Cataclysm

Vorsicht, leicht zerbrechlich!

Irgendwie hatte Dania sich die Sache anders vorgestellt, als sie sich vor drei Wochen an der Sturmwind-Akademie im Fach Archäologie einschrieb. Anstatt gemütlich in Vorlesungen herumzusitzen, bekam sie von Harrison Jones, ihrem großen Idol, lediglich etwas Ausrüstung in die Hand gedrückt, um draußen in der Welt archäologische Fragmente bergen und restaurieren zu können. Inzwischen ist sie darin zwar richtig gut – das Kunststück, fünfunddreißig Steintafeln zu einem gefiederten Goldohrring zusammenzuschrauben, mache ihr erst einmal jemand nach -, nur wirklich gelernt hat sie dabei wenig über die Welt, in der sie lebt.

Archäologie ist der mit Abstand zeitaufwändigste Beruf, den World of Warcraft bisher zu bieten hat. Während Blümchenpflücker und Bergleute die Objekte ihrer Begierde über die gesamte Welt verstreut vorfinden, existieren für Archäologen pro Kontinent jeweils nur vier Grabungsstätten, innerhalb derer Fragmente gefunden werden können. Den Großteil ihres Archäologendaseins fristet Dania also auf dem Rücken eines Protodrachens, von einem Fossilienfund zur nächsten Ausgrabungsstätte reisend. Lohnt sich der Aufwand? Gut, bringt man es in der Archäologie zur Meisterschaft, kann man ein paar hübsche, epische Ausrüstungsgegenstände ergattern. Leider ist das meiste Zeug, das man bis zu diesem glorreichen Zeitpunkt zusammensetzt, Müll, der weder finanziell etwas einbringt, noch interessante Geschichten über alte Kulturen oder ähnliches erzählt. Die bereits seit 2004 in der Spielwelt zu findenden Bücher liefern deutlich spannendere und besser geschriebene Hintergrundinformationen.

Während dieser einmaligen Gelegenheit, viele Stunden über das vom Kataklysmus zerstörte Azeroth zu fliegen, verinnerlicht man recht schnell, warum die alte Welt des ursprünglichen World of Warcraft bis vor kurzem eben nicht – oder nur mit dem Greifentaxi – überflogen werden konnte. Im Gegensatz zu Nordend und der Scherbenwelt, die von vorneherein für sich fliegend fortbewegende Spieler designt wurden, wirkt Azeroth aus der Luft reichlich unglaubwürdig. Lediglich zur Questzonenbegrenzung kreuz und quer hingeklatschte Gebirgsketten leisten dazu ebenso ihren Beitrag wie das Nebeneinander verschiedenster Klima- und Vegetationszonen auf engstem Raum. Auf dem Niveau von Nordend ist landschaftlich nur wenig.

Anders sieht es bei den Quests aus, und zwar sowohl in den generalüberholten Gebieten der Level eins bis sechzig als auch in den neu hinzugekommenen für hochstufige Charaktere. Blizzard spannt mit abwechslungsreichen Questreihen erzählerisch weit größere Bögen als bisher und schafft es vor allem, dem Spieler das Gefühl zu vermitteln, im Rahmen der Geschichte tatsächlich Einfluss auf die Welt zu nehmen. Mittels Phasing-Technologie kann inzwischen nicht nur der Standort einzelner NPCs für jeden Spieler variiert werden, selbst das Terrain wird je nach Questfortschritt angepasst. Den gewaltigen Krater im Rotkammgebirge kann nur sehen, wer ihn während der Rückeroberung des Kamms selbst hineingesprengt hat.

Leider sind die neu hinzugekommenen Quests nur so lange hervorragend, wie man jedes Gebiet für sich betrachtet, denn auf interkontinentaler Ebene hat Blizzard inzwischen Probleme mit dem Raum-Zeit-Kontinuum. Hatte man es bis hin zu Wrath of the Lich King geschafft, dass trotz der Weiterentwicklung der Geschichte der zeitliche Ablauf der Ereignisse für jeden einzelnen Charakter weitgehend in sich stimmig blieb – erst die alte Welt, dann Scherbenwelt, dann Nordend -, gilt das nun nicht mehr. Wer jetzt einen neuen Charakter beginnt, trifft beispielsweise in Westfall auf Gryan Starkmantel nach dessen Rückkehr aus Nordend, reist durch Gebiete, die im Vergleich zum ursprünglichen WoW quasi unverändert sind und noch in der alten Zeitlinie von vor sechs Jahren liegen, bereist die Scherbenwelt und trifft diverse Level später in Nordend auf denselben Marshall Starkmantel, für den allerdings die für den Spieler in der Vergangenheit liegenden Ereignisse in Westfall überhaupt noch nicht stattgefunden haben, weil er noch nicht aus Nordend zurückgekehrt ist. Zurück in die Zukunft war ein Dreck dagegen.

