, fragte Gerd ernsthaft schockiert. – „Nö, ich kenn‘ nur die beiden Kinofilme. Waren ganz ok.“ – Gerd und ich schüttelten beide mit den Köpfen. Absolut keine Allgemeinbildung, der Junge.

Wie auch immer. Oculus Rift könnte Videospielen tatsächlich neue Impulse geben. Natürlich nicht, wenn man es nur als Gimmick in alte Konzepte einbindet. Auf die Art hat man ja schon 3D als Chance größtenteils verschenkt. Wenn sich Oculus Rift wirklich durchsetzt, was mit John Carmack als Galionsfigur durchaus klappen könnte, dann müssen auch neue Spielkonzepte um das Ding herum gebaut werden. Wenn nicht, dann stagniert alles weiter vor sich hin und wir spielen in Zukunft immer noch Pong, nur dann eben auf dem Holodeck…

„So Jungs! Die Pause ist schon seit zehn Minuten vorbei und die Karren reparieren sich nicht von selbst. An die Arbeit!“
Wir sehn uns. Munter bleiben!

 

Heiko ist ein selbstständiger KFZ-Meister irgendwo im Emsland. Ausgedacht hat ihn sich SpielerZwei für seine Kolumne “Heikos Garage” in der WASD. Dieser Text wurde im Oktober 2013 für die 4. WASD-Ausgabe mit dem Heft-Thema “Level Up! – Zukunftsspiele” geschrieben. (Mit Dank an Markus Weissenhorn für das schicke Artwork!)


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4 Kommentare

  1. Missingno. - 27.05.2015 15:28

    Irgendwie klingen 300V (gegenüber den „normalen“* 240V) nicht sehr hochvoltig. Und ein Kohlebrikett wird man da auch nicht so schnell. Es hat mich schon irgendwie gewundert, dass das so niedrig ist. (Laut Google-Suche sind aber auch etwas höhere Spannungen gebräuchlich, z.B. 420V.)
    Außerdem muss man ja sagen, dass Elektro-Fahrzeuge gar nicht so neue Technik sind. Die hat man nur gerade wieder im Gespräch. Prinzipiell würde ich mir sogar so einen zulegen, aber es gibt da ein paar kleine Hindernisse wie z.B. die fehlende Lademöglichkeit in der Tiefgarage, der exorbitante Preis und nicht zuletzt das Vorhandensein eines ausreichenden Kfz.

    Hat sich Bluray eigentlich so wirklich durchgesetzt? Am PC so gar nicht, bei Filmen so halb, wobei hier immer noch die DVD eine Rolle spielt und immer mehr Streaming. Alleine als Datenträger für die Konsolen ist da etwas dran.

    Wo siehst du (@SpielerZwei) eigentlich das Potential der Rift? Ich befürchte, dass das Beste, was zu erwarten ist, schon die Gimmick-Einbindung sein wird.

    * Ja, im Kfz-Bereich reden wir „normal“ von 12V bzw. 24V.

    **

    Würdest Du Dir einen Handheld kaufen, dessen Akku-Laufzeit nur zwei Stunden beträgt, im Winter sogar nur die Hälfte, der dafür aber die ganze Nacht an der Steckdose hängen muss, doppelt so teuer wie herkömmliche Handhelds ist und außerdem noch pottenhässlich aussieht?” – “Hmm. Kommt auf die Grafik an.”

    PSP? :D

  2. SpielerZwei - 27.05.2015 16:48

    Das ist Herstellerabhängig: Hochvoltsysteme in Hybrid- und Elektrofahrzeugen liegen zwischen 150 und 650 V. Was das angeht, sind die Vorschaltgeräte von Xenon-Scheinwerfern viel gefährlicher (beim Zünden kurzzeitig bis zu 24.000 V). Wie auch immer, es reicht um die Gänseblümchen von unter zu betrachten. Und das mit dem Kohlebrikett ist halt so’n Spruch, nech? Leute, die jedes Wort auf die Goldwaage legen, bekommen von Heiko gerne mal ’ne Schelle…

    Klugscheißer ürbigens auch: Dass das erste Elektroauto von 1897 (Lohner-Porsche) ist, ändert ja nichts daran, dass Elektromobilität als Ersatz für das Auto mit Verbrennungsmotor immer noch in den Kinderschuhen steckt. Und in den nächsten 10-15 Jahren wird sich das mMn auch nicht wirklich durchsetzen.

