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Rock Band 3 – Das Letzte seiner Art?

altDaniel: Rock Band ist Rock Band ist Rock Band. Grün Grün Grün Rot Gelb Gelb Gelb Blau Blau. Da sich die bekannte Formel der Plastikmusikspiele kaum noch innovativ weiterentwickeln kann, hat Harmonix für Rock Band 3 den Weg des Höher, Schneller und Weiter gewählt. Mehr Plastik, mehr Tasten, mehr Songs, mehr Pro und mehr Gesang. Mehr Mehr geht kaum noch.

Ist RB3 also ein überladenes Monster geworden, das den Spieler mit allerlei Optionen und der schieren Masse an Wahlmöglichkeiten erschlägt? Yes und no.

Mein Wohnzimmer sah für einige so Tage aus, als hätte sich eine Gruppe Kindermusiker darin breit gemacht, um ihre nächste Platte aufzunehmen. Ein Studio für die Mini-Playback-Show, voller Plastikinstrumente mit bunten Tasten. Eine Gitarre lehnte an der Wand, eine zweite lag auf dem Sofa, das Schlagzeug stand zwischen Couchtisch und Fernseher, auf jenem Tisch lag das neue Keyboard und zwischen alldem schlängelte sich ein Kabel umher, welches in einem Mikrofon auf dem Sessel endete.

Liest man sich auf dem Papier die Featureliste zum Spiel durch, so kann einem schnell Angst und Bange werden. Eine Auswahl von tausenden Songs, fünf Instrumenten, vier Schwierigkeitsgraden und nun auch noch Pro-Varianten sorgt im ersten Moment nicht für unbeschwertes Musikvergnügen, sondern leichte Kopfschmerzen.

Zum Glück sind diese Bedenken aber vollkommen unbegründet. Trotz mehr Möglichkeiten in allen Belangen stellt sich Rock Band 3 als unkompliziertes und variables Musikspiel dar, das jedem Spieler, egal ob Neuling oder Veteran, ob Spaßspieler oder Hardcoregamer das richtige Umfeld bietet.

Mein größter Kritikpunkt am Vorgänger war der chaotische Karrieremodus, der einen ohne roten Faden zu allerlei Events schickte und mir nach dem Erreichen des Tourhöhepunkts sofort egal war, obwohl noch allerlei Bühnen freizuspielen waren. Dagegen präsentiert Rock Band 3 eine feste Reihenfolge von Auftritten, die man nacheinander absolviert. Ich hatte ein klares Ziel vor Augen und spielte mich fröhlich durch den großen Songkatalog.

Mir hat die Songauswahl auf der DVD nicht so besonders gefallen, was aber einfach an meinem Musikgeschmack liegt. Ich freue mich eher über moderne Rocknummern von Them Crooked Vultures als über Classic Rock, aber der riesige DLC-Katalog sollte für jeden Geschmack das Richtige bieten. Entsprechenden Willen, noch mehr Geld zu investieren, vorausgesetzt.

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Der neu eingeführte Keyboardcontroller ist ein schönes Stück Hardware, konnte bei mir aber leider auch keine Begeisterungsstürme auslösen. Benutzt man ihn im neuen Pro-Modus, der alle zur Verfügung stehenden 25 Tasten anspricht, so langweilt man sich im niedrigen Schwierigkeitsgrad und verzweifelt schon am mittleren. Die Lernkurve ist steil und fordert vom Spieler, sich für jeden Song die Tastenübergänge zu merken und in die Fingermuskulatur durch stetiges wiederholen einzuspeichern. Anders als bei der Gitarre, wo man ab einem gewissen Können selbst neue Lieder beim ersten Anlauf gut spielen kann, hatte ich beim Pro-Keyboard das Gefühl, wirklich jeden Song für sich lernen zu müssen. Etwas, wofür ich leider weder Zeit noch Motivation übrig habe. Es ist kaum möglich die heranfliegenden Tastenkombinationen auf dem Monitor zu erfassen und dann direkt einzutippen. Wildes herumklimpern lohnt sich auch nicht, da die feinfühligen Tasten jede Berührung als Anschlag registrieren. Selbst leichtes auflegen der Finger verursacht ein internes umschalten von 0 auf 1 und schon ist ein falscher Ton gespielt. Man muss also mit spitzen Fingern über dem Keyboard schweben und zum exakt richtigen Moment die exakt richtige Taste drücken. Hinzu kommt noch die bisher geringe Musikauswahl mit Keyboardunterstützung und schnell ist meine Lust am Klimpern verschwunden. Im normalen Modus kann ich mich ebenfalls nicht mit dem Keyboard anfreunden, da hier nur die üblichen fünf Farben auf fünf Tasten gelegt werden und man im Prinzip das gleiche Spielgefühl hat wie mit der Gitarre.