Bei Charakteren, die wie Dania älter als zwei Jahre sind, grassiert Alzheimer. Um die Kontinuität von Questreihen zu wahren, wurden selbst Gebiete, in denen nur wenige Quests überarbeitet wurden, komplett zurückgesetzt. Mehrere hundert Quests, die Dania eigentlich schon abgeschlossen hatte und die sich noch immer im Spiel befinden, gelten nun für sie als nicht erledigt und können nochmals angegangen werden. Endlich haben wir auch in MMORPGs echte „Ich glaub, mein Savegame ist kaputt“-Momente!

Immer schwieriger wird es scheinbar auch mit wachsendem Umfang des Spiels, die wechselseitigen Einflüsse unterschiedlicher Spielsysteme aufeinander im Vorfeld korrekt abzuschätzen. Nehmen wir zum Beispiel den Dungeon Finder, der Dania entsprechend ihres Levels und der Qualität ihrer Ausrüstung in angemessen schwere 5-Mann-Instanzen stecken sollte. Blizzard konnte nicht damit rechnen, dass Dania der größte lebende Fan Harrison Jones‘ ist, entsprechend nur mal kurz mit ihren Elfenkollegen den Hyjal zurückerobert, um auf Level 81 zu kommen, und sich anschließend der Archäologie widmet. Ausschließlich der Archäologie! Für das Ausgraben von Fragmenten gibt es Unmengen an Erfahrungspunkten. Dania ist inzwischen auf 85, dem neuen Höchstlevel, angekommen, trägt aber immer noch ihre völlig veraltete Ausrüstung aus Wrath of the Lich King, schließlich hat sie nicht gequestet, sondern nur im Dreck gegraben.

Der Dungeon Finder findet keine Dungeons für sie. Nicht einen einzigen. In die beiden Einstiegsinstanzen, die vom Schwierigkeitsgrad her angemessen wären, darf sie nicht mehr, weil ihr Level zu hoch ist. In die schwierigeren Dungeons darf sie nicht, weil ihre Ausrüstung zu schlecht ist. Epic Fail.

Irgendwie hatte ich mir die Sache anders vorgestellt. Respekt an Blizzard für den Mut, den Spielern die alte Welt quasi unter dem Hintern wegzuziehen. Gemessen daran, dass bisher in der Geschichte der Videospiele niemand etwas ähnliches versucht hat – EverQuest hatte seinen Kataklysmus auch schon, er nennt sich EverQuest II -, ist das Experiment erstaunlich glatt gegangen. Gerade die neuen Quests heben World of Warcraft noch einmal auf eine neue, vom ursprünglichen Spiel und den beiden vorhergegangenen AddOns nicht erreichte Stufe. Leider bleibt drumherum viel zu viel von dem, was aus dem Spiel erst eine Welt machen sollte, Flickwerk. Wie der Versuch, aus 35 Porzellanvasen eine filigrane Spieluhr zu schnitzen.


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11 Kommentare

  1. Daniel - 28.12.2010 01:31

    Das liest sich jetzt nicht so begeistert. Aber es gibt doch jetzt Werwölfe. Werwölfe!

    Ich bin drei Monate nach dem Release von WoW ausgestiegen, weil gerade das Erkunden der Welt und das Aufleveln mein Hauptantrieb waren und diese beim Erreichen von Level 60 schlagartig wegfielen. Cataclysm ist seitdem die gefährlichste Drogenspritze Blizzards, um mich wieder ins Spiel zu saugen.

    Zum Glück besitze ich momentan keinen PC, der WoW gut darstellen könnte.

  2. Chris - 28.12.2010 10:55

    Tja, ich bin auch nicht so richtig begeistert. WoW hab ich damals ab Release gute zwei Jahre gespielt. Für die AddOns bin ich bisher jeweils rund drei Monate zurückgekommen, hab mir die neuen Quests und 5-Mann-Dungeons angesehen, bin aufs neue Höchstlevel und gut. Eine runde Sache. Auf Cata hab ich nach drei Wochen nun eigentlich schon keinen Bock mehr, obwohl ich noch keine der Instanzen und erst zwei der neuen Questgebiete oberhalb Level 80 komplett gesehen habe.

    Grund sind die oben genannten Unzulänglichkeiten, insbesondere Danias Gedächtnisverlust – sowas kann ich ja nu gar nicht ab – und dass sich Azeroth aus der Luft betrachtet einfach nicht wie eine Welt anfühlt.

    WoW ist mit Cata sehr viel mehr Spiel und viel weniger Welt als je zuvor in seiner Geschichte.