    Ob sich die BD durchgesetzt hat? Naja, ich kaufe seit etwa drei Jahren nur noch BDs und keine DVDs mehr. Wie das insgesamt am Markt aussieht, kann ich jetzt aus dem Stehgreif nicht sagen.

    Und die Rift? Naja, den Text habe ich vor ca. eineinhalb Jahren geschrieben. Inzwischen befürchte ich auch, dass es im Gaming-Bereich erstmal bei VR-Spielereien bleibt, die kein Mensch braucht. Wie ich im Text schon schrob: Sinn macht die ganze Kiste natürlich erst, wenn damit auch neue Konzepte verbunden sind. Und die fehlen derzeit noch fast völlig.
    Im Bereich der professionellen Anwendungen tut sich da schon deutlich mehr. So gibt es beispielsweise unzählige VR-Projekte in der Industrie. Zum Beispiel in der Automobilindustrie: Brillen, die dem Mechaniker die komplette Einbauanleitung mit Drehmomentwerten, Diagnosehilfen, etc. einblenden.

  3. Missingno. - 28.05.2015 10:28

    Ich sag ja nur, dass „Kohlebrikett“ in diesem Fall etwas falsche Assoziationen hervorruft. Dann kommt es ja auch nicht nur auf die Spannung an. Taser werden ja mit Spannungen um die 50kV beworben, gelten wegen der niedrigen Stromstärke aber als weniger tödlich. Weidezäune haben normalerweise auch Spannungen jenseits 1kV, sind aber auch keine Massenvernichtungswaffen. Dazu kommt, dass die 300V Gleichstrom sind, es also weniger schlimme Auswirkungen auf das Herz haben sollte als 50Hz Wechselstrom. (Und aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass man 240V@50Hz überleben kann und garantiert nicht brikettiert wird.)

    Elektromobilität als Ersatz für das Auto mit Verbrennungsmotor steckt schon seit mindestens 20 Jahren in den Kinderschuhen, denn das war schon zu meiner Schul- und Studienzeit ein Thema. Auch, dass eines der Probleme die Akkus sind. Nicht nur weil sie groß, schwer und teuer sind, sondern weil man für den Bau teilweise seltene Erden braucht, die gar nicht in ausreichender Menge vorhanden sind, um den Autoverkehr auf voll elektrisch umzustellen. Der Unterschied ist nur, dass es inzwischen auch ein paar Serienmodelle auf den Straßen gibt. Oder was ist z.B. mit Oberleitungsbussen? Ist jetzt nicht Individualverkehr, aber trotzdem als frühes Hybridfahrzeug zu sehen.

    Ich kann auch nichts genaueres zum BD/DVD-Markt sagen, aber ich habe mir genau einen einzigen Film auf BD gekauft. Ich kaufe aber auch nicht wirklich viele Filme und bisweilen dann auch älteres, das es (noch) nicht auf BD gibt. Ich denke zwar, dass die BD sich in Zukunft gegen die DVD noch weiter durchsetzen wird (sofern das Ganze nicht von Streaming/Download obsolete wird), aber so den wahnsinnigen Durchbruch wie bei VHS->DVD sehe ich halt auch nicht (und das hat auch gedauert).

    Als interessantes Konzept fand ich das „Bombenentschärfer-Spiel“. Der Spieler mit der Rift sieht die „Bombe“ und muss sie den Mitspielern so beschreiben, dass diese die passende Anleitung zur Entschärfung finden können. Dazu braucht es aber auch nicht unbedingt VR, das könnte man auch mit der Wii U machen, wenn man es hinbekommt, dass der mit dem Pad nicht auf den Fernseher schaut und die anderen eben nicht aufs Pad. ;-)
    Abseits vom Spielemarkt sehe ich auch mehr Anwendungsmöglichkeiten für die Brille. Allerdings wäre in deinem Beispiel (und auch sonst öfters) AR praktischer. Es ist nur so kompliziert einen durchsichtigen Bildschirm zu bauen, dass die „Pseudo-AR-Variante“ (VR mit Kamerabild der Umgebung) einfacher zu realisieren ist.

  4. SpielerZwei - 28.05.2015 11:05

    Du hast Recht. Die Anwendungen, die ich beschrieb, sind eher AR als VR.

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