Auch für Schlagzeug und Gitarre gibt es einen neuen Pro-Modus. Beide verlangen jedoch weitere Hardware. Für die Drums gibt es Aufsätze und für die Gitarre gleich mehrere neue Modelle mit einer Million Tasten, oder sogar eine voll funktionstüchtige elektrische Variante mit echten Saiten. Für den harten Kern der Rock Band Spieler sind diese professionellen Erweiterungen sicherlich interessant und im Prinzip die einzige logische Möglichkeit der Weiterentwicklung in einem Genre, dass sich naturgemäß eigentlich kaum noch weiterentwickeln kann.

Heute, drei Monate nach dem Release, stehen alle Instrumente fein säuberlich aufgereiht in einer Ecke des Wohnzimmers und warten auf ihren nächsten Einsatz. Eine Decke schützt sie vor Staub und jeden Tag wandert mein Blick über den kleinen Hügel und ich freue mich auf weitere Rock Band Spiele in der Zukunft. Ich bin kein guter Langzeitspieler, der sich ohne Pause einem Spiel immer und immer wieder hingibt, um all seine Facetten zu erkunden und das eigene Können zu perfektionieren, aber ich liebe Musik und ich liebe es, mit einer albernen Plastikgitarre meine Lieblingslieder zum Leben zu erwecken. Als Nichtmusiker ist dies die direkteste Möglichkeit, mit den Songs in Kontakt zu kommen und Entwickler Harmonix bietet auch mit dem dritten Teil der Rock Band Reihe wieder die perfekte Bühne für diese Verbindung.

Jetzt, da das Guitar Hero Franchise gestorben ist, hoffe ich, dass Rock Band als wunderbare Musikerlebnisplattform die Aufmerksamkeit erhält, die sie von Anfang an verdient hat und wir noch viele weitere Spiele und DLC mit all unseren Lieblingssongs geliefert bekommen.

 

altSpielerZwei: Ja, der Guitar Hero-Franchise und sein hipper Stiefbruder, DJ Hero, wurden gerade offiziell vom eigenen Publisher für tot erklärt. Der aufmerksame Stammleser weiß aber auch, dass mich das nicht besonders kratzt. Zu Beginn war ich noch Feuer und Flamme, aber als die Serie in die Hände anderer Entwickler gegeben wurde und sich meine persönlichen Helden Harmonix der Rock Band-Serie zuwandten, war für mich erst einmal Schluss mit Plastikinstrumenten. Einen nahtlosen Wechsel von GH zu RB verhinderte die anfangs haarsträubende Vermarktung des ersten Rock Bands hier in Europa. Außerdem hatte ich nach Guitar Hero: Rock the 80’s, Legends Of Rock und noch viel obskureren Ablegern (sorry, aber Van Halen und Aerosmith sind so gar nicht meine Baustelle) zunächst überhaupt keine Lust mehr auf Plastikgitarren.
Irgendwann habe ich mich dann aber doch dem Rock Band-Franchise gestellt und siehe da: Ich hatte wieder Spaß! Sogar mit den ollen Beatles, obwohl ich die das letzte Mal mit 12 toll fand.

Anyway. Über Rock Band 3 gibt es von meiner Seite eigentlich nichts Spannendes zu berichten, was Daniel nicht schon geschrieben hat. Dementsprechend gibt es hier von mir nur schlicht und ergreifend ein „Was Daniel sagt!“. Und zu DJ Hero kann ich leider rein gar nichts sagen, weil ich es nie gespielt habe, obwohl ich die Idee eigentlich ganz nett fand, um dem Genre mal ein wenig frischen Wind in die Segel zu blasen. Allerdings erschien mir der Controller und die Spielmechanik als langjähriger DJ dann doch etwas zu absurd und noch weiter von jedweder Realität entfernt, als es schon bei den Plastikgitarren der Fall war. Von daher erspare ich euch alle unnötigen Redundanzen und gehe lieber der Frage nach, ob das Genre der Plastikinstrumentenspiele nach nur 6 Jahren wirklich schon komplett am Ende ist. Immerhin verkünden seit Activisions offizieller Pressemitteilung unzählige Schreiberlinge übereifrig den Tod des gesamten Genres und (er)finden auch allerlei mehr oder weniger abwegige Begründungen dafür.

Tatsächlich waren die Umsätze entsprechender Titel im Jahre 2010 vergleichsweise schwach. Aber ist ein einziges mieses Jahr wirklich so aussagekräftig, dass man gleich ein ganzes Genre beerdigen muss? Ich habe mal die Verkaufszahlen der wichtigsten Spiele herausgesucht und nach ihren Erscheinungsjahren geordnet:

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Wenn ich mir diese Übersicht so anschaue, fällt sofort auf, dass 2010 wirklich ein bemerkenswerter Einbruch stattfand, wobei ein großer Teil der aufgelisteten Spiele jedoch erst gegen Ende des Jahres erschien und somit das effektive Verkaufsfenster bis heute auch recht klein war. Allerdings sieht man auch sehr deutlich, dass die Plastikgitarrenwelt 2009 eigentlich noch in Ordnung war. Nur verteilten sich die Verkäufe auf sehr viele, ähnlich gelagerte Spiele.

