Command & Conquer ist nicht tot

Es gibt so ein paar ewige Klassiker in meiner Spielebibliothek, die zu wiederholen ich nie müde werde. Manch andere Spiele habe ich nicht mehr und finde auch keinen Zugriff darauf, obwohl ich sie unglaublich gerne noch einmal spielen würde. Absoluter Spitzenreiter der letzten Kategorie ist Command & Conquer: Red Alert 2, mit dessen Grundspiel ich absurd lange Teile meiner Teenagerabende verbracht habe. Dass es eine Erweiterung mit dem wohlklingenden Namen Yuri’s Revenge gibt, wusste ich damals nicht einmal. Die Kampagne und die neuen Einheiten kenne ich bis heute nicht. Dabei habe ich mir vor nicht allzu langer Zeit das komplette Spiel auf Disk gekauft. Nur dumm, dass die ab Windows 8 nicht mehr funktionieren, nicht einmal mehr den Setup starten. Ich werde also wohl erstmal nicht in den Genuss von Yuris Rache und meiner Nostalgie kommen, zumindest bis GOG die Lizenz doch noch bekommt oder ich verzweifelt genug bin, um mir Origin zu installieren.

Doch halt, was ist das? Gibt es da etwa ein Team, das aus den Trümmern vom durch EA eingestampften Studio Westwood entstiegen ist? Dem Westwood, dass alle guten Spiele der Command & Conquer-Reihe produziert hat – und die Tiberium-Teile auch?
Das gibt es. Es nennt sich Petroglyph und versucht seit einer Weile, die Essenz von Command & Conquer in eigenen Spielen wiederaufleben zu lassen. Eines davon war Grey Goo, das ich noch nicht selbst ausprobiert habe, von dem mir aber das Internet und die Kritiken abzuraten scheinen. Kurz davor stand ich, ihm dennoch einen Versuch zu gönnen, da veröffentlichte Petroglyph im April letzten Jahres ein Spiel, dass der C&C-Formel nicht treuer sein könnte: 8-bit Armies, das die gleichen Einheitentypen, den gleichen Basenbau und das absolut gleiche Spielprinzip hat wie klassisches Command & Conquer.
…und ich habe es nicht gekauft. Weil ich, verblendet wie ich war, die Grafik hässlich fand.
8-bit Armies deutet im Namen schon an, was die Optik dann liefert: Alles sieht aus wie aus kleinen Blöckchen zusammengesetzt, ist klickibunti und die Infanterie lächelt freundlich. Im Allgemeinen erinnert mich der Stil schwer an 3D Dot Game Heroes, nur dass er sich dort nicht so sehr mit dem Setting beißt. Denn 8-bit Armies spielt natürlich den Konflikt zwischen zwei knochenharten Militärfraktionen der Neuzeit oder eines fiktiven kalten Krieges nach. Und da hat mir die Düsternis gefehlt. Der dreckige, militärische Look, den Red Alert trotz aller bescheuerten Einheitentypen immer gut herübergebracht hat. Nein, grün und gelb gepixelte Freudemännchen wollte ich nicht in meinem Waffenkonflikt.
Bis ich es nicht mehr aushielt, weil irgendetwas in mir wieder an Red Alert 2 denken musste – eine Erwähnung der Serie in einem Podcast, die Erinnerung an ein Einheitenzitat oder eine Doku über den Kalten Krieg, irgendetwas hatte meine Sensoren wieder sensibel geschaltet. Also kaufte ich es einfach und nahm mir vor, die Zähne zusammen zu beißen, wenigstens bis ich herausgefunden hatte, ob denn der Titel spielerisch hergab, was ich mir von ihm versprach.
Er tat. Und kaum zwei Missionen nach Start hatte ich den Stil schon so sehr ins Herz geschlossen, dass ich ihn nicht mehr missen wollte. Denn was ich komplett vergessen hatte: die Red Alert-Reihe hat ihren Flair nicht nur durch dummen Humor, sondern auch durch scheinbar unpassende Settings für einen globalen Konflikt erhalten. Der Inselkrieg auf Hawaii zwischen Urlaubsresorts etwa? Oder die Pariser Innenstadt? 8-bit Armies nimmt sich diese quirligen Settings und macht ein Thema daraus. Ich kann etwa in einem Sumpfgebiet, dass an die Bayou erinnert, süße kleine Holzhäuser auf Stelzen zerballern, oder einen karibischen Vulkan mit meinen nicht ganz lavafesten Panzern umkreisen, um meinen Gegner zu plätten. Die Stimmung ist da, das Gameplay ist da; mit der Freude an 8-bit Armies kam also die Erkenntnis, dass Command & Conquer heute immer noch gut ist.