    (Dass die Worgen bei mir nicht ziehen, hängt an meinen persönlichen Präferenzen. Ich twinke nicht gerne, sondern spiel halt meinen einen Charakter, der inzwischen 85 ist…)

  3. Ben - 28.12.2010 11:42

    Wer hat denn „epic fail“ durchs Lektorat durchgelassen?

    Cataclysm hat all diese Probleme. Aber was mich ein wenig irritiert ist dass vieles von dem, was Dir offensichtlich jetzt missfallen hat, früher eigentlich immer so war. Azeroth war nie eine Welt, sondern immer ein großer Flickenteppich aneinandergeklebter Zonen und das war schon immer so merkwürdig und unglaubwürdig wie jetzt. Im Gegenteil haben sie sich wenigstens die Mühe gegeben einiges glattzubügeln, die Übergänge weniger hart und albern zu machen. Dass man jetzt selber fliegen kann und nicht auf das Taxi angewiesen ist, macht für mich persönlich keinen Unterschied.

    Die Story von WoW war ebenso nie wirklich gut. Nimmt man die Warcraft-Spiele davor hinzu wunderte man sich von Minute ein über die merkwürdigen Gut/Böse-Konstellationen und die Schurken die an allen Ecken aus dem Hut gezaubert wurden.

    Deine Kritik ist wie gesagt valide, nur liest es sich so, als sei es vorher grundsätzlich besser gewesen… das möchte ich verneinen.

  4. Chris - 28.12.2010 12:48

    Hey, epic fail ist anerkannt! :)

    Du hast Recht, die Welt war vorher natürlich auch nicht anders, die Zonen lagen an der gleichen Stelle. Aber mit einem gewissen Maß an Unglaubwürdigkeit lebt man als Spieler immer, in jedem Spiel. Ich fand das früher, als man Azeroth nur vom Boden aus sah und die Reisezeiten deutlich höher waren, wirklich vertretbar. Die Landschaften entlang der Greifentaxirouten waren großteils so entworfen, dass die Brüche zwischen den Zonen kaschiert wurden.

    Insofern macht die Fähigkeit, selbst fliegen zu können, für mich wirklich den Hauptunterschied. Früher wußte man um die Unglaubwürdigkeiten der Welt, bekam sie aber, auf die Gesamtspielzeit gesehen, relativ selten zu Gesicht. Nun bekomme ich sie permanent (Archäologen sind halt Vielflieger) sehr penetrant vor die Nase gehalten.

    Am übelsten sind ja die Stellen, an denen sich drei oder mehr Zonen treffen. Sowas bekam man früher vom Taxi aus nie zu Gesicht, die wurden immer umflogen.

  5. Kavendish - 29.12.2010 14:50

    Also so wie du mit Dania Cataclysm angegangen bist, kannst du nur verärgert sein.
    Der Gedächtnisverlust war quasi nötig, denn mit Cata kann man sich nicht mehr verquesten und auch das Mobgrinden ist Geschichte.

    Der Weg von 1-60 (Classic) war sowas von holprig und inkonsistent, zeitaufwendiges reisen zwischen Zonen, nur weil Wirt A aus den Zonen B,C und Y ein Item haben wollte.
    Haste die Quest nicht gemacht, eröffneten sich keine weiteren Quests, bzw erst wenn du 2 oder 3 Levelups hattest, die du entweder durch extremstumpfes Grinden oder zig mal in den LowLevel-Instanzen rumgerannt bist für etwas EP.

    Wer jetzt mit Level1 anfängt, kann in Ruhe, unterhaltsam und sehr effizient auf 85 kommen. Viele Questreihen erhalten auch ihre Fortsetzungsgeschichte, die oft dann sogar in einem der 5erInstanzen enden.

    Das der Instanzfinder dich ausschließt ist deine eigene Schuld, nur weil du den 85er Führerschein hast, dich aber nicht um ein entsprechendes Auto gekümmert hast.

    Die neuen Instanzen und ihre Mechaniken erfordern nun mal gewisse Werte, weil dich die Trashgruppen platt machen, bevor du überhaupt beim ersten Boss bist. Gerade bei Randomgruppen über den Finder ist extremwichtig gutes Equip zu haben. Eine eingespielte Gruppe oder noch besser Gildeninterne kann, sagen wir mal, unterequippte Spieler kompensieren.

    Wenn du in RPGs kämpfen willst (musst) kommt es nun mal auf Werte, Talentverteilung und Ausrüstung an.