Meine aus der Hüfte geschossene Spontandiagnose: Wenn ihr das begrenzte Zielpublikum im Jahr zuvor mit einer Vielzahl von sehr ähnlichen Spielen zuschmeißt, liebe Activision-Schlipsträger, müsst ihr euch doch nicht wundern, wenn sich die einzelnen Titel nicht mehr so gut verkaufen. Besonders dann, wenn man noch bedenkt, dass es sich hier nicht um 08/15-Spiele handelt, sondern um Titel, die mit den gebundelten Instrumenten deutlichere Löcher ins Budget der Käufer reißen. Und obwohl die meisten älteren Instrumente grundsätzlich auch mit den jüngeren Ausgaben kompatibel sind, habt ihr keine Gelegenheit ausgelassen, „noch coolere“ und „bessere“ Instrumente auf den Markt zu werfen, damit auch Serien-Veteranen immer wieder neue Instrumente kaufen, obwohl die alten gar nicht kaputt waren. Hinzu kommt noch, dass bei Guitar Hero seit Einführung der zusätzlichen Instrumente mit GH World Tour im Jahre 2008 eigentlich nichts spannendes mehr passiert ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn man einen begrenzten Markt so sehr überfüttert und wie eine Zitrone auszupressen versucht, kann doch gar nichts anderes passieren, als dass irgendwann das dicke Ende kommt. Aber anscheinend hat da wohl jemand in seinen BWL-Vorlesungen nicht richtig aufgepasst und zieht lieber die Notbremse, anstatt zu überlegen, wie man dem Genre eventuell noch neue Impulse geben kann.

Nur um die DJ Hero-Spiele tut es mir schon ein wenig leid, denn im Grunde war die Serie das einzige verbliebene Kreativ-Juwel, das Activision unter seinen Musikspielen überhaupt noch vorzuweisen hatte. Als Kollateralopfer einer völlig verfehlten Veröffentlichungspolitik ist es mehr oder weniger unverschuldet unter die Räder gekommen …

Aber was soll’s?! Wenn der einzige ernsthafte Konkurrent von der Bildfläche verschwindet, ist das natürlich super für die verbliebene Rock Band-Reihe. Gut, man muss jetzt einmal abwarten, wie es bei Harmonix weitergeht, denn auch hier gibt es Unsicherheiten: MTV Games wurde just dicht gemacht und auch der Entwickler selbst hat kürzlich bekannt gegeben, dass einige Mitarbeiter aus wirtschaftlichen Gründen freigesetzt werden sollen. Aber wenn man noch mal auf meine kleine Übersicht schaut, kann man leicht sehen, dass die RB-Serie nicht den Überfütterungsfehler der Konkurrenz begangen hat (auch wenn sie sicherlich unter der GH-Schwämme zu leiden hatte) und zudem recht stabile Verkäufe über alle Teile hinweg vorweisen kann (nicht vergessen: RB3 erschien ja gerade erst im Oktober 2010). Außerdem sollte man die hier überhaupt nicht erfassten Umsätze des RBN im Hinterkopf haben. Ich bin mir relativ sicher, dass über das Rock Band Network nicht unerhebliche Zusatzgewinne erzielt werden.

Meiner Meinung nach ziehen alle Autoren, die derzeit über den Untergang des gesamten Genres lamentieren, ebenso kurzsichtige Schlüsse, wie die Sesselpupser in der Chefetage von Activision. Insbesondere ein Aspekt wird meistens gar nicht bedacht: Der Entwicklungsaufwand für diese Art von Spiel hält sich im Vergleich zu anderen Produktionen deutlich in Grenzen. Zusätzliche Lizenzgebühren für die Songs hin oder her, ich behaupte einfach mal, dass selbst ein GH 5 mit knapp 4 Millionen verkauften Einheiten sicherlich keine roten Zahlen geschrieben hätte, wenn man nicht exorbitante Summen für die Werbung rausgeschmissen hätte. Oder hat sich tatsächlich einer von euch Guitar Hero wegen Heidi Klum zugelegt? Nein? Das dachte ich mir.

Ich persönlich bin eigentlich ganz guter Dinge, was die Zukunft des Genres angeht und gehe davon aus, dass die RB-Reihe auch über das Jahr 2010 hinaus existieren wird. Durch das Ende des Guitar Hero-Franchises besteht sogar eine reelle Chance, dass RB jetzt erst so richtig aufblühen wird. Wir werden sehen …

Daniel spielte ein von EA zur Verfügung gestelltes Muster. Den Berg an Plastikinstrumenten finanziert er mit Blockflötespielen in der Fußgängerzone. SpielerZwei hat den ganzen Kram selbst gekauft.


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