Und dann stieß ich auf das doch sehr interessante Veröffentlichungsmodell der Serie, die daraus entstehen sollte: Auf Armies im April folgte im August 8-bit Hordes und nun im Dezember der dritte Teil, 8-bit Invaders. Alle drei basieren auf derselben Engine, nutzen dieselbe Grafik und die gleichen Systeme. Während Hordes mit seinen Rittern und Orks einen Mittelalterfantasy-Stil bedient, ist Invaders an Science-Fiction orientiert. Der Clou daran ist, dass Petroglyph die identische Plattform aller drei Spiele sehr clever nutzt. Im Skirmish-Modus jedes Spiels können nämlich auch die Fraktionen der anderen Spiele angewählt werden, sofern man sie besitzt. Mit allen drei installierten Spielen kann man also sowohl Solo als auch im Multiplayer Gefechte mit konventionellen Waffen gegen Orks, mit Rittern gegen Aliens oder mit jeder Fraktion gleichzeitig austragen.
Jedes der Spiele hat zudem zwei Kampagnen, die leider mit sehr wenig Story daher kommen; ein bisschen Text in der Beschreibung jeder Karte, doch dafür immerhin mit abwechslungsreichen Missionszielen. Auch mischen sich die Fraktionen nicht; In der Story kämpfen Orks nie gegen Space Marines. Je eine Fraktion steht im Mittelpunkt einer Kampagne und arbeitet sich dabei langsam nach oben; simultan schalten sich auch stärkere Einheiten erst in späteren Missionen frei. Besonders dabei ist, dass sich ältere Missionen mit den bereits freigeschalteten Einheiten wiederholen lassen. Außerdem liefert jede Karte Bonusziele, deren Erfüllung auch besondere Boni mit sich bringt, in einer Art, wie ich sie bisher noch in keinem anderen missionsbasierten Spiel entdeckt habe: Beispielsweise belohnt mich ein Ziel mit zwei Raketentürmen in meiner Startbasis. Diese stehen ab dann beim Start jeder Mission sofort am taktisch günstigsten Ort – auch beim Neustart bereits absolvierter Missionen. Das motiviert, zurückzugehen und eine alte Mission mit einer riesigen Streitmacht von Anfang an noch einmal zu spielen; egal ob einfach für den Spaß am Dampfwalzen oder um verpasste Boni auch noch abzuräumen.

Damit schafft sich die 8-bit-Reihe eine Identität, die sie dringend braucht: Nicht nur, dass der Stil von außen tendenziell abschrecken kann, wenn man auf der Suche nach einer bestimmten, klar definierten Art der Echtzeitstrategie ist – so wie es mir eben passierte. Nein, jeder der drei Teile hat auch ganz klare Vorbilder, an denen er sich orientiert, ja, die er teilweise eben wie bei C&C ganz offen kopiert. 8-bit Hordes bedient ein eindeutiges Warcraft-Fanklientel mit seinen Orks und Mittelalter-Menschen und mit Upgrade-Mechaniken im Basenbau, die Armies beispielsweise nicht hat. 8-bit Invaders hingegen arbeitet mit eindeutig popkulturell inspirierten Einheiten: Tripods und Space Invaders bekriegen sich mit Space Marines und XCOM-artigen Agenten. Die Spielmechanik orientiert sich eher an Armies; das ist konsequent, ist Hordes doch thematisch deutlich weiter entfernt von Armies, als es Invaders ist. Und um dieser Ähnlichkeit auch musikalisch Respekt zu zollen, hat sich Petroglyph für den dritten Teil auch gleich noch Frank Klepacki mit ins Boot geholt – den Künstler hinter dem Hell March der C&C Red Alert-Reihe.

Diese Identität macht aus der dreisten Kopie oder netten Hommage – wie man es auch nennen möchte; schließlich sind hier zum größten Teil die ursprünglichen Entwickler einer der kopierten Serien am Werk – eine Basis für etwas Eigenes. Eine Weiterentwicklung, wenn diese auch klein ausfällt. Ich kam zu 8-bit Armies auf der Suche nach Command & Conquer, und wäre enttäuscht gewesen, wenn ich etwas anderes bekommen hätte; stattdessen bekam ich genau das. Nur dass sich die Entwickler dabei stetig eine Frage gestellt zu haben scheinen: Wie kann das, was wir hier produzieren, noch ein wenig mehr Spaß machen? Und soweit es mich betrifft, hatten sie damit auf beiden Fronten Erfolg.


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4 Kommentare

  1. Missingno. - 17.01.2017 13:27

    Der dreckige, militärische Look, den Red Alert trotz aller bescheuerten Einheitentypen immer gut herübergebracht hat.

    Also beim ersten Teil würde ich der Aussage zustimmen, aber RA2 und RA3 waren mir zu bescheuert bunt. Dann doch lieber die Knetmännchen aus Tiberian Sun, wo auch der Basenbau noch eine Hauptrolle spielte.

    Es gibt übrigens diverse Anleitungen, wie man RA2 unter Windows 8 bzw. 10 zum Laufen bekommt, ohne dass man auf GoG oder Origin angewiesen ist.

  2. Pascal - 17.01.2017 22:18

    Ach, zeig mal? Ich kenne keine, die das Problem löst, das Spiel nicht installieren zu können. Die setzen erst bei „Spiel startet nicht“ ein.

  3. Missingno. - 18.01.2017 11:34

    https://www.youtube.com/watch?v=vEMWjS5QE0c

    Wobei das, wenn ich das richtig verstehe, die Installation einfach so weit umgeht, indem die Dateien manuell auf die Platte kopiert werden.

  4. 4KGamer - 12.02.2017 15:21

    Die Grafik ist zwar etwas ungewohnt, schaut aber dennoch gut aus!

    Die C&C Klassiker waren eh die Besten der Serie. Da kann ich mich voll und ganz Missingno anschließen. Dieses ganze übertriebene und bunte der letzten Teile ging gar nicht.

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