    Dh. für dich /2 nach einer Gruppe auf deinem Realm suchen und es versuchen

    Man kann WoW im Grunde nur auf drei Arten spielen:
    PVE
    PVP

    Händler

    Die ersten beiden Punkte werden von Blizzard forciert, als WiSim taugt es nur mäßig, denn mit ein bischen Geschick häuft problemlos ordentlich Gold an.
    Archäologie steht ja nicht ohne Grund als Sekundärberuf drin. Halbwegs angenehm ist er eigentlich für „nebenbei“
    Wenn du Stufe 85 bist, 310% Fliegen gekauft hast und deine 42min im Dungeonfinder wartest. Wenn du Kräuterkunde, Kürschner oder Bergbau hast, lohnt sich es etwas neben dem Ausgrabungsgebiet, ein paar Rohstoffe mitzunehmen, bei der Twinkmasse wirst den LowLevelkram gut los.

    Aber ja man merkt, dass Activision da jetzt mit im Boot ist und vieles doch eher mit der heißen Nadel gestrickt wurde um anscheinend Termine zu halten.

    Allein im deutschen Client sind so viele Rechtschreibfehler, man fand noch HTML-Tags in Gegenständen, englische Audiodaten wurden abgespielt, löste man dann endlich den Trigger aus, kam die deutsche Sprachausgabe plötzlich doch.

    Aber man merkt dennoch sehr stark, ob der jeweilige Designer Lustauf die Zone hatte oder nicht.
    Uldum(lvl83) ist zb mein neues Nagrand, optisch sehr schön gemacht, unterhaltsame, filmreife Questreihen.

    Das 1-60 Azeroth ist nur Erfüllungsgehilfe, Mittel zum Zweck und das merkt man. WoW ist/war immer nur der High-End-Content(Ragnaros, Nefarian, Illidan, Arthas und nun Todesschwinge) und für den mit wenig Zeit halt die letzten 5er Instanzen.

    Die vielen Plotholes, Raum-Zeitprobleme sind gefühlten 85% nicht mal aufgefallen und werden im Sinne der Spielbarkeit eines MMORPG in Kauf genommen.

    /ich glaube, ich schreibe doch nen Blogbeitrag drüber

  6. Chris - 29.12.2010 15:25

    Das der Instanzfinder dich ausschließt ist deine eigene Schuld, nur weil du den 85er Führerschein hast, dich aber nicht um ein entsprechendes Auto gekümmert hast….

    Wenn du in RPGs kämpfen willst (musst) kommt es nun mal auf Werte, Talentverteilung und Ausrüstung an.

    Ist mir klar. Ich spiel WoW seit sechs Jahren und bin nicht blöd. ;)

    Es geht mir nicht darum, dass er mich nicht in die 85er-Dungeons lässt, damit hat er völlig Recht. Aber warum er mich aus den 81er-Dungeons ausschließt, begreife ich nicht. Die wären vom Schwierigkeitsgrad her prima.

    Ebenso blöd (und Blizzards Fehler, nicht meiner) ist es, für einen Sekundärberuf wie Archäologie überhaupt so viele Erfahrungspunkte zu vergeben, dass man von Level 81 auf 85 kommt, ohne irgendwas anderes zu machen.

    Deinen Punkt mit den Rechtschreibfehlern etc. kann ich nur unterschreiben. Haben die Teilnehmer der deutschsprachigen Beta nur Eier geschaukelt und vor den anderen Typen in der Klasse 6b mit ihrem Betazugang angegeben, anstatt zu testen? Ist mir unbegreiflich, wie diese Masse an Schreibfehlern, falsch benannten Mobs etc. durchs Raster rutschen kann. Da sind Dinge dabei, die wirklich jeder in den ersten paar Spielstunden sieht.

  7. Mirco Ruppelt - 31.12.2010 17:07

    Irgendwie habe ich als Ex-Wowler trotzdem Lust, mir die neue Welt in Cataclysm mal anzuschauen. Aber es ist wohl für alle das Beste (außer fürs Portemonnaie von Blizzard), wenn ich das lieber bleiben lasse. :D

  8. Elmar - 02.01.2011 22:43

    Ich hätte da gern mal ne Frage: Gibt es von Euch auch den allseits beliebten „das war 2010“ Cast?
    Ich weiss, den machen richtig viele, aber von Euch – da würde ich mich doch besonders drauf freuen.

    Jahresendzeitlich Grüße
    Elmar

  9. Manu - 03.01.2011 00:49

    @Elmar: Es gibt wie letztes Jahr auch einen Haufen „Best of 2010“-Artikel und natürlich die Auswertung des Polygon-Awards. Noch ein Podcast dazu ist momentan nicht geplant, wäre dann etwas zu viel Retrospektive, oder? ;-) Aber danke für das Lob!

  10. Ben - 09.01.2011 18:28

    Man hat übrigens auf Chris gehört… Testrealm Patchnotes:
    „Level 85 players can now choose any normal dungeon via the Dungeon Finder. Choosing Random Dungeon will still not add these lower-level dungeons into the rotation.“

  11. Chris - 09.01.2011 22:39

    Na da schau mal her! Dass man immer erst böse werden muss. :)

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